Banca Monte dei Paschi – Wie die älteste Bank der Welt zur Beute der Wall Street wurde

Banca Monte dei Paschi – Wie die älteste Bank der Welt zur Beute der Wall Street wurde

Die mittelalterliche Stadt Siena ist nicht nur für das traditionelle Pferderennen, den Palio, bekannt, sondern auch Sitz der ältesten Bank der Welt. Ob diese allerdings auch weiterhin existieren wird, ist fraglich. Ein unheilvolles Zusammenwirken lokaler Politiker und weltweiter Finanzfachleute und Investmentbanker haben Banca Monte dei Paschi di Siena in eine bedenkliche Schieflage gebracht.

Die drittgrößte italienische Bank kämpft ums Überleben. Sie muss Gelder aus einer zweiten staatlichen Rettungsaktion zurückzahlen, ansonsten droht die Verstaatlichung. Von dem Niedergang der Bank haben globale Investmentbanken profitiert. Sie boten den Bank-Managern Beratungsleistungen für Fusionen und Investments, die zu einem Wertverlust von 93 Prozent bei Monte Paschi beitrugen. Dann verkauften sie der Bank komplexe Derivate, die die Verluste verschleierten und später verschlimmerten.

Die Rettungsbemühungen um die 541 Jahre alte Bank haben den italienischen Steuerzahler 4,1 Mrd. Euro gekostet. Investmentbanken, darunter Merrill Lynch, JPMorgan und Deutsche Bank, haben zwischen 2008 und 2011 mehr als 200 Mio. Dollar an Provisionen bei Monte Paschi verdient, wie aus Pflichtmitteilungen und Aktennotizen hervorgeht.

“Diese internationalen Banken wollen ihre Vorteile ausspielen, und Italien ist angreifbar”, sagt der ehemalige Senator Elio Lannutti, der die auf Bankkunden spezialisierte Verbraucherschutzorganisation Adusbef leitet. “Auf der einen Seite steht die lokale Inkompetenz, auf der anderen der böse Wille der internationalen Investmentbanken.”

Franco Debenedetti, ehemals Vorstandschef des Bürogeräteherstellers Olivetti, formuliert es noch drastischer. “Es ist die unvermeidliche Folge daraus, dass eine mittelalterliche Unternehmensführung zur Beute der Wall Street wird”, erklärt er.

Null Plan vom Bank-Management

Das Unglück der Bank aus Siena begann im November 2007 mit der Einigung über den Kauf der in Padua angesiedelten Banca Antonveneta, wie Berichte von rund einem Dutzend Personen sowie mehr als 29.000 Seiten an eidesstattlichen Aussagen, E- Mails und Gerichtsunterlagen zeigen. Chairman von Monte Paschi war damals der aus politischen Gründen ernannte Giuseppe Mussari, der über keinerlei vorherige Erfahrungen im Bank-Management verfügte und die Position erst rund ein Jahr vorher angetreten hatte. Im Bestreben, Monte Paschi auszubauen, bot er 9 Mrd. Euro in bar für Antonveneta - just zu dem Zeitpunkt, als die Finanzkrise ihre ersten Opfer forderte.

Beraten wurde Mussari von Andrea Orcel, einem Top-Banker bei Merrill Lynch. Dieser kannte das Übernahmeziel gut: Nur Tage zuvor hatte er für die andere Seite gearbeitet und den spanischen Banco Santander beim Kauf von Antonveneta beraten - der Bank, die Mussari erwerben wollte.

Über den Tisch gezogen

Der Kauf geriet für Monte Paschi zur Katastrophe. Mussari zahlte für die Bank 2,4 Mrd. Euro mehr als Santander kurz zuvor für Antonveneta investiert hatte - ein Gewinn von 36 Prozent für die Spanier. Mussari prüfte vor dem Kauf nicht die Bücher von Antonveneta, wie die Unterlagen zeigen.

Orcel stieg in der Finanzbranche weiter auf. Inzwischen ist er Leiter des Investmentbankings bei UBS, der größten Schweizer Bank.

Monte Paschi war durch den hohen Bar-Übernahmepreis in der Flexibilität beeinträchtigt, Verluste infolge der Rezession und der globalen Rezession zu verkraften. Das brachte erneut die Investmentbanker auf den Plan. Sie verkauften Monte Paschi Derivate, die die steigenden Verluste vor Investoren und Aufsichtsbehörden verbargen, aber die finanzielle Lage der Bank weiter verschlechterten. In einem dieser Derivatekontrakte, bekannt unter dem Namen “Projekt Santorin”, verlieh die Deutsche Bank 2008 rund 2 Mrd. Euro an Monte Paschi. Mit der Transaktion wurden Verluste von 429 Mio. Euro verschleiert.

Santorin kam durch einen Bericht von Bloomberg News im Januar ans Licht der Öffentlichkeit. Drei ehemalige Manager von Monte Paschi, darunter Mussari, stehen seit September vor Gericht, weil sie bei einer anderen Derivate-Transaktion, an der die japanische Nomura Holdings Inc. beteiligt war, Unterlagen vor Aufsichtsbehörden verborgen haben sollen. Monte Paschi hat Nomura und die Deutsche Bank inzwischen vor einem Gericht in Florenz auf 1,2 Mrd. Euro Schadensersatz verklagt.

Die Wetten mit den italienischen Staatsanleihen

Die Derivate-Kontrakte der italienischen Bank erwiesen sich als Fehlschlag, weil sie Verlust bringende Wetten auf italienische Staatsanleihen enthielten. Insgesamt hat die Bank in den vergangenen zwei Jahren Verluste von 8,4 Mrd. Euro angehäuft.

Aktuell droht Monte Paschi die Verstaatlichung, wenn die italienische Regierung ihre Rettungsgelder in Aktien der Bank wandelt. Dies könnte passieren, wenn das neue Management der Bank nicht genug Kapital beschaffen kann, um die europäischen Aufsichtsbehörden zufriedenzustellen.

Während die Schuld an der Misere sowohl bei den Investmentbankern als auch bei den Monte-Paschi-Managern liege, steche Orcels Rolle auf beiden Seiten des Antonveneta-Deals heraus, sagt Salvatore Cantale, Finanz-Professor an der IMD Business School im schweizerischen Lausanne. “Das ist ethisch nicht vertretbar”, erklärt er. “Aber was hat Monte Paschi getan, um das zu vermeiden?”

Laut informierten Kreisen wussten Santander und Monte Paschi von der doppelten Rolle, die Merrill spielte, und sahen kein Problem darin, dass die Investmentbank beide Parteien beriet. Orcel lehnte über einen UBS-Sprecher eine Stellungnahme ab. Von Bank of America, die Merrill 2008 übernahm, war ebenfalls keine Stellungnahme zu erhalten. Weder Orcel noch Bank of America werden in dem Zusammenhang des Fehlverhaltens beschuldigt.

Reiche Ernte

Für Orcel brachte die Beratung beim Kauf von ABN Amro, der Bank, zu der auch Antonveneta gehörte, reiche Ernte. Er erhielt 2007 eine Vergütung von rund 36 Mio. Dollar, einschließlich einer Bonuszahlung von 12 Mio. Dollar für die Beratung der Käufer von ABN Amro, wie das Wall Street Journal im März 2009 berichtete. 2009 erhielt Orcel laut dem Journal 33,8 Mio. Dollar für seine Tätigkeit bei Merrill, bevor die Bank im Dezember des Jahres an Bank of America verkauft wurde.

Bei Bank of America wurde Orcel im September 2009 Chairman Global Banking and Markets. Im Juli 2012 wechselte er dann zu UBS und wurde dort Co-Chef der Investmentbank, bevor er die Leitung im November allein übernahm. In dem Jahr ließ er seinen Chef Sergio Ermotti bei der Vergütung deutlich hinter sich - während Orcel 24,9 Mio. Franken in bar und Aktien erhielt, kam Ermotti als Vorstandschef der größten Schweizer Bank auf 8,9 Mio. Franken. Die Vergütung 2012 sei ein Ersatz für das gewesen, worauf er durch den Wechsel von Bank of America verzichtet habe, teilte die UBS mit.

Auch bei einer möglichen Rettung von Monte Paschi dürfte Orcel profitieren. Am 7. Oktober gab die Bank Pläne für eine Kapitalerhöhung bekannt, die ihr bei der Rückzahlung von 3 Mrd. Euro an Staatshilfen im nächsten Jahr helfen soll. Beraten wird sie dabei von der UBS.

Wer die Information hat, hat die Macht

Für die weltweit älteste Bank - wenn sie denn überleben sollte - ist die Lehre aus ihren Fehlern klar, sagt Robert Daines, ehemals Investmentbanker bei Goldman Sachs und jetzt Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Stanford. “Investmentbanken nehme eine einzigartige Position im Schnittpunkt von Information und Kapital ein”, erläutert er. “Es besteht das Risiko, dass sie die Information zu ihrem eigenen Nutzen verwenden und nicht zum Nutzen des Kunden.”

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