Wozu studieren? Lohnt sich denn der Aufwand an Zeit und Geld überhaupt?

Sie reicht von Billa-Boss Veit Schalle, Telekom-Generaldirektor Heinz Sundt, AUA-Chef Vagn Sørensen bis zu Österreichs bestverdienendem Manager, Magna-Boss Siegfried Wolf. Wo haben sie denn das Führungshandwerk erlernt? Bestimmt nicht an einer Hochschule, lautet ihre übereinstimmende Antwort. Lohnt sich dann der Aufwand an Zeit und Geld für ein Studium überhaupt? Und: Wie wird man wirklich ein guter Manager?

Er war vierzehn, als seine Mutter sagte: „Es tut mir leid, aber ich kann es mir nicht mehr leisten, dass du weiter in die Schule gehst.“ Also suchte er nach Arbeit und fand sie in der Oesterreichischen Nationalbank. Anfangs war er hauptsächlich damit beschäftigt, Wurstsemmeln für die gesamte Belegschaft zu holen. Dabei durchlief er bereits alle Abteilungen, in denen er später einmal arbeiten sollte. Fünfunddreißig Jahre danach war er Mitglied des Direktoriums der heimischen Notenbank und Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien. Heute ist Dietmar Spranz Vorstandsvorsitzender der Münze Österreich und feiert sein 50-jähriges Berufsjubiläum.

Ein glückliches Einzelschicksal? So wie der märchenhafte Aufstieg des Werkzeugmachers Siegfried Wolf zum Magna-Vorstand und bestbezahlten Manager des Landes? Oder die Karriere des Billa-Lehrlings Veit Schalle bis zum mächtigen Rewe-Austria-Boss? Auf der Liste jener Führungspersönlichkeiten, die keinen Hochschulabschluss vorweisen können, stehen in Österreich viele prominente Namen. Auffällig ist, dass gerade bei großen, bekannten Unternehmen, die die Speerspitze der heimischen Wirtschaft bilden, häufig Nichtakademiker an vorderster Front stehen. Doch geht man in die Breite, schrumpft die Liste zusehends.

Zwar weist die jüngste OECD-Studie Österreich im Hinblick auf die Akademikerquote als europäisches Schlusslicht aus, doch unter den heimischen Managern sind die Diplomingenieure, Magistri und Doctores stark vertreten. Führungspositionen werden in großen österreichischen Unternehmen bereits zu vierundachtzig Prozent von Akademikern bekleidet. Sind sie doch besser fürs Management ausgebildet? Quasi prädestiniert zu führen? Oder brauchen wirkliche Spitzenkräfte etwas, das ihnen kein Universitätsprofessor beibringen kann?

Management by Diplom. „Sicher hätte ich“, beeilt sich Veit Sorger zu bestätigen, „meine berufliche Aufgabe bei der Frantschach und auch meine jetzige Tätigkeit als Präsident der Österreichischen Industriellenvereinigung nie ohne Studium bewältigt.“ Doch fügt der Papierindustrielle und neue IV-Chef hinzu: „Was man für das Management allerdings tatsächlich braucht, lernt man dann erst im Beruf.“ Sorger studierte Jus mit Betriebs- und Volkswirtschaftslehre und schrieb seine Dissertation zum Thema „Marktforschung für Investitionsgüter“.

Aber den wirklichen Zug zum Tor, den Drang, ganz vorne zu stehen, den lehrt einen nur das Leben: Der Nichtakademiker und erfolgreiche Omnimedia-Geschäftsführer Paul Schauer bezweifelt massiv, dass ein Studium ein gutes Investment für den späteren beruflichen Erfolg ist. „Managementfähigkeiten lernt man nicht an der Uni, und unternehmerisches Denken ist ein genetischer Faktor.“ Schauer wurde mit vierzehn Jahren Vollwaise und musste arbeiten. „Retrospektiv war das aber kein Nachteil, ich bin ein Learning-by-doing-Typ.“ Und was Schauer anfasst, macht er gründlich. Vor einem knappen Jahr wurde er Präsident des Österreichischen Schwimmverbandes und wirbelte das bis dahin trübe Wasser gehörig auf. Dank Markus Rogan und Paul Schauer wird Schwimmen gerade zum Boomsport Nummer eins.

Doch der Omnimedia-Boss sieht hinter seinen Erfolgen kein großes Geheimnis, sondern ein einfaches Patentrezept, mit einer einzigen Zutat: Fleiß. Schon mit dreizehn wachte er morgens auf und wollte nur eines: arbeiten. „Aber es gibt halt auch Menschen, die schon als Pensionisten auf die Welt kommen“, sinniert Schauer: „Vielleicht können Leute mit akademischen Titeln gut Unternehmen verwalten, aufbauen tun es jedenfalls die mit dem Unternehmergeist.“

Aber selbst zum guten Verwalten eines Unternehmens bräuchte es kein Studium, ist Wilhelm Thomas Abel, Geschäftsführer der Borealis GmbH, überzeugt: „Mein Unizeugnis ist nur eine Bestätigung dafür, dass ich mir Wissen angeeignet habe und es wiederkäuen kann, sonst nichts. Aber Managementwissen, das habe ich mir alles im Berufsleben angeeignet.“ Vielleicht war auch das Thema seiner Diplomarbeit – „Flüssigmembranpermeation von kupferhältigen Abwässern“ – an der Technischen Universität Graz nicht unbedingt im Hinblick auf spätere Führungsaufgaben gewählt.

Die Wahl von Studien wie Technik oder Medizin kann der Unternehmer und Optikermeister Robert Hartlauer ja noch nachvollziehen, „aber Betriebswirtschaft muss man tun, nicht studieren“. Er hat auch schlechte Erfahrungen mit Absolventen der Betriebswirtschaftslehre gemacht: „Sie haben die einfachsten Dinge nicht gewusst wie den Unterschied zwischen Umsatz und Marge, aber Gehaltsvorstellungen gehabt, als hätten sie die Weisheit mit dem Löffel gefressen.“ Vielleicht nur der Neid eines verhinderten Studenten, der nach dem frühen Tod seines Vaters die Fotohandelskette übernehmen musste? „Nein“, sagt Hartlauer bestimmt, „ich hätte auch nie studiert, wenn ich die Zeit dazu gehabt hätte.“

Doch auch Manager, die sich die Zeit für ein Studium genommen haben und heute Toppositionen bekleiden, sind nicht unbedingt davon überzeugt, dass ihr Diplom wirklich vonnöten war. „Ich würde meine berufliche Aufgabe auch ohne Studium locker bewältigen“, ist der diplomierte Wirtschaftsingenieur Wolfram Dürr, Geschäftsführer der Shell Austria Ges.m.b.H., überzeugt. Er legt auch bei der Auswahl von Mitarbeitern keinen Wert auf einen akademischen Titel: „Viel wichtiger sind mir Persönlichkeit, Know-how, Bereitschaft zu Teamwork und Motivation.“ Bekommt man diese Jobvoraussetzungen an der Universität vermittelt? „Nein, natürlich lernt man im Studium nichts über Management. Sonst würden ja alle Hochschulabsolventen gleich in der Managementebene einsteigen“, ist Conrad Pramböck, Gehaltsexperte bei Neumann International, überzeugt. Gerhard Speckbacher, Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der Wirtschaftsuniversität Wien: „Mit rein theoretischen Konzepten, die man gelernt hat, kann man natürlich kein Unternehmen führen. Wir versuchen daher immer mehr auch praktische Situationen in Projektseminare einzubauen. Natürlich ist das auch keine Garantie, dass man dann in eine Führungsposition kommt, aber man kommt in Kontakt mit der Praxis.“

Management by Transpiration. Was brauchen gute Manager wirklich, und wo lernen sie ihr Handwerkszeug? „Was man zum Management braucht“, ist Friedrich Macher, Vorstandsvorsitzender der Spedition Kühne & Nagel, überzeugt, „ist zu zwei Drittel Transpiration und zu einem Drittel Inspiration, die zwei Drittel kann man aber überall lernen, nicht nur an der Uni.“ Der Extrembergsteiger ist Alpenvereinsobmann, Präsident, Kommerzialrat, Gastprofessor an der Donau-Universität Krems und Universitätslektor an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Studiert hat Macher nie, aber mit Ende zwanzig war er bereits im Vorstand der Speditionsfirma Kirchner + Co und nahm selbst Akademiker in die Firma auf. „Aber vom Fachwissen her konnte ich sie damals schon alle überbieten“, erzählt Macher selbstbewusst, denn sein Bedürfnis nach Wissen schien schier unstillbar: „Ich habe 5000 Stunden in Abend- und Wochenendkursen verbracht und zahllose Managementseminare besucht.“ Doch rückblickend ist der Extrembergsteiger überzeugt: „Bergsteigen ist immer eine Gratwanderung, und so war auch meine Karriere. Ein Studium hätte diese Gratwanderung um nichts erleichtert.“

Vielleicht wären jedoch an einer Hochschule auch jene Persönlichkeitsmerkmale herangereift und ausgeprägt worden, die später in Toppositionen ein elegantes und sicheres Handeln ermöglichen.

„Zur Führung gehört Persönlichkeit, Mut, Kreativität, Eigenmotivation und Verantwortung für Mitarbeiter und Gesellschaft. Das alles lernt man nie an einer Uni“, glaubt ABB-Generaldirektor Rudolf Petsche. Er dissertierte an der WU Wien zum Thema „Soziale Marktwirtschaft: Ihre Wesenszüge und Probleme unter besonderer Berücksichtigung des westdeutschen Beispiels“. Direkt nach seinem Studium kam er zu ABB, „dort bin ich quasi ein Oldtimer“. Petsche durchlief so viele Stationen im Unternehmen, dass er das Gefühl hat, „ich wäre in zehn verschiedenen Firmen gewesen“. Obwohl ihm bei der Aufnahme von Mitarbeitern Persönlichkeitsprofil und Teamfähigkeit viel wichtiger sind als der akademische Grad, ist der ABB-General trotzdem überzeugt, dass ein Studium heute unverzichtbar ist, ja möglicherweise nicht einmal mehr ausreicht, um am Stellenmarkt zu reüssieren: „Wir haben uns da leichter getan. Wenn einer heute nur noch Jus studiert, ist er arm dran.“

Florian Schuhmacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Handels- und Wirtschaftsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien, muss Petsche beipflichten: „Jus allein reicht heute wirklich nur noch selten aus. Das Jusstudium bildet zwar eine gute, breite Basis. Aber von der Wirtschaft wird Praxiserfahrung und Spezialisierung verlangt. Man braucht also eine ergänzende Ausbildung zu Jus.“

Die Einstiegsbarrieren ins Berufsleben werden durch den Wettbewerb am Arbeitskräftemarkt immer höher. Im Zweifelsfall wird bei zwei Bewerbern, die das Anforderungsprofil für eine Stelle optimal erfüllen, immer der Akademiker dem Nichtakademiker vorgezogen. „Wenn wir heute einen neuen Berater suchen, melden sich 250 bis 300 Bewerber. Davon sind etwa 90 Prozent Akademiker“, erzählt Wolfgang Rosam, Geschäftsführer der PR-Agentur ECC Publico. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man als Nichtakademiker so gut, so überzeugend, so herausragend ist, dass man alle anderen schlägt, wird immer unwahrscheinlicher.“

Rosam wollte ursprünglich Jus studieren, um der „Petrocelli from Austria“ zu werden. Denn damals lief gerade die Fernsehserie mit dem „Anwalt der Armen“, und das Image gefiel ihm prächtig. Doch an einem College, das Rosam nach der Matura besuchte, bekam er die Aufgabe, sich pro forma bei einer Firma zu bewerben. Er bewarb sich, wie aufgetragen, beim damaligen Lebensmittelproduzenten Mautner Markhof als Produktmanager und wurde tatsächlich engagiert. Als Zwanzigjährigem bot man ihm ein Anfangsgehalt, das er nicht einmal nach einem fünfjährigen Jusstudium erhalten hätte. Also schlug er zu, pfiff auf den Doktortitel, übernahm später eine kleine PR-Agentur namens Publico von Mautner Markhof und machte sie, mit eisernem Willen, zur größten PR-Agentur des Landes. „Ein Studium macht noch lange keinen guten Manager“, ist Rosam überzeugt, „aber wenn zwei tolle Persönlichkeiten zur Auswahl stehen, wird doch jene mit dem Studium, vor allem aber mit dem Titel, gewinnen.“

Management by Konstitution. Studieren bietet also, rein des akademischen Titels wegen, schon einen massiven Startvorteil. Daneben signalisiert ein Hochschulabschluss aber noch eine Reihe anderer Fähigkeiten.

Markus Schindler, den sich Wolfgang Rosam in die Publico geholt und zu seinem Partner gemacht hat, studierte Publizistik, Politikwissenschaft und Geschichte und ist davon überzeugt, dass er sein Studium nie und nimmer für seinen Job gebraucht hätte, „aber all die Dinge, die ich neben dem Studium gemacht habe, waren enorm wichtig“.

Seine Tätigkeit bei der Österreichischen Hochschülerschaft, in der er zwei Wahlkämpfe führte, und als freier Journalist scheinen ihm rückblickend viel eher richtungsweisend für seine Laufbahn gewesen zu sein als das Studium. Missen möchte Schindler die Hochschulzeit trotzdem nicht. „Menschenführung lernt man sicher nicht an der Uni, aber sich intellektuell mit komplexen Themen auseinander zu setzen, egal, was man studiert, das bekommt man mit, und man schärft seine sozialen Fähigkeiten.“

Der Bauunternehmer Hanno Soravia glaubt ebenfalls nicht, dass das nötige Handwerkszeug für gutes Management oder Unternehmertum an einer Uni gelehrt werden kann: „Jedoch eignet man sich strukturiertes Denken an und, bedingt durch den Prüfungsstress, auch die Fähigkeit, unter Zeitdruck zu arbeiten.“ Das schätzt er bei der Aufnahme von Akademikern als Mitarbeiter, die allerdings „neben dem Studium auch schon gearbeitet haben sollen. Bevorzugt in Partei- oder Non-Profit-Organisationen.“ Das ist Soravia deshalb wichtig, „weil man dort lernt, sich auch ohne Anreiz von Geld durchzusetzen“. Er selbst startete ohne Studium in die Selbstständigkeit. „Ich hatte das Glück, so erzogen worden zu sein, dass die unternehmerische Einstellung immer im Vordergrund stand. Obwohl meine Familie am Anfang sicher mehr Freude mit einem Herrn Doktor gehabt hätte.“

Unternehmerisches Denken ist auch für Omnimedia-Geschäftsführer Schauer wichtigste Voraussetzung für Erfolg. „Bei uns ist das einzige und wichtigste Aufnahmekriterium, dass ein Mensch unternehmerisch denkt. Das kann man auch in der Telefonzentrale. Eine akademische Ausbildung schließt das nicht aus, impliziert es aber auch absolut nicht.“ Am meisten freut sich Schauer daher, wenn ein neuer Mitarbeiter bereits nach zwei Tagen so agiert, als würde das Unternehmen ihm gehören. Doch selbst er kann einem Studium sinnvolle Aspekte abgewinnen: „Man lernt analytisch und systematisch zu denken, das ist sicher von Vorteil, speziell in Stresssituationen.“

Ein Studium zwingt auch zu eigenständigem Handeln, stellt Durchhaltevermögen unter Beweis und bedarf oftmals einer guten Portion Selbstmotivation. „Deshalb ist ein Hochschulstudium auch immer einem Fachhochschulstudiengang vorzuziehen“, meint ECC-Publico-Geschäftsführer Schindler, obwohl er selbst an einer Fachhochschule unterrichtet: „Dort wird man in einen vorgegebenen Stundenplan gepresst. An der Uni muss man selbst Gas geben.“

Ordentlich Gas gegeben hat Gertraud Schwarzecker von Manpower während ihres Studiums. Die Geschäftsführerin des Personalleasing-Unternehmens ist Mag. rer. soc. oec., Mag. rer. pol. und Dr. phil. Für die spätere Karriere hätte sie wohl keinen einzigen ihrer Studienabschlüsse gebraucht: „Ich habe aus finanziellen Gründen während des ganzen Studiums schon gearbeitet.“ Bei ihrem damaligen Arbeitgeber blieb sie auch als doppelte Magistra und Frau Doktor. „Bei jedem Studium handelt es sich nur um reine Wissensvermittlung“, ist sie heute überzeugt und glaubt, dass man es auch ohne akademischen Titel zu großem beruflichem Erfolg bringen kann. Ihre Dissertation schrieb Schwarzecker zum Thema „Projektmanagement in Polen auf Basis der politischen Veränderungen seit 1989“. Etwas glaubt sie allerdings schon im Studium gelernt zu haben: „Organisieren von Informationen und Durchhaltevermögen.“

Doch gerade das Durchhalten ist für viele die größte Hürde beim Studium. Der Präsident des Generalrates der Oesterreichischen Nationalbank, Herbert Schimetschek, kann heute „aus persönlicher Erfahrung sagen, dass es gut ist, alles, was man einmal begonnen hat, auch abzuschließen“. Der frühere Generaldirektor der Uniqa Versicherung hatte sein Hochschulstudium bereits zu zwei Dritteln absolviert, bevor er aus beruflichen Gründen aufgab. Seiner Laufbahn hat dies nicht geschadet, denn er brachte andere Voraussetzungen als bloß einen akademischen Titel mit: „Ich habe gelernt, dass man für eine Karriere Ehrgeiz braucht, die Bereitschaft, zu lernen und etwas zu leisten, die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen und private Lebenswünsche zurückzustellen, aber auch – eine Portion Glück.“

Im Hinblick auf das notwendige Durchhaltevermögen könnte man ein Studium wohl unter die Rubrik Ausdauersportarten reihen, nach dem Motto: Ein akademischer Titel zeigt zumindest, dass man es bis ins Ziel geschafft hat. Gleich zwei Medaillen erkämpfte sich Regina Prehofer. Jus und Handelswissenschaften trugen dem Vorstandsmitglied der Bank Austria Creditanstalt den doppelten Doktortitel ein, der aber für ihre erste Anstellung bei der Österreichischen Kontrollbank ihrer Meinung nach „nicht so wichtig“ war. Viel bedeutender schien ihr, dass sie während ihrer Studienzeit beim Selbstmanagement dazugelernt hatte und „meine Offenheit, Neugier und Kommunikation gefördert wurden“. Vor allem aber hält sie die persönlichen Herausforderungen, denen sich Studenten stellen müssen, für wichtig: „Etwa von zu Hause wegziehen, auf eigenen Füßen stehen und völlig neue Menschen kennen lernen.“ Diese Herausforderung musste die Oberösterreicherin – ihre Dissertation widmete sich dem Thema „Wohngemeinden in Oberösterreich und ihre wirtschaftliche Problematik“ – bei ihrem Studium in Wien bewältigen. Kontakte schloss sie viele, beruflich von Nutzen sind ihr heute kaum noch welche. Aber taugt ein Studium überhaupt für das Schmieden von Kontakten, die sich im späteren Berufsleben nutzen lassen?

Management by Networking. „Persönlich gibt es noch viele wertvolle und herzliche Kontakte aus der Studienzeit“, freut sich Möbel-Lutz-Vorstand Hans-Jörg Schelling, „beruflich sind aber nur ganz wenige von Nutzen.“ Angesichts von Massenunis, Großveranstaltungen und überfüllten Hörsälen glaubt auch Ex-Uniqa-Boss Schimetschek nicht an die Möglichkeit, an der Uni ein gutes Netzwerk für später aufbauen zu können. Seine persönlichen Verbindungen „basieren auf einem langen Berufsleben, aus der Tätigkeit in verschiedenen berufsständischen Vertretungen und aus den Freundschaften zu vielen Menschen, die ich bei Rotary oder gesellschaftlichen Anlässen kennen gelernt habe“. Trotzdem kann der Hinweis auf dieselben Professoren, die man gehört, oder das gleiche Institut, das man besucht hat, auch noch nach Jahren verbinden.

„Die Generationen von Studienabsolventen treffen auf der Karriereleiter immer wieder zusammen“, sagt Walter Hecke, Vorstand der Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs AG (Asfinag). Netzwerke, die während der Studienzeit zu interessanten, ambitionierten Kollegen geknüpft werden, hält OMV-Generaldirektor Wolfgang Ruttenstorfer für wirklich wertvoll: „Aber die meisten Kontakte entstehen dann doch erst im Laufe des beruflichen Werdeganges.“ Manchmal kann sich intensives Networking an der Uni sogar als schädlich erweisen, glaubt Omnimedia-Chef Schauer: „Ich war nie in Lobbynetzwerken wie CV (Cartellverband) oder VSStÖ (Verband Sozialistischer Studenten Österreichs) eingebunden – und das war sicher ein enormer Vorteil.“ Denn dort lernte man nicht nur sozialen Umgang, sondern auch die Intrige, glaubt Schauer und ist sich sicher, dass er nie wegen irgendwelcher Bekanntschaften, „sondern immer ausschließlich wegen meiner Leistung akzeptiert wurde“. Die große Zeit der studentischen Verbindungen hält Kühne-&-Nagel-Vorstand Macher ohnedies bereits für vergangen: „Die Bedeutung studentischer Netzwerke wie CV oder BSA (Bund Sozialistischer Akademiker) ist im Abnehmen.“ Dafür werden die Absolventennetzwerke immer wichtiger. Bei den Alumni-Treffen der Wirtschaftsuni Wien beispielsweise kommen ehemalige Studienkollegen zusammen, die auf ihrem Karriereweg bereits fortgeschritten sind. „Die informelle Art des Netzwerkens funktioniert auf unseren Treffen hervorragend“, freut sich Kathrin Schmid-Holubowsky, Geschäftsführerin des Alumni-Clubs der WU Wien. Mit 3200 Mitgliedern und über 70 Veranstaltungen im Jahr ist der Alumni-Club der WU Wien der größte und aktivste im deutschsprachigen Raum. Um auch die Netze zu jenen WU-Absolventen aufbauen zu können, die im Ausland Karriere gemacht haben, finden die Alumni-Treffen mittlerweile auch in London oder Paris und heuer erstmals in New York statt.

Weniger massive Seilschaften als vielmehr die Möglichkeit zur Reflexion über eigene Meinungen glaubt Günther Pacher, Geschäftsführer der 3-E Handels- und Dienstleistungs-AG, bei ehemaligen Kommilitonen zu finden: „Man lernt an der Uni die unterschiedlichsten Persönlichkeiten kennen, mit denen man lose oder intensiver in Kontakt bleibt. Sie kann man in verschiedensten Situationen ansprechen, um über eigene Meinungen zu reflektieren.“ Ein zügiges Studium scheint aber eher ein Feind gediegenen Netzwerkens zu sein. „Nur in Rekordzeit zu studieren und sonst keine sozialen Kontakte zu pflegen bringt sicher keinen wie immer gearteten Vorteil“, ist Hanno Soravia überzeugt, „da muss man sich schon in verschiedenen Universitätsvereinigungen organisieren und dort mitarbeiten.“

Wenn ein Studium schon nicht auf spätere Managementaufgaben vorbereitet, so sollte es doch wenigstens die Möglichkeit bieten, jene Kontakte zu schließen, die später wichtig sind, um in die richtige Position zu kommen. Doch diesem Ansinnen erteilt der Lobbying-Spezialist Rosam eine klare Absage: „Wirkliches Networking erfolgt nicht während der Unizeit.“

Management by Beginn. Einen Vorteil bringt ein Studium wenigstens, wenn auch nur kurzfristig. Beim Einstiegsgehalt können Akademiker gegenüber ihren Mitbewerbern ohne Uniabschluss punkten. Dafür steigen die Nichtakademiker aber – so sie einen Job finden – bereits einige Jahre früher ins Berufsleben ein. Bis der Akademiker seine erste fixe Anstellung bekommt, ist der Maturant bereits in einer höheren Gehaltsstufe angelangt. Denn mit zunehmender Berufserfahrung spielt die Ausbildung eine immer geringere Rolle bei Gehalt und Aufstiegschancen.

„Das ist ja auch für viele junge Akademiker das Frustrierende“, weiß Gehaltsexperte Conrad Pramböck. „Frischer Magister, aber im Jobleben heißt es wieder ganz unten einsteigen.“ Auch für die Altersvorsorge taugt ein Studium nicht wirklich. Auf einen Höchstanspruch bei seiner staatlichen Pension kann ein Akademiker niemals hoffen, außer er kauft alle Studien- und Schulzeiten nach.

Einigen Unternehmern ist außerdem Berufserfahrung wichtiger als ein akademischer Titel. „Mir ist einer mit fünf Jahren Berufserfahrung viel lieber als einer, der fünf Jahre studiert hat und dann kommt und gleich zu Beginn Unsummen verlangt“, ätzt Fotolöwe Hartlauer. Er hat daher „in der Führungscrew keinen einzigen Akademiker“. Ausgewogen will es der Geschäftsführer und Minderheitseigentümer der dm drogerie markt GmbH, Günter Bauer, halten: „Die Hälfte der Manager bei uns kommen aus der Praxis, die andere Hälfte wird aus jungen, frischen Akademikern zugekauft. Das Gehalt richtet sich nie nach dem Schulabschluss, sondern nach Leistung und Position.“ Gehaltsschemata, die mit jedem Ausbildungsgrad automatisch eine saftige Erhöhung des Salärs brachten, fallen leider ins goldene Zeitalter der Beamtenschaft, und das scheint langsam, aber sicher zu Ende zu gehen.

Keine Vorbereitung auf Managementaufgaben und Führungsrolle, keine Vermittlung von praxistauglichem Fachwissen, keine besseren Seilschaften und kaum höheres Gehalt – wozu also noch studieren?

„Weil der Wettbewerb am Arbeitsmarkt so groß ist“, weiß Shell-Geschäftsführer Wolfram Dürr, „dass der Berufseinstieg ohne Hochschulabschluss immer schwieriger wird.“ Davon ist auch Alcatel-Generaldirektor Franz Hofbauer überzeugt: „Für eine höhere Managementposition ist meines Erachtens ein akademischer Abschluss fast Voraussetzung. Sonst müsste ein Bewerber unter all den akademisch vorgebildeten Mitbewerbern schon eine überragend starke Persönlichkeit sein.“

Personalchefs großer Unternehmen haben außerdem nur wenig Lust, sich bei der Auswahl unter 300 bis 400 Bewerbern auf ihre Intuition zu verlassen. Erweist sich der Auserwählte als Fehlbesetzung, ist es einfacher, auf seine tadellosen Zeugnisse und seinen akademischen Abschluss zu verweisen als auf den Umstand, dass er bei der Vorstellung dank seiner Persönlichkeit Eindruck gemacht hat. „In Konzernen gibt es halt Richtlinien, um sich zu schützen“, sagt Hartlauer, „wenn einer Fehler macht, heißt es dann, aber der ist doch eh Akademiker. Und manche Leute reden halt auch nur mit Doktoren.“

Die Latte für den beruflichen Einstieg wird jedenfalls immer höher gelegt. Münze-Österreich-Vorstand Dietmar Spranz meint rückblickend: „Natürlich hat mir persönlich ein Studium nicht gefehlt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute ist der akademische Titel zu einem Aufnahmekriterium geworden.“

Universitätsprofessor Speckbacher glaubt, dass es nicht nur der Titel ausmacht: „Natürlich gibt es immer ein paar Prozent, die so genial sind, dass man sie nicht einmal mit einem Studium verderben kann. Die schaffen jede Herausforderung auch ohne akademische Vorbildung. Aber es gilt ja, das Gros der Studenten gut auszubilden, und ich glaube, wir geben allen eine solide Basis mit. In Wahrheit sind die meisten WU-Absolventen ja auch tatsächlich beruflich erfolgreich.“

Aus purem Interesse möchte selbst Omnimedia-Chef Schauer noch zu studieren beginnen: „Irgendwann werd ich ein spätes, eine Art geriatrisches Studium machen. Wahrscheinlich Medizin. Aber nur zu meinem Vergnügen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente