Working Moms: Aufstieg mit Anhang

Die Alles-und-mehr-Generation will weder auf Karriere noch auf Kinder verzichten. Beides zu vereinen ist ausnehmend anstrengend. Erfolgreiche Working Moms verraten, wie für sie das Lebensmodell Beruf & Baby funktioniert.

Um halb sechs Uhr läutet bei Ulla Reisch Tag für Tag der Wecker, um sieben verlässt sie mit ihrem Mann, der elfjährigen Tochter Lisa und den sechsjährigen Zwillingen Paul und Philipp das Haus. Erst gegen 20 Uhr wird sie wieder nach Hause kommen: nach einem Tag voller Meetings, Verhandlungen und Stress.

Als erfolgreiche Anwältin hat Reisch eine ganz normale 60-Stunden-Woche. Die 35-Jährige, Partnerin der Urbanek Lind Schmied Reisch Rechtsanwälte OEG, leitet das Wiener Büro der Sozietät, führt zwei Konzipientinnen und vier Sekretärinnen. Wie sie das alles schafft? „Mit großer Härte und Disziplin. Wenn man immer in Bewegung ist, merkt man nicht, wie müde man ist. Aber ich habe es mir so ausgesucht“, erklärt Reisch. „Für mich sind Arbeit und Familie eine Einheit: Ich wäre unglücklich, müsste ich auf das eine oder das andere verzichten.“

Alles ist möglich. Ob Sie selbst kinderlos glücklich werden oder vier Orgelpfeifen im Jahresabstand bekommen wollen, ob Sie eine Führungsposition anstreben oder lieber einem gemütlichen Teilzeitjob nachgehen, ob Sie in Ihrer Rolle als Vollzeitmutter und Hausfrau zufrieden sind oder vielleicht eines nach dem anderen in unterschiedlicher Intensität tun: Lässt es Ihre Ausbildung zu, so stehen Ihnen heute die unterschiedlichsten Kombinationsmöglichkeiten offen. Vorausgeschickt sei: Diese Entscheidung ist eine höchstpersönliche, Lebensbiografien sind nicht linear vorgezeichnet, und die Optionen variieren in den verschiedenen Lebensphasen. Jede Frau muss versuchen, ihren eigenen Weg zu ihrem persönlichen Glück zu finden.

Faktum ist: Oft wird die Frage Kind & Karriere auf ein Frauenthema reduziert. Das mag man kritisieren, es entspricht allerdings ganz klar der mit überwältigender Mehrheit gelebten Realität in Österreich: Im Dezember 2003 waren gerade mal 3496 Väter in Karenz, das sind 2,3 Prozent der Kindergeldempfänger. Der Hintergrund ist ein ökonomischer: Das mittlere Bruttojahreseinkommen unselbstständig erwerbstätiger Männer liegt in Österreich bei 25.592 Euro. Frauen verdienen mit 15.304 Euro pro Jahr im Schnitt rund 10.000 Euro weniger. Auch für die gleiche Arbeit bekommen Frauen noch lange nicht das gleiche Geld: Wo ein Mann 100 Euro verdient, casht eine Frau in Österreich im Schnitt nur 79 Euro ab. Die Frage, wer vorerst beim Kind bleibt, ist also nicht unbedingt eine biologische, gesellschaftliche oder kulturelle Frage, sondern vor allem eine finanzielle.

Infrastruktur fehlt. Der große Stolperstein beim Versuch, Beruf & Baby unter einen Hut zu bringen, ist der Mangel an flächendeckenden und erschwinglichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Österreich. Während in Dänemark 64 Prozent der unter Dreijährigen eine Kinderbetreuungseinrichtung besuchen, sind es in Österreich nur vier von hundert Kindern in diesem Alter.

Mehr Nachfrage als Angebot gibt es vor allem bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren sowie bei der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern. Derzeit wird jedes fünfte Kind im Alter zwischen zwei und drei Jahren in einem Kindertagesheim betreut. Der Bedarf ist laut Erhebungen der Arbeiterkammer allerdings weit höher.

Österreich ist europäisches Schlusslicht in Sachen Kleinkinderbetreuung – und meilenweit entfernt von einem Versorgungsgrad von 33 Prozent für Kinder unter drei Jahren, den die EU als Ziel bis 2010 vorgibt.

One-Woman-Show. Kids & Karriere – leicht ist es also nicht. Doch leichter wird es, wenn Sie einige Basics beachten. „Man sollte einfach möglichst nichts dem Zufall überlassen“, rät Christine Marek, 35, allein erziehende Mutter des zehnjährigen Maximilian. Sie bringt einiges unter einen Hut: Marek ist Betriebsratsvorsitzende beim High-Tech-Unternehmen Frequentis, Abgeordnete zum Nationalrat sowie Vorstandsmitglied der Wiener Arbeiterkammer. Ihr Fazit: „Grundsätzlich muss man ganz klar sagen: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutet eine große persönliche Anstrengung. Und man hat nur sehr wenig Zeit für sich selbst.“

Sie empfiehlt, dass „Frauen grundsätzlich die Gestaltung ihres Lebens nicht mehr so sehr von anderen Menschen bzw. Umständen abhängig machen sollten“. Frauen müssten lernen, sich selbst wichtiger zu nehmen und auch von der Umgebung die Berücksichtigung ihrer Prioritäten einzufordern. „Wenn einmal der Vater das Kind vom Kindergarten abholen soll – wie vereinbart – und doch nicht kann, kommt er meist nicht auf die Idee, Ersatz zu organisieren, sondern er ruft die Mutter an, und sie organisiert dann Ersatz. Eine Kleinigkeit, die aber symptomatisch ist“, meint Marek. Sie empfiehlt berufstätigen Frauen, in der Partnerschaft bereits vor der Geburt eines Kindes „klar zu besprechen, wie weit Vater und Mutter sich die Betreuung und Familienarbeit teilen werden“. Marek macht durch ihr eigenes Beispiel auch Alleinerzieherinnen Mut.

Beinharte Organisation. Zu den 276.000 Alleinerziehern in Österreich gehört seit ihrer Scheidung vor fünf Jahren auch Gabi Semler-Quester, 43: Sie ist im Familienunternehmen Quester Baustoffe zuständig für Marketing & Events, zu Hause verantwortlich für Florian, 16, und Maxi, 14 – und „daheim organisiert wie ein Mittelbetrieb“. Straffe Organisation zu Hause ist für sie essenziell: „Es muss alles geregelt sein.“ Ihre große Stärke, „ein ausgeprägtes Organisationstalent“, helfe ihr, in der richtigen Kombination ihres 35-Stunden-Jobs mit den Bedürfnissen zweier halbwüchsiger Buben und ihren persönlichen Networkingambitionen die für sie richtige Work-Life-Balance zu finden. Listen von Nachhilfelehrern bis zu Takeout-Menüs vom Chinesen und Pizzamann gehören bei ihr ebenso zum Alltag wie ein „großer Kalender, in dem alle unsere Termine eingetragen werden“. Die räumliche Nähe der Wohnung zum Büro ist für Semler-Quester ein großer Vorteil: „Ich bin in fünf Minuten zu Hause und kann auch mal mit den Kindern mittagessen.“ Damit genießt sie eine Flexibilität, die ihr auch der Job im Familienunternehmen ermöglicht.

Auch Sophie Karmasin, 36, stieg nach ihrem Doppelstudium – Psychologie und Wirtschaft – und nach einer klassischen Marketingausbildung bei Henkel im Familienunternehmen ein. Heute leitet die zweifache Mutter eigenständig den Bereich der Motivforschung. Als das erste Kind kam, sei sie selbst – bis einen Tag vor der Geburt noch im Büro – „naiv und blauäugig“ gewesen: „Ich habe bereits im Spital mit meinen Kunden telefoniert und einfach weitergemacht wie vorher.“ Fazit: Karmasin kämpfte mit einem ständigen Schlafdefizit, einem permanent schlechten Gewissen und dem Stress mit dem Haushalt. Erst nach „einem harten Jahr“ verabschiedete sie sich selbst von der Vorstellung, „das werde ich doch locker schaffen“, und engagierte ein Au-pair-Mädchen. Heute weiß sie: Planung ist alles, sogar schon im Vorfeld einer Schwangerschaft.

Ihr persönlicher Tipp: „Wer Kinder will, sollte sich in einem kleinen Unternehmen gut positionieren und unentbehrlich machen.“ Denn dort lasse sich vieles „einfacher, flexibler und unbürokratischer als in einem großen Konzern regeln“. Die Erwartungen sollten trotzdem realistisch bleiben. „Dass beide Partner im klassischen Berufsweg Top-Karriere machen, wenn Kinder da sind, ist schwierig“, meint Karmasin, deren Mann bei Kraft Foods als Marketingmanager arbeitet. „Im Konzern fragt niemand, ob man Kinder hat: Die Vorstandsdirektorin mit dem 20-Stunden-Job gibt es einfach nicht“, meint sie.

Wunschtraum Teilzeitkarriere. „Ein klares Njet“ zu ihrem Teilzeitwunsch bekam auch Birgit Kuras, 46, Abteilungsleiterin der Equity Capital Markets bei der Raiffeisen Centrobank AG, zu hören, als sie vor gut 15 Jahren nach einem Jahr Karenz part-time in ihre Bank zurückkommen wollte. Ihre Vorgesetzten ließen ihr keine Wahl: Entweder Vollzeit oder sie könne ihre Position vergessen, hieß es damals. Kuras entschied sich für Vollzeit – mit allen Konsequenzen. „Meine Tochter Flora haben wir als Einjährige um sieben aus dem Bett geholt und zur Tagesmutter gebracht und erst spät am Abend wieder abgeholt.“ Später war Flora „oft das letzte Kind im Kindergarten“, anschließend kam sie ins Halbinternat. Eine „volatile Situation“, so Kuras’ Beschreibung im Rückblick: „Es war eine sehr harte Zeit, aber es gab auch viele unglaublich schöne Momente.“

Der Druck im Büro war groß, wenn auch teilweise „aus falschem Ehrgeiz hausgemacht“, analysiert die Börsenexpertin heute. „Die Vorgesetzten sollten nicht merken, dass ich ein Kind hatte: Ich wollte nicht das Gefühl vermitteln, als Mutter nicht mehr so leistungsfähig zu sein“, erzählt Kuras. Sie habe deshalb „überproportional“ gearbeitet: bis fünf Uhr Früh Präsentationen geschrieben, während die Tochter gerade mit den ersten Zähnen kämpfte. Der Druck war ständig präsent: Ging es um längerfristige Terminplanungen, wurde sie mit der Aussage „Können wir da mit Ihnen rechnen? Sie könnten ja noch ein zweites Kind bekommen …“ konfrontiert. Heute würde Kuras trotz aller selbst erlebten Härten „auf jeden Fall jeder Frau empfehlen, ein Kind zu haben“. Sie selbst würde allerdings heute im Unternehmen und auch privat anders agieren: „Mütter müssen mehr einfordern. Wir dürfen uns nicht ständig fragen: ,Kann ich alle Erwartungen erfüllen?‘“

Verständnisvoller Partner. Für die Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler, 40, Senior Partner bei der Boston Consulting Group, Leiterin des Wiener Büros und Mutter dreier Töchter im Alter zwischen elf und 16, gehört im Lebensmodell berufstätiger Mütter ein verständnisvoller Partner dazu. Ihr Motto: „Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein unterstützender Mann.“ Aufgrund des permanenten Zeitdefizits der „Working Moms“ müsse ihrer Ansicht nach „der Partner die meisten Abstriche machen“.

Das ist freilich nach den Erkenntnissen von Ursula Haubner, Staatssekretärin im Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz, eher die Ausnahme als die Regel: „Erwerbstätige Frauen verbringen im Schnitt 35 Wochenstunden am Arbeitsplatz, für die Haushaltsführung wenden sie wöchentlich 18 Stunden, für Kinderbetreuung elf Stunden auf – insgesamt 64 Wochenarbeitsstunden. Bei erwerbstätigen Männern macht die wöchentliche Gesamtbelastung nur 48 Stunden aus, davon 41 Stunden für bezahlte Erwerbsarbeit, vier Stunden für Haushalt und drei Stunden für die Betreuung ihrer Kinder.“

Würden mehr Männer partnerschaftlich agieren, von der Frau Gemahlin nicht auch noch den überperfekten Haushalt einfordern und den beruflichen Erfolg ihrer Frauen nicht als Bedrohung des männlichen Egos empfinden, könnte das nach Meinung von Mei-Pochtler enorm helfen.

Klare Vereinbarung. „Mein Mann hat kein Ego-Problem: Er macht in Sachen Kinderbetreuung zumindest 50 Prozent“, erzählt Brigitte Mühlbauer, 37, geschäftsführende Gesellschafterin der PR-Agentur Mendetter und Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Sie hat mit ihm eine Vereinbarung getroffen, wie sie heute meistens die Ausnahme ist: „Zu mehr als 50 Prozent“ hat er die Betreuung des Sohnes Theo, der seit zwei Jahren auch einen Kindergarten besucht, übernommen. Ihr eigenes Arbeitspensum beträgt 50 bis 60 Stunden pro Woche. Damit ist die PR-Managerin auch der Hauptverdiener in der Familie, denn sie hatte immer ein deutlich höheres Einkommen als ihr Mann, der regelmäßig zurückstecke, wenn’s zeitlich eng wird. Der freiberufliche Grafiker mit relativ flexiblen Arbeitszeiten kümmert sich dann um den Kinderarzttermin oder die Organisation des Faschingsfestes. Sie hat dementsprechend genug Kapazitäten für ihre Kunden, zu denen Renault, Elektrolux oder Funder gehören. Da sie ihren Sohn immer in liebevoller Betreuung fixer Bezugspersonen wusste, hatte Mühlbauer „nie auch nur einen Moment lang ein schlechtes Gewissen“.

Auch Anwältin Ulla Reisch schätzt ihr Netzwerk an Betreuungspersonen inklusive Kinderfrau und Großeltern. Reisch hatte Glück: Die Schwiegermutter ging sogar früher in Pension, um Reischs Tochter zu versorgen. So arbeitete die Juristin bereits wieder zehn Stunden pro Tag, als das Töchterchen erst ein Jahr alt war – „allerdings auf Lisa abgestimmt: von sechs bis sechzehn Uhr“. Drei Monate nach der Geburt ihrer Zwillingsbuben ließ sie sich als Anwältin eintragen. Und auch Reisch kennt kein schlechtes Gewissen.

Schlechtes Image. Doch das ist eher die Ausnahme unter berufstätigen Müttern. Oftmals haben sie mit ihrem vermeintlichen Rabenmütter-Image zu kämpfen. „Der schlimmste Feind der beruflich ambitionierten Mutter ist die Nur-Hausfrau“, weiß die deutsche Journalistin Barbara Bierach, die mit ihrem Bestseller „Das dämliche Geschlecht“ für Schlagzeilen sorgte. Hausfrauen würden ihre Geschlechtsgenossinnen, die es wagten, nicht nur Mutter, sondern auch Anwältin, Apothekerin oder Asset-Managerin zu sein, immer wieder als Rabenmütter abstempeln. „Wenn die Kleinen heute nicht um 13 Uhr bei Muttern ihre Fertigspaghetti kriegen, meint die gesamte Umgebung, es handle sich nicht um eine Familie, sondern um eine Psychopathen-Zuchtanstalt“, kritisiert Bierach.

„100-mal am Tag“ hat auch Semler-Quester ein schlechtes Gewissen. „Wenn ich ausgehe, mache ich manchmal ein Diktat zwischen Tür und Angel“, gibt sie zu. Mitunter bestellt sie von einem Abendtermin aus übers Handy Sushi für die Kids zu Hause. Doch auch wenn nicht immer alles super-bilderbuch-perfektionistisch abläuft, ist sie davon überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben: „Kinder schätzen Mütter mehr, die ausgeglichen und gut gelaunt sind und mit ihnen qualitativ Zeit verbringen. Gleichgewicht und Spaß im Leben der Mütter bereichern auch das Leben der Kinder.“

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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