Wo geht’s hier zur Pleite?

Die Wirtschaft ist so mildtätig, dass sie bald nicht mehr tätig sein wird.

Unser Lebensstil basiert in zunehmendem Maße darauf, dass die Erzeuger der exklusivsten Bedarfsgüter uns um einen Pappenstiel an wahrhaft revolutionärem Lebensambiente teilhaftig werden lassen. Wenn Sie zum Beispiel zwei dreiteilige Flügelaltäre erstehen, bekommen Sie garantiert ihren dritten noch geschenkt dazu. Ähnlich verhält es sich mit Toilettepapier: ab tausend Rollen zahlen Sie nur den Preis von neunhundert – so was ist doch wirklich zum Scheinen einer Prosperität vorspiegelnden Ökonomie.

Natürlich gibt es etwas verschrobene Abweichler, die sich in selbstmörderischem Verweigern, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, selbst ihr Grab schaufeln. Es sind ihrer aber keineswegs besorgniserregend viele. Wenn die augenblicklichen Hochrechnungen des Kreditschutzverbandes von 1870 zutreffen, dann werden im Laufe des heurigen Jahres nicht mehr als lumpige 6000 Firmen krachen gehen.
Es handelt sich dabei im überwiegenden Fall um Betriebe, die der Kundschaft nur das verkaufen, was diese wirklich will, und denen das fabulöse Furioso einer gezielten Werbung suspekt ist.

Von solchen doch recht dumpfen Gesellen könnten wir, die an sich kapitalschwachbrüstige Konsumgesellschaft, keineswegs all jene Bedürfnisse stillen, die wir vor dem Ausbruch des Power-Selling gar nicht gehabt haben. Diese Art, Waren an die Leute zu bringen, ermöglicht uns ein Leben, in dem wir für praktisch alles theoretisch überhaupt nichts zahlen.

Vielleicht ist es Ihnen bisher entgangen, aber seit etlichen Jährchen hat das Kommunikationsmittel Telefon eine ein klein wenig zentrale Rolle unseres allgemeinen Verständigungssystems eingenommen. Wir wussten ja alle, wann immer wir den Telefonhörer abnehmen, bezahlen wir einen Obolus für jene Zeit, während der wir aktiv telefoniert haben. Und die Grundgebühr für die Eintragung der Post war natürlich auch dabei. Heute sind Millionen Österreicher von solch einfältigen Kinkerlitzchen natürlich meilenweit entfernt. Sie zahlen einmal keine Grundgebühr. Sie zahlen keine Aufnahmegebühr. Sie können zwischen Mitternacht und 3 Uhr früh mit jedermann in Kikritspatschen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag telefonieren.

Und das natürlich gratis. Und das auf jeden Fall innerhalb ihres Netzsystems. Und auf jeden Fall im Inland; sollte Ihr Schnabel freilich weiter tragen, als unser kleines Land groß ist, dann müssen Sie wohl oder übel mit dem nicht unbeträchtlichen Aufwand von einem ganzen Cent pro Minute rechnen. Dafür aber bekommen Sie wieder Gratis-Minuten gutgeschrieben, was bedeutet, dass Sie alles, was Sie beim ersten Mal nicht gleich loswerden konnten, ein andermal kostenlos von sich geben dürfen. Ihren Gesprächspartnern ergeht das ebenso, sodass Sie beide bald schon mit jeder Menge noch von sich zu faselndem Handywelsch dastehen. Es ergibt sich somit für uns alle der blühende Sinn, mit unseren lieben Nächsten nicht mehr primitiv von Mund zu Mund zu sprechen. Denn wenn Sie was sagen, sagt die andere Person auch was drauf, und beider Kontingente sind erschöpft. Wenn Sie aber, selbst wenn Sie Schulter an Schulter stünden, miteinander telefonieren, statt zu reden, hat jeder noch eine Replik extra. Wir zahlen also so gut wie nichts dafür, dass wir hinterrücks dem anderen immer noch eine Goschen anhängen können – eine exorbitante Erweiterung jener archaischen Ära, in der die Sprache erheblicher war als deren Transportmittel.

Da es aber nach wie vor unflexible Menschen gibt, die zu einer Großfamilienpackung Körpergeruchs-Deo nicht auch noch eine kleine Familienpackung geschenkt bekommen wollen, müssen die herzensguten Pfeffersäcke ihr feinnerviges Füllhorn auf andere Art über die darbende Bevölkerung schütten. So geschieht es alle paar Tage, dass wir, wenn wir durch die Straßen streichen, verdutzt und verwirrt die Augen aufreißen. Wer früher für einen geblümten Spannteppich, ein ganz furniertes Sideboard oder gar eine Fototapete einen nicht irrelevanten Batzen hinlegen musste, kann diese Kleinodien für weniger und immer weniger Euro leichtfertig erwerben. Die großen handelsherrschaftlichen Häuser, die bis zur Distinguierung geschmacksinnovativen Möbel-Ästheten, die Couturier-Ketten, die Textilien offerieren, in denen ganzer Charme und halbe Seide enthalten sind, die Spezial-Großmärkte, die alles zur Verfügung haben bis auf geschultes Personal – sie alle geben es von Tag zu Tag billiger. Das Volkswohl wird vermutlich erst dann seinen Zenit erreicht haben, wenn sie uns den ganzen Krempel einfach schenken. Listige Nischenkenner sollen bereits mit der Idee liebäugeln, jeder Kundschaft, die sich breitschlagen lässt, etwas aus den vergammelten Lagern mitzunehmen, ein kleines Sümmchen zu zahlen. Warum auch nicht? In einer Zeit, in der die großen Branchen wissen, dass sie sich ihr zerrüttend verwechselbares Zeugs sonst wohin schieben können, bedeutete dieses eine entlastende Offensive.

Kurz, vor Firmenpleiten lebt sich’s für den Konsumenten immer am besten. Denn bis zuletzt wollen Unternehmer lieber als Philanthropen dastehen als als das, was sie sind: progressive Parvenüs.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente