Wo graue Panther schöner wohnen

Die Zeiten, in denen Senioren aus der eigenen Wohnung aus- und ins Pflegeheim einziehen mussten, sind vorbei. trend zeigt neue Wohnformen für Best Agers.

Auf den ersten Blick ist es eine Wohnung wie jede andere. Erst wenn man genauer schaut, entdeckt man die kleinen, aber hilfreichen Details. Schwellen fehlen, die Türen sind breiter als üblich, im Bad herrscht erstaunlich großer Manövrierspielraum …

Wohnungen, die speziell auf Bedürfnisse von Senioren zugeschnitten sind, schießen seit Kurzem wie Schwammerln aus dem Boden. Sie sind eine weitere Antwort auf die vielen offenen Fragen in der aktuellen „Pflegedebatte“. Viele dieser Projekte kombinieren vollkommene Eigenständigkeit der Bewohner mit Annehmlichkeiten, wie man sie sonst nur aus dem Hotel kennt. Der neue Typus Seniorenwohnung ermöglicht vor allem eines: den Horror für alte Menschen, in ein Pflegeheim, quasi als letzte Station in ihrem Leben, übersiedeln zu müssen, zu verbannen.

Ein besonders gutes Beispiel dafür ist ein Projekt, das die Wohnbaugenossenschaft Gesiba in Kooperation mit dem Kuratorium Fortuna in Wien-Favoriten errichtet hat. Der Bau in der Troststraße bietet Platz für 140 geförderte Mietwohnungen, 42 davon entsprechen den Bedürfnissen älterer Menschen und bieten „betreubares Wohnen“. Das bedeutet, dass bei Bedarf spezielle Pflege ebenso gebucht werden kann wie Hilfe im Haushalt und Ähnliches. Die Wohnungen und die dazugehörigen Serviceeinrichtungen spielen alle Stückerln. Die 2-Zimmer-Wohnungen sind zwischen 49 und 53 Quadratmeter groß, verfügen über Loggia beziehungsweise Veranda und sind vollkommen barrierefrei ausgeführt. Sowohl im Wohnhaus selbst als auch in den Wohneinheiten sind keinerlei Schwellen und Stiegen zu überwinden.

Damit das Durchfahren des Hauses und der Wohnung mit einem Rollstuhl keinem Hindernisparcours gleichkommt, wurden Türen und Gänge verbreitert: Statt der üblichen 70 Zentimeter bieten zehn Zentimeter breitere Türstöcke ein Plus an Komfort. Auch die bereits vorhandenen Küchen entsprechen den Anforderungen Älterer. Die Monatsmieten bewegen sich je nach Größe der Wohnung zwischen 358 und 454 Euro, wobei ein Eigenmittelanteil zwischen 14.247 und 17.723 Euro erforderlich ist.

Dafür genießt man einige Vorteile, die in einer herkömmlichen Wohnung im Notfall nicht so unbürokratisch in Anspruch genommen werden können: Eine Notruftaste in der Wohnung stellt rund um die Uhr eine Verbindung mit dem Notdienst des benachbarten Apartmenthauses Fortuna her, eines Seniorenheims, dessen diensthabende Pflegerin sofort nach dem Rechten sieht und gegebenenfalls einen Arzt verständigt. Im Haus befinden sich drei Allgemeinmediziner und sechs Fachärzte, sodass für regelmäßige Check-ups stets gesorgt ist. Die rüstigen Rentner können auch das Freizeitangebot von Fortuna unentgeltlich nützen: Kartenspielen im Clubraum, Kegeln, Turnen, Malkurse und vieles mehr. Gegen Aufpreis kann man im Krankheitsfall Pflege in der Betreuungsstation buchen, sich Verpflegung in die eigenen vier Wände liefern lassen und Einkaufs- und Medikamentenservices nützen. Im Notfall haben Mieter sogar Sofortanspruch auf ein Pflegebett.

Miete statt Eigentum. Wohnprojekte für Senioren bieten fast ausschließlich Mietwohnungen an, weiß Architekt Heinz Klinglmüller, der für die Linzer Wohnbaugesellschaft GWG ein „Betreubares Wohnen“-Projekt in der Hochwangerstraße in der oberösterreichischen Landeshauptstadt plant: „Die wenigsten Leute, die sich im Schnitt mit 75 Jahren dazu entschließen, Wohnung oder Haus aufzugeben, und in eine betreubare Wohnung ziehen, möchten sich in diesem Alter noch eine Eigentumswohnung kaufen. Während junge Menschen mit Eigentum günstiger fahren, rentiert sich in den Augen der meisten Älteren der Kauf nicht mehr.“

Auch in der Hochwangerstraße sind die 2-Zimmer-Wohneinheiten mit Loggia um die 50 Quadratmeter groß und natürlich barrierefrei. Dem Architekten war dabei wichtig, dass sich „betreubares Wohnen“ von herkömmlichen Wohnungen nur in einem Punkt unterscheidet: Auch im hohen Alter sollen Senioren so lange wie möglich komfortabel darin leben und dabei möglichst lange auf eigenen Beinen stehen. Daher gibt es in der Wohnung mit kompletter Kücheneinrichtung auch keine Hochschränke, die mit zunehmendem Alter und abnehmender Beweglichkeit nur schwer erreichbar sind. Reinigungsdienste und ähnliche Angebote können ebenfalls in Anspruch genommen werden.

Vor allem durchdachte Details machen das Haus, das bis Ende 2007 bezugsfertig sein soll, lebenswert. Um ein anonymes Nebeneinander der Bewohner zu verhindern, laden Sitzecken in jedem der fünf Stockwerke zum Bassena-Tratsch. Neben dem Lift befinden sich ebenfalls Sitzgelegenheiten, falls Bewohnern mit schmerzenden Beinen die Wartezeit zu lang wird oder damit Einkäufe in komfortabler Höhe abgestellt werden können. In den Wohnungen selbst macht auch die permanente Einzelraumlüftung mit gewärmter Zuluft in allen Zimmern das Leben angenehmer. Architekt Klinglmüller: „Ältere Menschen lüften oft zu wenig, weil sie die Zugluft als unangenehm empfinden. Vorgewärmt und immer frisch sorgt die Lüftung für besseres Raumklima und Wohlbefinden.“ Eine Notrufeinrichtung sorgt zusätzlich für Sicherheit.

Um kein Seniorenghetto zu schaffen, wird die Anlage in eine bestehende Siedlung eingebettet, in der vor allem Familien leben. In der Mitte befindet sich ein großer naturnaher Park mit verschiedenen Landschaftsformen und einem Biotop, der von den Anrainern genutzt werden kann. Das an das Projekt Hochwangergasse grenzende Stück der Grünfläche bietet ruhebedürftigen Oldies einen geschützten Rückzugsraum. So ist ein befruchtendes Zusammenleben unterschiedlicher Generationen möglich, ohne einander auf die Füße zu steigen, denn „das Konzept des Mehrgenerationenwohnens im gleichen Haus hat sich aufgrund des zu unterschiedlichen Lebensrhythmus von Familien mit Kindern und älteren Menschen nicht bewährt“, beteuert Christian Struber, Geschäftsführer der Salzburg Bau, die sich des Seniorenwohnens in Salzburg angenommen hat.

Wohnen wie Studenten. Vor allem für alleinstehende Senioren, denen der eigene Haushalt über den Kopf zu wachsen droht, ist die ungewöhnliche Wohnform der betreuten Senioren-WG eine gute Alternative, um der Einsamkeit, etwa nach dem Tod des Partners, zu entgehen. „Wir nehmen Menschen ab Pflegestufe eins und ab 60 Jahren auf“, so Werner Kunert vom Verein Sozial- und Begegnungszentren (SBZ) in Graz. Das vom SBZ errichtete Haus im Grazer Stadtteil St. Leonhard bietet drei Seniorenwohngemeinschaften Platz und ist ab Oktober bezugsfertig.

Jeder Mieter verfügt dort über sein eigenes Reich, das wahlweise 15, 20 oder 22 Quadratmeter groß ist. Die Senioren teilen sich in ihrer WG nur die geräumige Wohnküche mit Terrasse, den Garten, zwei Bäder und drei WCs. Die monatlichen Kosten belaufen sich auf 641 bis 740 Euro. Einkommensabhängige Förderungen des Landes Steiermark drücken die tatsächlichen Kosten teilweise aber um bis zu 400 Euro. Einige Leistungen sind bereits im Preis enthalten. Im Haus selbst befinden sich neben einem Kaffeehaus noch das SBZ, der sozialmedizinische Pflegedienst und Pro Mente Steiermark. In Kooperation werden unterschiedliche Dienste angeboten, wie ein Hausnotruftelefon, regelmäßige Besuche eines Gerontologen, Hauswirtschaftskräfte, die helfen, den Alltag zu organisieren, aber auch Reinigungsdienste und Ähnliches. Spezielle Pflegedienste werden aber auch hier extra abgerechnet.

Das Konzept sieht allerdings vor, dass die Bewohner im Alltag so viel wie möglich selbst anpacken. Halbjährlich bespricht man mit den Hauswirtschaftskräften, welche Arbeiten selbst übernommen werden können und für welche man sich lieber Hilfe holt. Damit die Bewohner nicht kunterbunt zusammengewürfelt werden, besuchen die Betreuer künftige Bewohner zu Hause, um Einblick in gewohnte Lebensumfelder zu gewinnen und die Lebensgeschichten kennen zu lernen.

Pflege statt Eigentum. Doch ist es notwendig, im fortgeschrittenen Alter eine neue Bleibe in Betracht zu ziehen? Immerhin können Pflegedienste und Co auch im eigenen Heim in Anspruch genommen werden. „Die Mehrzahl der Senioren empfindet oft sogar den Umzug in eine betreubare Wohnung oder eine Seniorenresidenz immer noch als Abstieg und möchte, auch wenn es immer schwieriger wird, in dem Haus oder der Wohnung bleiben, wo man bereits die vergangenen Jahrzehnte verbrachte. Umso wichtiger ist Barrierefreiheit“, weiß Hermann Mayer, Leiter der Abteilung „Menschengerechtes Bauen“ vom Institut für Sozialdienste in Götzis in Vorarlberg: „Kurz nach der Pensionierung bauen viele mit der Abfertigung ihr Haus um. Sinnvoll ist, daran zu denken, dass man etwa das Bad so plant, dass man gegebenenfalls auch mit einem Rollstuhl in die Dusche kommt.“

Nachträgliche bauliche Umbaumaßnahmen wie ein barrierefreies Badezimmer, das sich platzmäßig oft nur realisieren lässt, indem ein weiterer Raum mit einbezogen wird, breitere Türstöcke, das Entfernen von Terrassenschwellen und Ähnliches sind allerdings alles andere als preisgünstig. Experte Mayer schätzt die Kosten auf das Zehnfache gegenüber von Anfang an mitgeplanten Annehmlichkeiten. Sind solche kostspieligen Maßnahmen tatsächlich nötig, und erfordern Haus und Garten immer mehr Kraft, sinkt die Hemmschwelle, in eine kleinere, auf die Bedürfnisse von Senioren zugeschnittene Wohnung zu übersiedeln.

Der Klientel von Gerald Gollenz, Geschäftsführer des Bauträgers Acoton, ist das offenbar sogar noch einiges wert. Seiner Erfahrung nach wächst nicht nur der Anteil der Älteren, die sich wegen der besseren Versorgung in spezielle Seniorenwohnformen einkaufen, sondern auch derer, die sich im fortgeschrittenen Alter noch etwas gönnen wollen und für den dritten Lebensabschnitt noch eine kleine, aber feine Innenstadtwohnung beziehen, nachdem sie der Kinder wegen jahrelang am Stadtrand lebten.

Gollenz errichtet gerade in bester Grazer Altstadtlage zwischen Universität und Oper das Wohnprojekt „leonhard.park“. Die 35 Wohnungen messen zwischen 33 und 107 Quadratmeter und verfügen über großzügige Terrassen. Die Gartenmaisonetten und Dachwohnungen sind zwischen 86 und 196 Quadratmeter groß. Die Preise bewegen sich dabei im Bereich um 2800 Euro pro Quadratmeter. Vor allem Ältere geben die langjährige Stadtrandexistenz auf und wählen pragmatisch eine Wohnung in der City, um Geschäfte, Ärzte und kulturelle Einrichtungen ums Eck zu haben. Von Pflegenotstand kann in diesen Fällen wirklich nicht gesprochen werden.

Von Ulrike Moser

Informationen zum Thema Pflegevorsorge, Förderungen und mehr finden Sie unter www.help.gv.at/Content.Node/36/Seite.360000.html

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