Wirf ihn an die Wand!

Der Titel Master of Business Administration (MBA) verlieh seinem Träger magische Macht. Sein Einzug in die Vorstandsetagen galt als sicher. Doch der Zauber wirkt nicht mehr, der Handel mit den drei Buchstaben floriert aber immer noch.

Direkt nach Beendigung seines Psychologiestudiums hat Marco Beckster einen guten Job als Berater bei Accenture bekommen. Doch nach einiger Zeit reichte ihm das nicht mehr. „Ich hatte das Gefühl, viel zu wenig über Wirtschaft zu wissen“, erzählt der 32-Jährige. Also schrieb sich der junge Berater an der SDA Bocconi in Mailand für das Studium zum Master of Business Administration (MBA) ein. 29.000 Euro hat er dafür investiert, lernt nun in geballter Ladung Buchführung, Marketing und strategisches Management und wird schon Mitte Dezember seine Ausbildung abschließen. Und dann? „Werden wir weitersehen“, meint Beckster. „Übertriebene Hoffnungen macht sich hier keiner.“ Denn obwohl die Bocconi zu den ersten MBA-Adressen in Europa zählt, sind die Perspektiven der Absolventen unsicher.

Sauteuer und wirkt nicht. Sind die Zeiten, in denen Studenten an Topschulen noch vor dem Abschluss zwischen mindestens drei Angeboten wählen konnten, endgültig vorbei?

Hauptabnehmer für die Mastertitel-Träger waren bislang vornehmlich Investmentbanken und Unternehmensberatungen. „Für unsere Branche ist eine solche Ausbildung, vor allem mit dem Schwerpunkt Finanzen, sicher von Vorteil“, meint Bernhard Ramsauer vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Und Nina Wessels, Recruiting-Director bei McKinsey & Co, will im kommenden Jahr „zweihundert Berater in Deutschland und Österreich einstellen. Dabei werden wir auf eine gute Mischung aus MBA-Absolventen, Doktoranden und anderen Hochschulabsolventen achten.“ MBAs dürfen sich bei Antritt gleich Associate nennen, während Berater mit einfachem Diplom den Status erst nach drei Jahren erreichen. Um in ein MBA-Programm einzusteigen, sollten die Kandidaten allerdings meist einige Jahre Berufserfahrung nachweisen, wenn auch nicht in der Beratung. Damit relativiert sich der große Vorteil rasch, denn auch die Vorstellung, ein Mastertitel würde das Gehalt in schwindelnde Höhen treiben, gehört ins Reich der Märchen. Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer weist darauf hin, dass es keine seriösen Studien gibt, die belegen, dass MBA-Absolventen dauerhaft mehr verdienen als vergleichbare Kollegen ohne Zusatztitel.

Der Markt für MBA-Absolventen ist offenbar längst nicht mehr, was er einmal war. „War der Master-of-Business-Administration-Abschluss noch vor ein paar Jahren sichere Eintrittskarte in die Topetage der Wirtschaft, so schauen Personalentscheider heute genauer hin“, heißt es im Newsletter der renommierten Beratungsfirma Kienbaum. Österreich-Geschäftsführer Alfred Kaltenecker versichert: „In kaum einem Anforderungsprofil steht jemals, dass ein MBA gewünscht wird. Für die Aufnahme als Kienbaum-Berater ist ein MBA-Titel keine Voraussetzung. Da zählen Berufserfahrung und Persönlichkeit.“

Mastertitel ist gleich Topkarriere, diese Gleichung funktioniert nicht mehr. Auch wenn sie den Studenten weiterhin vom ersten Schultag an eingeimpft wird. Das Ansehen des Titels ist angeschlagen, spätestens seit Ex-Enron-Boss Jeffrey Skilling damit prahlte, einer der besten Harvard-Absolventen zu sein, und mit dem späteren Enron-Skandal zu einem enormen Imageverlust der Schule beitrug. Aber vielleicht wird das Ansehen der renommierten Business School ja wieder aufpoliert, da die USA mit George W. Bush gerade einen waschechten Harvard-Absolventen wiedergewählt haben. „Das sagt weniger über Bushs intellektuelle Qualitäten als vielmehr über die Finanzierungscharakteristika amerikanischer Business Schools aus“, meint Manfred Reichl, Österreich-Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Roland Berger, bei dem 25 Prozent aller Mitarbeiter den Mastertitel haben. „In den USA werden die Unternehmensberatungen nach ihrem MBA-Prozentsatz beurteilt“, weiß Reichl, „in Europa spielt das keine so große Rolle, weil hier richtige Wirtschaftsuniversitäten existieren.“

Aber auch in den USA, wo jährlich mehr als 100.000 MBAler die Business Schools verlassen, sind die drei Buchstaben inflationär geworden. An den dreißig weltweit renommiertesten Business-Schulen hatten im vergangenen Jahr 36 Prozent der Absolventen beim Abschluss ihrer Ausbildung noch keinen Job, ergab eine Umfrage der „Business Week“.

Dabei hört sich der Titel von Fontainebleau, Wharton, Harvard oder der London Business School sicher international klingender an als jener von Krems oder Dornbirn – mag das Ausbildungsprogramm heimischer MBA-Anbieter auch noch so gut sein. „Wahrscheinlich macht es schon einen Unterschied, ob MBA Harvard auf der Visitenkarte steht“, glaubt Sal.-Oppenheim-Chef Ramsauer, „auch wenn das Qualitätsniveau sich womöglich gar nicht so wesentlich von anderen Business Schools unterscheidet. Internationale Brandnames sind halt immer gefragter.“ Die Latte für die Aufnahme in ein Masterprogramm wird allerdings durchaus unterschiedlich hoch gelegt. Ist für manche ein Hochschulabschluss samt Berufserfahrung erforderlich, braucht man für andere Programme nicht einmal ein Reifeprüfungszeugnis. Kienbaum-Chef Kaltenecker: „Es wird bei vielen keine Studienzulassungsberechtigung verlangt. Wenn ich auf die TU gehe, muss ich zumindest ein positives Maturazeugnis haben, bei den Business Schools geht mir die Qualifikationslatte ein wenig ab. Ich kenne genug Leute, die kein Vollstudium gemacht haben, aber einen MBA, damit sie auch eine Art Akademiker sind.“

Manager statt MBAs. Extreme Zwei-fel am Wert eines MBAs hegt Henry Mintzberg. „Mit dem Wissen aus den Business Schools scheitern Manager in der Wirklichkeit“, sagt der Management-Vordenker und Autor des Buches „Managers Not MBAs“. Was an den Business Schools gelehrt wird, hat kaum etwas mit der eigentlichen Arbeit eines Managers zu tun. Angehende Unternehmensführer lernten „alles über Marketing, Betrieb und Finanzen eines Unternehmens, aber nichts über Management“, meint der Professor an der McGill University im kanadischen Montreal. „Menschen, die nie etwas geführt haben, können nicht einfach zu MBAs werden, die glauben, sie können managen“, so Mintzberg. „Wir können keine Manager im Hörsaal schaffen.“ Vielleicht ahnt man das bereits in den Chefetagen, denn jene Manager, die Rat bei Beratungsfirmen suchen, verlangen dort niemals, von einem Master of Business Administration gecoacht zu werden. „Ich habe noch nie einen Kunden getroffen, der extra einen MBA verlangt hätte“, sagt Roland-Berger-Boss Reichl. Auch die hohe Praxisorientierung durch die intensive Auseinandersetzung mit Fallstudien, die an den Masterprogrammen immer wieder gelobt wird, hält Reichl für obsolet: „Das spezifische Arbeiten mit Case-Studies lernen Sie in der Beratung ohnehin in der täglichen Praxis.“ Was läuft falsch in den Business Schools, dass der bislang so begehrte Titel plötzlich derart kritisiert wird?

Das Problem mit der MBA-Ausbildung sei, sagt Mintzberg, „dass sie auf dem Gedanken des heroischen Managements aufbaut und ihn fördert: den Unternehmenschef, der eine visionäre Strategie ausarbeitet, die alle anderen umsetzen. Wohin das führt, haben wir ja gesehen, bei AT&T, Vivendi und AOL Time Warner.“ Er hält die Ausbildung generell für zu analytisch, zu instrumentengläubig, zu einseitig auf Shareholder Value fixiert. MBA-Programme zögen vor allem solche Leute an, die sich selbst überschätzen, und verstärkten diese Tendenz noch zusätzlich.

Aber auch in Europa warnen Experten bereits vor falscher Euphorie. Thomas Sattelberger, Personalvorstand des Automobilzulieferers Continental in Deutschland und ein profunder Kenner der internationalen Business-School-Szene, sagt: „Der MBA hat weltweit den Zenit überschritten, die Wirkung der Programme wird erheblich überschätzt.“ Das liegt wohl auch an der unüberschaubaren Zahl der Anbieter, die es mittlerweile gibt, meint Berndt May von J. P. Morgan Fleming: „Früher gab es ein paar Kaderschmieden, aber durch die Kommerzialisierung des MBAs ist der Wert stark geschwunden, der Titel überrascht nicht mehr.“ Allerdings glaubt er, dass mit der Fülle der Anbieter der Titel wohl auch leichter zu bekommen ist: „Wenn Anbieter Schwierigkeiten haben, jemanden zu finden, der bereit ist, von 20.000 Euro aufwärts zu zahlen, werden sie wohl auch jeden sofort durchkommen lassen, egal wie die Leistung ist.“ May selbst wollte trotzdem „aus purem Interesse“ ein Masterprogramm besuchen, hat es aus Zeitgründen jedoch bislang aufgeschoben – und „im Konzern würde es mir absolut nichts bringen“.

Hannes Pichler, Manager und Recruiting-Director der Boston Consulting Group (BCG) in Wien, hat seinen MBA 1999 nach seinem Studium an der Technischen Universität Wien absolviert und ihn als eine wertvolle wirtschaftliche Zusatzausbildung empfunden. „Ein MBA ist aber weder Voraussetzung für einen Einstieg noch für eine Karriere bei BCG“, sagt er. Als Vorteil für Business-School-Besucher bleiben immerhin noch die Netzwerke der Alumni-Clubs. Kienbaum-Geschäftsführer Kaltenecker: „Die Alumni-Listen sind sicher wichtig für richtiges ‚Networking‘. Wahrscheinlich ist es ein schlagendes Argument, auf derselben Schule gewesen zu sein.“ Und was, wenn es gerade nicht die passende war?

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