Wiener Wunder

Telekom-Flop hin, VA-Tech-Kampf her – Aktien österreichischer börsenotierter Gesellschaften sind bei internationalen Investoren beliebt wie schon lange nicht. trend zeigt, welche Papiere noch Kursfantasie haben.

Die wohl außergewöhnlichste Erfolgsstory des Jahres 2004 hat einen Namen. Er lautet: Wiener Börse. Mit einem Plus von rund 30 Prozent zwischen Jahresbeginn und Anfang September stellte der Wiener Aktienmarkt beispielsweise die New York Stock Exchange (minus 1,33 Prozent) und besonders die deutsche Börse (minus 4,54 Prozent) in den Schatten. Weniger erfreulich lief dann freilich der September, der zwischen 1. und 15. ein Minus von rund einem Prozent brachte. Beides – sowohl der flotte Anstieg als auch der sanfte Sinkflug – hat einen gemeinsamen Grund: das massive Engagement ausländischer Investoren.

Gabriele Werzer, Investor-Relations-Managerin der Erste Bank, sieht darin auch die treibende Kraft hinter dem Wiener Börsewunder: „Ohne die ausländischen Investoren wären die Kurse der in Wien notierten Unternehmen nirgends.“ Hans Fruhmann, Investor Relations Manager der Telekom Austria, kann das nur bestätigen: „Vor allem größere Unternehmen wie wir könnten ohne internationale Aktionäre nicht leben. Der österreichische Markt wäre bei weitem zu klein.“

Und die scheint es nicht einmal zu stören, dass die Geschehnisse rund um den Verkauf der Telekom oder der VA Tech wohl kaum internationales Format zeigen. Die nüchternen Zahlen geben den IR-Experten Recht: Zwischen etwa 20 und knapp 95 Prozent des Grundkapitals der wichtigsten in Wien notierten österreichischen Aktiengesellschaften befinden sich in den Händen internationaler Investoren.

Österreicher profitieren. Dass die Wiener Börse Kapital aus den wichtigsten Finanzzentren anzieht, ist das Ergebnis emsiger Bemühungen der Investor-Relations-Abteilungen, die alle größeren Unter- nehmen betreiben: Spezialisten, die nichts anderes zu tun haben, als kleine und vor allem größere Anleger bei der Stange zu halten. „Das Ganze ist ein gigantischer Wettlauf um internationales Investitionsvolumen“, beschreibt Gerhard Smoley, Investor-Relations-Manager der Bank Austria Creditanstalt, den Alltag in seinem Job. Österreichische Kleinanleger profitieren davon auf zweierlei Weise: erstens, weil der Zufluss ausländischen Kapitals eine massive Unterstützung für die Aktienkurse darstellt, zweitens: „Weil wir uns seit unserer Börsenotierung in wichtigen Punkten an der angelsächsischen Kultur orientieren. Hier geht es um Kommunikation, Governance und Compliance“, so Werzer.

Ausländische Anleger sind dabei zwar die Auslöser für den üppigeren Kommunikationsfluss, aber keineswegs die einzigen Nutznießer. „Das österreichische Börsegesetz sieht vor, dass alle Informationen, die ich einem Anleger gebe, auch allen anderen zugänglich gemacht werden müssen. Die Präsenz der Ausländer ist daher ein großer Vorteil für unsere österreichischen Anleger“, so Karl Heinz Knezurek, Sprecher der Austrian Airlines. Somit stellt allein schon die Tatsache, dass sich ausländische Aktionäre an einem österreichischen Unternehmen beteiligen, eine Art Gütesiegel dar. Nicht zu vergessen die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kapitalzuflüsse: Sie ermöglichen Investitionen in Österreich, die hier Arbeitsplätze schaffen, aber auch die Expansion in die neuen EU-Staaten.

Gegenwind. Freilich gibt es da auch immer wieder Schattenseiten, und diese bekamen die Anleger in den vergangenen Wochen zu spüren. Fall eins: Der geplatzte Deal zwischen Telekom Austria und der Swisscom. Als die ersten Gerüchte über eine mögliche Beteiligung der Schweizer am ehemaligen österreichischen Telefonmonopolisten kursierten, schnellte der Telekom-Austria-Kurs kräftig in die Höhe. Das Platzen des Deals setzte eine Gegenbewegung in Gang und stutzte die österreichische T-Aktie wieder auf „normales Maߓ zurück. Fall zwei: VA Tech. Hier scheiterte eine offenbar geplante Übernahme durch den Konkurrenten Siemens ebenfalls am politischen Widerstand, und zwar mit ähnlichen Wirkungen auf das Kursbild: Einem kräftigen Plus folgte die Ernüchterung.

„Auch wir haben schon kräftigen Gegenwind zu spüren bekommen“, erinnert sich Erste-Bank-IR-Managerin Werzer an Probleme mit der internationalen Klientel. Der Anlassfall war aus heutiger Sicht eher kurios: „Als wir 2001 die Expansion nach Zentraleuropa begannen, haben wir fast unsere gesamte Aktionärsbasis in den USA verloren.“ Für die Amerikaner schienen massive Investments im einst kommunistischen Osteuropa zu riskant und zu wenig aussichtsreich. Dabei erwies sich gerade dieser Schritt – begonnen mit der glücklichen Übernahme der Ceska Sporitelna durch die Erste Bank – als Segen für das Institut.

Eilige Rückkehr. Doch die Amerikaner haben rasch verstanden, was da läuft: Heute liefern die zentral- und osteuropäischen Staaten (CEE) den wichtigsten Beitrag zum Gewinn der einstigen Sparkasse. Eilig kehrten auch die Amis wieder zurück: „Derzeit befinden sich rund 16 Prozent unserer Aktien in US-Besitz“, weiß Werzer. Weitere 15 Prozent halten Briten und Iren – was die angelsächsisch inspirierte offene Kommunikationskultur erklärt.

Abgesehen vom spektakulären Platzen der Übernahmen bei Telekom und VA Tech, werden Verschiebungen in der Aktionärsstruktur oder geplante Verkäufe – wohl wegen deren kursmanipulierender Wirkung – meist eher diskret behandelt. Dass aber selbst ein Anteilsverkauf durch Ausländer keine Katastrophe sein muss, zeigt der Fall AUA. Anfang August gab die britische Fondsgesellschaft Gartmore bekannt, dass sie ihren Anteil an der AUA von 5,12 Prozent auf 4,93 Prozent reduziert habe. Erst im März war Gartmore bei der AUA eingestiegen. Eine nachhaltige Beschädigung des AUA-Kurses durch diese Transaktion konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Umgekehrt ließen sich weder Kursniveau noch Marktkapitalisierung der Wiener Börse ohne Ausländer halten. Wieder am Beispiel der Erste Bank: Zum Börsengang lag die Marktkapitalisierung bei 1,8 Milliarden Euro, derzeit sind es über sieben Milliarden, wobei rund zwei Drittel der Liquidität (Free Flow) bei internationalen Investoren liegen.

Erding Benli gehört zu jenen internationalen Investoren, die den österreichischen Aktienmarkt am besten kennen. Als Manager des Swissca Austria, des einzigen im Ausland aufgelegten Österreich-Fonds, ist er voll Lob für die Performance des Wiener Marktes. Vor rund acht Jahren entschlossen sich die Schweizer zur Auflage verschiedener Länderfonds. Neben Deutschland, Italien und Frankreich erblickte auch ein Österreich-Fonds das Licht der Anlegerwelt. Benlis Urteil zu dieser Entscheidung lässt keine Zweifel aufkommen: „Das war super – die beste Performance.“

Einflussnahme stört. Etwas differenzierter fällt aber sein Urteil über einige Besonderheiten der Wiener Börse aus. Was ihm weniger gefällt: „Unternehmen mit einer bestimmenden Investorengruppe, die dann den Ton angeben will.“ Die klassischen österreichischen Familien-AGs fallen in diese Kategorie. Und was ist mit den Unternehmen mit Staatsbeteiligung? Die Antwort fällt überraschend aus: „Das stört uns a priori nicht, wenn der Staatsanteil nicht so groß ist, dass er die Liquidität beeinträchtigt.“ Doch im Fall Telekom artikuliert der Schweizer leise Kritik: „Da war doch politischer Einfluss im Spiel, das ist wahrscheinlich nicht so günstig.“

Einen Einfluss anderer Art üben die internationalen Fonds aus. Der kalifornische Pensionsriese Calpers versorgt bisweilen auch Vorstände großer Unternehmen, in die er die Pensionsgelder der kalifornischen Staatsangestellten investiert, mit guten Ratschlägen. So nahm auch die weltweite Diskussion über Vorstandsgehälter und Aktien-Optionsprogramme für Manager in den USA ihren Ausgang – und zwar, weil die Topleute den Fondsmanagern angesichts dürftiger Aktienperformances zu üppig verdienten.

„So aktiv mischen wir uns da nicht in die Diskussion ein“, beschreibt Friedrich Erhart von der Capital Invest, Manager des mit einem Volumen von rund 200 Millionen Euro größten Österreich-Fonds „Austria Stock“, die Einstellung der meisten österreichischen Großaktionäre. Wolfgang Matejka, Chief Investment Officer der Meinl KAG, differenziert hier freilich: „Es kann durchaus sein, dass kleinere Fonds offensiver auftreten.“ Das Naheverhältnis zu einer Bank, die eine Aktiengesellschaft betreut, könne möglicherweise allzu „vorlaute“ Fragen verhindern. Auch die jeweilige Fondsgröße spielt da eine gewisse Rolle. „Dem Management eines großen Unternehmens auf die Finger klopfen? Das spielt’s doch eher nicht“, meint Jürgen Lukasser von der Constantia Privatbank, deren Kapitalanlagegesellschaft mit dem „Vorsorge-Fonds“ einen Österreich-Fonds mit 40-prozentigem Immobilienanteil betreibt.

An der Performance sind in- und ausländische Investoren gleichermaßen interessiert. Auch hier wirkt eine Auslandsbeteiligung als Druckmittel für das Management. „Internationale Fonds messen ein Unternehmen immer auch am Börsenkurs. Seit wir mehrheitlich im Streubesitz stehen, hat sich das verstärkt“, so Thomas Melzer, für die Investor Relations bei Wienerberger zuständig. Früher konnte sich die Führungs-Crew an einen Hauptaktionär anlehnen. „Heute wird das Management schlicht am Börsenkurs gemessen“, so Melzer. Das schaffe einerseits einen deutlich größeren Spielraum für strategische Entscheidungen, „es bedeutet andererseits aber auch mehr Verantwortung“. Eine Verantwortung, die Anleger vor allem an der Kursentwicklung messen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente