Wien im Höhenrausch

Mit neuen Höchstkursen startete die Wiener Börse ins Jahr 2005. Doch Analysten warnen vor zu großer Euphorie – die Suche nach unentdeckten Aktien-Perlen wird immer mühsamer.

Selten waren sich Österreichs Top-Aktienanalysten so einig: „Mit diesem Tempo hat niemand gerechnet“, kommentiert Roland Neuwirth, Österreich-Analyst der Deutschen Bank (Österreich), die Rekordjagd des Wiener Aktienindex ATX in den ersten beiden Monaten des Jahres. „Man hat eindeutig das Tempo der Hausse unterschätzt“, gibt sich Birgit Kuras, Chefanalystin der Raiffeisen Centrobank (RCB), selbstkritisch. „In dieser Form konnte man mit dem Aufschwung nicht rechnen“, konzediert auch Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank, übergroße Vorsicht. „Die Dynamik im ersten Quartal ist größer, als zu erwarten war“, sieht schließlich auch Friedrich Glechner, Chefanalyst der Volksbanken AG (ÖVAG), eine gewisse Schwäche in den Prognosen. Fazit: Die Wiener Börse hat mit ihrem fulminanten Start in das Jahr 2005 so gut wie alle überrascht.

Keine Verschnaufpause. Nach einem Gewinn des Wiener Aktienindex ATX um 57 Prozent im vergangenen Jahr hatten Fondsmanager und Analysten mit einer Verschnaufpause zumindest im ersten Quartal 2005 gerechnet – und waren damit gründlich schief gelegen. Der Februar brachte neuerliche Indexrekorde, und bereits nach wenigen Wochen waren einige der Prognosen, die eigentlich bis zum Jahresende hätten halten sollen, pulverisiert.

„Die Hausse nährt die Hausse“, sucht Birgit Kuras nach Erklärungsmodellen für das Unerwartete. Allein schon der Schwung, den die Aktienkurse aus dem vergangenen Jahr mitnehmen konnten, habe für die weiteren Kursgewinne gesorgt. Zahlreiche Anleger handeln nach dem Motto: „the trend is your friend“, und so läuft die Hausse praktisch aus eigener Kraft – unterbrochen von Schwächephasen, die bislang freilich noch keine markante Trendwende signalisierten. Wie lange läuft die Börse noch? „Bis es die ersten Enttäuschungen aus den Unternehmen gibt“, versucht Kuras eine Antwort, „und die sind derzeit nicht in Sicht.“

Zu jenen, die dem Wiener Aktienmarkt schon frühzeitig beachtliches Potenzial eingeräumt hatten, zählt Deutsche-Bank-Analyst Roland Neuwirth. Seiner Meinung nach wurde das Fundament für die aktuellen Top-Kurse bereits vor rund sieben Jahren gelegt. „Damals hat es geheißen, der Wiener Aktienmarkt ist tot. Niemand hat sich für österreichische Aktien interessiert, es gab eine schlechte Liquidität, das Berichtswesen war schwach, ebenso die Transparenz. Aber die Firmen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Jetzt passt alles zusammen: professionelles Reporting, hervorragende Investor Relations, klar strukturierte Geschäftsmodelle, solides Management – das spricht für die Wiener Börse“, schwärmt Neuwirth, als bester Wien-Analyst ausgezeichnet. „Noch vor Jahren wurden wir belächelt, wenn wir über Wiener Aktien berichtet haben – das hat sich gründlich geändert.“

Ins Schwärmen gerät auch Erste-Analyst Mostböck – vor allem, wenn es um die im Aktienindex ATX zusammengefassten Aktien geht. „Es gibt nicht ein einziges ATX-Unternehmen mit schlechtem Management“, lobt Mostböck Österreichs Vorstände. Doch das ist nur ein Grund für den nachhaltigen Optimismus, der Wiens Aktien in die aktuellen Regionen katapultierte. Zwar weckt ein fast 50-prozentiger jährlicher Indexgewinn den Verdacht, es könnte sich um eine rein spekulative Hausse handeln, doch im direkten Vergleich mit der Technologie-Blase, die im Jahr 2000 platzte und eine mehrjährige Baisse einleitete, steht das Wiener Aktienwunder auf festen Beinen, die auch noch die Kursgewinne des heurigen Jahres zu tragen imstande waren. Schon im Jahr 2003 meldeten die ATX-Unternehmen ein 42-prozentiges Gewinnwachstum, und vergangenes Jahr legten die Gewinne dann um weitere 46 Prozent zu.

Überdurchschnittlich. „Diese Zahlen liegen weit über dem europäischen Durchschnitt und sind letztlich der Grund dafür, dass die österreichischen Aktien diese Performance zeigen“, meint Neuwirth, der aber noch einen anderen Grund für das wachsende Interesse am Wiener Aktienmarkt ortet. „In den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hat jeder, ob Privater, Fonds oder Versicherung, nur die großen Aktien, die Large Caps, gekauft. Damit sind dann alle auf die Nase gefallen, und die Anleger haben daraufhin die Perlen aus der zweiten und dritten Reihe gesucht. Die vergangenen zwei bis drei Jahre waren europaweit eindeutig die Periode der Small Caps“ (Aktien mit relativ geringer Marktkapitalisierung – Anm.).

Selbst das erklärt freilich noch nicht den Schwung, den die Wiener Aktien bis ins heurige Jahr mitnehmen konnten. Das Schlüsseldatum für ein Verständnis, was Wiener Aktien treibt, ist der 1. Mai 2004 – der Beitritt der wirtschaftlich leistungsfähigsten Transformationsstaaten wie Tschechien, Ungarn, Slowenien, Polen und der baltischen Staaten zur EU. Dass Österreichs Unternehmen in diesen Staaten über eine hervorragende Position verfügen, beflügelte die Ostfantasie der in Wien notierten Aktien. Der Kursverlauf um den 1. Mai 2004 fiel dementsprechend vorhersehbar aus. Im Vorfeld des EU-Beitritts kam es zu kräftigen Kursgewinnen an der Wiener Börse, nach dem 1. Mai gingen die Kurs zurück, gemäß dem Motto: „sell on good news“ (verkaufen bei guten Nachrichten). Die Anleger hatten sich offenbar darauf eingestellt, dass die Fantasie mit dem tatsächlichen Beitritt aus den Kursen bereits draußen sei – an sich ein vernünftiger Grund, um Kasse zu machen.

„Die Gewinne aus dieser Region fließen aber natürlich immer noch, und sie werden auch in Zukunft weiter fließen“, erläutert Erste-Chefanalyst Mostböck, warum jene, die sich damals auf der Verkäuferseite fanden, ganz einfach falsch lagen – eine Erkenntnis, die sich relativ rasch auch unter den Anlegern durchsetzte. Als der erwartete kräftigere Kursrückgang nach dem 1. Mai des vergangenen Jahres ausblieb, ging die Hausse erst so richtig los.

„Die Osteuropageschichte ist keineswegs vorbei“, sieht auch Neuwirth Argumente für die internationale Klientel, weiter in Wien zu investieren. „Es ist wirklich eine einzigartige Chance: Die Region liegt vor unserer Haustüre, und die EU päppelt die Wirtschaft auf.“ Wenigstens drei Viertel der ATX-Unternehmen verfügen über lukrative Geschäftsbeziehungen in die Region, die mit weitaus flotterem Wirtschaftswachstum lockt als die „alte“ EU.

Dividende gefragt. Doch auch ein etwas gemächlicheres Wachstumstempo hat seine Anziehungskraft. „Österreichische Unternehmen können sich in so einem Umfeld sehr gut behaupten“, meint Neuwirth, der eine weitere Beobachtung gemacht hat, die für österreichische Aktien spricht: „In den 90er-Jahren hat kein Mensch nach einer Dividendenrendite gefragt. Das hat sich aber geändert. Zumindest jeder zweite Anleger fragt heute, und wahrscheinlich schaut jeder Anleger drauf.“ Und mit einer Dividendenrendite von 2,3 Prozent brauchen sich die österreichischen Aktien keineswegs verstecken – Sparbücher mit täglich fälligen Einlagen bringen meist weniger.

Dennoch werden die vorsichtigen Stimmen immer lauter. „Wir sind relativ skeptisch, was die weitere Entwicklung betrifft“, warnt ÖVAG-Analyst Glechner. „Derzeit sind die österreichischen Aktien mit dem rund 17fachen ihres Jahresgewinnes – bezogen auf die Gewinne 2004 – bewertet, die Aktien im Frankfurter Aktienindex DAX dagegen nur mit dem 15fachen. Deutsche Aktien sind also billiger als österreichische – und dabei sind die österreichischen Unternehmen vergleichsweise klein.“

Friedrich Mostböck, jahrelang einer der größten Optimisten, sieht in der Börse „keine Einbahnstraße. In dem Tempo wie 2004 wird es heuer wohl nicht weitergehen.“ Dagegen spricht nicht nur das Gefühl der Analysten, sondern auch die Gewinnentwicklung für das heurige Jahr. Zwar dürften die Gewinne heuer immerhin knapp unter 20 Prozent wachsen, dies bedeutet aber dennoch mehr als eine Halbierung des Gewinnwachstums, bezogen auf 2004. Und für 2006 geben sich die Analysten ganz besonders skeptisch: Um magere 0,5 Prozent soll der Gewinn kommendes Jahr wachsen – für eine Fortsetzung des Wiener Börsewunders wäre das eindeutig zu wenig.

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