Wer mag einen Mini-Mag.?

Die ersten Absolventen des neuen betriebswirtschaftlichen Kurzstudiums erhielten ihre akademischen Titel: die „Bakkalaureaten“. Doch offene Arme dürfen sich die Schmalspurakademiker nicht erwarten.

Wer im ersten Halb-stock des Haupt-gebäudes der Universität Wien die Türen des Rektorenzimmers hinter sich verschließt, tritt augenblicklich in eine andere Welt. An den acht Meter hohen Wänden hängen überlebensgroße Porträts honoriger Rektoren aus vier Jahrhunderten. Am Rand, verloren im Pomp ehemaliger Kaiserzeitrelikte, versinkt der Besucher in schweren Lederfauteuils; die meterdicken Mauern sperren den Lärm, die Hektik und die schnelle Veränderung hermetisch ab.

Rektor Georg Winckler, der die größte deutschsprachige Universität in das 21. Jahrhundert führen soll, ist jedoch ein Mann der Tat, der die Signale der Außenwelt, die Probleme seiner 8500 Mitarbeiter und 63.000 Studenten auch in der abgeschirmten k. u. k. Idylle hört.

Buntes Treiben. An Europas Universitäten herrscht ein Bildungschaos. Schon in den deutschsprachigen Nachbarländern verstehen weder Arbeitgeber noch die Universitäten selbst Inhalte, Ziele und den Aufbau vergleichbarer Studienrichtungen. Es gibt keine europäische Vergleichbarkeit, zu wenig Anpassung an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und keine transparenten Inhalte.

In Bologna einigten sich 1999 Europas Bildungsminister, dem bunten Treiben ein Ende zu setzen und die Bildungslandschaft zu harmonisieren.

„Alle Kritikpunkte treffen auf Österreich zu“, weiß Winckler. Er sieht, dass die tatsächliche Studiendauer erheblich von der vorgeschriebenen abweicht: „Es ist die große Ausnahme, wenn jemand das Studium im Rahmen der gesetzlichen Zeit schafft.“ Welche Leistungen jemand im Einzelnen erbringen müsse, um den Studienabschluss zu bekommen, sei bisher für Außenstehende nicht klar zu erkennen. „Auch die Frage nach der Employability wurde nicht konsequent genug gestellt“, setzt Winckler nach. Damit ist klar, der Vater der Alma Mater Rudolphina lebt nicht im Elfenbeinturm. Er sorgt sich, ob seine akademisch gebildeten Söhne und Töchter am Arbeitsmarkt bestehen können.

Spätestens seit der österreichischen Studienreform 2002 müssen daher die österreichischen Universitäten Ordnung in die Vielfalt bringen und sich an den Bedürfnissen der Arbeitswelt orientieren. Neue Studiengänge werden nur zugelassen, wenn sie ein streng vorgegebenes Arbeitsausmaß aufweisen und sich dem neuen dreiteiligen Studienmodell unterwerfen, das da lautet: Drei Jahre für den ersten Abschluss, das Bakkalaureat, dann eineinhalb bis zwei Jahre für den zweiten Teil, das Magisterium. Anschließend ein Doktoratsstudium. Nun gibt es also auch ein Schmalspurstudium, den kleinen Herrn Magister, den Mini-Mag.

Künftig soll es beim Bakkalaureat europaweit nur noch 30 verschiedene Studienrichtungen geben.

Österreichs Unis zeigen sich als fleißige Reformer. Die Wirtschaftsuniversität experimentiert mit dem neuen Bakkalaureatsstudium Wirtschaftsinformatik, die Hauptuniversitäten in Wien und Graz bieten auch Betriebswirtschaft mit den neuen verkürzten Curricula an. Inzwischen sind österreichweit fast ein Fünftel aller Studien umgestellt. Stellen sich nur die Fragen: Sollen sich die Studenten auf das Experiment einlassen? Sind die Mini-Mag.s am Arbeitsmarkt auch gerne gesehen?

Zu wenig Intellekt. Für Gutrin Gabriel, der sich bei der Inskriptionsberatung am Betriebswirtschaftszentrum (BWZ) der Uni Wien in Floridsdorf, am Rande der Stadt, die letzten Studienplandetails holt, ist die Sache klar. „Ich will ein internationales Studium, mit dem ich schon bald im Osten arbeiten kann“, sagt der 20-Jährige. Seine Sprachkenntnisse in Russisch, Ungarisch und Englisch werden ihm dabei helfen. Ein internationaler Abschluss „Bakk.soc.oec.“ auch? „Vermutlich nicht“, mutmaßt er, „nur ein richtiges Studium zum Magister zählt etwas.“ Am BWZ der Uni Wien stehen ihm die alte und die neue Studienoption offen. Seine Einschätzung trifft im titelverliebten Österreich genau ins Schwarze.

Markus Knöss, Chef des Management Recruiting bei Unilever, weiß, dass sein Konzern bei WU-Absolventen zu den beliebtesten des Landes gehört, weil er den „High Potentials“ die schnellen Aufzüge nach oben bietet und den Weg ins Ausland ebnet. Und sein Urteil ist eindeutig: „Wir wollen die Besten der Besten.“ Könnten das auch ein Bakkalaureus oder eine Bakkalaurea sein? „Bei uns zählen Leistung und intellektuelle Reife“, so Knöss, „ein Bakkalaureat reicht nicht aus, um das darzustellen.“ Der Multikonzern hat es leicht. 580 hoch qualifizierte Bewerber versuchen jedes Jahr eine der offenen zehn Stellen zu ergattern. Warum sollte sich also Unilever mit weniger als einem Magistertitel zufrieden geben? Auch in der Beratungsbranche wird viel Wert auf die beste Ausbildung gelegt. Nicola Szekely, Berater bei Roland Berger: „Wir haben sehr hohe Kriterien. Ich glaube daher nicht, dass wir Bakkalaureatsabsolventen aufnehmen werden. Eher werden wir die Kriterien nach oben schrauben.“

Alles neu. Zwischen der europäischen Wissenschaftspolitik, dem Eifer der Unis und der Realität des Arbeitsmarktes klafft eine große Wissenslücke.

Das BWZ der Universität Wien etwa hat das Betriebswirtschaftsstudium komplett durchforstet und das Totholz weggeräumt. „Wir bieten dem Arbeitsmarkt nun Studierende an, die fundierte Allrounder sind und im dritten Studienjahr schon eine Vertiefung belegt haben“, erklärt Engelbert Dockner, der Vorsitzende der Studienkommission Betriebswirtschaft. Statt der Spezialisierungen auf Marketing, Finanzen, Produktion oder Personal sind es nun die Schwerpunkte „Ma-nagement“, „Wirtschaftsrecht“ oder „e-Economy“. Eine Anpassung, die sich bemüht, den Wünschen der Wirtschaft zu entsprechen.

Auch Christoph Badelt, der neue Rektor der WU Wien, ist ein enthusiastischer Befürworter der neuen Bildungsarchitektur und will sich dafür einsetzen, alle Studienrichtungen auf das dreistufige Modell umzustellen. „Es macht Sinn, den ersten Durchgang zu verkürzen, früher ins Berufsleben einzutreten und dann immer wieder zur Weiterbildung zurückzukehren“, so Badelt.

Das Ziel müsste eigentlich allen gefallen. Es wird jüngere Akademiker in Österreich geben. Nach dem Kurzstudium belegen sie Traineeprogramme in der Wirtschaft, finden ihre eigenen Stärken und Interessen heraus und kommen dann an die Uni zur gezielten Erforschung ihres Spezialgebietes zurück. Ähnliche Modelle laufen bereits in Frankreich, Spanien, Großbritannien und den USA sehr erfolgreich.
„International wird dieses Studiensystem viel besser als das aus Kontinentaleuropa verstanden“, bestätigt Winckler, „aber es fehlen hier die Signale der heimischen Arbeitgeber. Solange das so ist, werden sich die künftigen Arbeitnehmer sehr genau überlegen, ob sie in die neuen Studien gehen.“
Die Studenten spüren die Skepsis der Arbeitgeber. Tatsächlich wechselten in Österreich erst fünf Prozent von ihnen in das neue System.

Für Mutige. Sogar der Staat selbst legt sich als einer der größten Arbeitgeber für Akademiker noch nicht fest. Es ist unklar, ob das Kurzstudium etwa für den Lehrberuf qualifiziert. „Wer eine akademische Tätigkeit ausübt, der wird auch danach besoldet“, orakelt Susanne Haunold-Thiel, im Bundeskanzleramt als Leiterin der Abteilung III/2 – Kompetenzcenter A – für solche Fragen zuständig. Ob die Tätigkeit nach einem Kurzstudium tatsächlich akademisch bewertet wird – oder eben nicht –, kann und will sie nicht entscheiden. Die Entscheidung hätte jedoch erhebliche Auswirkungen: Im öffentlichen Dienst verdient der Jungakademiker mit monatlich 1921,10 Euro um 30 Prozent mehr als der Maturant (1483,4 Euro).

Die ersten Bakkalaureatsstudenten werden sich also auf ein Experiment einlassen. Ihr Mut und ihre Entschlossenheit sollten ihnen auch bei der Jobsuche helfen. Gerade diese Stärken werden in der Praxis, im Alltag des Berufslebens, noch mehr zählen als ihr Uni-Zeugnis. „Ein Bakkalaureat ist bei uns sicher kein Knock-out-Kriterium“, definiert etwa Elisabeth Schüller-Ramssl, Recruiting-Leiterin der Erste Bank. Letztendlich sei die Persönlichkeit wichtig, so wie eine Auslandserfahrung, die Fähigkeit im Umgang mit Großkunden oder Fremdsprachenkenntnisse. Mit einem Bakkalaureat würden guten Bewerbern die Traineeprogramme der Bank dann offen stehen. Das Gehalt wird zwischen dem eines HAK-Absolventen (1500 Euro) und dem eines Vollakademikers (2264 Euro) liegen.

Auch in der Industrie will man den etwas jüngeren Absolventen die Türen nicht von vorneherein verschließen. „Bevor man das Studium abbricht, ist ein Bakkalaureat sicher besser. Ein Abbruch deutet auf mangelnde Selbstdisziplin und mangelnden Intellekt hin“, so Georg Horacek, Personalmanager bei der OMV. Aber auch hier werden die Einstiegsgehälter etwa 20 bis 30 Prozent unter denen der Vollakademiker liegen. Bei den Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern Deloitte&Touche, KPMG und PriceWaterhouse betonen die Personalmanager, dass die Qualifikationen und die Studieninhalte der neuen Programme schon bald einer sehr genauen Prüfung unterzogen würden, mit dem wahrscheinlichen Ergebnis: Warum eigentlich nicht?

Karriereexperte Peter Gusmits, Geschäftsführer von Helmut Neumann Managementberatung, hat ein paar ermutigende Worte für die Pioniere: „Kein Mensch hat vorhergesehen, dass die Nachfrage nach Fachhochschul-Absolventen alle Erwartungen übertreffen würde. Irgendwann werden auch die Firmen einsehen, dass nur Persönlichkeit zählt und ob der Bewerber einen Abschluss hat. Ob Mag., Mag (FH) oder Bakk., das ist dann nur noch von nachrangiger Bedeutung.“

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