Weltliteratur für Manager

Versuch einiger Empfehlungen für Spitzenkräfte, die auch von Romanen einen Zusatznutzen verlangen.

„Literatur ist die einzige Möglichkeit, auf angenehme Weise in einem Leben tausend Leben zu leben.“ Adam Bronstein

In einem früheren trend-Essay war die Rede vom Wert des Nutzlosen. Es sei nicht auszuschließen, dass Freizeitbeschäftigungen, die weit abseits vom Beruf liegen, auf geheimnisvolle Weise vorteilhafte Wirkungen zeigten. Erstens, weil sie bessere Entspannung versprächen. Zweitens, weil auch berufsfernes Wissen sich zu einer Wolke verdichte, aus der es eines Tages fett regne, was auch die beruflichen Äcker befruchte.

Daher sollte man, wenn von Literatur für Manager die Rede ist, am besten über Lyrik sprechen, da Gedichte im Allgemeinen mit dem beruflichen Alltag nichts zu tun haben.

Dieser Lyrik-Essay wird noch geschrieben werden. Diesmal aber nehme ich Rücksicht auf die Tatsache, dass man die meisten Führungskräfte nur zu einer Literatur verführen kann, die Zusatznutzen verspricht.

Es ist ja leider so:
nViele Manager lesen überhaupt nimmer. Wenn sie sich in der Freizeit entspannen, wählen sie als Medium das Fernsehen. Das ist unklug, weil es keine Kopfarbeit verlangt und zu geistigen Ermüdungsbrüchen führt.

nJene, die noch lesen, wählen zum Gutteil Bücher der Sachliteratur. Das kann eine gute Idee sein, muss aber nicht. Erstens sind viele Sachbücher eine Frechheit. Sie bieten um viel Geld wenig, da meist ein kleiner, zentraler Gedanke zu einem Buch ausgedehnt wird – man schmiedet ein Goldnugget zu einer riesigen Schaufel. Zweitens machen selbst gute Sachbücher nervös: Sie erinnern in der Freizeit an den Beruf, sogar an berufliche Versäumnisse und führen demgemäß zu keiner Erholung, sondern zu einer Gastritis.

Hier der erste Tipp: Wer ein so starkes Nützlichkeitsdenken hat, dass er selbst im Urlaub Sachbücher lesen muss, sollte zu Biografien greifen. Diese vermitteln viel geschichtliches Verständnis und Wissenswertes aus dem Fach des Porträtierten. Die besten Biografien sind auch eine Brücke zur Literatur, weil sie ambitioniert geschrieben sind.

Zwei Beispiele dafür: „Sartre“ (Untertitel: „Der Philosoph des 20. Jahrhunderts“) von Bernard-Henri Lévy oder die Autobiografie von Arthur Miller: „Zeitkurven“. Anmerkung: Ich nenne bei den Empfehlungen in diesem Essay bewusst keine Verlage. Erkundigen Sie sich bei Ihrem erstklassigen Buchhändler oder im Internet, oft gibt es schon billige Taschenbuchausgaben der genannten Titel, die meist unter einem anderen Verlagsnamen als das Original erscheinen.

Um bei den beiden Biografie-Beispielen zu bleiben: Neues Wissen über die philosophische Welt Sartres und die dramatische Welt Millers verspricht zwar auch keinen direkten beruflichen Nutzen, macht den Manager aber beim Dinner mit wichtigen Geschäftsfreunden zu einem interessanten Gesprächspartner, was fürs Business manchmal vorteilhafter ist als die harten terms of trade.

Zur reinen Literatur mit Zusatznutzen: Hier unterscheiden wir direkten Zusatznutzen und modernen Zusatznutzen. Eher primitiv und plakativ ist der Benefit jener Bücher, die direkt in der Welt der Wirtschaft spielen. Modernen Benefit hingegen liefern Bücher, die dem heutigen Bedürfnis nach weichen Führungsfaktoren und „emotionaler Intelligenz“ entgegenkommen.

Zur ersten Sorte: Es gibt erstaunlich viele Romane, deren Schauplatz ein Konzern ist, nur werden sie von Literaturfachleuten selten unter Weltliteratur oder höhere Literatur gereiht. Das gilt beispielsweise für die einstigen Hyper-Bestseller von Harold Robbins, in denen es meist um Sex, Macht und Geld ging, angefangen bei seinem Erstlingserfolg „Die Unersättlichen“, und reicht in die Jetztzeit zu den kaninchenhaft produzierten Juristen-Abenteuern von John Grisham, die in arglosen Lesern den Eindruck vertiefen, speziell die großen Konzerne seien durchwegs Schweineställe.
Es gibt aber auch wohltuende Company-Romane, die wegen ihrer Realitätsnähe geschätzt werden, beispielsweise die gut geschriebenen und erstklassig dramatisierten Romane von Arthur Hailey. Sein hervorragend verfilmter Erstlingserfolg „Hotel“ zeigte erstmals die erstaunliche Komplexität einer großen Herberge internationalen Zuschnitts. Auch seine Bücher über Pharmazie und Energiewirtschaft wirkten außergewöhnlich gut recherchiert.

In der dünnen Spitze der Weltliteratur führt in diesem Genre unangefochten der Wälzer „Buddenbrooks“ von Thomas Mann. Die äußeren Merkmale der darin beschriebenen Hanse-Dynastie entsprechen zwar im Detail nicht mehr den heutigen, doch die inneren Konflikte im Zuge eines Gesellschaftswandels sind frisch wie am ersten Tag, etwa die Hofübergabe von Generation zu Generation.

Wunderbare Literatur für den einsam strebenden Kämpfer in der Wohlstandswelt bieten die Romane John Updikes rund um den fehlerhaften, sympathischen Haupthelden Harry Angstrom, dessen Spitzname „Rabbit“ berühmt wurde. Schon über den ersten der vier, im Abstand von zehn Jahren geschriebenen Rabbit-Romane, er hieß „Hasenherz“ und erschien 1960, stand in der „New York Review of Books“: „Ein bemerkenswerter Triumph der Klugheit und des Mitgefühls. ‚Hasenherz‘ ist weit entfernt von jener arroganten Herablassung, die so viele Romane dieser Art missraten lässt.“

Sehr viel früher zeigte in Europa ein Franzose größtes Interesse an prototypischen Wirtschaftstreibenden, Honoré de Balzac in seinen vielen, innerlich verbundenen Werken, die in Summe als „Comédie humaine“ gelten, seine „Menschliche Komödie“.

Eher nur wirtschaftshistorisch interessant, dies aber auf berührende Weise, sind die Romane von Charles Dickens wie „David Copperfield“ und „Die Pickwicker“, die uns die Welt der industriellen Revolution plastisch näher bringen.

Die zweite Sorte Weltliteratur, jene, die Interessantes über die heute wichtigen weichen Erfolgsfaktoren (Ethik, Anstand, Einfühlungsvermögen, Selbstkontrolle, Moral in der Macht) zu sagen hat, ist naturgemäß unendlich. Eigentlich kann man blind davon ausgehen, dass jeder hervorragende Roman irgendein Thema dieser Art aufgreift.

Jeder Shakespeare hat damit zu tun, und Goethes „Faust“ blieb auch deshalb unvergessen, weil er den immergrünen Konflikt des „Verkaufs der Seele“ besser als jeder andere Autor beschrieb. Es gibt da die Anekdote, eine spät für Literatur entbrannte Managerin habe nach erstmaliger „Faust“-Lektüre ausgerufen: „Solche Stücke sollte man öfter verfassen!“

Viele Romane, die mit leichter, erzählender Hand moralische Grundstellungen abhandeln, sind auch Zeugnis eines geschichtlich-gesellschaftlichen Bruchs. Jerome Salingers „Der Fänger im Roggen“ ist die erste geniale Ahnung einer späteren Aussteiger-und-Außenseiter-Kultur junger Leute, die sich den Zwängen einer Wohlstandsgesellschaft entziehen. Hermann Hesses Werke wie „Siddharta“ nahmen die später beliebte Annäherung an östliches Denken vorweg. Max Frischs „Homo faber“ charakterisierte die Stärken, Schwächen und Zwänge des technologie-orientierten Bürgers. Und Douglas Couplands „Generation X“ , vor dreizehn Jahren geschrieben, ist noch heute gültig für viele junge Menschen, die sich freiwillig dem Wohlstands-Rattenrennen („rat racing“) ihrer Eltern- & Großeltern-Generationen entziehen und sich der „Lessness“-Philosophie hingeben: dem bewussten Abbau ihrer materiellen Erwartungen und dem bewussten Aufbau eines immateriellen Glücks.

Ich komme nun, da ich dies schreibe, zur eigenen Überraschung dahinter, dass sich diese Reihe beliebig fortsetzen ließe. Wahrscheinlich wäre es sogar leichter und kürzer, jene Werke der Weltliteratur anzuführen, die für Manager vollkommen uninteressant und ohne Bezug sind.

Wahrscheinlich ist die Literatur der größte Seminarraum, der Führungskräften um bescheidenes Eintrittsgeld offen steht.

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