Vorwiegend heiter, nur teilweise bewölkt

trend bat MANAGER, Unternehmer, Ökonomen, Politologen und Meinungsforscher zu einer Prognose der wirtschaftlichen GROSSWETTERLAGE 2006 in Österreich.

Das nächste Jahr wird in vielerlei Hinsicht spannend, freut sich Mobilkom-Chef Boris Nemsic. „Mit der Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2006 hat es Österreich in der Hand, auch im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie Entwicklungen voranzutreiben: Allein in der europäischen Wirtschaft stammen 40 Prozent der Produktivität aus diesem Sektor.“ Mit der Mobilkom selbst will Nemsic das Engagement in Südosteuropa fortsetzen: „Spannende Optionen wie Serbien und Bosnien-Herzegowina warten.“ Sogar den umkämpften Heimmarkt findet der Mobilkom-Boss aufregend: „Eine spannende Herausforderung im Jahr 2006 wird die Marktkonsolidierung im Mobilfunkbereich!“

Zur Zukunft des Mutterunternehmens Telekom Austria – dem politisch gewünschten Verkauf – und der damit verbundenen eigenen Zukunft schweigt Nemsic beharrlich. Zu vieles steht da in den Sternen. Das Beispiel des Mobilkom-Bosses ist symptomatisch dafür, wie 2006 wirtschaftlich werden dürfte: ein Jahr mit einer leicht positiven Grundtendenz. Aber außergewöhnliche Ereignisse können diese ganz rasch beeinflussen – in die eine oder andere Richtung.

Ähnlich hoffnungsfroh wie Nemsic blickt auch Klaus Darbo in die eigene Unternehmenszukunft: „Wir haben heuer neun Prozent Umsatzplus gemacht. Bei uns wird der positive Trend wohl weitergehen.“

Spannung, Herausforderung, positive Erwartungen – mit Optimismus geht nicht jeder automatisch in das kommende Jahr. trend fragte Manager Wirtschafts- und Politikexperten: Was bringt 2006 für die Welt, Europa und Österreich? Welche Veränderungen bescheren uns Wirtschaft und Politik?

Laues Konjunkturgeplätscher. Die konjunkturelle Entwicklung hängt – nach Ansicht des Fruchtsaft- und Marmeladenherstellers – aber natürlich von externen Faktoren ab: „Wie es wirtschaftlich in Österreich ausschaut, wird stark davon abhängen, ob die Deutschen ihre Probleme in den Griff bekommen.“ In die Politik will sich Darbo erst gar nicht einmischen: „In der Welt kenn ich mich nicht aus, da fahr i net hin.“

Einer, der keine Scheu hat, die Wirtschaft ganz global zu analysieren, ist der neue Bawag-General Ewald Nowotny: „Zentrales Element für die Weltwirtschaft wird weiterhin der starke wirtschaftliche Aufholprozess Chinas und Indiens sein. Die Nachfrage nach Rohstoffen bleibt stark, der Ölpreis dürfte sich aber stabilisieren, ebenso die Inflationsrate.“ Für die EU-Staaten erwartet der WU-Professor einen leichten Aufschwung. „Die heimische Wirtschaft sollte 2006 ebenfalls etwas stärker wachsen als 2005, freilich nicht genug für einen nachhaltigen Rückgang der Arbeitslosigkeit.“

Wirtschaftsforscher und Analysten gehen davon aus, dass der negative Effekt des Ölpreisanstiegs ausläuft und dass sich damit auch die Konsumstimmung leicht verbessern könnte. Zu besonderer Euphorie besteht aber offenbar kein großer Anlass. „Die Inlandsnachfrage ist halt noch immer nicht so, wie es in einem Aufschwung sein sollte“, beklagt Wifo-Chef Karl Aiginger und hofft, „dass Europa endlich den Anschluss an die Weltkonjunktur findet“. Der Wirtschaftsforscher hebt aber hervor: „Österreich wächst um einige Zehntelprozente rascher, das macht auch die Nähe zu den dynamischen Ländern des Ostens aus.“

Die frühere Finanzstadträtin und neue Siemens-Vorstandsvorsitzende Brigitte Ederer erwartet für 2006 einen leichten Konjunkturaufschwung in Europa und hofft auf „Investitionen der öffentlichen Hand in Infrastrukturmaßnahmen, speziell in Osteuropa“. In Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum sieht Veit Sorger unabdingbare Voraussetzungen für ein soziales Europa und mehr Jobs: „Ich wünsche mir für die österreichische und europäische Wirtschaft“, so der IV-Präsident, „einen merkbaren konjunkturellen Aufwind.“

Solche Erwartungen siedelt Volkswirtschaftsexperte Erich Streissler im Bereich der frommen Wünsche an. Leidenschaftslos blickt der Uni-Professor in die Zukunft: „Die heimische Nachfrage ist zurückgegangen, die Spargesinnung gestiegen, die Inlandsnachfrage daher niedrig“ – und für Österreich und Europa erwartet er schlicht „more of the same. Es wird keine großen Veränderungen geben, sondern weiter so dahinplätschern.“ In den USA hingegen sieht der Ökonom den Wirtschaftsaufschwung zu Ende gehen und – auch ohne Blick in die Glaskugel – Unheil heraufdräuen: „Die Verschuldung der USA hat so erschreckende Ausmaße angenommen, dass ein Crash durchaus realistisch ist“, allerdings, so Streissler, „nicht im kommenden Jahr, sondern erst nach der Bush-Präsidentschaft“.

Die Arbeitslosigkeit im Inland will Streissler nicht als Problem anerkennen: „Sie ist im europäischen Durchschnitt sehr gering.“ Eine Sichtweise, die weder Arbeitslose noch Wirtschaftsexperten mit ihm teilen wollen. „Ein ungelöstes Problem ist nach wie vor die Arbeitslosigkeit“, meint Aiginger. „Nach der derzeitigen Prognose wird sie in absoluten Zahlen sogar noch steigen.“ Von Arbeitnehmervertretern wird daher eine spürbare Entlastung gefordert sowie eine Politik, die Arbeit schafft.

„Rekordarbeitslosigkeit, zu wenig Ausbildungsplätze für die Jungen, keine Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von

Beruf und Familie: Die Bilanz der Bundesregierung ist enttäuschend“, tönt Arbeiterkammer-Wien-Präsident Herbert Tumpel schon ganz in Wahlkampfdiktion: „2006 muss endlich eine Politik betrieben werden, die Arbeit schafft – etwa durch substanzielle Investitionen in Straße, Schiene und Telekommunikation. Wir brauchen kein Steuerparadies für einige große Unternehmen. Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die mehr Wachstum und Beschäftigung bringt.“ Die Sozialpartner überlegen bereits eine Initiative für mehr Beschäftigung, in die auch das Wifo eingebunden werden soll. „Es wäre gut, wenn es eine gemeinsame Strategie für mehr Wachstum und Beschäftigung gäbe und wenn diese – egal, wie eine kommende Regierung aussieht – in jedem Fall umgesetzt wird“, ist denn auch Wifo-Chef Aiginger überzeugt.

Eine fromme Spargesinnung, wie sie lange Zeit von der Bundesregierung gepredigt wurde, scheint ein untaugliches Instrument zu sein, um Beschäftigungsimpulse zu setzen und die Wirtschaft anzukurbeln. Herbert Krejci, ehemaliger Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), wünscht sich ein Anspringen der Konjunktur, aber auch, dass wir in die Lage kommen, nicht immer nur ans Sparen denken zu müssen, sondern auch an das Ankurbeln der Wirtschaft. Ein Wunsch, dem sich auch IV-Präsident Sorger anschließen kann: „Von der nächsten Bundesregierung erwarte ich mir, dass diese positive Maßnahmen für den Wirtschafts- und Industriestandort Österreich und damit für Wachstum und Beschäftigung setzt.“ Konkret fordert Sorger eine Entlastung der Leistungsträger und des Mittelstandes, „eine Senkung des Spitzensteuersatzes, Abschaffung von Gesellschaftssteuer, Kredit- und Darlehensgebühr und Erleichterungen bei Vererbung und Schenkung von Betriebsvermögen“.

Vorsitz einer ungeliebten EU. Seine umfangreiche Wunschliste kann der IV-Präsident in jedem Fall ans Christkind richten, die Hoffnung auf eine politische Umsetzung sollte er jedoch tunlichst erst in eine neue Legislaturperiode setzen. Denn im ersten Halbjahr 2006 ist die österreichische Bundesregierung vollauf mit der EU-Ratspräsidentschaft beschäftigt. Innenpolitische Probleme werden spätestens dann auf die lange Bank geschoben werden.

In der Politik ist das Jahr zuerst von der EU-Präsidentschaft und dann von den Nationalratswahlen bestimmt. Bawag-Chef Nowotny meint daher: „Neue Initiativen sind wohl erst wieder für 2007 zu erwarten.“ Allen voran Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat großes Interesse an einem erfolgreichen EU-Vorsitz. Politologe Fritz Plasser hält die Funktion auch für eine spannende und große Herausforderung: „Speziell angesichts des Problemkorbes, den Großbritannien praktisch zur Gänze ungelöst weitergibt.“ Ob unter Österreichs Vorsitz aber all die anstehenden Probleme, wie Budget, Verfassung, Erweiterungsfrage oder Institutionenreform, gelöst werden können, wagt auch Plasser zu bezweifeln, glaubt aber doch, dass einige Fortschritte erzielt werden könnten: „Ich schließe aus, dass es eine ,No go‘-Ratspräsidentschaft nach dem Vorbild Großbritanniens wird, einfach, weil manche Probleme nicht mehr aufschiebbar sind.“ Ob der Kanzler und mit ihm die ÖVP aber daraus Rückenwind für die darauf folgenden Wahlen lukrieren können, bezweifelt der Politologe, „zumal in der österreichischen Bevölkerung eine fast flächendeckende EU-Skepsis herrscht“.

Die Erwartungen von Volkswirtschafter Streissler für den EU-Vorsitz gehen gegen null: „Da wird nicht viel passieren, weil es ein allgemeines Blockadesystem gibt.“ Dabei hat der Uni-Professor höchstes Vertrauen in Schüssels Bemühungen, „aber die Orchestrierung eines Flohzirkus ist eben schwierig“. Manchem scheint es auch anmaßend zu glauben, das kleine Österreich könne große Veränderungen bewirken: „Ob wir als kleines EU-Land die Kraft haben, während der Ratspräsidentschaft wirklich etwas umzusetzen?“, bezweifelt etwa Gewürzhersteller Erwin Kotanyi.

Dass sich aus der Rolle, die Österreich im ersten Halbjahr 2006 auf europäischer Ebene spielt, durchaus auch Vorteile ergeben können, sieht Wirtschaftsforscher Aiginger: „Ich hoffe, dass Österreich die EU-Präsidentschaft nutzt, um den angestrebten Wachstumskurs nach Europa zu tragen, und dass auch die transeuropäischen Pläne beschleunigt umgesetzt werden.“ Zuversichtlich gibt sich auch Ederer: „Ich bin optimistisch, dass die Europäische Union eine Lösung für die Finanzierungsfrage findet.“

Der wichtigste Aspekt scheint Krejci jedenfalls, dass die Präsidentschaft nicht zu Wahlzwecken ausgeschlachtet wird: „Ich hoffe, dass wir die österreichische Ratspräsidentschaft in Würde und geprägt von großer Sachlichkeit über die Bühne bringen und dass sie nicht zur Profilierung für den Wahlkampf missbraucht wird.“

Politische Pattstellung. Das Ende der EU-Ratspräsidentschaft Ende Juni fällt unmittelbar mit dem Beginn des Wahlkampfes zusammen. „Während der Ratspräsidentschaft wird der Kanzler gute Arbeit leisten, denn er ist taktisch sehr geschickt“, so Gallup-Chef Fritz Karmasin, der glaubt, dass dies der ÖVP auch bei der bevorstehenden Nationalratswahl im Herbst Vorteile bringen könnte: „Normalerweise müsste man sagen, dass dies überhaupt nichts mit den Wahlen zu tun hat, aber es könnte der Person Schüssel mehr Anerkennung verschaffen.“ Und das könnte die ÖVP in die Lage versetzen, den derzeitigen Rückstand von vier Prozent auf die SPÖ wieder aufzuholen.

Sein Kollege Plasser hingegen glaubt, dass nach sechsmonatiger Beschäftigung mit europäischen Themen „das Interesse aufgebraucht ist und die Opposition mit den aufgestauten innenpolitischen Problemen in den Wahlkampf ziehen wird“. Einen fulminanten Sieg für eine der kandidierenden Parteien wagt heute niemand zu prophezeien. Eher scheint sich ein Gleichgewicht der Kräfte abzuzeichnen. „Ich glaube, dass sich in der Politik der Trend zu gewissen Pattstellungen noch verstärken wird“, vermutet etwa Unternehmer Kotanyi. Eine Entwicklung, die er ganz und gar nicht positiv wertet, denn das führt, seiner Ansicht nach, „zu Kompromisslösungen und ist Entwicklungen nicht förderlich. Ich nehme an, dass aus der kommenden Nationalratswahl eine große Koalition hervorgehen wird, auch wenn ich mir das persönlich gar nicht wünsche.“

Da steht der Gewürzhersteller in krassem Gegensatz zum früheren IV-Generalsekretär: „Ich hoffe, dass aus den Nationalratswahlen 2006 eine große Koalition hervorgeht, die auch im Augenblick die einzig mögliche Regierungsform wäre“, ist Krejci überzeugt. Aber egal, welche politische Konstellation die Wahlen im Herbst kommenden Jahres zutage fördern, eines soll in Hinkunft unterlassen werden: „Man möge nicht ständig das Wort Refom in den Mund nehmen“, denn der Wirtschafts-Grandseigneur glaubt: „Das können die Menschen schon nicht mehr hören.“ Trotz politischer Pattstellung und extremer Schwäche des derzeitigen Regierungspartners BZÖ ist aber eine künftige große Koalition keinesfalls ausgemachte Sache. „Es stellt sich die Frage, mit wem eine kleine Koalition denkbar wäre“, so Gallup-Chef Karmasin, „und daher hängt viel vom Abschneiden der Grünen ab.“ Denn das BZÖ würde zu schwach sein, und die FPÖ sei derzeit zwar medial omnipräsent, aber der Meinungsforscher glaubt, dass dies nur von kurzer Dauer sein wird: „Auch Strache kann sich nicht ständig scheiden lassen.“

Wie auch immer eine neue Bundesregierung aussehen mag, Sorger hält schon eine Aufgabenliste für sie bereit: „Kein Rückfall in eine Welt des Schlendrians, eine offensive Stärkung von Forschung & Entwicklung und ein neuer Anlauf für eine Verwaltungsreform, die diesen Namen auch verdient, und eine damit einhergehende Entbürokratisierung und Effizienzsteigerung im öffentlichen Sektor!“, fordert der IV-Präsident.

Wie auch immer die Wähler im kommenden Jahr entscheiden werden, Werber Rudi Kobza, FCB- und GGK-Boss, ist überzeugt davon, dass „2006 ein gutes Jahr, ein Jahr der Ideen und Innovationen“ wird. „Ideen, wie wir in den Ostmärkten nachhaltig mehr weiterbringen. Ideen, wie wir die Lust auf Wachstum und Erfolg auch in die nächste Generation tragen. Fazit: keines – weil schon die nächste Idee ruft …“ Den Schluss für die Wirtschaft zieht Mobilkom-Chef Nemsic messerscharf: „Eines ist sicher – was auch immer sich 2006 tut: Wir bleiben dran.“

von Martina Forsthuber

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