Vollgas beim Bremsen

Die Automobilbranche schleudert gekonnt durch die Krise: Chinaautos abgedrängt, höchste Drehzahl bei Rabatten und volles Rohr bei Geländewagen.

Das Timing war perfekt. Gerade als die Chinesen stolz ihre ersten Europamodelle auf der Automesse IAA in Frankfurt präsentierten, unterwarf der Autofahrerclub ADAC eines dieser Modelle – den Geländewagen Landwind – einem Crashtest. Und der endete katastrophal. ÖAMTC-Cheftechniker1) Max Lang: „Die Fahrgastzelle ist kollabiert. Das Lenkrad ist 50 Zentimeter in den Innenraum gekommen, die A-Säule 30 Zentimeter. Der Kopf des Dummys war zwischen Airbag und Kopfstützen eingeklemmt, und die Oberschenkel sind an der Brust angelegen. Kopf, Brust, Füße – alles war kaputt.“ Und das alles bei einer Crash-Geschwindigkeit von 64 Stundenkilometern.

„Hier wird offenbar eine Uralttechnologie verwendet“, meint Lang kopfschüttelnd. Am Beispiel Lenkrad: Zusammenschiebbare Lenkstangen bewirken heute, dass sich das Lenkrad beim Crash bestenfalls um Millimeter bewegt. Die starre Lenkstange des Landwind wurde durch das Getriebe einen halben Meter vor und dem Dummy in den Bauch geschoben.

„Dieser Wagen wird sich sehr schwer verkaufen lassen“, meint Rover-Importeur Christian Politschnig, der sich selbst durchaus interessiert am Import von Chinaautos (allerdings nicht dem Landwind) zeigt. Dabei hatten die Österreicher bereits recht hohe Erwartungen in die Autos made in China gesetzt. Wie eine Umfrage des Unternehmensberaters Lead User Network zeigt, waren 63 Prozent aller Befragten mit den drei auf der IAA ausgestellten Chinesenmarken bereits vertraut (siehe Grafiken „Verpatzte Karriere“ auf Seite 58). Und 38 Prozent konnten sich einen Kauf „ja sicher“ oder zumindest „eher ja“ vorstellen. Zumindest vor dem Crashtest.

Nichts als Widersprüche. Dieses Auseinanderklaffen von Erwartungshaltung und Realität ist nicht die einzige Diskrepanz, die den Automarkt zurzeit prägt. Widersprüchlich ist auch das Verhalten der Autofahrer in der Benzinpreisfrage: Einerseits klagen sie über exorbitante Spritpreise. Auf der anderen Seite zählen gerade die spritfressenden SUVs (Sport Utility Vehicles oder Geländewagen) zu den Gewinnern der Zulassungscharts (siehe Grafik „Spaß ist geil, nicht Sparen“ auf Seite 58). Wobei die Zulassungsstatistik überhaupt Rätsel aufgibt: Denn wie kann es sein, dass Österreichs Autohändler reihum über den extrem schlechten August klagen und die Zulassungszahlen in diesem Monat trotzdem um 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind?

Letzteres ist rasch geklärt. Denn nach einem Minus von 8,5 Prozent im Juli griffen einige Importeure – allen voran Peugeot – zu recht drastischen Mitteln, um ihre Ware in den Markt zu pressen. „Wir hatten im August eine Wegfahrprämie von 2000 Euro für den Peugeot 206, von 3000 Euro für den Peugeot 307 und Gratisservice bis zu 2500 Euro für den Peugeot 407“, erklärt Peugeot-Importeurssprecher Franz Stehno, „und offenbar ist diese Aktion gut angekommen.“ So gut, dass sich Peugeot in diesem Monat mit einem Plus von 48,5 Prozent an die zweite Stelle der Zulassungsstatistik zwischen VW und Opel schob.

Rabattschlacht wie in den USA. Aber auch die übrigen Importeure lassen sich nicht lumpen. So können erfahrene Verhandler bei einem Golf Rabbit, der ohnehin schon mehr Ausstattung zum günstigeren Preis bietet, trotzdem noch bis zu acht Prozent Rabatt herausschlagen. „Der neue Passat, bei dem es früher bestenfalls sechs Prozent gegeben hätten, ist jetzt mit zehn Prozent Nachlass zu haben“, erklärt ein Händler, „und in einem halben Jahr bekommen Sie zwölf Prozent.“

Der Opel Zafira wurde in Linz und Wien zuletzt mit 26 Prozent Preisnachlass angeboten. Renault lockt für verschiedene Modelle mit einem Van-Bonus von 2000 Euro und einem Design-Bonus von 3000 Euro. Mit anderen Worten: Autos sind zurzeit besonders günstig zu bekommen. Oder wie Statistikexperte Ernst Riedmüller vom Branchenbeobachter eurotax ironisch formuliert: „Es war noch nie so teuer, ein Auto zu verkaufen.“

Mercer Management Consulting warnt in einer brandneuen Studie, dass der Systemprofit der Automarken bedroht sei. Weltweit gebe es etwa zwanzig Prozent Überkapazitäten, die in den Markt gedrückt würden, um den Preis teurer Rabattschlachten: „Knapp 16 Prozent vom Listenpreis betrug der Durchschnittsnachlass im ersten Halbjahr 2005 in Europa und lag damit erstmals auf US-Niveau.“

Es wird weniger getankt. Trotzdem bleiben die Verkäufe zumindest in Österreich flau. Abgesehen von den Marktverwerfungen im August dümpeln die Neuzulassungen in Österreich heuer bestenfalls auf Vorjahresniveau dahin. Vor allem in wirtschaftlich benachteiligteren Gegenden bekommen die Händler zu spüren, dass es bei der Kaufkraft der Kunden hapert. Da kann es schon vorkommen, dass drei von fünf Kaufverträgen am Veto der Geldinstitute scheitern. Vor allem aber beobachten Händler das Phänomen, dass Kunden in Bargeldnot dem Händler ihre Autos – mit hohem Preisabschlag – verkaufen und stattdessen ein Leasingfahrzeug nehmen oder überhaupt auf den fahrbaren Untersatz verzichten.

Auch die exorbitant gestiegenen Benzinpreise tragen dazu bei, dass den Österreichern das Autofahren vergällt wird. Laut Christoph Capek, Geschäftsführer des Fachverbands der Mineralölindustrie, ist der Benzinverkauf an den heimischen Tankstellen von Jänner bis August gegenüber dem Vorjahr um geschätzte achteinhalb Prozent zurückgegangen, während der Dieselverbrauch stagniert.

Trotzdem boomen SUVs. Wer allerdings erwartet, dass nun vor allem verbrauchsarme Autos boomen, irrt. Ganz im Gegenteil: Zugelegt haben ausgerechnet die SUVs, die mit ihrem massiveren Karosseriebau durchaus zu den Spritfressern zählen. Und zwar in Österreich gleich um 22,4 Prozent. eurotax-Mann Riedmüller: „Dabei weiß man, dass 80 Prozent aller SUVs nie im Gelände fahren werden.“

„Die Schere klafft immer weiter auseinander“, erklärt Christian Pesau, Geschäftsführer des Arbeitskreises der Automobilimporteure, dieses Phänomen. „Auf der einen Seite sind die Leute mit Geld, bei denen die SUVs stark nachgefragt sind. Die große Masse entscheidet sich aber trotzdem für Klein- und Kompaktwagen.“

Porsche-Austria-Sprecher Hermann Becker nennt noch ein weiteres Argument: „Früher hat es SUVs vor allem in den größeren Fahrzeugklassen gegeben. Heute wird praktisch in jeder Fahrzeugklasse alles geboten – von der Limousine über Kombi und Cabrio bis zu MPV (Multi Purpose Vehicle) und SUV. Das Segment der SUVs wächst also, weil sie nicht in den großen Klassen wachsen müssen.“

Der Dieselanteil schrumpft. Verblüffend ist auch, dass ausgerechnet jetzt, wo eigentlich verbrauchsärmere Fahrzeuge gefragt sein sollten, der Dieselanteil stark zurückgeht. Allerdings nur in Österreich und Deutschland, nicht im übrigen Westeuropa. „Hauptgrund dafür“, meint der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, „ist der Partikelfilter und die begrenzte Lieferfähigkeit bei einigen Herstellern.“

Das genaue Studium der Zulassungszahlen zeigt tatsächlich, dass nicht nur der gesamte Dieselanteil in Österreich seit Jahresbeginn um mehr als zwölf Prozentpunkte geschrumpft ist. Sondern dass es auch innerhalb des Dieselsegments zu Verschiebungen kam. So führt Dudenhöffer vor allem die überproportionalen Rückgänge bei VW, Renault und Opel auf die derzeit noch schlechte Verfügbarkeit von Partikelfiltern bei diesen Herstellern zurück.

„Das stimmt so nicht“, korrigiert Becker. „Wir haben sowohl bei VW als auch bei Skoda eine Reihe neuer Modelle in den unteren Fahrzeugklassen eingeführt. Und dort sind nun einmal vorwiegend Benzinmotoren vertreten.“

Eine Analyse des Arbeitskreises der Automobilimporteure unterstützt allerdings Dudenhöffers Argument. Demzufolge ist von den 2076 in Österreich zugelassenen Dieseltypen über 80 Kilowatt, für die seit Juli das Bonus-Malus-System für Partikelfilter gilt, nur ein Drittel überhaupt bonusfähig. Noch krasser wird das Verhältnis, wenn ab Jänner 2006 auch Dieselfahrzeuge unter 80 Kilowatt unter die Bonus-Malus-Regelung fallen. Denn von diesen Fahrzeugtypen ist überhaupt nur jede fünfte mit einem bonusfähigen Partikelfilter ausgestattet.

Schlechte Wiederverkaufswerte. Für die Dieselfahrer ist diese Bonus-Malus-Regelung doppelt lästig: Denn sie verteuert Neuanschaffungen. Und sie senkt schlagartig den Wiederverkaufswert für gebrauchte Dieselfahrzeuge, die keinen entsprechenden Partikelfilter haben. Dieser Punkt trifft übrigens auch die Händler sehr empfindlich. Josef Schirak, Mehrmarkenhändler in St. Pölten und Obmann der Sparte Handel in Niederösterreichs Wirtschaftskammer: „Wenn ich heute gebrauchte Dieselfahrzeuge um 150.000 Euro auf Lager habe, sind die über Nacht um zehn Prozent weniger wert, ohne dass ich als Händler etwas dafür kann.“

Trotzdem rechnet Dudenhöffer damit, dass sich Österreichs Dieselmarkt im nächsten Jahr wieder etwas erholen und bei einem Marktanteil von 69 Prozent einpendeln wird.

Hybrid ja, Gas nein. In Zukunft wird der Diesel allerdings zunehmend Konkurrenz durch alternative Antriebsformen bekommen – hier vor allem durch den Hybridmotor, der auf der IAA das große Thema war. „Die konzernübergreifenden Kooperationen von Herstellern wie General Motors, DaimlerChrysler und BMW oder von Audi, VW und Porsche zeigen, dass die Europäer und Amerikaner jetzt unter Zugzwang gekommen sind“, konstatiert Leo Musil, Chefredakteur des ARBÖ-Magazins „Freie Fahrt“. „Dabei hat Toyota das Hybridmodell Prius bereits seit acht Jahren im Programm und dafür 1999 auch den Umweltpreis des ARBÖ für innovative Konzepte bekommen.“

Wie gut der Prius verbrauchsmäßig abschneidet, lässt sich leicht durch einen Blick in die Tabelle „Die Sparkaiser“ eruieren. Denn mit einem mittleren Verbrauchswert von 4,3 Liter auf 100 Kilometer verbraucht der Prius nicht nur um ganze 1,6 Liter weniger als der nächstbeste Benziner, sondern auch um 0,2 Liter weniger als der bestgereihte Diesel in der unteren Mittelklasse. Allerdings ist der Prius auch deutlich teurer als vergleichbare Benziner. „In Österreich“, schätzt Dudenhöffer, „kommt der Hybrid wegen des hohen Dieselanteils vor 2010 kaum zur Wirkung. In fünf Jahren wird der Anteil bei drei bis vier Prozent der Verkäufe liegen.“ Danach dürfte der Hybridanteil allerdings stärker ansteigen.

Erdgas hingegen ist laut Dudenhöffer „eine Uralt-Technologie, die nur durch Subventionen lebt und keine Zukunftsalternative ist – einer der vielen Fehler unserer Politiker, die sehr verschwenderisch, launenhaft und unprofessionell mit Steuergeldern umgehen“.

Und sie kommen doch. Aber noch ein weiterer Trend zeichnet sich ab – der zu Billigautos. So schätzt Dudenhöffers Prognoseinstitut B&D Forecast, dass durch das Auftreten neuer Produzenten in China, Indien, aber auch Ländern wie dem Iran die 5000-Dollar-Autos im Vormarsch sind – zunächst vor allem in Märkten außerhalb der so genannten Triade (Nordamerika, Westeuropa, Japan). Für 2010 rechnet B&D Forecast allerdings bereits mit einem Marktanteil der Chinesen in Europa von 1,6 Prozent, der bis 2015 auf 3,7 Prozent anwachsen dürfte. In dieser Prognose sind auch die Inder bereits inkludiert, die sich bis 2015 ebenfalls zu ernsthaften Konkurrenten entwickelt haben dürften.

An diesem Zukunftsszenario dürfte auch die jüngste Crashfahrt des Landwind nichts ändern. Denzel-Chef Günter Sieber, der sich durchaus selbst an einem China-Import interessiert zeigt: „Die in Frankfurt ausgestellten Fahrzeuge entsprechen nicht den hohen westeuropäischen Qualitätsstandards. Das hat man allein schon an der Blechverarbeitung und den hohen Spaltmaßen gesehen.“ Auch die bisherigen Aktivitäten zum Aufbau eines europäischen Vertriebsnetzes seien keineswegs überzeugend. Unterschätzen dürfe man die Chinesen aber keinesfalls. „Denn es gibt über 80 Automobilfabriken in China“, so Sieber, „und die, die jetzt auf der IAA ausgestellt haben, sind keineswegs die größten und potentesten.“

Von Ingrid Dengg

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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