Vitamin Kunst

Wie die Kunst auch ein Grundnahrungsmittel für ManagerInnen wird – je früher, desto gesünder.

„Artem non odit nisi ignarus – Die Kunst hasst nur der, der nichts von ihr versteht.“
Aus dem Schatz anonymer lateinischer Weisheiten

Die Evolution des Menschen zeigt sich auch darin, dass er in den unwichtigen Dingen zurückstecken kann, in den wichtigen nicht. Unwichtig ist alles Materielle, wichtig hingegen alles Spirituelle, also halbwegs vom Geist Erleuchtete. Wir wissen von vielen, die aufwändig gelebt hatten und später in einfachen Umständen wieder ihr Glück fanden. Thoreau erkannte die Schönheit des simplen Lebens im Wald. Gauguin lockte die unglamouröse, naive Welt der Südsee. Überspitzte Bewegungen wie Flower-Power in den siebziger Jahren und ein Indien-Hype in den achtziger Jahren machten künstliche Entbehrung, Hunger und zivile Entsagung zu einem Programm. Ihr erstaunlicher, wenn auch kurzfristiger Erfolg zeigte, dass es dafür ein Sensorium gibt.

Dass Millionen und Macht (die potenzielles Kapital ist und daher ebenfalls Geldwert hat) kein ewiges Glück garantieren, zeigen auch theoretisch traurige, tatsächlich aber tröstende Beispiele der Wirtschaftswelt. Konkursanten, ihres Geldes ledig, berichten von einem schöneren, tieferen Leben nach dem Konkurs. Und Manager, die der Stress in den Infarkt getrieben hatte, entdeckten in der dann notwendigen, langsameren Gangart oft „das wahre Leben“ – ein bewussteres, sinnvolleres, glücklicheres.

Fazit: Aus materiellen Höhen ohne inneren Verlust abzusteigen ist denkbar. Ein Abstieg aus geistigen Höhen ist undenkbar.

Wir kennen keinen einzigen Fall, da ein von der Philosophie Erfasster jemals ein späteres gedankenloses Leben geführt hätte; keinen Fall, da ein Liebhaber von Igor Strawinsky, Saul Bellow und Henri Matisse jemals später mit dem „Musikantenstadl“, Bastei-Heftln und Hausfrauen-Aquarellen zufrieden gewesen wäre, als hätte er nie zuvor Besseres gehört und geschaut.

Jeder, der durch Glück oder eigenes Verdienst – meist dank beidem – in die Fänge der Kunst geriet, war auf feine Weise für das geistig Wertvolle gewonnen und für das Mindere verloren.

Dies ist, wie es scheint, ein festgeschriebenes Programm, hat daher nichts mit Stolz oder Hoffärtigkeit zu tun. Die schönste und endgültigste – hier schon einmal zitierte – Aussage kam von Joseph Brodsky. Sie ist doppelt ernst zu nehmen. Erstens war er nicht irgendwer, sondern ein Nobelpreisträger, dessen Romane von einem fortwährenden Nachdenken übers Leben kündeten. Zweitens traf er jene Aussage im Wissen um seinen nahen Tod, im letzten Interview: „Am Ende unserer Tage wird uns die Kunst das Wichtigste gewesen sein.“

Wenn dies so sein sollte, woran man besser nicht zweifelt, erhebt sich die Frage, wie man in die Welt der Kunst eintritt. Die eine Möglichkeit ist reines Glück, die zweite Selbsterziehung.

Ob dieses Glück genetisch geliefert wird, ist umstritten. Es gibt kein gesichertes Wissen, ob künstlerische Veranlagung à la Johann Strauß Vater und Sohn oder Breughel der Ältere und Jüngere sich über Generationen fortpflanzen kann. Oder ob, worum es hier eigentlich geht, eine Veranlagung zur Kunstliebe erblich ist.
Unmittelbar glaubhaft ist, dass die Milieutheorie zutrifft; dass die Atmosphäre und menschliche Umgebung des Kindes spätere Kunstliebe begünstigen oder schon im Ansatz beinahe vernichten.

Theoretisch ist eine Familie, die in einer Wohnung mit großer Bibliothek und einem Bösendorfer wohnt, in der Kunst und Künstlerbegegnungen zum Alltag gehören, ein günstiges Biotop. Es sei denn, dieser so genannte großbürgerliche Lebensstil werde dem Kind aufgezwungen. Dann kann es zum Revoluzzer-Effekt kommen und zum Gegenteil führen. Besonders komplex dürfte die Situation sein, wenn auch noch ein künstlerisch anerkannter Übervater oder eine Übermutter zugegen sind. Die Situation im Hause Thomas Manns, dessen Kinder durchwegs beschädigt waren (Golo Mann auf eine heitere, Klaus Mann auf eine letale Weise, die Schwester irgendwo zwischendrin), ist nur die bekannteste von vielen gleichartigen Tragödien.

Die meisten, ganz normal zwischen den Extremen aufgewachsenen trend-LeserInnen können daraus den Trost ziehen, dass sie auch dann, wenn sie keine idealen Gene oder kein ideales Kindheitsmilieu hatten, der Kunst nicht verloren sind.

Allerdings sind sie meist ambitioniert in Richtung Management und Unternehmertum und gehören damit zu einer gefährdeten Rasse. Zu jener, die zwar zwingend hochintelligent ist, aber durch die angestrebte Meisterschaft in der materiellen Welt das Spirituelle von sich schiebt.
Allerdings wendete sich auch hier vieles zum Besseren.

Es sollte bereits zum Allgemeinwissen zählen, dass für Erfolg in modernem Management und Unternehmertum die harten, rationalen Faktoren allein zu wenig sind. Auch das Weiche zählt. Im Management ist emotionale Intelligenz gefragt. Und Unternehmer, die kein Mindestmaß an Kunstliebe zeigen, werden bald schon vom Markt gelacht.

Dies wurde auch begriffen. Ein erstes Indiz sind deutliche Verbesserungen in der Architektur, die lange Zeit eine unterschätzte Kunstform war. Tatsächlich ist sie besonders wichtig, da sie enorm haltbar ist. Tausende werden durch sie täglich erhellt oder verletzt. Ein zweites Indiz sind Verbesserungen im Design, die mittlerweile sogar die graue Welt der Investitionsgüter erreichten. Ein drittes Indiz sind hochinteressante Vorreiter: kunstliebende Unternehmer wie Essl, Zoidl, Prodinger und Liaunig, die dem klassischen Kunsthandel enorm helfen, den Rang der Kunst begreiflich zu machen.

Alle, die schon von Kunstliebe befallen sind, wissen: Man verliert mit ihr keine Zeit, keine Energie, meist auch kein Geld – viel öfter gewinnt man diese wertvollen Einheiten. Das sagt aber noch nicht, wie man am besten, schnellsten und zuverlässigsten infiziert wird.

Sicher ist nur: Die Kunstliebe kommt nicht geschenkt. Es geht nicht ohne Mühe. Mit Gewissheit reicht es nicht, aus rein gesellschaftlichen Gründen bei Wohltätigkeits-Kunstversteigerungen mitzumachen oder Society-Vernissagen aufzusuchen und fest mitzureden, weil „ich ja eh weiß, was mir gefällt“. Einer der vielen witzigen Sätze des Konrad Adenauer lautete: „Es ist eine große Kunst, nicht über Dinge zu reden, von denen man nichts versteht.“

Ich gebe gern ein paar Tipps für eine Kunst-Annäherung, bin aber im Zweifel, ob sie für jeden und jede der beste Weg sind.

  • Nichts ist für Menschen so interessant wie andere Menschen. Suchen Sie daher die Bekanntschaft von Künstlern. Ich kenne viele, die versponnen und als Diskussionspartner eine Qual sind, aber keinen einzigen, der uninteressant gewesen wäre.
  • Reden Sie bei Vernissagen nicht mit Ihresgleichen, die wie Sie noch auf dem Weg sind, sondern studieren Sie still die Bilder an der Wand. Die Kunst des Sehens kommt mühsam mit Fleiß und Konzentration, und jedes Bild, auch die schwächeren, hilft weiter.
  • Geben Sie den aufrichtigsten Applaus, der in der heutigen Zeit denkbar ist. Greifen Sie dorthin, wo’s wehtut, zur Brieftasche. Kaufen Sie! Vielleicht geht es Ihnen dann wie mir. Erst ab dem ersten Original war ich gefangen und an die Kunst verloren. Es bewirkte mehr als alle Kunstdrucke und Kunstbildbände, in die ich vorher das Geld für zehn Originalwerke investierte. Wenn du noch dazu den Künstler persönlich kennst, wird die Fläche der Originalmalerei (der Grafik, der Fotografie) zum Würfel, der sich an der Wand bewegt, sich ständig verändert und sprechen kann. Die Kommunikationskraft originaler Kunstwerke ist gespenstisch. Wenn mir nix einfällt, greife ich die Hrdlicka-Skulptur ab, die neben meinem Schreibtisch steht. Irgendwas fällt mir dann immer ein, wenn auch nicht immer das Klügste.

Ab dem Moment des ersten Originals könnte es sein, dass man alles weitere Notwendige wie von selbst und mit größter Leidenschaft erledigt – weiter schauen, weiter lernen und lesen und hören und wieder schauen, und natürlich bald wieder kaufen, bis kein Auge mehr trocken bleibt.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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