Virologik

Viren sind gefährlich. Vor allem die, die wir nicht als solche erkennen.

Neulich bekamen wir abends Besuch. Melitta hatte erfahren, dass unser alter Freund, der holländische Wissenschafter Professor Abraham Van Helsing, sich in Wien aufhielt, und ihn zum Nachtmahl eingeladen. Van Helsing ist, obwohl er nach wie vor als Forscher tätig ist, immer ein klein wenig verschroben. Und seine Gedankengänge sind immer noch ein bisschen unorthodox, aber deshalb mögen wir den alten Kauz ja. Nach dem Essen kamen wir auf aktuelle Ereignisse zu sprechen, und dabei natürlich auch auf das neue, rätselhafte Vogel-Virus, das in Asien wütet.

Van Helsing betrachtete uns, die wir teils eifrig, teils schaudernd davon sprachen, lächelnd und hub dann an, eines seiner Thesengewölbe zu errichten.

„Das Vogel-Virus jagt Ihnen also gehörigen Schrecken ein? Das soll es vermutlich auch, denn die veröffentlichte Meinung ist sich nicht sicher, ob Vogelgrippe zur allgemeinen Angst vor Asien ausreicht oder ob nicht Vogelpest drastischer klingt. Man soll die Gefahr ja nicht unterschätzen, aber wenn die Berichterstattung bisher eines erreicht hat, dann die Abwendung von dem Gedanken, die Osterferien
zu einem erschwinglichen Pauschal-Fernost-Trip zu nutzen. Ähnlich verhielt es sich mit Massen-Erkrankungen, die jeweils vor dem Sommer in Spanien, Griechenland, Tunesien oder Marokko epidemieartig ausbrachen und deren breit geschilderte Gräuel eine nicht unwesentliche Stütze für den heimischen Fremdenverkehr waren: Denken Sie an die jährlich pünktlichen Waldbrände in Südfrankreich und auf Korsika, das Westsahara-Fieber, die erstaunlich langlebige Cholera ... und das waren nur spätestens auf den zweiten Blick erklärbare Infektionen. Erinnern Sie sich dran, dass der Weltuntergang an die Wand gemalt wurde, als Aids ausbrach? Da wurde jeder Urlaub in den Dolomiten schon zum Cliffhanger. Und als die ‚Lust-Seuche‘ halbwegs eingeordnet werden konnte, brach das Killer-Virus Ebola aus – Armageddon schien nahe.

Was der Natur recht war, musste auch der Technik billig sein: Als herkömmliche PCs kaum noch auf dem Markt zu platzieren waren, griffen Computer-Viren hilfreich ein: die Software musste, wie erst dieser Tage wieder, dringend um Programm-Reiniger bereichert werden. Da dasselbe Schicksal, eine Übersättigung des Markts nämlich, demnächst den Handy-Betreibern bevorsteht, erwarte ich nahezu stündlich eine Schreckensnachricht darüber, dass die Mobiltelefone der ersten zwei Generationen mysteriös krankheitserregend sind oder allesamt abgehört werden können.“

„Aber“, an das Hehre im Menschen glaubend, widersprach ich, „halten Sie es für möglich, dass solche Meldungen erfunden werden?“

Auch Melitta ließ sich, obwohl sie mich kannte, ihr Vertrauen nicht nehmen: „Aber diese Viren gibt es, und die Folgen sind verheerend.“

Van Helsing grunzte so zufrieden wie unerfreulich. „Natürlich. Aber üblicherweise bekommen Sie nur von jenen Erregern was zu hören, von denen Sie hören sollen. Dessen Wissen um deren Existenz etwas bewirken soll oder gegen die es um gutes Geld schon etwas gibt. Gegen das verheerendste Virus ist, trotz aller Kennung, noch immer kein Kraut gewachsen.“
„Dass sich der Fernseher von selbst einschaltet?“, entfuhr es mir.

„Es ist das Virus der menschlichen Impertinenz, doppelt erschreckend, weil es vom Bazillus der Ignoranz dominiert wird. Zweifellos kennen Sie Einzelerscheinungen, die die letale Lähmung unserer natürlichen Abwehrkräfte repräsentieren. Es fallen Ihnen Präsidenten der USA ein, österreichische Finanzminister, Welt-Klima-Konferenzen, Wirtschaftsgipfel der mächtigsten Industriestaaten – aber es fällt Ihnen nicht auf, dass diese Erscheinungen alle Teile eines Systems sind: der hypermenschlichen Hybris. Die Menschen und Länder, die über unsere Köpfe hinweg das Schicksal ebendieser Köpfe bestimmen, treffen Entscheidungen, die in relativ überschaubarer Zeit das gerade noch Erträglichste darstellen, auf lange Sicht hingegen einem von ihnen nicht mehr zu verantwortenden Zerfall Vorschub leisten.

Es ist der charakteristische Vorteil des Systems, wenn das Durchbrechen der fatalen Fassade als behebbare Verfehlungen Einzelner flugs hingestellt werden kann, am besten sogar als längst überholte Ideologien. Der nackte Kapitalismus in Form der ausbeutenden Habgier hat ebenso ausgespielt wie der Kommunismus als menschengleiche Chimäre, die habgierige Väterchen weismachen. Die Hybris teilt der Masse einen teilweise geduldeten Wohlstand zu, bedient sich ihrer süffisant alle menschlichen Lebenswünsche verachtend entweder mittels plumper Propaganda oder eleganter Werbung.

Die erste Methode verfängt nur noch, wenn hinreichend Feinde wie Terroristen und so genannte Terroristen oder Störenfriede wie Pensionisten oder arbeitsfähige junge Menschen oder Raucher da sind, die zweite wirkt subkutan. Und solang das so bleibt, wird die Hybris herrschen.“
Melitta und ich waren etwas genervt, bis mir einfiel, dass Van Helsing ja immer ein bisschen verschroben ist.

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