Über morgen

Acht weltbekannte Ökonomen, darunter drei Nobelpreisträger, zweifeln an der Sinnhaftigkeit der Kioto-Ziele.

Man kann auch als Amateur und aus purer Neugier Meinungsforschung betreiben. Ich tat es vor einigen Wochen und hatte dabei ein Aha-Erlebnis. Die Kontaktpersonen reichten von der Hausbesorgerin und dem Briefträger bis zur PR-Lady und dem Vorstandsdirektor. Dementsprechend breit gefächert waren die Antworten auf die Frage: „Was sagt Ihnen der Name Kioto?“ Der Briefträger meinte nachdenklich: „Es hat etwas mit Umwelt zu tun.“ Und die PR-Lady wusste über alle Details Bescheid. Das erstaunliche Ergebnis des kleinen Fragespiels, bei dem ich zwanzig Personen kontaktiert hatte: Jeder hatte schon von Kioto gehört, und jeder hatte es mit dem Schutz der Umwelt in Verbindung gebracht. Der Name der japanischen Stadt in der Nähe von Osaka ist anscheinend zum Begriff geworden.
Als 1997 in Kioto UNO-Delegierte aus 122 Staaten zur Klimakonferenz zusammentrafen, ging es um ein globales Problem. Um jene Unmengen von Kohlendioxid (CO2), die vor allem in den reichen Ländern bei Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kohle, Erdöl oder Gas) entstehen und einen „Treibhauseffekt“ zur Folge haben. Die globale Klimaerwärmung würde das Polareis zum Schmelzen bringen, und die gigantischen Süßwassermengen würden jene Meeresströme blockieren, die normalerweise im Norden für wärmere Temperaturen sorgen. Die Folgen wären unabsehbar, bis hin zu einer neuen Eiszeit in vielen Ländern der nördlichen Halbkugel.
So dramatisch wie vermutlich in dem Hollywood-Horrorfilm „The Day After Tomorrow“ wird es vermutlich nicht werden. Über den Treibhauseffekt und seine erschreckenden Folgen wird unter Wissenschaftern noch heftig diskutiert. Doch auch als ahnungsloser Laie hat man ein ungutes Gefühl. Sind die Millionen Tonnen Giftstoff, die wir Menschen heute produzieren, im Plan der Natur vorgesehen? Wird die Erde diese Attacke auf lange Sicht aushalten? Vor allem dann, wenn zu jener rund einen Milliarde Erdbewohner, die heute in den wohlhabenden Industrieländern leben und den Löwenanteil von CO2 produzieren, schon bald weitere Milliarden dazukommen, zum Beispiel in Indien und China? Und was ist, wenn in 50 Jahren auch in Afrika Stahlwerke stehen?
Die Teilnehmer der Kioto-Konferenz haben, nach langen Debatten, diese Bedrohung anerkannt. Sie einigten sich auf ein „Protokoll“, das die weltweite Senkung der Schadstoffmengen bis 2010 auf fünf Prozent unter das Niveau von 1990 vorsieht. Jene Staaten, die unterschreiben, bekommen Emissionsquoten. Falls sie diese überschreiten, müssen sie von jenen Ländern Anteile kaufen, die ihre Quoten nicht ausschöpfen. Bis jetzt haben über 100 Staaten Einsicht gezeigt und unterschrieben, darunter auch die EU-Länder, die ihren CO2-Ausstoß bis 2010 sogar um acht Prozent reduzieren wollen.
Prinzipiell ist dies ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Doch in der Praxis bleibt das viel zitierte Kioto-Protokoll erst einmal nur eine Absichtserklärung. Weil die UNO keine Macht hat, Beschlüsse zu erzwingen. Weil die Umstellung auf umweltschonende Energie- und Industrieproduktionen Milliarden Dollars kosten würde. Und weil die braven Unterschreiber gegenüber den bösen Verweigerern aus diesem Grund massive Konkurrenznachteile hätten. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht China hat Kioto nicht einmal ignoriert. Die Russen haben es 1999 prinzipiell gebilligt, doch bis heute nicht ratifiziert. Und die USA, der weltweit größte Umweltvergifter, haben das Abkommen 2001 abgelehnt.
Seit kurzem haben die Verweigerer eine „einleuchtende“ Erklärung. Ende Mai trafen sich in Kopenhagen acht Top-Ökonomen, unter ihnen die Nobelpreisträger Vernon L. Smith, Robert Fogel und Douglas North. Ihre Botschaft: Vergesst Kioto! Begründet wird diese Ablehnung mit den gewaltigen Kosten, die das Abkommen verursachen würde: Inflationsbereinigt sollen es bis zu 314 Billionen Dollar sein. In einer Welt mit einer Milliarde Menschen, die hungern und in Wassernot leben, soll man solche Summen nicht zur Vermeidung von „hypothetischen Gefahren“ ausgeben, die vielleicht in 100 Jahren aktuell werden. Die Prioritäten der honorigen Herren: der Kampf gegen Aids, die Entwicklung von neuen Agrartechniken und die Installierung von kleinräumigen Wasserversorgungsanlagen.
Die „Konferenz von Kopenhagen“, unterstützt und mitfinanziert von der dänischen Regierung, hat weltweites Echo gefunden. Die „acht Weisen“ (Durchschnittsalter 72) wissen natürlich, dass es verdammt schwer ist, eine vertretbare Auswahl zu treffen zwischen dem Elend von heute und der Umweltbedrohung von übermorgen. Sie haben erst einmal eine „Ideologie“ geliefert, auf die sich alle berufen können, die das Kioto-Protokoll, oft aus recht handfesten Gründen, ablehnen.
Es kann sein, dass der Ölpreis schon bald auch die Nein-Sager zur Sparsamkeit zwingt. Immerhin hat George Bush seine Gäste beim G8-Gipfel in Savannah nicht in Luxuslimousinen, sondern in kleinen Elektroautos herumkutschieren lassen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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