Sturzgefahr

Neue Skigebiete in Osteuropa drohen mit perfekter Infrastruktur, besten Pistenbedingungen und günstigen Preisen Österreich als Wintersportland Nummer eins abzulösen.

Unberührte Natur und schneebedeckte Hänge, soweit das Auge reicht. Dazu fast menschenleere, bestens präparierte Pisten und eine topmoderne Sesselbahn der Marke Doppelmayer. Man könnte meinen, an einem Wochentag außerhalb der Nebensaison in Lech am Arlberg oder in Sölden zu sein, wären da nicht die Hinweisschilder mit den kyrillischen Schriftzeichen, die einen immer wieder daran erinnern, dass man sich nicht in den Alpen, sondern am Balkan befindet: in Bansko, Bulgarien, einem der modernsten Skigebiete Europas.

Vor fünf Jahren war Bansko noch ein kleines, touristisch unbedeutendes Skigebiet mit wenigen veralteten Schleppliften, das fast nur bulgarische Skifahrer gekannt und besucht haben, doch dann wurden hunderte Millionen Euro investiert. „Seither ist hier ein absolutes Top-Skigebiet entstanden“, sagt Franz Holzer, Geschäftsführer Ski Österreich und Osteuropa des Salzburger Unternehmens Skidata, des Weltmarktführers für elektronische Skipass- und Pistenzutrittssysteme, der auch das Skigebiet in Bansko ausgestattet hat.

Der alte Kurort liegt 160 Kilometer, etwa zwei Autostunden, von Sofia entfernt, und wer rustikalen Ostblock-Schick erwartet, wird enttäuscht: In der 10.000-Einwohner-Stadt gibt es keine der berüchtigten Plattenbauten oder Hotelburgen. Dutzende in den letzten Jahren errichtete Hotels (Kempinski & Co) lassen keine Wünsche offen, und das Skigebiet selbst muss ebenfalls keinen Vergleich scheuen. Bansko selbst ist ein eher ländliches Städtchen, in dem man das urtümliche Bulgarien ebenso erleben kann wie das moderne Europa. Holzer: „Der einzige Nachteil, den es gegenüber den Skigebieten in den Alpen gibt, ist das Essen in den Skihütten. Das ist ziemlich deftig, und man muss es mögen.“

Neue Zentren. Bansko ist nicht das einzige neue Top-Skigebiet in den Reformländern im Osten. Die Ukraine hat sich zum Ziel gesetzt, Bukovel zum modernsten Skigebiet Europas auszubauen, und in Krasnaja Poljana bei Sochi stampft Russland für fünf Milliarden Dollar ein neues, gigantisches Wintersportzentrum aus dem Boden. Die Unternehmensgruppe des ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel hat bei Sofia ein neues Skigebiet errichtet, und für bekannte Gebiete wie Zakopane (Polen) oder Jasná (Slowakei) gibt es konkrete Modernisierungs- und Ausbaupläne.

In Österreich sind die neuen Wintersportorte bisher nur wenig bekannt, und die heimische Tourismuswirtschaft wiegt sich daher noch in Sicherheit, doch das könnte sich bald ändern: Die Investoren wollen sie zu international bedeutenden Tourismusdestinationen aufbauen. Erste Erfolge haben sich bereits eingestellt. Seit ein, zwei Jahren tummeln sich immer mehr Deutsche, Niederländer und Engländer, die ihre Winterurlaube früher in den Alpen verbracht haben, auf den Skipisten im Osten.Und um die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken, hat sich das nur eine Fahrstunde vom russischen Schwarzmeer-Nobelkurort Sochi entfernt im Kaukasus gelegene Krasnaja Poljana schon für die Austragung der Olympischen Winterspiele 2014 beworben.

Arthur Oberascher, Geschäftsführer der Österreich Werbung, will trotzdem noch keine Gefahr für Österreichs etablierte Wintersportzentren erkennen. „Österreichs Image und Kompetenz im Wintersport sind so gut, dass diese neuen Zentren keine Konkurrenz, sondern eine Bereicherung sind“, erklärt Oberascher, der sogar einen positiven Effekt auf den heimischen Tourismus erwartet: „Mehr Skigebiete bedeutet, dass es mehr Skifahrer gibt, und die können dann eines Tages auch nach Österreich kommen.“

Etwas differenzierter schätzt Josef Mazanec, Professor am Institut für Tourismus und Freizeitwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien, die Lage ein: „Diese Destinationen sprechen zwar nur zu einem geringen Teil die gleichen Zielgruppen an wie Österreich, aber Österreich sollte versuchen, in diesen Ländern am Know-how-Transfer zu verdienen und nicht durch Konkurrenz um den Gast, der preisseitig ohnehin nicht zu gewinnen ist.“

Teures Österreich. Noch wiegt sich Österreichs Tourismuswirtschaft in Sicherheit. Man freut sich über den Wintereinbruch Ende November, der pünktlich zu den Skiopenings in den Wintersportorten den ersehnten Schnee gebracht und etlichen Skigebieten sogar einen um zwei Wochen früheren Saisonstart als geplant ermöglich hat. Und man erwartet aufgrund der guten Bedingungen schon zu Saisonbeginn ein neues Rekordergebnis. „Es könnte kaum besser sein. Jetzt ist zu erwarten, dass mehr Urlauber im Land bleiben und Ski fahren, statt Weihnachten und Silvester unter Palmen zu verbringen“, sagt Oberascher. Und Egon Smeral, Tourismusexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, wagt eine vorsichtig positive Prognose: „In diesem Winter könnte die Tourismuswirtschaft vier bis fünf Prozent mehr Umsatz erzielen.“

Doch noch während die letzten Vorbereitungen für die neue Wintersaison getroffen werden, wird plötzlich Kritik an den alpinen Wintersportzentren laut. Winterurlaub in Österreich ist zu teuer und für Familien kaum leistbar, heißt es plötzlich, und das missfällt Oberascher natürlich: „Es stimmt nicht. Bei Berichten über Luxusskigebiete in den Alpen wird Österreich ja nicht einmal erwähnt“, erklärt er und meint, dass es sehr wohl möglich sei, in Österreich kostengünstig Winterurlaub zu machen: „Es gibt auch günstige Skigebiete und Frühstückspensionen mit sehr moderaten Preisen.“

Einer Meinung mit Oberascher ist Tourismusexperte Smeral, der den Vorwurf, Österreich sei zu teuer, als geradezu lächerlich abtut. „Ich kann das nicht mehr hören. Es stimmt einfach nicht“, wettert Smeral, „im Vergleich mit anderen klassischen Winterurlaubsdestinationen wie Italien, Frankreich oder der Schweiz ist Österreich sogar um bis zu 40 Prozent billiger.“ Im Übrigen würden sich die Hotelpreise an der Nachfrage orientieren, und die hohen Preise zur Weihnachtszeit seien ein Resultat dessen, dass die Hochsaison im Winter ferienbedingt nur wenige Wochen lang ist. „Schnee ist außerdem ein knappes Gut, und die große Nachfrage zur Hauptsaison bestimmt den Preis. Es gibt in Österreich auch günstige Skigebiete, die Schneesicherheit in Lech kostet aber einfach etwas.“

Luxus-Volkssport. Hauptsaison oder nicht: Dass ein Winterurlaub in Österreich viel Geld kostet, ist eine Tatsache. Am Arlberg müssen Erwachsene für einen 6-Tage-Skipass 189 Euro auf den Tisch legen, in Sölden sind es 194 Euro und in Ischgl 208 Euro. Zum Vergleich: In den populärsten Wintersportgebieten Osteuropas wie dem tschechischen Spindlermühle kosten 6-Tage-Skipässe nur rund 75 Euro.

Doch mit der Liftkarte allein ist es natürlich nicht getan. Rechnet man die Ausgaben für die Übernachtung und den einen oder anderen Jagatee oder einen warmen Teller Suppe zwischendurch dazu, dann kostet ein einwöchiger Winterurlaub für eine vierköpfige Familie schnell 2500 Euro und mehr. Und um den Volkssport Skifahren standesgemäß ausüben zu können, braucht man natürlich auch die entsprechende Ausrüstung: Ski samt Bindung, Skischuhe, Stöcke, eine Skibrille, neuerdings auch einen Helm, einen Skianzug, Handschuhe und die entsprechende Unterwäsche. Wer all das um weniger als 1000 Euro kaufen will, muss schon auf den Winterschlussverkauf warten, oder er hat sich in den vergangenen Wochen bei Hofer eingedeckt.

„Natürlich ist das Skifahren zu kostspielig“, gibt auch Reinhard Eberl, Präsident des Tiroler Skiverbandes, zu; und ÖSV-Präsident Schröcksnadel, der in Österreich sieben Skigebiete betreibt, fordert alle österreichischen Liftbetreiber auf, Kindern bis zum zehnten Lebensjahr die Liftbenützung kostenlos zu ermöglichen, wie das bei seinen eigenen Anlagen der Fall ist.

Derzeit klagen die Skifahrer, und besonders die Touristen aus dem Ausland, dass ein Winterurlaub in Österreich schön, aber auch schön teuer ist. WU-Professor Mazanec: „Ich habe das in fünf europäischen Herkunftsmärkten – Großbritannien, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und Italien – sowie in den USA untersucht und festgestellt, dass Österreich nicht nur ein Hochpreis-Image hat, sondern auch tatsächlich ein überdurchschnittliches Reisebudget erfordert.“

Eine im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) in Deutschland durchgeführte Untersuchung kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Mehr als die Hälfte der deutschen Wintersporturlauber halten das Übernachtungsangebot in Österreich für zu teuer, und über 75 Prozent der deutschen Urlauber sind der Meinung, dass die österreichischen Skipässe zu viel kosten und zu unflexibel sind.

Alternativprogramm. Das BMWA zieht in seiner Untersuchung den Schluss, dass der Schnee- und Wintersporturlaub im Vergleich zum Sonnenziel-Urlaub starke Wettbewerbsnachteile hat und sich aufgrund der Konkurrenzsituation für den österreichischen Wintertourismus eine schwierige Marktsituation abzeichnet.

Mit den neuen Skigebieten im Osten wird die Situation noch schwieriger. Nach den deutschen Touristen, die in den vergangenen Jahren bereits spürbar weniger geworden sind, könnten damit auch die in den letzten Jahren neu gewonnenen Gäste aus den Reformstaaten Österreich wieder untreu werden, und damit wären auch die in den vergangenen Jahren von der Österreich Werbung in Zentral- und Osteuropa eingesetzten Werbemillionen verlorenes Geld.

„Niemand hat vorhergesehen, wie rasch die Gäste aus den Reformstaaten auch in die westösterreichischen Gebiete drängen. Dort hat sich die Tourismuswirtschaft noch nicht auf die neuen Gäste eingestellt“, sagt Mazanec, der es angesichts der Tourismusinitiativen im Osten für unbedingt notwendig hält, dass sich Österreich besser auf die Urlauber aus den Reformstaaten einstellt, um die Gäste nicht wieder zu verlieren.

„In einzelnen Regionen wie am Semmering stellen die Gäste aus dem Osten mittlerweile ein Drittel der Gäste, aber während Italienisch oder Englisch beispielsweise auf vielen Speisekarten oder Informationstafeln zu finden ist, gibt es keine Hinweise in osteuropäischen Sprachen“, kritisiert der Professor. Und schließlich müsse sich Österreich bemühen, attraktivere Angebote zu schnüren, denn: „Nicht nur für die osteuropäischen Touristen ist Österreich ein teures Pflaster.“

von Peter Sempelmann

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