Studieren – aber was?

Die Wahl des richtigen Studiums ist gar nicht so leicht. Experten raten, die Frage nach den Jobaussichten einfach zu vergessen und lieber die eigenen Neigungen zu berücksichtigen.

Meine Eltern wollen, dass ich Pharmazie studiere“, seufzt Werner, „nicht, dass es mich irgendwie interessieren würde, aber sie meinen, das bietet die Aussicht auf einen gut dotierten Job.“ Werner ist in der glücklichen Lage, jedenfalls nicht sofort nach der Matura in die Arbeitslose gehen zu müssen. Er kann die Zeit bis dahin noch mit einem Studium überbrücken. Aber mit welchem? „Eine eindeutige Begabung hat sich bei mir in der Schule nicht gezeigt, ich war überall eher durchschnittlich“, gibt er zu. Auch die Hälfte seiner ehemaligen Klassenkollegen hat noch keine Ahnung, welchen Weg sie einschlagen soll.

Jährlich inskribieren – trotz Studienbühren – fast 30.000 Maturanten das erste Mal an einer österreichischen Universität. Doch die Hälfte der künftigen Studenten hat keine präzise Vorstellung, was sie studieren will. Und die Gefahr, sich falsch zu entscheiden, ist groß.

„Vierzig Prozent erwischen das falsche Studium“, weiß Wirtschaftspsychologe und Personalberater Othmar Hill. „Die Vielfalt der Fachhochschulen und die rund 300 bis 400 neuen Berufsbilder, die sich in den letzten Jahren gebildet haben, machen das Angebot halt auch unübersichtlicher.“

Für viele Maturanten ist die Studienwahl die erste große Entscheidung, die sie selber treffen müssen. Da beschleicht einen leicht das mulmige Gefühl, jetzt unwiederbringlich die Weichen für den Rest des Lebens zu stellen. Aber in welche Richtung? In der Mittelschule wurde sicher in keinem Schüler der große Hang zur Juristerei, der Medizin oder Architektur geweckt. Das Interesse für solche Studien kann nur durch das Vorbild im Verwandten- oder Bekanntenkreis geweckt werden.

Leopold Stieger, Leiter der Gesellschaft für Personalentwicklung, rät daher, „das kostenlose Netzwerk der Freunde der Eltern zu nützen. Sich mit dem befreundeten Architekten des Vaters zu unterhalten, wenn mich Architektur zwar lockt, aber ich noch unsicher bin.“ Und er warnt davor, sich von den Aussichten auf dem Arbeitsmarkt leiten zu lassen: „Auf keinen Fall auf Prognosen hören, was gefragt sei oder nicht. Das sollte man völlig ignorieren, denn bis ein Studienanfänger fertig ist, hat sich der Trend längst gewandelt.“

Auch wenn der Herr Finanzminister bei Einführung der Studiengebühren meinte: „Die Studenten sollten sich stärker am Arbeitsmarkt orientieren“, war Karl-Heinz Grasser damit wohl etwas kurzsichtig, denn wenn der Trend erkannt ist, ist es schon zu spät, das geeignete Studium zu beginnen. Und sein Versuch, etwas exotischere Studienrichtungen ganz zu verteufeln – „Orientalistik brauchen wir nicht. Bei den Orchideenstudien soll man Ordnung machen“ –, klang ebenfalls weniger weitsichtig als eher reaktionär.

„Erst nach Auslotung der Interessen kann man sich die dazupassenden Chancen am Arbeitsmarkt ansehen und kombinieren“, meint Hill. „Wenn jemand Wirtschaft studieren will, dann soll er es tun, aber beispielsweise gleich in Lubljana, weil er es dann mit seinem Interesse, Sprachen zu lernen, verbinden kann. Sprachlich Interessierte wählen eben nicht mehr Englisch oder Spanisch, sondern Golf-Arabisch oder Chinesisch. Heute witzelt ja keiner mehr über Leute, die vor fünf Jahren mit einem Sinologie-Studium begonnen haben.“
Eine Orchidee kann sich eben schneller in eine rentable Nutzpflanze wandeln, als es ein Finanzminister für möglich hält.

Interesse vor Nutzen. Phillipp Karner ist 26 Jahre jung, aufstrebend, hat zügig Betriebswirtschaft studiert, spricht drei Fremdsprachen, kann auf ein paar Semester an der Universität St. Gallen und an der elitären Esade in Barcelona verweisen und war schon kurze Zeit im Vorstand einer Dotcom-Firma. Vor drei Jahren hatte er als Student ein Dutzend verlockender Angebote, doch mittlerweile ist es vorbei mit den fünfstelligen Kopfprämien, den Kennenlernreisen in die Karibik und den aufgeregten Anrufen der Headhunter. Beim letzten erfolglosen Vorstellungsgespräch wurde ihm beschieden, sein Werdegang sei „nicht schillernd genug“. Vorbei die Zeiten, als große Beraterfirmen, Start-ups und Investmentbanken mit Aktienoptionen und Scheckbuch winkten.

„Die Frage nach der Nützlichkeit für den Arbeitsmarkt? – Vergiss sie! Den eigenen Interessen muss man folgen, nicht einmal den eigenen Fähigkeiten“, ist Othmar Hill überzeugt, der seit Jahren Psychotests und Potenzialanalysen durchführt, um den Neigungen seiner Klientel auf die Spur zu kommen und ihr schließlich eine solide Berufsberatung geben zu können.

„Die meisten wissen nicht, was sie studieren sollen, weil wir eine Gesellschaft ohne Berufsberatung sind“, beklagt er, „jeder Jugendliche wird allein gelassen.“

Was will ich? Um Ratsuchenden Klarheit über den geeigneten Job zu verschaffen, gehen Berufsberater verstärkt dazu über, erst einmal Grundsätzliches zu klären: Was mache ich gern? Wie will ich später einmal leben? Welche Themen interessieren mich? In welchem Umfeld fühle ich mich wohl?
Andrea Puslednik, Sprecherin der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH): „Vielen wird bei gewissen Studienzweigen eine schnelle Karriere mit guten Aufstiegsmöglichkeiten versprochen. Aber Jobgarantie gibt es heute keine mehr. Bei der Studienwahl sollen daher die eigenen Interessen und Fähigkeiten mit einbezogen werden.“ Sie selbst hat zwei Semester Jus studiert, dann auf Betriebswirtschaftslehre umgesattelt und war noch immer nicht glücklich mit ihrer Entscheidung. „Auf der Berufsinformationsmesse habe ich dann eine psychologische Studienberatung bekommen, und seither studiere ich Psychologie, und das ist genau mein Studium.“

Bildungsberatung boomt. Beim WIFI Wien muss man nach der Voranmeldung mit einem Monat Wartezeit rechnen, bis man zum dreistufigen Beratungsgespräch kommt. „Nach dem Erstgespräch führen wir meist eine Potenzialanalyse durch, die vier bis fünf Stunden dauert“, erklärt Marie-Louise Lehner, Psychologin des WIFI. Nach der Auswertung gibt es ein Beratungsgespräch. Das Gesamtpaket kostet 169 Euro und ist damit um einiges billiger als die Studiengebühren für ein paar verzichtbare Semester am falschen Uni-Institut. Rund 450 bis 500 Ratsuchende kommen jährlich ins WIFI.

Einen weit einfacheren Test, der nur grob die Berufsinteressen zutage fördern soll, macht Irene Wondratsch, Bildungsberaterin der Arbeiterkammer (AK) Wien, mit ihrer Klientel: „Wir schauen eher, in welche Richtung die Neigungen gehen, also beispielsweise in analytisch-forschende, künstlerisch-kreative oder soziale Richtung.“ Das kostenlose AK-Service wird auch auf Berufsinformationsmessen angeboten. Psychotests, die man online absolvieren kann, sind ebenfalls sehr gefragt. Der Berufskompass, ein Test, der in 14 Sprachen durchgeführt werden kann und 900 Berufsbilder durchforstet, wurde von Hill International für das AMS erarbeitet. „Jährlich führen tausende diese Tests durch“, freut sich Hill.

„Wo stehen Sie bei einer Veranstaltung? Eher im Abseits? Oder meist im Zentrum des Geschehens? Würden Sie lieber einen Computer zusammenbauen oder lieber programmieren? Erzählen Sie gerne eine Geschichte nach, oder erfinden Sie lieber eine selber? – Und was hat das alles mit meiner Studienwahl zu tun?“, war Werner kurz durch den Kopf geschossen, als er die Fragen des Psychotests beantwortete. Doch jetzt – nach der Auswertung und dem anschließenden Beratungsgespräch – ist er sich sicher: Er wird Soziologie studieren, und er freut sich schon darauf. Seinen verdutzten Eltern begegnete er mit einem „Lieber ein glücklicher Soziologe als ein unglücklicher Pharmazeut“.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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