Stirbt Europa?

Auf der Wirtschaftsressort-Aufmacherseite des Nachrichtenmagazins „profil“ 13/04 findet sich ein elektrisierendes Zitat: „In zehn Jahren gehört Europa wirtschaftlich betrachtet zur Dritten Welt“, steht dort im linken unteren Eck. Der kühne Sager stammt von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone.

Erste Reaktion: Einer, der so klein und verbissen in der nicht gerade mit nobelpreisverdächtigen Gestalten gesegneten Welt des schnellen Rundendrehens lebt, dessen volkswirtschaftliche Fantasien sind nicht ernst zu nehmen.

Zweite Überlegung: Der Mann ist genau genommen der Manager eines auf vier Kontinenten Milliarden Dollar abwerfenden Unternehmens, also der CEO einer global höchst erfolgreich agierenden Entertainment-Company.

Dritte Empfindung: Ein mulmiges Gefühl breitet sich aus. Mag sein, der Mann hat Recht?

Tatsache ist, dass sich zu Beginn des dritten Jahrtausends Strukturen in der Wirtschaft rascher wandeln, als wir es uns noch vor zehn Jahren vorstellen konnten. Die USA beispielsweise werden seit kurzem von einem auch dort bislang unbekannten Schreckgespenst heimgesucht. Sein Name ist „Offshoring“. Der Begriff ist erst wenige Wochen alt, aber in den Staaten bereits in aller Munde. Wofür er steht, wurde bei uns in einem zunächst wegen seiner technischen Außergewöhnlichkeit verblüffenden Beispiel bekannt: Gemeint ist die jüngste Entwicklung am Medizinsektor, wonach amerikanische Ärzte Röntgenbilder zum Entwickeln nach Indien schicken. Die Faszination der Technik überlagert dabei bei uns noch den Blick für die Konsequenzen auf den Arbeitsmarkt.

Nicht so in den USA. Dort verbreitet Offshoring unter den Amerikanern Angst um ihre Arbeitsplätze. Die Beratungsfirmen bezeichnen es als „obligatorischen Imperativ“ für Unternehmen. McKinsey hat errechnet, dass Dienstleistungen im Wert von drei Billionen (3000 Milliarden) Dollar von amerikanischen Unternehmen in Billiglohnländer ausgelagert werden könnten.

Das gleichsam Revolutionäre wie Furchteinflößende an Offshoring: Bislang ging es beim Thema Auslagerung in Billiglohnländer stets um Produktionen, um Werkstätten, um die Verrichtung handwerklicher Tätigkeiten. Die Handarbeit wandert in Länder mit niedrigeren Einkommen ab; die Kopfarbeit bleibt bei den hoch bezahlten Fachkräften.
Durch Offshoring hat diese feine These, an die wir Europäer uns so gerne klammern, ein wenig an Tragkraft verloren.
In Österreich hat bislang nur die AUA Dienstleistungen in nennenswertem Ausmaß in Niedriglohnländer ausgelagert. Doch die Zeichen mehren sich, dass das nicht so bleiben könnte.

Die fünf größten Banken des Landes haben sich vor kurzem darauf geeinigt, den Zahlungsverkehr gemeinsam abzuwickeln. Eine betriebswirtschaftlich logische Handlung. Warum soll jedes Institut ein eigenes Rechenzentrum zur Abwicklung der Buchungsbewegungen auf den Konten seiner Kunden unterhalten, wenn ein gemeinsames, ausreichend starkes Rechenzentrum das genauso kann? Doch nicht nur in dem vergleichsweise simplen Bereich des Zahlungsverkehrs bündeln die Finanzdienstleister ihre Kräfte. Bank Austria Creditanstalt und RZB verhandeln mittlerweile sogar bereits über die Zusammenlegung ihrer Wertpapierabteilungen. Die anderen Institute werden aufgrund des Rationalisierungsdrucks dieser Allianz wohl folgen.

Dass sich dafür notwendige Mega-EDV-Anlagen noch in Österreich befinden, ist angesichts der oben beschriebenen Entwicklungen eigentlich nur mehr als Anachronismus zu bewerten. Oder als Folge der kollektivvertraglichen Absicherung von Arbeitsplätzen. Je nachdem, welcher Sicht man gerne anhängt.

Tatsache ist jedoch, dass durch die immense Leistungsfähigkeit der IT-Netze die Auslagerung von Dienstleistungen heute fast billiger geworden ist als jene von Produktionen. Auf dem Datenhighway fährt man mittlerweile billiger als auf Autobahnen. Und so droht diese Entwicklung die breite Mittelklasse der europäischen Bevölkerung anzugreifen. Die Jobs von Software-Programmierern, Bankangestellten, Buchhaltungsspezialisten sind in Gefahr.

In den USA hat Offshoring zu einer landesweiten Diskussion über die Auswirkungen des freien Welthandels geführt, in der selbst unverdächtige Wallstreet-Ökonomen plötzlich Skepsis zeigen. Noch bedrohlicher erscheint diese Entwicklung aber, führt man sich die Problemfelder, mit denen sich beispielsweise die österreichische Bundesregierung in den vergangenen Wochen intensiv befasst hat, zu Gemüte: eine hanebüchene Diskussion über eine Steueramnestie, ein Volksbegehren zur Reform der Pensionsreform, ja und davor war da auch noch die Diskussion über das bundesweite Tierschutzgesetz.

Vierter und letztendlicher Gedanke: Bernie Ecclestone hat Recht.

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