Standort: Forsch voran

Eine aktuelle Studie der EU belegt, dass Österreich den Wandel vom Industrie- zum Forschungsstandort erfolgreich absolviert. Die Zukunft unserer Wirtschaft ist trotzdem in Gefahr – Probleme im Bildungs- und Energiebereich sind ungelöst.

Wir Österreicher sind ein Volk der Raunzer. Wie heftig haben wir uns doch darüber ereifert, wenn wir bei der Forschungsquote wieder einmal das Schlusslicht Europas waren. Wie hämisch haben wir es kommentiert, wenn sich die Forschungsszene in politischen Querelen zerfledderte. Und wenn irgendwo ein Industriebetrieb hunderte Mitarbeiter abbaute oder seine Produktion in den Osten verlegte, bohrten sich die mahnenden Zeigefinger in die Luft: Wir hatten es ja immer schon gewusst, dass es so kommen würde.

Doch ganz langsam, zunächst unmerklich, wendete sich das Blatt. In letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass sich Österreich im konzerninternen Wettbewerb der Multis als der bessere High-Tech-Standort profilieren kann.

Am Beispiel Infineon. Im August 1995 herrschte in dem Villacher Chip-Werk, das damals noch zu Siemens gehörte, helle Aufregung. Eine Rieseninvestition war nicht nach Kärnten, sondern ins englische Newcastle gegangen. Mittlerweile ist das Werk in Newcastle wieder geschlossen. Dafür hat sich die Infineon-Tochter in Villach zu einer der profitabelsten Landesgesellschaften des Halbleiterkonzerns entwickelt. Die Österreicher bekamen die operative Verantwortung für den blühenden Geschäftsbereich „Power Management and Supply“, das sind Chips für den Industriebereich. Gleichzeitig erhielt Villach ein neues Forschungszentrum. Und auch die Forschungsabteilung in Graz, die Chips für die Automobilindustrie, aber auch Funkchips und Speicherchips für biometrische Daten – etwa in elektronischen Pässen – designt, wurde aufgestockt. „Mittlerweile sind bereits 800 unserer insgesamt 2700 Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung tätig“, freut sich Infineon-Finanzchefin Monika Kircher-Kohl.

Am Beispiel Böhringer Ingelheim. 1998 hatte dem Standort Wien bereits die Abwanderung gedroht. Heute steht die Konzerntochter hochweiß da. Über 140 Millionen Euro wurden seit damals investiert – in den Ausbau der Biotech-Produktion, in die Krebsforschung. Und im Juli 2005 wurde Wien sogar zum regionalen Headquarter für Zentral- und Osteuropa geadelt.

Am Beispiel Borealis. Seit Dezember steht fest, dass der Kunststoffriese sein Headquarter von Kopenhagen nach Wien verlegen wird. Mag sein, dass die Haupteigentümerin OMV bei dieser Entscheidung massiv mitgeholfen hat. Aber das zeigt eigentlich nur, wie wichtig es ist, dass Österreich potente Firmen wie die OMV, die über eine Vielzahl von Tochterunternehmen, Beteiligungen und Zulieferfirmen verfügen, im Land behält.

Mindestens ebenso erfreulich ist das Ergebnis des jüngsten EU-Innovationsanzeigers. Denn in dieser umfangreichen Studie, die die EU alljährlich durchführt, wurde Österreich im Jänner bescheinigt, dass es sich hier nicht nur um punktuelle Erfolgserlebnisse handelt, sondern um tief greifende Strukturveränderungen. Im internationalen Ranking der Innovationsstandorte konnte sich Österreich im abgelaufenen Jahr von Platz 15 auf Platz acht vorkämpfen, innerhalb der EU von Platz zehn auf Platz fünf. Österreich weist heute das dritthöchste Pro-Kopf-Einkommen der EU auf. Der Exportmotor brummt, und beim Wirtschaftswachstum liegt Österreich konstant über dem Durchschnitt der EU – was umso verwunderlicher ist, da es im Regelfall die weniger entwickelten Volkswirtschaften sind, die schneller wachsen als diejenigen im Spitzenfeld. „Dieses Wachstum hat sicher damit zu tun, dass Österreich innerhalb der EU-15 am stärksten von der Osterweiterung profitiert hat“, meint Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV).

Ein Land überholt. Aber es hat auch mit kluger Wirtschafts- und Innovationspolitik zu tun. Steuer- und Hochschulreform, die Förderung des Kapitalmarkts, vor allem aber die konzertierten Anstrengungen im Bereich Forschungsförderung haben dazu beigetragen, dass Österreich im jüngsten Innovationsanzeiger ausgerechnet beim Punkt „governance“, also bei den politischen Rahmenbedingungen, mit Rang drei innerhalb der EU einen Spitzenwert aufzuweisen hat. Dazu passt, dass Österreich auch in dem von der Wirtschaftskammer (WKO) gemeinsam mit einem deutschen und einem Schweizer Institut erstellten „DACH-Reformbarometer“ die Nachbarländer Deutschland und Schweiz beim Reformtempo und vor allem bei der Reformqualität zuletzt deutlich abgehängt hat – und zwar in allen vier untersuchten Bereichen (Arbeitsmarkt-, Sozial-, Steuer- und Forschungspolitik). „Sehr positiv ist zum Beispiel die Abfertigung neu bewertet worden, weil sie die Mobilität der Arbeitnehmer fördert“, erklärt Harald Kaszanits, Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung in der WKO, „aber auch die größere Flexibilität bei der Bestellung von Schlüsselarbeitskräften aus dem Ausland oder die Lohnnebenkostensenkung für ältere Arbeitnehmer kamen gut an.“

Doch gerade weil Österreich nun in der Spitzenliga mitspielt, tun sich neue Gefahrenpotenziale auf. „Österreich befindet sich heute an der Wegkreuzung zwischen alten Strukturen und neuen Anforderungen“, warnt Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), „und viele der bisherigen Stärken werden brüchig, weil sich das Umfeld geändert hat.“

„Um die Jobs von morgen zu schaffen und unseren Wohlstand abzusichern“, meint IV-Forschungsexperte Gerhard Riemer, „gibt es nur eine Möglichkeit: Wir müssen als Innovationsland im Spitzenfeld der EU bleiben. Und diese Position zu halten ist ungleich schwieriger, als sie zu erreichen.“

Mit anderen Worten: Etappenziele wurden erreicht. Aber das Rennen ist noch längst nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil: Europa formiert sich derzeit neu. Gleichzeitig treten mit China und Indien sehr potente Player im Standortwettbewerb auf. „Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden sich viele EU-Firmen regional neu positionieren“, meint Aiginger, „in diesem Zeitraum wird sich nicht nur entscheiden, ob Österreich als Standort für regionale Headquarters attraktiv bleibt, sondern auch, ob die nächste Großinvestition hier oder in Asien gemacht wird.“

Einige EU-Studienergebnisse im Detail:
* Den absolut besten Wert im EU-Vergleich erzielte Österreich laut Innovationsanzeiger bei der „öffentlichen Förderung von Investitionen“. In keinem anderen Land der EU erhielten die Unternehmen so viel Geld vom Staat. Gelobt wird allerdings auch die Qualität der österreichischen Forschungsförderung.

* Überdurchschnittlich gut liegt Österreich auch beim Zuwachs an Patenten.

* Äußerst spärlich hingegen ist die Zusammenarbeit der Unternehmen mit Universitätsinstituten, vor allem wenn es um Projektfinanzierungen geht.

* Deutlich unter EU-Schnitt liegt Österreich auch bei der Verfügbarkeit von Risikokapital, insbesondere für Unternehmen in der Startphase.

Bedenklich stimmt vor allem, dass Österreich ausgerechnet im Bildungsbereich, in dem es früher stets Lorbeeren für seine gut ausgebildeten Facharbeiter und Techniker bekam, ins Hintertreffen zu geraten droht. Laut Innovationsanzeiger liegt unser Land bei den so genannten Innovationstreibern – hier werden Faktoren wie Bildung, aber auch die Verbreitung von modernen Breitbandtechnologien dazugezählt – innerhalb der EU-25 nur auf Platz zwölf. Bei der Zahl der Hochschulabsolventen liegt Österreich um 26 Prozent, bei den technischen und naturwissenschaftlichen Absolventen sogar 33 Prozent unter dem EU-Schnitt.

„Die Ausbildung in Österreich war bisher sehr auf unsere technologisch mittlere Position spezialisiert“, analysiert Aiginger, „außerdem sind wir davon ausgegangen, dass die Unternehmen stabil sind, die Leute einen Lebensarbeitsplatz haben und die Bevölkerung relativ homogen ist.“ All das ist aber heute nicht mehr der Fall. Denn das Anforderungsprofil ist gewachsen. „Wo wir vor zehn Jahren noch Handelsschüler oder Lehrlinge eingesetzt haben, suchen wir heute Maturanten und Akademiker“, bestätigt Infineon-Vorstand Kircher-Kohl. Und die Wahrscheinlichkeit, den gleichen Job bis zur Pensionierung ausüben zu können, wird immer geringer. Kircher-Kohl: „Auch bei uns im Unternehmen müssen die Mitarbeiter flexibel sein, und das bedeutet, dass das berufsbegleitende Lernen immer wichtiger wird.“

Aiginger fordert deshalb dringend eine Bildungsreform, die von Sprachkursen im Vorschulbereich über eine spätere Selektion in der Schulphase bis zu einer kürzeren Studiendauer und einer Forcierung naturwissenschaftlicher und technischer Fächer an den Universitäten und Hochschulen reicht. Aber auch das Angebot an Lehrplätzen gehört überdacht. „Denn in der Industrie geht das Lehrstellenangebot zurück, und in den modernen Dienstleistungsbranchen wie dem Telekom- oder dem Softwarebereich gibt es so etwas wie Lehrlinge kaum.“

Wenige Leitbetriebe. Ein Upgrading hätte Österreich auch im Bereich der Spitzenforschung nötig. Bereits in der Vergangenheit hatten Aiginger & Co bemängelt, dass Österreich zwar ausgezeichnet positioniert sei bei prozessorientierten Verbesserungen, vor allem bei den Klein- und Mittelbetrieben. Für echte strategische Forschung reiche es jedoch nur bei einigen Leitbetrieben. Das jüngste, von der EU erhobene Innovationsprofil zeigt ein ähnliches Ergebnis (siehe auch Grafiken auf den Seiten 40 und 41): Während Länder wie Schweden und Finnland (Rang eins und zwei im EU-Ranking) ein überdurchschnittlich hohes Ausmaß an strategischen Innovationen aufweisen, punkten Deutschland und Österreich (Rang vier und fünf) vor allem bei den Modifizierungen, sprich: primär prozessorientierten Verbesserungen bereits vorhandener Technologien.

Weiterbildung à la USA. Nachdenklich stimmt auch eine brandneue Studie der IV zum Thema „Leading Competence Units in Österreich 2005“, der zufolge auf 40 der untersuchten Headquarters und Kompetenzcenter 28 Prozent der gesamten F&E-Aufwendungen des Jahres 2004 entfallen (siehe auch Tabelle auf Seite 42). „Wenn da nur ein Unternehmen wegfällt“, so Riemer, „sinkt unsere F&E-Quote katastrophal ab.“

Insgesamt schreitet der Umbau von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft zwar voran. So hat sich laut Herwig Schneider, Geschäftsführer des Industriewissenschaftlichen Instituts (IWI), der Produktionswert der industrienahen Dienstleistungen in Österreich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt und in manchen Bereichen – etwa in der Datenverarbeitung – sogar verdreifacht. Allerdings spiegelt sich darin laut Schneider vor allem der Trend der Industrie zum Outsourcing wider.

In den USA ist das anders. Spitzenreiter unter den Dienstleistern sind dort mit Wachstumsraten von 30 Prozent jährlich überraschenderweise die Aus- und Weiterbildungskonzerne. „Bei uns hat sich in diesem Bereich neben bfi und Wifi bislang wenig entwickelt“, konstatiert Helmenstein, der dieser Frage nachgegangen ist, „in den USA hingegen gibt es eine breite Zahl von Anbietern. Marktführer Apollo beispielsweise kommt bereits auf einen Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar und bildet mehr als 200.000 Studenten aus. Umgelegt auf Österreich, wären das über 4000 Studenten.“

Das Wirtschaftswachstum in Österreich, ergänzt Helmenstein, könnte um einen ganzen Prozentpunkt höher sein, wenn das Produktivitätswachstum des Dienstleistungssektors – ähnlich wie in Deutschland, Großbritannien oder in den USA – auch nur einigermaßen an jenes der Industrie herankäme.

Und mehr Wachstum, assistiert Aiginger, ist auf jeden Fall notwendig, wenn Österreich sein Arbeitslosenproblem nachhaltig in den Griff bekommen will. Teil einer solchen Wachstumsstrategie könnten dringend nötige Infrastrukturinvestitionen sein. Denn Österreich verfügt nach wie vor über ein dürftig ausgebautes Straßen- und Schienennetz zu unseren östlichen Nachbarländern. Vor allem aber hat Österreich, wie der stellvertretende IV-General Peter Koren kritisiert, im Energiebereich massive Probleme mit der Versorgungssicherheit. Die 380-Kilovolt-Leitung in der Steiermark sei nach zwanzig Jahren immer noch nicht fertig gestellt. Koren: „Das führt zu steigender Unsicherheit bei den produzierenden Unternehmen im Süden Österreichs.“

Wie akut das Problem bereits ist, zeigt sich am Beispiel Infineon. Am 23. April des Vorjahres kam es zu einem Stromausfall von drei Minuten und zwanzig Sekunden, was in der Waferproduktion zu einem Schaden von 1,4 Millionen Euro führte.

von Ingrid Dengg

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