Stadtflucht

Ein altes, verlassenes Bauernhaus zum Restaurieren? Reiner Wahnsinn oder wahnsinnig schön? Ein Wagnis zumindest, aber eines, das sich lohnen kann.

Und dann kam Altnagelberg. Ein Besuch bei Freunden, die sich in dem Ort im nördlichen Waldviertel niedergelassen hatten, nährte auch bei Gernot Winkler den Wunsch nach der kleinen heilen Welt fürs Wochenende. „Die Sehnsucht nach einem Gegenpol zur Rastlosigkeit unter der Woche schlummerte in mir schon länger“, erzählt der IT-Fachmann, „konkrete Form bekam er allerdings erst nach dem gemütlichen Ausflugstag, an dem ich meinen Freunden beim Reisigsammeln, Nussklauben und Holzwachsen zusah.“ Da wusste Winkler, dass der Schlüssel zur Erholung für ihn nicht im Virtuellen, sondern im Haptischen und Profanen lag.

Drei Monate lang tourte er jeden freien Tag durch die wildromantische Gegend, von Dorf zu Dorf, bis er bei Kirchberg am Walde um 40.000 Euro das Haus seiner Vorstellung fand. Ein altes, heruntergekommenes Bauernhaus – „schlichte Fassade, große Fenster, zur Straße hin abgeschlossen, aber nach hinten hin offen mit einem tollen Innenhof“.

Sein Leben ist seither nicht unbedingt ruhiger geworden, aber um einige Facetten reicher: Unter der Woche verschanzt sich der IT-Experte nach wie vor hinter seinem Computer, doch spätestens Samstagmittag bastelt, bohrt und beizt er freudig an seinem Häuschen herum. Gernot Winklers Seelenheil steht stellvertretend für ein Bedürfnis, das der deutsche Kommunikationsforscher Norbert Bolz generell bei der gegenwärtigen Gesellschaft diagnostiziert: „Wenn die Menschen die Welt um sich als Chaos wahrnehmen, ziehen sie sich in die Überschaubarkeit des eigenen Horizonts zurück, wo sie aktiv etwas gestalten können.“

Vor allem bei Städtern manifestiert sich diese Sehnsucht nach dem Überschaubaren, nach der Berechenbarkeit der kleinen Welt und der Zuverlässigkeit der kleinen Einheit. Dieses Bedürfnis äußert sich unter anderem darin, dass Wochenendrefugien, die nicht weiter als ein bis eineinhalb Autostunden von Wien entfernt liegen, zunehmend an Attraktivität gewinnen. Alte Bauern- und Winzerhäuser sind wieder gefragt – liegen diese auch noch auf einer Anhöhe, einer stillen Lichtung oder an einer urtümlichen Kellerstraße, spielt sogar deren Zustand kaum eine Rolle.

Selbstverständlich existieren vor allem handfeste Gründe für das wachsende Interesse am Dörflichen. Im Zuge der Euro-Umstellung und der folgenreichen Hochwasservorfälle sind Nachfrage und Preise rapide gesunken. Obwohl sich die Nachfrage mittlerweile erholt hat, liegen die Preise immer noch im Keller. Denn auch das Angebot nimmt konstant zu. „Bevor der junge Landwirt das Haus seiner Eltern übernimmt, baut er sich lieber ein neues“, weiß Jürgen Mokesch von Mag. Waitz und Mokesch Immobilien in Hollabrunn.

Von dieser Entwicklung betroffen sind vor allem die nördlichen Teile des Waldviertels und das Weinviertel. „Man braucht bloß durch die Dörfer und Kleinstädte zu fahren“, schreibt trend-Redakteur und Waldviertel-Experte Othmar Pruckner in seinem Reiseführer „Das Waldviertel“ (Falter Verlag), „vielerorts hängen Schilder ,Zu verkaufen‘ an den Toren, sind die Telefonnummern von Immobilienmaklern an die staubigen Fensterscheiben geklebt.“

Wenig Geld, viel Bastelfreude. Der Hollabrunner Makler Jürgen Mokesch bestätigt das Phänomen – warnt allerdings: „Im Regelfall sind Häuser in dieser extrem niedrigen Preiskategorie total renovierungsbedürftig. Ich habe von einem Verkaufsabschluss in der Höhe von 13.000 Euro gehört. Da war allerdings der Dachstuhl eingebrochen, wahrscheinlich gehören sogar die Grundmauern ebenfalls erneuert.“ Mokesch rät daher, von diesen scheinbaren Schnäppchen die Finger zu lassen: „Man hat zwar dann ein Haus auf einem Grund stehen, muss aber in Wirklichkeit sehr oft bei null beginnen.“

Für 25.000 bis 30.000 Euro hingegen gäbe es schon Interessantes am Markt, oft könne man dabei sogar mit einem fast 1000 Quadratmeter großen Garten rechnen. „Ein Haus in dieser Preisklasse kann man zwar nicht sofort beziehen. Ist man aber handwerklich geschickt, sodass nicht jede Arbeit delegiert werden muss, bekommt man mit einer zusätzlichen Investition von rund 70.000 Euro ein ganz anständiges Domizil.“ Bei Objekten dieser Kategorie müsse man allerdings in Kauf nehmen, dass die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz kaum bis überhaupt nicht vorhanden ist.

Je besser diese ist, desto stärker ziehen naturgemäß die Preise an. „In Retz und näherer Umgebung findet man kaum Angebote unter 50.000 Euro“, meint der Bauamtsleiter der Gemeinde Retz, Herbert Leeb. Die Elektrifizierung der Eisenbahnstrecke nach Wien Anfang der neunziger Jahre habe die Gegend enorm aufgewertet. „Wenn hier ein Haus leer steht und der Preis passt, dann ist es innerhalb einer Woche verkauft“, schwärmt Leeb. Ein zusätzliches Argument für eine Aufwertung ergibt sich, wenn das Grundstück mit einer eigenen Autoeinfahrt versehen ist.

Und noch eine Region könnte in Bälde eine gewaltige Aufwertung erfahren: die Dörfer in der Gegend von Mistelbach und Poysdorf. Branchenkenner setzen hier auf den geplanten Ausbau der Nordautobahn. Durch die verbesserte Erreichbarkeit steigt automatisch der Wert der Häuser.

Im benachbarten Waldviertel bewegen sich die Preise in vergleichbarer Dimension. Vor allem in der Gegend rund um Waidhofen an der Thaya sind nicht selten Objekte um 35.000 bis 50.000 Euro zu finden. Bei Immobilien dieser Kategorie muss man davon ausgehen, dass die Räume maximal mit alten Ölöfen ausgestattet und daher im Winter nur für (Über-)Lebenskünstler bewohnbar sind. Um Investitionen kommt man daher schwer herum. „Stößt man auf Angebote, die bei 30.000 Euro oder weniger liegen, ist die Immobilie mit Sicherheit nicht gleich zu bewohnen“, gibt Gottfried Dalinger, Waldviertel-Experte bei Raiffeisen-Immobilien, zu bedenken. Realitätenvermittler Johann Wild beziffert die Renovierungskosten in der Gegend von „600 bis 700 Euro pro Quadratmeter, wenn das Haus von Grund auf erneuert werden muss, und 200 Euro pro Quadratmeter, wenn nur leichte Arbeiten anfallen“.

Preislich stark nach oben zieht nur das Kamptal im Waldviertel, „in dem es immer noch wesentlich mehr leer stehende Objekte gibt als im Mostviertel“ (Wild). Häuser, die in dieser Region weniger als 100.000 Euro kosten, sind als Glücksfälle zu betrachten. Auch dann, wenn man sie komplett renovieren muss.

Im Mühl- und im Mostviertel, in der Buckligen Welt sowie im Burgenland dürfte das Repertoire langsam ausgeschöpft sein. „Eine Landflucht hat es bei uns nicht gegeben“, erläutert Mostviertel-Spezialistin Helga Lindner von Lindner Immobilien. „Stehen vereinzelt Bauernhäuser zum Verkauf, dann in abgelegenen Lagen und nicht in eine Dorfgemeinschaft eingebunden. Dabei handelt es sich um Liebhaberobjekte zu entsprechend hohen Preisen.“

Auch Friedrich Trimmel, Obmann des Vereins „Gemeinsame Region Bucklige Welt“, berichtet freudig über den Imagegewinn der von ihm betreuten Region: „Die Nachfrage ist bei uns mittlerweile größer als das Angebot. Unter 70.000 Euro ist kaum mehr etwas zu bekommen.“ Hauptgrund für das Hoch ist die perfekte und rasche Anbindung an Wien (über die A2) sowie die Nähe zu Ballungszentren wie Wiener Neustadt oder Hartberg in der Steiermark.

Förderung vom Land. „Bauernhäuser haben eine gewisse Ausstattung von handwerklicher Qualität. Man hat das Gefühl, das Haus hat Geschichte; das zeichnet das Flair aus“, erklärt Konrad Köstlin, Vorstand des Instituts für Volkskunde in Wien, den Zauber vom Leben auf dem Land. Allein die Vorstellung, eine Idylle über die Jahre hindurch langsam wachsen oder wieder auferstehen zu sehen und dabei womöglich auch noch selbst Hand anzulegen, bringt das urbane Auge nicht selten zum Leuchten.

Zur Stützung der Investitionsfreude gibt es für private Häuslbauer, die nicht mehr als 30.000 Euro netto im Jahr verdienen (bei zwei Personen: 45.000 Euro netto), sowohl in Nieder- als auch in Oberösterreich eine „Sanierungsförderung“.

Die Bedingungen für die Hilfe der Länder lauten: Das Objekt muss mindestens 20 Jahre alt und ständiger Wohnsitz des Eigentümers sein. Die Förderung beträgt maximal 37.000 Euro, wobei der Käufer zuerst die Reparaturmaßnahmen durchzuführen hat – danach kann er sein Ansuchen stellen. Das Ausstellungsdatum der vorgelegten Rechnungen darf dann nicht mehr als zwei Jahre zurückliegen.

Der Autor und PR-Fachmann Christoph Neumayr hat sich vor mehr als zehn Jahren im Umkreis von Poysdorf ein desolates, aber bezugsfähiges Haus um zirka 70.000 Euro (damals: zirka eine Million Schilling) gekauft. Trotz günstiger Finanzierungskonditionen und der Aufwertung des Objekts – „Neben den üblichen Renovierungsarbeiten haben wir aufgestockt und einen Wintergarten gebaut“ – glaubt Neumayr nicht, dass sich seine Aufwendungen mittlerweile gerechnet haben. Zumindest was die Geldseite betrifft: „Wenn man sich so ein Objekt zulegt, muss man damit rechnen, dass es zehn Jahre braucht, bis man es in einen Top-Zustand gebracht hat.“

Was die ideelle Seite angeht, sieht sich Christoph Neumayr allerdings schon lange auf der Gewinnerseite: „Jeden Tag, wenn ich vom Arbeiten nach Hause komme, genieße ich das Naturerlebnis und die Ruhe. Andere haben das nur zum Wochenende oder in den Ferien. So gesehen kann ich sagen: Ich habe jeden Tag ein bisschen Urlaub.“

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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