„Staatlichen Eigentümern fehlt die Perspektive“

Fünf Jahre an der Börse: Telekom-Austria-Boss Heinz Sundt über den WETTBEWERB, die ZUKUNFT des Telefonierens und die PERFORMANCE der österreichischen „T-Aktie“.

trend: Die Telekom notiert nun seit genau einem halben Jahrzehnt an der Wiener Börse. Freuen Sie sich über diesen runden Geburtstag – wie fühlen Sie sich nach fünf Jahren an der Börse?
Sundt: Verändert – gemessen am Beginn dieser Periode. Aber man kann sagen, dass wir diese Periode hervorragend genutzt haben und dass die Telekom Austria für die Aktionäre ein attraktives Unternehmen ist.

Das hat vor fünf Jahren aber ganz anders geklungen. Ein Blick in die Archive beweist, dass Sie ein klarer Gegner des Börseganges waren. Haben Sie sich damals geirrt?
Aus der damaligen Sicht war meine Haltung verständlich. Ich habe damals die Meinung vertreten, dass es für einen Börsegang zu früh sei. Die Telekom Austria war auf den Börsegang schlecht vorbereitet. Der Personalstand war zu hoch, die internen Strukturen unübersichtlich, es gab keine ausreichenden Informationen aus dem Rechnungswesen …

… was dann ja prompt dazu geführt hat, dass Sie schon wenige Wochen nach dem Börsegang die Aktionäre informieren mussten, dass Sie Ihre Gewinnziele nicht erreichen können.
Stimmt, wir sind am 21. November 2000 an die Börse gegangen, und Anfang Jänner 2001 kam die erste Gewinnwarnung. Das war eigentlich die Katastrophe schlechthin. Man muss sich einmal vorstellen, da kommt ein großes Unternehmen mit einer riesigen Werbeaktion an die Börse, die Anleger kaufen die Aktien unter ganz bestimmten Vorstellungen, und ein paar Wochen danach gibt es bereits eine Gewinnwarnung. Schlimmer kann es eigentlich kaum kommen. Das lag aber nicht daran, dass sich die Gewinnsituation in der kurzen Zeit verschlechtert hätte, sondern daran, dass die internen Systeme den Informationserfordernissen einer börsenotierten Gesellschaft nicht entsprochen haben.

Das ist heute hoffentlich anders.
Natürlich. Von dem damaligen Zeitpunkt weg ist uns wirklich Bemerkenswertes gelungen. Die gesamte Unternehmenskultur hat sich geändert. Das ist ja auch nicht verwunderlich – wenn Sie aus einer Ecke kommen mit fünfzehneinhalbtausend Beamten, die wir Ende 1999 hatten, nur sechs Prozent waren nicht pragmatisiert, das Rechnungswesen kam aus der Kameralistik, ohne Anlagenbuchhaltung, es gab nichts von dem Rechenwerk, mit dem man normalerweise Firmen steuert, es gab keine Planungssysteme – das Unternehmen war damals für den Wettbewerb nicht gerüstet. Heute verfügen wir über alle erforderlichen Planungsdaten, können sehr frühzeitig Trends erkennen und reagieren.

Wie hat sich das im Geschäft ausgewirkt?
Wir haben im Jahr 2000 dramatisch Marktanteile verloren, rund 18 Prozent in einem Jahr, das hat mir sehr große Sorgen bereitet. Es ist uns aber gelungen, im Festnetzbereich unsere Marktanteile zu stabilisieren und sogar wieder geringfügig zu erhöhen.

Mit dem Kursverlauf der Aktie sind Sie zufrieden?
Wenn ich unsere Aktie mit dem Branchendurchschnitt vergleiche, dann liegen wir im Vergleich zum Index hervorragend, wobei auch das einem Zyklus unterliegt. Am Beginn gab es eine etwas schlechtere Performance, was auch auf die Gewinnwarnung zurückzuführen war, aber das hat sich sukzessive verbessert, und jetzt stoßen die Maßnahmen des Managements auf das volle Vertrauen der Aktionäre, das zeigt sich deutlich im Aktienkurs.

Sie haben den Personalstand angesprochen. Vor wenigen Tagen hat die Deutsche Telekom Schlagzeilen gemacht, weil sie trotz Milliardengewinnen mehr als 30.000 Arbeitsplätze abbauen wird. Halten Sie diese Maßnahmen für richtig – und wird es nicht auch in Österreich zu Jobverlusten kommen?
Das war auch eines unserer Probleme. Wir hatten ganz klar zu viel Personal. Beim Börsegang waren es 15.500 Mitarbeiter, jetzt sind es noch rund 9500, das entspricht ungefähr 40 Prozent weniger. Wenn ich das mit den deutschen Zahlen vergleiche: Da wären 40 Prozent rund 70.000 Beschäftigte, also viel mehr als der jetzt angekündigte Stellenabbau. Wir haben ähnliche Schritte schon in der Vergangenheit getan, und das womöglich noch intensiver als die Deutschen jetzt, und zwar auf eine durchaus sozial verträgliche Art – bei uns gab es keinen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Wir waren mit diesem Schritt früher dran, und zwar aus klar wirtschaftlichen Gründen. Unsere Bilanz hätte ein Zögern nicht ausgehalten. Jetzt sind wir aus diesem Fahrwasser draußen.

Aber der Druck vom Markt wird doch stärker: Das Festnetzgeschäft stagniert bestenfalls, so rasch wie in den vergangenen Jahren wird die Mobiltelefonie sicher nicht mehr wachsen, da ist ja auch schon eine hohe Marktsättigung erreicht. Führt das nicht zu immer schärferem Wettbewerb und weiterem Druck?
In der Mobilkommunikation wachsen wir immer noch im einstelligen Prozentbereich – wenn ich von den Akquisitionen im Ausland absehe. Es war auch nicht zu erwarten, dass sich die zweistelligen Wachstumsraten aufrechterhalten lassen. Dieses Wachstum geht teilweise zulasten des Festnetzes. Zunehmend verzichten bestimmte Festnetzkunden auf den fixen Anschluss und stellen ganz auf das Mobiltelefon um. Durch zusätzliche Angebote im Festnetz wie zum Beispiel Breitbanddienste kann man diese Tendenz leider auch nicht vollkommen kompensieren.

Aber vielleicht durch höhere Preise. Wird das Telefonieren mit dem Handy teurer?
Ich sehe da in einem Markt, der heiß umkämpft ist, niemals eine Grundlage dafür, die Preise anzuheben.

Auch nicht, wenn ein Konzentrationsprozess einsetzt?
Es stimmt schon, in Österreich wird auf längere Sicht ein Anbieter mit einiger Wahrscheinlichkeit verschwinden, aber das bedeutet keineswegs, dass der Wettbewerb geringer wird. Das Wettbewerbsumfeld ist für eine Marktgröße, wie wir sie in Österreich vorfinden, untypisch intensiv, das gibt es kein zweites Mal in Europa. Da hilft nur ein sehr kostenbewusstes Management und das Nutzen von Wachstumseffekten nicht nur auf dem Heimmarkt, sondern auch verstärkt über unsere internationalen Beteiligungen, die wir bisher sehr erfolgreich betrieben haben. Wenn man sieht, wie sich diese Beteiligungen auf unseren Geschäftserfolg ausgewirkt haben, dann wird einem warm ums Herz.

Hat ein Unternehmen von der Größenordnung einer Telekom Austria überhaupt eine Chance in einem Markt, auf dem sich auch wesentlich größere Mitbewerber bewegen?
Das hängt sehr stark vom Wollen unserer Aktionäre ab. Die Fähigkeit der Gesellschaft, allein zu bestehen, ist unzweifelhaft vorhanden. Die Telekom Austria ist in der Lage, auch künftig weitere Akquisitionen vorzunehmen, das führt zu einer nachhaltigen Wertsteigerung des Unternehmens. Wenn uns der Eigentümer lässt, können wir allein bestehen.

Was bedeutet Größe für Telekom-Unternehmen?
Es macht schon einen Unterschied, ob man ein Produkt für einen Markt von sieben oder von 32 Millionen Menschen entwickelt, wie wir ihn durch unsere Akquisitionen betreuen. Auch für den internationalen Roaming-Verkehr bedeutet das Erleichterungen.

Angenommen, die Telekom Austria erhält einen ausländischen Groß- oder Mehrheitsaktionär – wäre das ein Nachteil für Österreich?
Man muss sich dessen bewusst sein, dass wir im Festnetzbereich neuneinhalbtausend Mitarbeiter haben, die alle in Österreich beschäftigt sind. In der Mobilkom, also im Mobilfunkbereich, beschäftigen wir zirka 2400 Mitarbeiter in Österreich …

… die aber doch auch mit ausländischen Aktionären nicht plötzlich überflüssig wären. Ganz ohne Mitarbeiter kann doch auch ein ausländischer Eigentümer nicht auskommen.
Ein beachtlicher und hoch qualifizierter Teil der Mitarbeiter bereitet strategische Entscheidungen vor, die sonst woanders fallen würden. Hier wird entschieden, welche Produkte wir entwickeln, welche wir vermarkten. Das sind zentrale, intelligente Tätigkeiten, und die können in dieser Branche schnell abwandern. Hier muss man ja nicht Hochöfen oder riesige Maschinen verlegen, sondern hier müssen nur ein paar Computer von A nach B gebracht werden, und schon ist ein wesentlicher Teil des Unternehmens abgewandert. Immerhin beschäftigen wir in Österreich eine größere Anzahl Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung. Wir sind der drittgrößte Investor Österreichs in Forschung und Entwicklung. Innerhalb der Branche in Europa nehmen wir immerhin Platz zehn ein. Insgesamt investiert die Telekom Austria als Gruppe jährlich mehr als 600 Millionen Euro, Tendenz steigend. Wir leisten etwas, was große volkswirtschaftliche Effekte bewirkt, die weit über den Rahmen unseres Unternehmens hinausgehen. Wenn ich mir überlege, dass das alles woanders disponiert wird, fühle ich mich nicht ganz wohl. Das alles wäre bedroht.

Andererseits – ist der Staat als Aktionär wirklich die Ideallösung? Wie sieht für Sie der ideale Aktionär aus?
Im Normalfall kann man davon ausgehen, dass der Aktionär die Interessen des Unternehmens vertritt und sich längerfristig zu einem Unternehmen bekennt. Aus der Sicht eines Vorstandes ist diese Verlässlichkeit ein ganz wesentlicher Punkt, der eingefordert werden muss. In der Politik fehlt diese langfristige Perspektive bisweilen, weil für Politiker eben die nächste Wahl wichtig ist, manchmal schlagen auch die Tagesthemen durch. Wenn manche auf die Idee kommen, die Telekom auseinander zu nehmen, dann zwingt das einen Vorstand, sich zu artikulieren. Der Staat als Aktionär hat aber auch seine positiven Seiten.

Vor wichtigeren Aufsichtsratssitzungen findet man in Tageszeitungen immer wieder „gute Ratschläge“ und strategische Überlegungen. Es ist klar, dass da der eine oder andere Aufsichtsrat aus der sicheren Deckung der Anonymität heraus ganz gezielt Dinge mithilfe von Journalisten lanciert – zuletzt die Holdinglösung für die Telekom und sogar Ihre Ablöse als Vorstand. Wie fühlen Sie sich dabei?
Hilfreich ist so etwas nicht. Es gibt die aktienrechtlich vorgesehenen Gremien, in denen diese Themen zu diskutieren sind. Das Unternehmen hat in der Vergangenheit oft darunter gelitten, dass diese Gremien durchlässig waren. Ich unternehme alles, um sicherzustellen, dass derartige Diskussionen in der Öffentlichkeit unterbleiben, jedoch manchmal durchaus erfolglos. Dennoch: Die Telekom ist in Summe aus solchen Gründen wesentlich seltener in den Medien zu finden als früher, was dem Unternehmen gut tut.

Zur Holdingkonstruktion – sind Sie damit glücklich?
Man kann ein Unternehmen auf unterschiedliche Weise steuern. Faktum ist, man benötigt Durchgriffs- und Steuerungsmöglichkeiten auf alle Teile einer Unternehmensgruppe, die Holdingkonstruktion stellt eine Möglichkeit dar, es gibt aber auch andere. Aus welchen Gründen hier von manchen Quellen eine Holdingkonstruktion vehement verfolgt wird, kommentiere ich hier nicht.

Die Holding könnte aber auch die Vorstufe zu einer Trennung zwischen Mobilgeschäft und Festnetzgeschäft sein.
Man kann die Aufsplitterung dieser Gruppe unter allen Organisationsformen betreiben, wenn man das will. Ich glaube aber, dass es ein gravierender strategischer Fehler wäre, dieses Unternehmen in seine Einzelteile zu zerlegen und dann separat zu platzieren. Die jetzige Konstellation hat uns eine Strategie ermöglicht, die auch in der Zukunft höchst erfolgreich wäre.

Worin besteht diese Strategie?
Zunächst einmal von der technologischen Aufstellung her: alle Felder der Telekommunikation abzudecken, Mobil und Festnetz. Das ermöglicht in der Art kommunizierender Gefäße, für Risikoausgleich zu sorgen. Wenn ich im Festnetz verliere und den Verlust in mein Mobilnetz lenken kann, kann es für das gesamte Unternehmen sogar ein Plus bedeuten. Um solche Effekte soll man sich nicht bringen. Wir haben ja auch Cash Flow aus dem Festnetz verwendet, um im Mobilbereich Akquisitionen vorzunehmen. Die Aktionäre haben in die Telekom Austria investiert, weil ihnen die Strategie klar ist und gefällt. Um das alles würde man sich bringen, wenn man die Telekom zerschlägt. Ich hielte eine Änderung dieser Strategie für ein höchst undurchdachtes und riskantes Manöver, die Resultate wären unumkehrbar.

Sie haben die Telekom in den vergangenen fünf Jahren nachhaltig verändert. Wie sieht das Unternehmen in weiteren fünf Jahren aus?
Wir werden weitere Akquisitionen im Ausland vornehmen – da stehen Serbien und Bosnien auf der Wunschliste –, strategisch wollen wir uns zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer als wichtiger Telekom-Anbieter positionieren. Wir werden uns noch mehr von einem Festnetzprovider, der zusätzlich Mobilkommunikation punktuell anbietet, wandeln zu einem Mobilkommunikationsunternehmen, das seine Dienste international anbietet und zusätzlich in Österreich im Festnetzbereich tätig ist, womit aber keinesfalls gesagt ist, dass damit das Festnetz innerhalb der Gruppe bedeutungslos wird. Im Festnetz wird das Breitbandgeschäft zunehmen. Auch in der Mobilkommunikation wird es neue Dienste in diese Richtung geben. Der Einsatzbereich des Handys wird einen wesentlich höheren Integrationsgrad mit den täglichen Abläufen haben. Die gesamte Telekom-Austria-Gruppe wird deutlich risikoavers aufgestellt sein.

Interview: Franz C. Bauer

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente