Sportwetten: High Noon

Europas größter Privat-TV-Sender RTL beteiligt sich an der neuen Wettfirma Starbet und fordert den Branchengorilla Betandwin heraus. Dahinter steckt Michael Tojner, ein Mann, der pikanterweise einst Betandwin mitgründete. Die Geschichte vom Ende einer wunderbaren Freundschaft.

Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, ein ungewöhnlicher Mann. Ehrlich, wer kann schon von sich behaupten, als Eisverkäufer mehr verdient zu haben als ein Investmentbanker? Und bitte wer fand mit 23 seine erste Million auf dem Konto? Na eben.

Nein, das wird kein Heldenepos. Michael Tojner, eben vierzig geworden, hatte auch seine Niederlagen. Einmal schrammte er knapp an der Pleite entlang, und ein anderes Mal erlebte der Mann mit dem angeblich perfekten Waschbrettbauch die klassische Situation, wo man sich am liebsten in den Hintern beißen würde, aber es glücklicherweise ohnehin nicht kann.

Das kam, wir wollen damit nicht lange hinter dem Berg halten, so: Tojner war mit seinem Venture-Capital-Fonds GEP an der von ihm mitgegründeten Wettfirma Betandwin beteiligt. Die Aktien wurden zum Kurs von drei Euro erworben und zu Kursen zwischen 25 und 30 Euro wieder verkauft. Das Gute daran war also, dass er so innerhalb weniger Jahre das anteilige Fondsvermögen schnittig-elegant verzehnfacht hatte, was doch ein wenig mehr ist, als Sparbuchanleger so gewöhnt sind.

Als ärgerlich erwies sich freilich, dass mittlerweile der Betandwin-Kurs auf über 95 gestiegen ist, was bei einem selbstverständlich völlig surrealen Betandwin-Börsenwert von unfassbaren 2,4 Milliarden Euro schon einen erklecklichen Unterschied ausmacht. Millionen verschenkt und dumm gelaufen irgendwie, aber wie sagte doch einst John D. Rockefeller, der Sohn eines Hausierers, der später zu einem der vermögendsten Männer Amerikas wurde: „Ich habe immer zu früh verkauft. Deshalb bin ich wohl reich geworden.“

Neues Spiel. Aber das Glück meint es wieder einmal gut mit Tojner. Oder er es mit ihm. Denn wer in der Glücksspielbranche wirklich groß gewinnen will, muss das Schicksal selbst in die Hand nehmen. Jedenfalls wollte es der Zufall, dass der in den Vorstand des Bertelsmann-Konzerns aufgerückte Gerhard Zeiler über neue Einnahmequellen für den Fernsehsender RTL nachdachte. Und das Wettgeschäft, speziell im Sportbereich, ist dabei eines der großen Hoffnungsgebiete für TV-Kanäle.

Tojner wiederum hat nach seinem Ausstieg bei Betandwin im Februar 2005 erneut und auf eigene Faust eine Wettfirma, Starbet, gegründet. Auf die und Tojners Erfahrung im Geschäft mit Internet-Wetten ist Zeiler aufmerksam geworden. Und daraus wurde ein Mega-Coup. RTL stieg im Februar 2006 bei Starbet ein. Ex-ORF-Generalintendant Gerhard Weis ist der Aufsichtsratspräsident, auch RTL-Chefin Anke Schäferkordt sitzt im Kontrollgremium. Für Tojner ein Super-Deal – für seinen langjährigen Freund und Weggefährten, den jetzigen Betandwin-Vorstand Manfred Bodner, aber ein unglaublicher Affront. Er ist deshalb auf seinen ehemaligen Partner fuchsteufelswild und will mit dem alten Kumpel nichts mehr zu tun haben. Eine Männerfreundschaft ist am Zerbrechen.

Betandwin-Vorstand Manfred Bodner gräbt das Kriegsbeil aus: „Wir haben nichts gegen Konkurrenz. Aber wenn ehemalige Familienmitglieder ihr Insiderwissen als Wettbewerbsvorteil nützen, ist das schlicht unmoralisch. Wir finden das alles äußerst unamüsant. Es gibt Indizien, die belegen, dass Tojner noch während seiner Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender bei Betandwin an dem neuen Konkurrenzprojekt gearbeitet hat. Wir überlegen zu klagen.“ Ein Angriff, den Tojner gelassen pariert: „Zum einen bin ich seit März 2005 nicht mehr Aufsichtsrat. Und zum anderen hat Starbet ein ganz anderes Geschäftsmodell. Nämlich Wetten in Shops und nicht über Internet. Betandwin hatte sogar ein Vorkaufsrecht auf Starbet.“ Damit ist klar: Einstmals gute Freunde sind zu erbitterten Rivalen geworden.

Mit 23 Millionär. Aber eigentlich sollten wir die Geschichte doch ganz von vorn beginnen, nicht bei den vielen Millionen, sondern irgendwann in den siebziger Jahren in der Provinz bei der Installateursfamilie Tojner in Haag, wo der Vater seinen Sohn Michael inständig beschwört: „Bub, werd einmal ein Bankdirektor!“, aber der nicht wirklich hören will und eigentlich Angst vor dem Aufstieg verspürt.

„Als ich an der WU in Wien inskribierte und die damals typischen WU-Studenten mit ihren Surfbrettern auf dem VW Golf sah“, erinnert sich Tojner, „war ich mir sicher: Das schaffst du nicht.“ Na ja, es kam doch anders. Weil seine Freunde allesamt mehr Geld hatten als der Installateurssohn aus Haag, verfiel Tojner auf die Idee, eine theoretische Seminararbeit in die Wirklichkeit zu übertragen.

Der Student gründete mit 3000 Schilling in der Tasche ein Unternehmen mit einer wirklich banalen Idee: Eis verkaufen. Aber schon als junger Mann gab der spätere Venture-Capital-Spezialist der Sache einen unüblichen Dreh, den besonderen Kick eben, den zum Erfolg. Als Allererstes ließ der Jungunternehmer professionell gemachte, bunte Prospekte von seinen künftigen Eiswagerln drucken. Wir lernen: Eine ansprechende Präsentation ist nicht nur bei Finanzgeschäften, sondern auch im Eisschlecker-Business das A und O. Mit seinen Foldern beeindruckte Tojner jedenfalls erst die Bank, die willig 300.000 Schilling Kredit herausrückte, und dann den Verwalter von Schloss Schönbrunn. Alsbald besaß der WU-Student vier mobile Eiswagen in Schönbrunn, Österreichs meistbesuchter Touristenattraktion, und weitere am Kahlenberg, in Laxenburg und im Schloss Belvedere. Bis zu zwanzig Studenten verkauften für den Jungunternehmer in der Hochsaison locker 5000 Tüten am Tag.

So kam es, dass Tojner noch vor dem Magistertitel die erste Million geschafft hatte. Falls jetzt jemand auf die Idee kommt, man könnte doch auch, na sagen wir, mobile Hamburgerstände in Schönbrunn aufstellen, müssen wir abraten: Tojners Eisgeschäfte liefen zwar 13 Jahre lang blendend, doch dann untersagte das Bundesdenkmalamt das Treiben. Selbst der Gang zum Obersten Gerichtshof blieb vergebens.

Nach dem Studium verdingt sich der beim weiblichen Geschlecht durchaus geschätzte Akademiker erst in einer Bank in Wien, dann in New York, mag sich aber nicht gerne unterordnen und wirft schnell das Bankerhandtuch – sogar als ihm Bierbrauerspross Thomas Marsoner einen hoch dotierten Job in London bei Salomon Brothers anbietet. „Ich bin zu wenig angepasst fürs glatte Bankgeschäft“, sagt Tojner. „Ich polarisiere die Leute. Es gibt keinen, der keine Meinung zu mir hat.“

Akademischer Mixerverkäufer. Trotz fertigem Doppelstudium – Betriebswirtschaft und Juristerei – und einer finanziell verlockenden Bankerkarriere machte sich Tojner lieber selbstständig: als Verkäufer rotchinesischer Handmixer. „Bekannte schüttelten den Kopf, aber ich hatte einfach den unbändigen Trieb, Unternehmer zu werden.“ Gemeinsam mit seinem Studienfreund Manfred Bodner gründete er einen kleinen Versandhandel mit einem wirklich guten Namen: Trend. Die Geschäftsidee: Nach der Wende war der ungarische Forint konvertibel geworden und der Konsumhunger der Ungarn groß. Die beiden Jungentrepreneure witterten wie viele Glücksritter damals ein Riesengeschäft und inserierten also in ungarischen Medien ihre kleine Produktpalette – gratis übrigens, gegen eine spätere Gewinnbeteiligung von zehn Prozent pro verkauften Artikel. Und das mit durchschlagendem Erfolg. In kurzer Zeit verkauften die beiden 40.000 chinesische Mixer nach Ungarn. Der Versandhandel mit Sitz in der Wiener Neubaugasse und in Budapest beschäftigte zeitweise bis zu einhundert Mitarbeiter.

Erfolgsgeschichten laufen aber in Wirklichkeit nie so glatt, wie es in den Prospekten steht. Mit 27 hatten Tojner und sein Kompagnon zwar eine florierende Firma, aber auch Bankverbindlichkeiten in Höhe von dreißig Millionen Schilling. Doch plötzlich und unerwartet sackten die Umsätze existenzbedrohend ab. Tojner: „Die Quelle AG hatte den ungarischen Markt entdeckt und machte uns fertig. Mit viel Glück konnten wir gerade noch rechtzeitig an Neckermann verkaufen. Gewinnen und Verlieren liegen bei einem Unternehmer immer knapp beisammen.“ Die Neckermänner berappten siebzig Millionen Schilling, was bedeutete, dass die beiden Jungunternehmer, die gerade noch mit einem Fuß in der Pleite standen, auch nach Abzug aller Schulden zu mehrfachen Schillingmillionären avanciert waren. Tojner und Bodner waren immer noch weit unter 30 und hatten das starke Gefühl, aus eigener Kraft die arroganten Surfbrett-Golffahrer an der WU weit hinter sich gelassen zu haben. Mit dem Essen freilich kommt der Appetit. Jetzt nämlich träumten die beiden Neo-Yuppies vom ganz, ganz großen Geld. Das Vehikel dafür wurde eine kleine Quetsche in Feldkirch. Sie hieß Global Wetten und beschäftigte gerade einmal acht Leute.

Die eigentlich absurde Idee, diese Firma, kaum größer als eine bessere Trafik, als Anbieter von Internet-Sportwetten an die Börse zu bringen, stammte eigentlich von einem befreundeten Amerikaner namens Carsten Koerl. In den Medien tauchten damals bei der Gründung von Betandwin freilich nur die Herren Norbert Teufelberger, Manfred Bodner und Michael Tojner auf. Wie wir wissen, ging der Plan auf. Das Ende 1997 gegründete Unternehmen Betandwin legte im März 2000 den bis dahin erfolgreichsten österreichischen Börsegang hin, hunderte Millionen Schilling wurden in die Unternehmenskasse gespült. Aus dem Kleinstunternehmen Global Wetten wurde unter dem Namen Betandwin Europas größter Anbieter von Internet-Sportwetten, der seit der Gründung mit viel Geld ständig weitere Firmen kaufte, aber noch nie einen Cent Gewinn gemacht hat, trotzdem aber 2,4 Milliarden Euro wert ist – geht man jedenfalls nach der Börsenkapitalisierung.

Michael Tojner wurde Aufsichtsratspräsident von Betandwin und gründete parallel dazu im Jahr 1998 gemeinsam mit der Meinl-Bank eine Venture-Capital- Fondsgesellschaft namens Global Equity Partners (siehe Kasten „Tojners Reich“, Seite 60). Diese managt ausschließlich für institutionelle Investoren ein halbes Dutzend Fonds, die wiederum in österreichische Unternehmen investieren. Zu diesen zählen zum Beispiel Bene oder das Dorotheum. Eva Dichand, jetzt im Zeitungsgeschäft, kennt Tojner noch aus ihrer Zeit bei der Unternehmensinvest AG und auch als Mitgesellschafter ihres Mannes beim Dorotheum: „Er ist ein unglaublich geschickter Verhandler. Er schlichtet einen Konflikt, alle sind zufrieden, und 24 Stunden später kommt man darauf, hoppla, das war ja ganz zu seinem Vorteil. Beim Dorotheum, wo sonst alle Gesellschafter eng befreundet sind, agiert er als der klassische Finanzinvestor, hochintelligent, hartnäckig und sehr konsequent. Das hält er auch privat so. Er geht zum Beispiel wirklich ausnahmslos jeden Tag laufen.“

Rund 300 Investoren, darunter die Berndorf AG, der Gerling Konzern oder die Merkur Versicherung, zeichneten bislang Tojners Fonds, die wohl für alle Beteiligten ein gutes Geschäft sind. Tojners Fonds kassieren von ihren Investoren neben der jährlichen Managementgebühr von 2,5 Prozent zusätzlich zwanzig Prozent aller erzielten Gewinne, vorausgesetzt, die Anleger erhalten selbst mindestens acht Prozent.

Bye-bye Betandwin. Eigentlich hätte der Installateurssohn aus Haag und vierfache Vater (drei Töchter, ein Sohn) mit seiner bisherigen Lebensleistung zufrieden sein können, aber nein. Anfang 2005 legte Tojner den Aufsichtsratsvorsitz bei Betandwin überraschend zurück. Es soll Reibereien mit Hannes Androsch, der ebenfalls als Betandwin-Aufsichtsrat fungiert, gegeben haben. Starke Persönlichkeiten haben mitunter Probleme miteinander.

Der wirkliche Grund für den starken Abgang war wohl ein ganz anderer.

Im Februar 2005 gründete Tojner das Wettunternehmen Starbet, vorerst und anscheinend mit einer ganz anderen Strategie als Betandwin. Betandwin ist der mächtige Wett-Gorilla im Internet, Starbet hingegen setzte auf Wettbüros und betreibt in Deutschland bereits

74 Shops. Doch vor Kurzem folgte nun eben der Knalleffekt: Im Auftrag von Gerhard Zeiler kaufte sich RTL-Direktor Constantin Lange mit dreißig Prozent bei Starbet ein. Was bedeutet:

Starbet wird in Deutschland direkter Konkurrent von Tojners Ex-Baby Betandwin.

Warum RTL unter etlichen Wettfirmen gerade auf Starbet verfiel, erklärte Lange so: „Die Rechtslage bei Wetten ist in Deutschland sehr kompliziert. Jede Woche gibt es da eine neue Gerichtsentscheidung, was erlaubt ist und was nicht. Die österreichischen Wettanbieter sind da einfach weiter. Wir haben mit vielen in der Branche gesprochen, auch mit Betandwin, aber bei Tojner stimmte einfach die Chemie.“ Triebfeder der RTL-Aktivitäten auf diesem Gebiet sind in Wahrheit die beständig sinkenden Einnahmen aus klassischer TV-Werbung, was Gerhard Zeiler schon Kopfzerbrechen bereitete, als er noch direkt als RTL-Boss agierte.

Zeilers Lösung des Problems: zusätzliche Einnahmen aus peripheren Bereichen wie den ziemlich unerträglichen Telefonspielen, dem Videoverleih oder dem Musikgeschäft. Eine eigene RTL-Tochter erwirtschaftete im Vorjahr auf solchen Äckern erkleckliche

250 Millionen Euro, immerhin 17 Prozent des RTL-Gesamtumsatzes. Mit dem Einstieg ins Wettgeschäft soll es noch bedeutend mehr werden. Möglich machen soll dies ein raffinierter Mix aus Fernsehen und Internet. Künftig wird man während einer Sendung setzen können, mit der Wette als Spielelement.

Doch ohne Know-how ist das nicht so einfach, das Wettgeschäft ist beinhart geworden. „Betandwin ist in Deutschland sehr stark“, sagt RTL-Manager Lange. „Möglicherweise kommen auch noch bald die großen englischen Anbieter. Und dazu gibt es schon mehrere tausend private Läden, die wie die Pilze aus dem Boden sprießen. Trotzdem ist unser Ziel, mit Starbet einer der drei großen Player in Deutschland zu werden.“ Das Know-how dafür hat Michael Tojner. Schließlich war er doch Betandwin-Aufsichtsratspräsident.

Ende der Freundschaft. Und da wären wir wieder bei den einstigen Geschäftspartnern. Ihr Konflikt geht aber auch tief ins Private. Michael Tojner ist Taufpate von Manfred Bodners erster Tochter, Bodner ist Tojners Trauzeuge, und beide sind nach wie vor Gesellschafter der florierenden Bar Italia in der Wiener Mariahilfer Straße. Bodner: „Natürlich gibt es auch eine persönliche Komponente. Das alles und wie es passiert ist, hat mich tief getroffen. Da wurde mit Fußnoten-Referenzen von Betandwin hantiert, und wir wurden bewusst verleumdet. RTL etwa hat natürlich auch mit uns gesprochen. Aber da wurden von Tojners Seite haarsträubende Behauptungen aufgestellt: Wir seien nicht interessiert, und wir wollten RTL nur bremsen. Das waren unerhörte Verleumdungsbomben, die da geworfen wurden.“ Tojner wirft sie postwendend zurück: „Betandwin ist eine sensationelle Gesellschaft, und wir sind stolz, mit dabei gewesen zu sein. Aber wir haben keinen Grund, Betandwin zu verleumden. Es war einfach so, dass RTL die Möglichkeit einer Mehrheitsbeteiligung wollte – und die ist bei Betandwin logischerweise nicht möglich. Deshalb haben sie Starbet gewählt. Mich wundert, dass sich Betandwin durch Starbet gestört fühlt. Das ist ja, wie wenn Real Madrid vor Pasching Angst hat.“

Von Karl Riffert

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