Sendepause für MMS

Vor zwei Jahren wurde MMS, der Versand von Bildern via Handy, eingeführt, doch der multimediale SMS-Nachfolger ist noch lange nicht reif für den Business-Einsatz. Der trend-Test endete mit einem erschreckenden Ergebnis.

Stellen Sie sich vor, Sie machen eine Aussendung an 100 Kunden. Bei der Erfolgsanalyse stellen Sie fest: 42 Adressaten haben nur die erste Seite Ihres Briefes oder überhaupt nichts erhalten. Die Post hätte wohl großen Erklärungsbedarf. Würden Sie jedoch mit der Zeit gehen und ganz modern multimediale Kurznachrichten (MMS) an die Handys Ihrer Kunden schicken, wäre eine derart katastrophale Statistik ganz normal.
Das ist zumindest das Ergebnis des trend-Praxistests. Während an Spitzentagen in Österreich etwa 22 Millionen SMS versendet werden, ist der multimediale Nachfolger davon noch weit entfernt. Obwohl der Versand von Bildnachrichten mit bis zu einem Euro pro MMS nicht gerade billig ist, kann von einem zuverlässigen Service keine Rede sein.
Schlechtes Ergebnis. Wir verschickten 188 MMS-Nachrichten mit Bildern, Text, Musikstücken oder Videos zwischen sechs handelsüblichen Handymodellen der wichtigsten Hersteller und fünf Handynetzen (siehe „So wurde getestet“ auf Seite 249) – mit ernüchterndem Ergebnis: Bei durchschnittlich 42 Prozent der Nachrichten traten Fehler auf – es fehlte entweder das Foto, das Video, das Musikstück, oder die Nachricht kam gar nicht an. Besonders große Probleme haben die Betreiber bei Nachrichten, die zwischen zwei verschiedenen Netzen versendet werden. Während A1 mit einer Fehlerquote von 26 Prozent noch am besten abschneidet, haben die anderen Netzbetreiber mit gröberen Schwierigkeiten zu kämpfen: T-Mobile und „3“ liegen ex aequo auf dem zweiten Platz, 42 Prozent der Nachrichten waren fehlerhaft. Dabei fiel auf, dass „3“ dank der UMTS-Technologie die Nachrichten stets am schnellsten überträgt. One liegt mit einer Fehlerquote von 46 Prozent auf Platz drei, und bei tele.ring kam mehr als die Hälfte (53 Prozent) der MMS beim Empfänger nicht ordnungsgemäß an.
Genaue Überprüfung. Das Resultat sorgte für Aufsehen in der damit konfrontierten Branche: One, „3“ und tele.ring forderten umgehend die genauen Daten aus dem Testprotokoll an. Intern wurde jeder einzelne Mangel überprüft – und Erklärungen gefunden. tele.ring-Chef Michael Krammer: „Wir kennen das Problem und können das Ergebnis des Tests daher nachvollziehen. Zum Jahreswechsel werden wir unsere MMS-Systeme aktualisieren. Dann wird der Verlust von Nachrichtenelementen beim Versenden zwischen verschiedenen Netzen und Handymodellen der Vergangenheit angehören.“
Auch Berthold Thoma, Chef des UMTS-Netzbetreibers „3“, wo vor allem Fotos nicht korrekt übermittelt wurden, verspricht Besserung: „Unsere Spezialisten haben das im Test gezeigte Problem erkannt: Beim Versenden von Bildnachrichten von herkömmlichen GSM-Handys auf das von uns angebotene Modell von LG kommt es zu Fehlern bei der Übersetzung. Nächste Woche werden wir daher ein neues Programm installieren.“ Mit Erscheinen dieser trend-Ausgabe sollte das Problem also behoben sein.
One hingegen führt die Fehlermeldungen auf die Testmethode zurück. Geschäftsführer Christian Czech: „Wir speichern von jedem Kunden, welches Handymodell er einsetzt. So können wir MMS optimal auf dessen Endgerät anpassen. Im Test wurde jedoch eine SIM-Karte in mehrere Handys eingelegt. So konnten die Nachrichten nicht korrekt adaptiert werden.“ Auf diesen Umstand hat man trend jedoch bei der Bereitstellung der SIM-Karten vor dem Test nicht hingewiesen. In der Praxis kann dieses Szenario im Übrigen bei all jenen Kunden zu Problemen führen, die mehrere Handys besitzen und je nach Situation ein geeignetes auswählen.
Selbstkritischer reagiert T-Mobile auf das Testergebnis – der Vorsitzende der Geschäftsführung, Georg Pölzl: „Während wir bei SMS über 90 Prozent der Nachrichten erfolgreich zustellen, gelingt uns das bei MMS derzeit nur in 70 Prozent der Fälle. Wir arbeiten ständig an Verbesserungen.“ Bei allen Netzbetreibern gilt aber: Wird eine Nachricht nicht korrekt zugestellt, muss sie der Absender auch nicht bezahlen – sofern das für den Betreiber nachvollziehbar ist. Wurde die MMS jedoch erfolgreich an das Netz des Empfängers übergeben, sieht der eigene Betreiber seine Arbeit als erledigt an, und die Kosten fallen sehr wohl an.
Endgeräte mangelhaft. Doch nicht nur die Netzbetreiber müssen Probleme eingestehen. Bei den sechs getesteten Handymodellen zeigten sich ebenfalls Mängel. Diese traten vor allem dann auf, wenn MMS zwischen Modellen verschiedener Hersteller verschickt wurden: Fotos wurden radikal abgeschnitten, Texte gekürzt, Musikstücke brachen nach wenigen Takten ab, Videos kamen ohne Ton an oder wurden in miserabler Qualität angezeigt. Oft wurde statt eines Bildes lapidar „Bildformat wird nicht unterstützt“ gemeldet, oder die MMS ließ sich erst nach mehreren Versuchen abschicken.
Besonders auffällig war das beim Samsung SGH-E800 (bei T-Mobile unter der Bezeichnung SGH-E820 angeboten): Keine einzige der verschickten MMS kam beim Empfänger fehlerlos an, stets wurde der Ton unterschlagen. Da beim Empfang weniger Probleme auftraten, ergab sich eine Fehlerquote von 53 Prozent. Mit diesem Ergebnis konfrontiert, zweifelte Samsung-Importeur Leitz Austria zunächst generell an der korrekten Durchführung des Tests. Doch die Zahlen sprechen für sich, und so musste man schließlich eingestehen, dass das Samsung SGH-E800 ein Audioformat einsetzt, das nicht von allen anderen Handys verstanden wird. Daher könne die Tonaufzeichnung beim Empfänger nicht abgespielt werden.
Den Test gewinnt das Smartphone P900i von Sony-Ericsson mit einer Fehlerquote von 35 Prozent. Hier traten lediglich in Kombination mit dem Samsung-Handy Probleme auf. Dahinter teilen sich mit einer Fehlerquote von 40 Prozent das Nokia 6230, das neue Siemens S65 und das nur bei „3“ erhältliche LG U8120 den zweiten Platz.
Siemens interessierte sich sehr für das Testprotokoll. Ein Produktmanager erklärte anschließend, dass es beim S65 zu Schwierigkeiten kommt, wenn man das Gerät für mehrere Netzbetreiber konfiguriert und dann je nach eingelegter SIM-Karte den aktuellen Betreiber für den MMS-Versand auswählt. Dennoch lieferte uns Siemens das Testgerät wie angefordert vorkonfiguriert für alle Betreiber. Von der Problematik wurde uns vor Bekanntwerden des Ergebnisses auch nicht berichtet. In der Praxis wird diese Funktion vor allem von Personen benutzt, die oft international reisen und in mehreren Ländern Mobilfunkverträge abgeschlossen haben. Auf dem vorletzten Platz liegt schließlich das nur bei One erhältliche Motorola V600; es hatte vor allem Probleme beim Empfang. Immer wieder fehlte das Bild, die Begründung am Display: „Datei zu groß.“
Ursachenforschung. Als Kinderkrankheiten kann man all diese Fehler insgesamt wohl kaum entschuldigen, immerhin ist MMS bereits seit zwei Jahren auf dem Markt. Alexander Sperl, Marketingleiter bei der Mobilkom, nennt mögliche Gründe: „Schwierigkeiten kann es nicht nur bei der Übergabe der MMS zwischen zwei Betreibern geben. Auch der Versand zwischen Handymodellen verschiedener Hersteller ist problematisch.“ Bei vielen Funktionen kocht mancher Hersteller nämlich sein eigenes Süppchen, was unweigerlich zu Inkompatibilitäten führt.
Das kritisiert auch Karim Taga, Direktor des Beratungsunternehmens Arthur D. Little: „Verschiedene Netze und Handymodelle arbeiten nicht zufrieden stellend zusammen. Fehler treten auf, weil die vorliegenden herstellerübergreifenden Empfehlungen unterschiedlich interpretiert werden.“ Er fordert die Industrie daher auf, sich „hundertprozentig an die Vorgaben zu halten, Fehler aufzudecken und sie rasch zu beheben“. Auch Sperl von der Mobilkom spricht deutliche Worte: „Wir fordern ganz klar: Die Industrie muss Geräte herstellen, die voll kompatibel sind. Hier machen wir gemeinsam mit unseren internationalen Partnern starken Druck.“
Und das zeigt erste Wirkung: Nun hat auch die GSM Association, die Vereinigung der Mobilfunkunternehmen, die Problematik erkannt, erklärt deren Sprecher Ian Volans: „Uns ist bewusst, dass MMS nicht einwandfrei funktioniert. Deshalb arbeiten wir an einem neuen Standard, der alle Probleme bei der Kompatibilität beseitigt.“ Ende dieses Jahres soll die neue Version fertig sein, im Laufe des nächsten Jahres werden die ersten Geräte nach dem neuen – zuverlässigeren – Standard erwartet. Besserung ist also in Sicht.
Bis es so weit ist, sei MMS „nur ein Thema für Privatkunden“, so Nokia-Chef Jörg Pribil: „Die Qualität des Service ist entscheidend, und noch ist diese nicht zufrieden stellend.“ Erst nach und nach werde sich MMS auch im Geschäftsleben durchsetzen, ist sich auch T-Mobile-Chef Pölzl sicher: „Für den Business-Bereich ist MMS noch ein Nischenthema.“ A1-Marketingmann Sperl ist zuversichtlich: „Wenn sich die Auflösung von Displays und Handykameras verbessert, wird die Nutzung auch im Business-Bereich ansteigen. Dann wird MMS eine SMS fallweise ersetzen.“
Doch bis dahin lässt sich aus dem Test ein klares Fazit ziehen: MMS ist noch nicht businesstauglich. Wer Kunden am Handy anschreiben möchte, sollte nach wie vor auf SMS setzen. Das ist zwar weniger peppig, dafür aber zuverlässiger und günstiger.

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