Semmering, durch oder drüber?

PRO: Auf in den Süden! Die Steiermark und Kärnten verdienen eine zeitgemäße Bahnverbindung nach Wien. CONTRA: Verbohrt. Auch in den Süden kann es wesentlich rascher gehen – und zwar ganz ohne Röhre.

OTHMAR PRUCKNER - PRO: Auf in den Süden! Die Steiermark und Kärnten verdienen eine zeitgemäße Bahnverbindung nach Wien.

Machen wir es kurz und plakativ: Österreich – und nicht nur die wahlkämpfende Frau Klasnic – braucht den Semmeringtunnel. Eine Republik, die nicht imstande ist, ihre acht Landeshauptstädte mit zeitgemäßen Bahnverbindungen an die Bundeshauptstadt anzubinden, macht sich lächerlich, begibt sich einer „harten“ Standortqualität und versagt vor allem im Dienst an der eigenen Bevölkerung: Die möchte nämlich, im Gegensatz zur herrschenden Meinung, nicht nur achtspurige Autobahnen, sondern auch zweigleisige Eisenbahnstrecken mit schnellen Zügen drauf benutzen. Pendler wie Manager stiegen liebend gern von der unfallträchtigen Straße auf die Schiene um – tun das aber nur dann, wenn es im Eil- und nicht im Bummelzugstempo vorangeht.

Ein neuer Semmeringtunnel wird nun vorgeschlagen, weil der alte dem niederösterreichischen Landeshauptmann nicht in den Kram passte. Ehrlich gesagt: Es ist zweitrangig, welche Variante nun kommt, es sollte nur bitte sehr, sehr schnell passieren. Zwei Milliarden Euro sind für eines der reichsten Länder der Welt eine finanzierbare Größe. Schließlich leistet man sich ja auch die ebenso teuren Abfangjäger, und die haben einen deutlich geringeren infrastrukturellen Nutzwert. Der Semmeringtunnel und mit ihm die neue Südbahn würde die Industriegasse des Mur- und Mürztals, die zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, und auch das ferne Klagenfurt deutlich besser an Wien anbinden. Das bringt schon was, rein faktisch, aber auch gefühlsmäßig: Die Bahn soll Städte, Länder und Regionen, die zusammengehören, bitte nicht mutwillig voneinander trennen.

Freilich: Wunder kann der Tunnel keine wirken, vor allem nicht im Güterverkehr. Da hängt fast alles von den Kosten, zeitgemäßer Logistik und einer schienenfreundlichen EU-Verkehrspolitik ab, kaum etwas von einer kürzeren Fahrzeit.

Wunder wird das lange Loch aber auch im Personenverkehr nicht vollbringen. Da braucht die Bahn neben Beschleunigung nämlich vor allem eines: mehr Aufmerksamkeit für ihre Fahrgäste. Ein Serviceunternehmen, das sich noch immer als Beförderungs-Monopolist aufführt, hat keine Daseinsberechtigung. Wenn die Bahn nicht lernt, ihre Kunden zu lieben, kann man sich das Geld für sämtliche Bauvorhaben sparen – weil dann fährt bald niemand mehr mit dem Zug, Tunnel hin, Beschleunigungsprogramme her.

MARTINA FORSTHUBER - CONTRA: Verbohrt. Auch in den Süden kann es wesentlich rascher gehen – und zwar ganz ohne Röhre.

Fleißig, wie die Wichtelmännchen, graben sie. Emsig dringen sie 4,3 Kilometer tief in den Berg vor. Dabei stoßen sie weder auf Gold noch Edelsteine, dafür auf Unmengen Wasser. Sechs Jahre und 93 Millionen Euro später müssen die Arbei-ten am Sondierstollen zum Semmering-Basistunnel (SBT) schließlich eingestellt werden. Seit dem Jahr 2000 klafft im Semmering – auf der Höhe von Mürzzuschlag – ein riesiges, sündteures, aber leider völlig nutzloses Loch, das nach der steirischen Landeshauptfrau den schönen Namen „Waltraud“ trägt. Nach früheren Plänen hätte der Sondierstollen als Rettungsröhre für einen künftigen Semmering-Eisenbahntunnel dienen sollen. Doch nun soll ein neuer, längerer Tunnel 80 Meter tiefer durch den Berg gegraben werden. Experten rechnen mit mindestens zwei Milliarden Euro Baukosten. Der Nutzen für den Fahrgast soll ein Zeitgewinn von 25 Minuten sein. Das klingt verlockend! Allerdings frühestens in 15 Jahren. Mit dem einfachen Einsatz von Neigezügen auf der bestehenden Semmeringstrecke wäre – falls gewünscht, schon morgen – eine Fahrzeitverkürzung von mindestens 35 Minuten bis Graz und eine Stunde bis Klagenfurt erzielbar. Ganz ohne Koralmtunnel und ohne SBT. Neigezüge werden seit Jahren erfolgreich in Italien, der Schweiz, Schweden und Deutschland eingesetzt. Nur in Österreich soll dies nicht möglich sein? Wer sagt das? Ah, der neue ÖBB-Chef, bis vor Kurzem bei der Baufirma Porr tätig? Da hat er vollkommen Recht, die Neigetechnik ist auf dem Südbahn-Teilstück direkt am Semmering nicht verwendbar, aber davor und danach. Und dort, wo selbst nach dem Tunnelbau normale Züge wieder enorm an Zeit verlieren, weil die Strecke nicht begradigt ist, bringt diese Technik mehr Zeitgewinn als die ganze teure Röhre.

Komisch, dass bei einem Verkehrsunternehmen immer nur von Ausbau die Rede ist, nie vom Einsatz sinnvoller Technik? Vielleicht, weil der neue ÖBB-Vorstand wirklich viel vom Bauen versteht, auch vom Tunnelbau und speziell vom Bau sehr teurer, aber leider nutzloser Sondierstollen? Gebaut hat „Waltraud“ nämlich zufällig die Porr und dafür bereits 93 Millionen Euro kassiert. Jetzt sollten die Verantwortlichen eines Verkehrsunternehmens vielleicht einmal über verkehrstechnische Lösungen nachdenken. Aber bitte nicht erst wieder bohren und dann denken! Diesmal besser erst denken – dann neigen!

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