Schöner sparen

Niedrigenergiehäuser stellen architektonisch fast schon jedes herkömmliche Haus in den Schatten und gelten aufgrund der anhaltend steigenden Energiepreise beinahe schon als Pflichtbau. Aber rechnen sie sich wirklich?

Vor allem schön wollten sie es haben. Lichtdurchflutet, umrankt von Rebstöcken, mit Blick auf die Stadt. „Das Energiethema ist nicht im Vordergrund gestanden“, erinnert sich Architekt Gerhard Steixner an die Momente, als er mit seinen Bauherren, der Familie Jöchl, die unweit von Wien einen Weingarten in atemberaubender Hanglage erstanden hatten, über den Plänen saß. Das durch intensive Sonneneinstrahlung begünstigte Grundstück sollte nun also bebaut werden. Entwurfsziel war, laut Steixner, „Raum zu gewinnen und die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum aufzulösen“.

Doch wer Steixner beauftragt, kommt nicht ums Sparthema herum – „die meisten, die mit mir arbeiten, wissen natürlich, dass Niedrigenergie mein Thema ist“, schmunzelt der Architekt. Steixners persönliche Handschrift schlägt sich bei (fast) all seinen Einfamilienhäusern unter anderem in einer atemberaubenden Steinwand nieder, die nicht nur ob der ausgewählten Materialien betört (im Fall der Jöchls schwarzer Dolomit), sondern die auch wegen ihrer herausragenden wärmespeichernden Eigenschaften zum Einsatz kommt. „Heute hat es zum Beispiel 22 Grad“, wirft Doris Jöchl einen Blick auf den Außenthermostat, „aber in unserem Haus hat es 25 Grad.“ Sie lacht: „Man muss hier schauen, dass es nicht zu warm wird.“

Nicht nur Lage und Eleganz des „Mischbauhauses mit passiver Solarnutzung“ erzeugen Respekt von außen, sondern vor allem die Stromrechnung, die sich – gegenüber dem vorherigen Domizil – für die Jöchls halbiert hat. „Der 150-Quadratmeter-Dachausbau, in dem wir früher gewohnt haben, hat genauso viel Energie verschlungen wie dieses doppelt so große Haus“, freut sich die Hausherrin. Kein schlechter Schnitt – vor allem angesichts dramatisch steigender Energiepreise, die weit davon entfernt sind, den Plafond erreicht zu haben.

Explodierende Energiekosten. Nach Angaben der Österreichischen Energieagentur Austrian Energy Agency zeigte sich in den vergangenen zwölf Monaten ein durchschnittlicher Anstieg der Energiepreise um 9,9 Prozent. Während leitungsgebundene Energieträger wie Fernwärme (+1,5 Prozent), Strom (+2,4 Prozent) oder Gas (+4,8 Prozent) und feste Brennstoffe (Kohle und Brennholz: +1,6 Prozent) eher geringfügig angestiegen sind, legte der Heizölpreis um gewaltige 29,6 Prozent zu.

Liest man die Prognosen des Öl-Investmentbankers Matthew Simmons, besteht auch kein Grund zur Hoffnung auf Verbesserung. Gegenüber der Schweizer Tageszeitung „Tages-Anzeiger“ meinte der Erdölexperte: „Wir werden noch einmal auf den Sommer 2005 zurückblicken und uns fragen, wieso wir glaubten, ein Ölpreis von 60 Dollar pro Fass sei so unglaublich hoch. 60 Dollar entsprechen gerade einmal 18 Cents für ein Pint Bier (knapp 0,5 Liter, Anm.). Dafür bekommen Sie nicht einmal den billigsten Wein.“ Machen die steigenden Energiepreise also bereits die höheren Errichtungskosten für Niedrigenergiehäuser wett?

Die Familie Jöchl oder jene von Karin Kroiß, Konsulentin für Energieberatung, werden von der zu erwartenden Preisexplosion nur peripher berührt. Zumindest was ihre Haushalte betrifft. Sie haben vorgesorgt. Denn auch die Bleibe der Energieberaterin Kroiß – ein so genanntes Plus-Energie-Haus – erweist sich als Sparweltmeister. Es produziert sogar mehr Strom, als es für den Betrieb von Heizung, Beleuchtung und Elektrogeräten benötigt. Weil diese privat produzierte Energie zur Gänze an ein öffentliches Netz verkauft wird, muss ein geringer Anteil für Heizzwecke wieder zugekauft werden. Unterm Strich ein Verdienst für die Familie – auch wenn sich dieser in überschaubaren Grenzen hält. Reich werden kann man als kleiner, privater Stromverkäufer nicht, aber zukunftssicher ist es allemal.

Während in Deutschland 57 Cent für die eingespeiste Kilowattstunde bezahlt werden, „bekommt man bei uns keine zehn Cent pro Kilowattstunde“, kritisiert Christof Drexel, Gründer der Vorarlberger IG-Passivhaus und einer der Vorreiter, wenn es um sparsames Wohnen geht. „Stimmt“, bestätigt Karin Kroiß, „man macht kein großes Geschäft mit eigenproduzierter Energie. Derzeit bekommt man zwischen zwei und vier Cent pro Kilowattstunde.“ Ein Klacks, wenn man bedenkt, dass die staatlichen Energieversorger ihre Kilowattstunde um 13 bis 14 Cent verkaufen. „Es scheint, dass sich in den kommenden Jahren diese Situation kaum verändert“, bedauert Kroiß.

Der feine Unterschied. Österreichs ökobewusste Häuslbauer müssen also weiter neidvoll zum deutschen Nachbarn schielen, der in Förderungsfragen weitaus großzügiger und vor allem einheitlicher strukturiert erscheint. „Bei uns hat jedes Bundesland seine eigenen Regelungen“, kritisiert Architekt Franz Schartner. Hinzu komme, dass seit der letzten Gesetzesnovelle „die Förderungen an Energiekennzahlen gekoppelt und damit automatisch herabgesetzt wurden“.

Ein Niedrigenergiehaus, bei dem die Energiekennzahl – darunter ist der maximal erlaubte Verbrauch zu verstehen – bei 50 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr liegt, wird demnach weniger gestützt als ein Passivhaus, bei dem die Energiekennzahl mit 15 Kilowattstunden festgesetzt ist. Das Problem dabei: Die meisten Österreicher können sich eher ein Niedrigenergiehaus als ein Passivhaus leisten.

Denn schon das Niedrigenergiehaus kommt aufgrund seiner speziellen Wärmedämmung, laut Architekten, um acht bis zehn Prozent teurer als ein konventionell gebautes Haus. Energieberaterin Kroiß setzt diese Kalkulation allerdings – mit Verteuerungen von nur zwei bis fünf Prozent – deutlich niedriger an. Der Quadratmeterpreis bewege sich dennoch bei durchschnittlichen 1500 bis 1800 Euro (brutto). Allerdings erarbeiteten jüngere Architektengruppen wie beispielsweise Caramel („Haus Lina“) oder Uma („Uma-Haus“) Fertighauslösungen im Niedrigenergiesegment, die bereits ab einem Quadratmeterpreis von 1000 Euro realisierbar sind. Uma-Mitglied Alkhafaji Zaid betrachtet seine Arbeit nicht als Ausnahmefall: „Die meisten Kollegen, die sich mit diesem Thema auseinander gesetzt haben, bieten auch Lösungen in dieser Kategorie an.“

Einen weiteren Preisauftrieb verursacht beim Passivhaus die spezielle mechanische Lüftungsanlage. Integrierte Messgeräte erfassen, wie viel Frischluft in die und wie viel „Altluft“ aus den Räumlichkeiten transportiert werden muss. Damit wird Energie im Haus gehalten. Allerdings hebt das Wunderding – gegenüber dem Niedrigenergiehaus – den Quadratmeterpreis gleich um weitere zehn bis zwanzig Prozent. Demnach liegt dieser bei 2000 bis 2100 Euro.

Doch die Fertighausbranche offeriert Passivhäuser, die nicht zu verachten sind. Einige Modelle aus der „m-Haus“-Serie des oberösterreichischen Spezialisten Bernhard Mittermayr etwa werden bereits zu Quadratmeterpreisen von 1300 Euro schlüsselfertig übergeben und bieten die gleichen Energiesparwerte.

Einen Kompromiss zwischen Niedrigenergie- und Passivhaus bildet das 3-Liter-Haus, dessen Name sich davon ableitet, dass es nur einen Energiebedarf von drei Liter Heizöl pro Quadratmeter und Heizsaison hat. Vor allem in dem für seinen Sparsinn bekannten Bundesland Vorarlberg wurde diese Form des Niedrigenergiehauses besonders unter die Lupe genommen. Einer Untersuchung der Internationalen Energieagentur in Dornbirn zufolge wird selbst bei einer Durchschnittstemperatur von 23 Grad im Jahr die Energiekennzahl von 30 Kilowattstunden pro Quadratmeter nicht überschritten. „Für viele stellt dieses Modell den goldenen Mittelweg dar“, beobachtet Drexel, „weil es sich von seinen Werten her ans Passivhaus annähert und doch im Schnitt um acht Prozent günstiger kommt“ – also bei 1950 Euro pro Quadratmeter liegt.

Als Königsdisziplin unter den Niedrigenergiehäusern gilt aber dennoch das Plus-Energie-Haus, bei dem zwar die gleichen Energiekennzahlen festgelegt sind wie beim Passivhaus, das aber durch die zusätzliche Installation von Sonnenkollektoren und Fotovoltaikmodulen mehr Energie produzieren kann, als es benötigt. (Erstere sind für die Warmwasseraufbereitung, zweitere für die Wohnraumbeheizung zuständig.) Der Preis für eine Fotovoltaikanlage richtet sich nach der Größe der Module. Die Investition amortisiert sich, laut Architekt Christian Wolfert, der in Wien und Umgebung mehrere Spar-Häuser realisierte, „erst nach zwölf bis fünfzehn Jahren“.

Ein 1,90 mal 1,20 Meter großer Sonnenkollektor kostet laut Wolfert 1500 Euro. Und um den Heizungsbedarf eines Einfamilienhauses abzudecken, bedarf es jedenfalls einer Fotovoltaikfläche von rund zehn Quadratmetern. Demnach erweist sich ein Plus-Energie-Haus nur dann als sinnvoll, wenn es ein Stück fürs Leben bleibt und man nicht noch einmal vorhat, den Wohnsitz zu wechseln.

Pole-Position für Österreich. Selbst wenn die IG-Passivhaus in einer Aussendung beklagt, dass es in Österreich nach wie vor „rund 700.000 thermisch sehr schlechte Nachkriegswohnbauten gibt“, steht das Land – international gesehen – als vorzüglicher Sparmeister da. Denn „Österreich hat mit Abstand die höchste Dichte an Passivhäusern weltweit“, relativiert IG-Passivhaus-Sprecher Günter Lang. Mit Jahresende wird es, so Lang „rund 950 Passivhäuser mit einer Nutzfläche von 430.000 Quadratmetern geben, und damit werden jährlich rund drei Millionen Liter Heizöl-Äquivalent gegenüber konventionellen Gebäuden zusätzlich eingespart“.

Schon jetzt müssten Bewohner von schlecht gedämmten Häusern das Zehnfache an Energiekosten ablegen. Nachrüstungen gestalten sich als machbar, aber nicht unproblematisch. „Altbauten können nachträglich auf Passivhausstandard gebracht werden“, erklärt Architekt Thomas Abendroth. „In Folge können sich allerdings die Proportionen des Gebäudes verändern“, so Abendroth weiter, „schließlich werden die Wände mit einer 40 Zentimeter dicken Wärmedämmungsschicht aufgepolstert. Da können sogar manchmal baurechtliche Probleme auftreten.“

Doch die energetischen Lücken werden vermutlich bald geschlossen. Denn ab Jänner 2006 muss jedes Gebäude über einen „Energieausweis“ verfügen, in dem eine genaue Aufschlüsselung über den Energiebedarf von Heizungs-, Lüftungs- und Kühlanlagen sowie die „Gesamteffizienz“ der Immobilie festgehalten sind. Das generelle Umdenken in Energiefragen ist daher unabwendbar – selbst wenn es im ersten Moment für viele Hausbesitzer mit beachtlichen Investitionen verbunden sein wird. Norbert Tanner, Mitglied im beratenden Ausschuss des Forum Energieausweis, ist überzeugt: „Langfristig wird der Energieausweis sicher Auswirkungen auf die Marktpreise zeigen.“

Das wichtigste Kriterium für die Wertbemessung einer Immobilie hieße dann nicht mehr „Lage! Lage! Lage!“, sondern, wie Tanner hofft, „Verbrauch! Verbrauch! Verbrauch!“.

Von Michaela Ernst und Jasmin Schakfeh

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