Schlechte Quoten

Der Internet-Glücksspielanbieter Bwin hat auf eine rasche Liberalisierung der Branche gesetzt – und damit vielleicht zu hoch gepokert. Der einstige Börsen-Highflyer ist nun sogar ein Übernahmekandidat.

Der Sommer war für Norbert Teufelberger ein einziges Malheur. „Eindeutig zu wenig Tennis“ habe er spielen können, klagt die ehemalige Nummer drei der Tennis-Junioren-Weltrangliste. Und das nicht etwa wegen des schlechten Wetters. In seiner Branche war schlicht der Teufel los. Am 13. Juli benannte sich der börsenotierte Online-Glücksspielanbieter Betandwin, dessen Co-Chef Teufelberger ist, in Bwin um. Vier Tage danach nährte die Inhaftierung von David Carruthers, dem Chef des US-Mitbewerbers BetOnSports, die Angst, dass die US-Behörden nun erstmals hart gegen Internet-Gaming-Anbieter durchgreifen.

Weitere drei Wochen später verfügte das Regierungspräsidium in Chemnitz eine Unterbindung der Geschäftstätigkeit im Bundesland Sachsen. Die Österreicher hatten aber das Geschäft in ihrem mit Abstand wichtigsten Markt Deutschland auf Basis einer Ex-DDR-Lizenz betrieben.
Für die Bwin-Aktie, die von einem Höchststand von 104 Euro Anfang Mai zwischenzeitlich auf unter 23 Euro abstürzte, war die Bekanntgabe eines Konzernverlusts von 27 Millionen Euro im ersten Halbjahr dann nur noch eine müde Draufgabe.
Und die nervenaufreibendsten Wochen stehen dem Unternehmen erst bevor. Während in Deutschland ein jahrelanger Rechtsstreit gegen den staatlichen Monopolisten Oddset droht, könnte eine politische Entscheidung in den USA im Herbst die größte Akquisition der Bwin-Geschichte mit einem Schlag wertlos machen – mit ungeheuren Konsequenzen. Bis Ende des Jahres dürfte sich entscheiden, ob Bwin eigenständig bleibt oder nicht doch in die Arme eines Mitbewerbers flüchten muss. „Es beginnen die entscheidenden Monate“, so Teufelberger.

Unsicherheit in Europa. In welch hohem Ausmaß Glück und Erfolg des abenteuerlich gewachsenen Unternehmens von Richtern und Politikern abhängig sind, wurde nun schlagartig bewusst – auch wenn der Vollzug des Gewerbeverbots in Deutschland vorerst ausgesetzt wurde. Selbst wenn im Herbst ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (im so genannten Fall Placanica) eine grundsätzliche Liberalisierung des Sektors bringen sollte, kann es jahrelang dauern, bis das in den nationalen Märkten zum Tragen kommt.
„Deutschland wird ein Abwehrkampf gegen den Monopolisten Oddset bleiben“, schätzt Betandwin-Mitgründer Michael Tojner. Er ist mit der Wettfirma Starbet nun Konkurrent und verfügt ebenfalls über eine Ex-DDR-Lizenz. Auch Lotterien-Boss Friedrich Stickler glaubt nicht, dass sich der Knoten im Nachbarland schnell auflösen wird: „Deutschland hat sich in eine extrem schwierige Lage gebracht.“

Zwar haben die Bwin-Chefs Teufelberger und Manfred Bodner stets auf die rechtlichen Risken ihrer Expansion hingewiesen. „Ich habe bisher den Eindruck gehabt, dass das Management in diesem sehr spekulativen Markt auch sehr trittsicher war“, meint etwa Kleinaktionärsvertreter Wilhelm Rasinger vom Interessenverband für Anleger. Doch das Tempo der Marktöffnung in Europa haben sie falsch eingeschätzt. „Wir haben im Jahr 2000 gesagt, dass es drei bis fünf Jahre dauern wird“, gibt Teufelberger zu. „Heute würde ich sagen, es sind noch einmal drei bis fünf Jahre.“ Alfred Reisenberger, Analyst der CA-IB, übt deshalb fundamentale Kritik an den zu rosig gemalten Zukunftsaussichten für das Online-Gaming-Unternehmen: „Die Wachstumsaussichten waren viel zu optimistisch – und sie sind es noch immer.“

Zocken & Kuscheln. Die größer gewordene Rechtsunsicherheit trifft freilich nun alle privaten Online-Glücksspielfirmen. Und in der Krise rückt die Branche, in der es bis vor Kurzem nur Siegerlächeln und Wachstumsfantasien gab, nun enger zusammen. Dabei wird wohl nicht nur über gemeinsames Lobbying und die Finanzierung von Kampagnen geredet. Auch ums Heiraten geht es.
Zuletzt war über einen Einstieg des Branchenleaders Partygaming bei Bwin spekuliert worden. Dem trend liegen Informationen über eine mögliche Annäherung von Bwin und Sportingbet, der Nummer zwei auf dem Weltmarkt, vor. Mit dem britischen Vorzeigeunternehmen hat es schon in der Vergangenheit Gespräche gegeben.
Der Bwin-Chef kann und will die aktuellen Gerüchte nicht kommentieren – aber auch nicht zerstreuen. „Wir wollen unseren Weg allein gehen“, bekräftigt Teufelberger das bisherige Unternehmensziel, relativiert aber sogleich: „Womöglich ist in zwei Monaten alles anders.“

Der US-Patient. In den USA tickt nämlich eine weitaus gefährlichere Bombe für die im historischen Börsengebäude am Wiener Schottenring residierende Internetfirma. Indizien dafür findet man schon im aktuellen Halbjahresbericht: Dort ist zu ersehen, dass die Bruttospielerträge vom ersten Quartal auf das – üblicherweise stärkere – zweite Quartal von 97,3 auf 94,3 Millionen Euro zurückgegangen sind (siehe Grafik auf Seite 49). „Das ist kaum jemandem aufgefallen“, wundert sich Leopold Salcher, Analyst der Raiffeisen Centro Bank (RCB).
Hauptverantwortlich für den Rückgang ist die schwedische Firma Ongame, deren Kauf Ende Dezember 2005 noch als Riesen-Coup gefeiert worden war. Ongame betreibt Online-Pokerseiten und entwickelt Pokertechnologie – und macht fast 80 Prozent seiner Umsätze in Nordamerika. Ende des zweiten Quartals hat der 512 Millionen Euro (!) teure Neuerwerb nun fast um ein Viertel weniger aktive Kunden als noch drei Monate davor vorzuweisen. Die Erträge sind von 35 auf unter 30 Millionen Euro gefallen, während sie im Gesamtjahr 2005 noch um 135 Prozent zugelegt hatten.

Teufelberger begründet das schwache Abschneiden mit dem Umstand, dass „die Technologieplattform nicht so stabil ist, wie sie hätte sein sollen“ – angedacht war ja, die Sportwetten-Community zum Poker und die Pokerspieler zum Wettgeschäft zu lotsen. Andererseits seien die Marketingausgaben auch wegen der rechtlichen Unsicherheiten massiv zurückgefahren worden.

Wer gewinnt? Die weitere Entwicklung ist von einer politischen Entscheidung abhängig. Der US-Senat wird vermutlich im Oktober über eine Regelung entscheiden, die es Kreditkartengesellschaften untersagen würde, Kundengelder an Internetkasinos weiterzuleiten. Das Repräsentantenhaus hat den so genannten Internet Gambling Prohibition and Enforcement Act schon abgesegnet. Die Konsequenzen einer Zustimmung des Senats wären verheerend: Der gesamten Branche droht der Entzug der Geschäftsgrundlage.

„Im schlechtesten Fall haben wir Pokertechnologie gekauft“, skizziert Teufelberger den Worst Case, bei dem allerdings auch Abschreibungen in dreistelliger Millionenhöhe fällig wären. Sicher ist für ihn jetzt schon eines: „Das Timing für den Ongame-Kauf war nicht hervorragend.“
Bwin ist an der Börse im Vergleich zur Konkurrenz am härtesten abgestraft worden. Der Aktienkurs hat sich von Anfang Mai bis Mitte August um 75 Prozent verringert, während das Minus bei den Rivalen Partygaming und Sportingbet „nur“ 25 bzw. 44 Prozent betrug. Von einem Aus in den USA wären die Nummer eins und zwei aber weit stärker betroffen – was die Aussichten zum Zusammenrücken unter partnerschaftlichen Bedingungen erhöhen würde. Denn an der Börse ist Partygaming derzeit fast viermal so schwer wie die Wiener, während Sportingbet in Reichweite liegt. „Es wird keinen Take-over geben“, schließt Teufelberger lediglich eine Übernahme, aber nicht eine Fusion aus.

Entscheidend wird dabei sein, wie sich die Hauptaktionäre verhalten. Neben dem Management (sieben Prozent) und Ex-Finanzminister Hannes Androsch (neun Prozent) sind das die fünf schwedischen Alteigentümer von Ongame, die einen Teil des Kaufpreises in Aktien bezahlt bekamen und zusammengerechnet laut Teufelberger nun rund zehn Prozent an dem österreichischen Unternehmen besitzen. Sie dürfen ihre ersten Aktien nach Ablauf einer sechsmonatigen Sperrfrist Mitte September verkaufen. Es gebe hier „keine akkordierte Sperrminorität“, so Teufelberger, der gleichwohl damit rechnet, dass die Schweden trotz der Serie von Bad News nicht aussteigen und so das Unternehmen verwundbar machen werden: „Sie haben gelernt, wie die Branche funktioniert.“

Teufelberger und Bodner wetten also einmal mehr darauf, dass die Sache gut ausgeht.

Von Bernhard Ecker

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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