Rüstungsaktien: Ein unmoralisches Angebot

Iran-Atomkrise, Terrorangst, Bürgerkriege in Afrika – die Welt ist derzeit alles andere als friedlich und sicher. Für die Rüstungsindustrie bedeutet das Hochkonjunktur – auch für deren Aktienkurse.

Es ist ein Milliardengeschäft mit sagenhaften Gewinnen. Doch vielen gilt es als die Inkarnation des Bösen schlechthin. Lange Zeit wurde es fast nach Belieben von den USA dominiert, aber immer stärker gelingt es auch anderen Anbietern, Boden zu gewinnen: Die Rüstungsindustrie boomt, und immer öfter erhaschen auch europäische Konzerne lukrative Aufträge. Mag sein, dass die moralischen Ansprüche so manchen Anlegers mit den ökonomischen Aussichten nicht ganz Schritt halten können. Doch die Kursentwicklung der vergangenen Monate zeigt: Der Kauf von Rüstungsaktien mag aus der Sicht „ethischer“ Investoren fragwürdig sein – lukrativ ist ein Investment in Waffenschmieden aber dennoch. Ausgewählte europäische Anbieter profitieren davon, dass immer mehr Abnehmer nicht mehr ausschließlich auf Lieferanten aus den USA zurückgreifen.

Rückenwind erhalten die Europäer aber auch von der Währungsfront. Hier hilft die jüngste Stabilisierung des Dollars, der zumindest nicht mehr so dramatisch wie im Vorjahr gegenüber dem Euro verliert. Da größere Waffengeschäfte üblicherweise in der US-Währung abgewickelt werden, litten die Bilanzen in der Vergangenheit unter Wechselkursverlusten. Dieses Risiko dürfte heuer erstmals geringer ausfallen.

Allerdings warnen Experten vor überhasteten Engagements. Zwar wurden in den vergangenen Jahren wichtige Meilensteine bei Restrukturierungen innerhalb der Branche gesetzt, trotzdem gibt es noch einige Hausaufgaben zu erledigen: „Europäische Verteidigungswerte sind noch relativ stark von staatlichem Einfluss geprägt. In den USA werden Aufträge an private Unternehmen vergeben. Damit wird ökonomischer vorgegangen“, benennt Richard Mayr, Chefanalyst der Argentuminvest, eine Schwachstelle. Zudem seien viele Europäer stärker als ihre amerikanischen Konkurrenten im zivilen Geschäft engagiert. „Und dieser Bereich leidet schnell unter einer Konjunkturschwäche“, so Mayr.

Querschüsse. Wolfgang Matejka, Chefstratege der Meinl Bank, illustriert dies anhand eines konkreten Beispiels: „Obwohl die deutsch-französische EADS den Paradefall einer europäischen Kooperation darstellt, macht der Verteidigungsbereich nur rund zehn Prozent vom Umsatz aus“, so Matejka. Für die zivile Luftfahrt – vor allem aus dem Geschäft mit Airbus – könnten die konjunkturellen Bedingungen unter Umständen schwierig sein, meint Matejka. Freilich muss ein starkes ziviles Geschäft nicht unbedingt ein Handicap sein. Derzeit erlebe das Unternehmen gerade im Bereich Zivilluftfahrt einen Höhenflug. Dank der Airbussparte stieg der Nettogewinn für EADS im ersten Halbjahr 2005 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 114 Prozent auf 816 Millionen Euro.

Ein Unternehmen, das ebenfalls an der Entwicklung des Airbus mitnascht und hoch in der Gunst der Analysten der Schweizer Credit Suisse First Boston (CSFB) steht, ist die schwedische Saab. Wesentlich bekannter ist zwar die Automarke, die schon vor rund 15 Jahren an General Motors verkauft wurde, doch der Luftfahrtbereich boomt auch ohne das Kfz-Geschäft. „Wir bauen die Flügel für den neuen A380, liefern diverse Teile aber auch an Boeing“, sieht Saab-Sprecher Peter Larrson die drohenden transatlantischen Querelen zwischen den beiden Konkurrenten gelassen. Insgesamt runden etwa 150 Produkte die Saab-Palette ab: „Dazu zählen Raketen, aber auch der Kampfjet Gripen“, beschreibt Larrson das Geschäft.

Im zivilen Bereich ist Saab stark an Raumfahrtprojekten beteiligt: „Damit sind wir nicht vom allgemeinen Konsum abhängig. Die Aufträge werden mit Regierungen abgeschlossen und können über 30 Jahre laufen“, unterstreicht der Saab-Sprecher die stabilen Aussichten für sein Unternehmen.

Knallhart. Ähnlich euphorisch zeigt sich UBS-Analyst Sven Weier über die deutsche Rheinmetall. Er stuft die Aktie auf „Kaufen“: Das Unternehmen ist einerseits ein wichtiger Zulieferer für die Automobilindustrie. Andererseits ist es aber auch stark in der Verteidigungsindustrie tätig. Dazu gehört die Herstellung von Waffen sowie der Bau von Panzern. „Rheinmetall ist einer der größten Lieferanten für europäische Armeen“, beschreibt UBS-Experte Weier das Geschäftsfeld der Waffenschmiede. Jüngst konnte das Unternehmen von Aufträgen zur Ausrüstung des Schweizer Heeres mit 17 Bergepanzern profitieren.

Auch die italienische Finmeccanica – mit Hauptgeschäft im Bau von Kampfjets und Helikoptern – fliegt hoch in der Gunst der Schweizer CSFB-Experten. „Das Unternehmen hat massiv an vergangenen Managementfehlern gearbeitet und steht jetzt solide da“, ortet Meinl-Chefstratege Matejka gute Chancen. Einzelne Sparten, die nicht ins Programm passten, wurden abgestoßen. Zugleich landete Finmeccanica einige spektakuläre Coups – wie den Kauf von Agusta Westland. Das übernommene britisch-italienische Unternehmen ist auf den Bau von Hubschraubern spezialisiert und stattet unter anderem die britische Royal Air Force aus. „Die Auftragseingänge sind sehr stark. Jetzt muss das Unternehmen beweisen, dass es die Akquisitionen gut verdaut“, gibt sich Analyst Sash Tusa von Goldman Sachs vorsichtig optimistisch.

Gar nicht so „british“ ist ebenfalls Rolls-Royce unterwegs. Obwohl die Marke wohl eher für edle Luxuskarossen aus dem Automobilbereich bekannt ist, mischt das Unternehmen auch in der Verteidigungssparte mit. So hat Rolls-Royce unlängst erfolgreich neue Flugzeugmotoren für die Maschinen des US-Militärunternehmens Lockheed Martin entwickelt und getestet. Auch das britische Unternehmen BAE Systems dürfte von dem US-Verteidigungsbudget profitieren. „Rund 30 Prozent des Umsatzes werden heuer von jenseits des Atlantiks kommen“, prophezeit Aktienexperte Colin Crook von UBS. Weitere Umsätze stammen zum Beispiel aus der Mitarbeit am Eurofighter.

Für Crook ist der Titel der BAE Systems ein klarer Kauf. Durch die Diversifizierung in die USA schrumpfe die Abhängigkeit vom bisherigen Geschäft aus England, begründet der Aktienanalyst seine Einschätzung. Dabei helfe freilich die Übernahme der US-Gesellschaft United Defense. Diese beliefert die U.S. Army mit gepanzerten Fahrzeugen. Aber auch die Herstellung von diverser Software, die in der Verteidigungselektronik eingesetzt wird, ist eine zunehmend lukrative Sparte für BAE Systems.

Ferngesteuert. Davon profitieren laut Chefstrategen Matejka auch die französische Dassault sowie die britische Ultra Electronics. „Außerdem hat der Softwarebereich den Vorteil, dass er nicht unter steigenden Rohstoffkosten leidet“, so Matejka. Ein zusätzlicher Grund spricht ebenfalls für weiterhin kräftiges Wachstum in der Sparte: So werden nicht nur die Autos im täglichen Straßenverkehr zunehmend mit elektronischem Schnickschnack ausgestattet. Auch in den Panzern und Co wimmelt es mittlerweile von Kupferdrähten und Computerprogrammen.

„Dassault stellt unter anderem dreidimensionale Programme her. Damit lassen sich beispielsweise Lenksysteme fernsteuern“, umschreibt Matejka eine Sparte des französischen Unternehmens. Aus dem Investmenthaus Citigroup weist man bei Ultra Electronics darauf hin, dass es das erste ausländische Unternehmen sei, das für die US-Marine Entschlüsselungstechnologie liefere. Auch pflege das Unternehmen beste Beziehungen sowohl zum britischen als auch US-amerikanischen Verteidigungsministerium. Und vermutlich, munkelt man bei Citigroup, dürfte Ultra Electronics sogar ein Übernahmekandidat sein.

von Raja Korinek

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