Rote Spuren

Vierzig Jahre Rot-Diktatur hat in den einstigen Ostblockländern tiefe Spuren hinterlassen.

„Man soll jetzt zwei Jahrzehnte mit Erweiterungen Ruhe geben.“ Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl

Wir saßen am 1. Mai im schönen Salon vor dem TV-Gerät und verfolgten hingebungsvoll die ORF-Sendung „Das neue Europa“. Es war ein Freundeskreis aus Medien und Wirtschaft, unter uns auch Levente G., ein Verwandter der Gastgeberin, perfekt in Deutsch, mit ungarischem Akzent, ein Manager aus Budapest. Als Hannelore Veit sich verabschiedete und das Fernsehgerät abgeschaltet wurde, unterbrach er als Erster die nachdenkliche Stille: „Bitte schön, wir haben heute Hochzeit gefeiert. Vielleicht kommen auch noch die Flitterwochen dazu. Doch dann beginnt der Ehealltag. Und es ist, wie ich glaube, keine Liebesheirat, es ist eine Vernunftehe.“ „Du Spielverderber“, witzelte der Hausherr. Der Rest der Runde war überrascht und ein wenig verwirrt.

Als wir später, zu zweit mit G., in einer Ecke saßen und Ungarisch zu reden begannen, erfuhr ich mehr über ihn. Seine Eltern waren Parteimitglieder, der Vater Beamter, die Mutter Lehrerin. „Sie waren keine Fanatiker“, betonte G. „Sie haben sich halt angepasst, wie Millionen, in den damaligen, von Russen besetzten Ostländern, um halbwegs normal weiterleben zu können.“ Nachdem Gorbatschow mit seiner Perestroika die Diktatur gelockert hatte, erkannte ein Großteil dieser Millionen, wie abnormal diese „Normalität“ in den Almosenstaaten war. Und als das Kommunistenreich, ohne Gewalt und Blutvergießen, wie ein Kartenhaus zusammenbrach, überwog die Begeisterung bei weitem die Rachegefühle gegenüber den Mittätern des alten Systems. Sie durften „normal“ weiterleben, und die Cleversten von ihnen wurden schon bald die größten Nutznießer des „Kapitalismus“: die Privatisierungsgewinner, die Unterweltbosse, die Schmiergeldkassierer.

Die Eltern von Levente G. sind nicht unter den Nutznießern. Sie leben von zwei kleinen Renten und hoffen, dass ihr studierter Sohn irgendwann Karriere macht. Er gehört zu jener Altersgruppe, die man in den Ostblockstaaten als „Generation Glück“ bezeichnet, weil diese Gruppe um das Wendejahr 1989 gerade erwachsen geworden ist. Vieles, wovon die Eltern einst nur träumen konnten, wurde plötzlich selbstverständlich: Pass in der Tasche, Reisen nach dem „Westen“, Zeitungen, die alles schreiben – also die lang ersehnte Freiheit.

In welchem Ausmaß die Rot-Diktatur eine verbrannte Erde hinterließ, wurde erst mit der Wende sichtbar. Nach dreizehn Jahren Aufbauarbeit, gewaltigen Westinvestitionen, Aufbruchstimmung und Liberalisierung beträgt die BIP-pro-Kopf-Leistung der Beitrittsländer, in Relation zu den EU-15, zwischen 37 Prozent (Lettland) und 63 Prozent (Tschechien). Ein polnischer Nationalrat verdient 564 Euro pro Monat, eine lettische Pensionistin muss mit 90 Euro überleben. Obwohl die Wirtschaft in den Beitrittsländern schneller wächst als die Weltwirtschaft, wird es, laut Europäischer Entwicklungsbank, noch 30 Jahre dauern, bis die Region das durchschnittliche Einkommensniveau der EU erreicht.

Woher kam diese Wertvernichtung in Ländern, die nicht irgendwo in Afrika liegen, sondern seit Jahrhunderten zu Europa gehören? Der Grund war jene KP-Ideologie, die die Gleichstellung aller Menschen als Zukunftsziel hatte. Alles sollte dem Staat gehören, wer Privateigentum besaß, war Ausbeuter und Kapitalist. Und in der Endphase des Kommunismus sollten die arbeitenden Menschen nicht nach ihrer Leistung entlohnt werden, sondern nach ihrem Bedürfnis. Ein Hilfsarbeiter mit drei Kindern sollte also viermal so viel verdienen wie ein allein stehender Uni-Professor.
Dass diese weltfremden Ideale von Marx und Lenin total konträr zur menschlichen Natur sind, ist jedem Realisten klar. Der Mensch wird, mit wenigen Ausnahmen, durch Perspektiven zur Leistung motiviert, will sich unterscheiden, aufsteigen, etwas besitzen. Wenn diese Motivation wegfällt, greift die Wurschtigkeit um sich, man will mit möglichst wenig Mühe über die Runden kommen.

Für jene, die den Traum vom Aufsteigen längst ausgeträumt haben, wird die Versorgungssicherheit immer wichtiger. Und dieses Elementarbedürfnis haben die KP-Diktaturen befriedigt, oft nur am Rande der Armut, aber immerhin. Es wurde niemand entlassen, auch wenn die Schuhfabrik zu 50 Prozent überbelegt war. Man hat die Preise erhöht, und die Leute kauften, weil es keine Konkurrenz gab und sie keine Alternative hatten.

In der EU gehört die freie Wirtschaft, gottlob, zu den Axiomen. Nun haben wir einen gewaltigen Zuwachs an EU-Bürgern, die dies als Bedrohung empfinden, weil sie in ihrer Denkweise noch die roten Spuren der Vergangenheit haben. Von Polen bis Tschechien und zur Slowakei wächst der Einfluss jener neukommunistischen Parteien, die allesamt EU-Gegner sind. Was ist, wenn sie irgend einmal die Wahlen gewinnen und in Brüssel alles blockieren? Wie Levente G. am 1. Mai sagte: Eine Liebesheirat war es sicher nicht. War es eine Vernunftehe?

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