Rot bis in den Tod?

Das Rotweinwunder ist vorbei: Sinkende Preise, Druck aus dem Ausland und ein veraltetes Weingesetz bereiten den erfolgsverwöhnten burgenländischen Winzern leichtes Kopfweh.

Auf seiner Visitenkarte steht „Önologe“, was so viel heißt wie: Weinexperte. Das ist er zweifelsfrei, aber der jung-dynamische Mann mit den blond gefärbten Haaren könnte auch andere Berufsbezeichnungen auf sein Kärtchen drucken: Wine-Entertainer etwa. Oder Wine-Entrepreneur. Leo Hillinger, bekannt in der Szene wie ein bunter Hund, hat im burgenländischen Jois ein gewaltiges Investment getätigt. Der Bau hat das halbe Dorf gegen ihn aufgebracht und ihm den Ruf des mittleren Größenwahns eingetragen. „Für die im Dorf bin ich ja spätestens in drei Jahren hin“, sagt er – steht an der Glasfront seines futuristisch in den Hang gebauten Kellerhauses und lässt, wenigstens für einige Sekunden, den Blick übers Dorf, über seine besten Lagen, bis hinüber zum nahen Neusiedler See schweifen. Die Anlage auf dem grünen Hügel hat ihn summa summarum satte fünf Millionen Euro gekostet – auf die Kommastelle kommt es bei dieser Größenordnung gar nicht mehr an, wo es doch „ursprünglich nur drei Millionen“ hätten sein sollen.

„Verrückte Burgenländer“. „Die Burgenländer sind verrückt geworden“, tönt es drohend aus der Wachau. Alteingesessene Winzergrößen wie F. X. Pichler schütteln nur zweifelnd das Haupt und blicken leicht verächtlich auf den Größenwahn der neureichen Rotweinwinzer im Burgenland. Sie meinen die im kalifornischen Napa-Valley-Stil in die burgenländische Landschaft gesetzten Weingüter, wie beispielsweise die „United Vineyards“ der Gebrüder Pfneisl. Der pannonische Geltungsdrang, der sich in millionenteuren Architektenkellern manifestiert, wirft die nicht von der Hand zu weisende betriebswirtschaftliche Frage auf: Kann sich das rechnen?

Und im Augenblick konzentriert sich die Skepsis eben auf den Hillinger mit seinem „Betonkobel“. Das Beste war ihm gerade gut genug („Ikea-Möbel kannst da keine hineinstellen, gell“), und jetzt reißt es den Leo, der anno 1990 mit „null Komma achtundfünfzig Hektar“ anfing, ganz schön herum: Ernst blickende Männer mit dunklen Aktenkoffern (vom großzügig fördernden ERP-Fonds) verlassen den Ort des Geschehens, zwei Gastronomen wollen liebevoll umhegt, eine Gruppe Winzer aus Spitz in der Wachau mit flotten Sprüchen vergnügt, der Journalist mit Wortspenden gefüttert werden. „Ich arbeite Tag und Nacht, ich seh meine Kinder kaum mehr“, sagt er. Der Weinmacher mit dem Skilehrer-Appeal ist in der Branche umstritten wie kein Zweiter, und wo die Gabe zum forcierten Ego-Marketing so ausgeprägt ist wie hier, fällt auch der Neid dementsprechend voluminös aus. Sein Treiben und jenes der anderen vollmundig auftretenden Rotweinwinzer wirkt auf viele Beobachter offenbar zu vordergründig – doch immerhin steckt dahinter ein Programm.

Laufend wird der Grenzgänger totgesagt; dabei ist er zumindest im Spätsommer 2004 noch quicklebendig. Kommt auf 1,8 Millionen Euro Jahresumsatz und rechnet vor, dass er im Jahr 2003 fünfunddreißig Prozent mehr Umsatz als im Jahr davor erzielt hat – was, angesichts der drückenden Kreditlast, wohl auch dringend notwendig ist. Letzte Woche war er auf der „Radisson SAS Sea Voyager“ zu Gast und zog auf dem noblen Kreuzfahrtschiff vor zweihundert Ami-Millionären eine Wine-Tasting-Show ab, „mit Headset, eh klar“. Für ihn gibt es nur noch ei-ne Strategie, und die heißt: Wachstum in alle Richtungen. Seminare. New York. Der Osten. Merchandising. Show. Und hundertfünfzigprozentiger Einsatz. „Klar muss man das wollen“, sagt er.

„Zu aufgeheizte Stimmung“. Viele seiner Kollegen, die das nicht wollen, und auch jene, die das nicht können, sind möglicherweise bald mit größeren Sorgen konfrontiert als er. Bis zu zwanzig Prozent der Möchtegern-Winzerstars, so lautet eine düstere Expertenprognose, werden in den nächsten Jahren wohl oder übel „umkippen“, ihren Wein nicht mehr in Flaschen füllen, gar nicht mehr pressen, womöglich ihre drei, vier Hektar Grund endgültig an Hillinger und Co verkaufen müssen. Dem Burgenland steht ein Umstrukturierungsprozess von großer Tragweite bevor, ein Prozess, der mit „Wachsen oder Weichen“ umrissen werden kann. Nur die Starken, Cleveren und Frechen werden die nächsten Jahre überleben.

Die Anzeichen für die Veränderungen könnten deutlicher nicht sein. Schon sinkt am Markt der Preis an allen Ecken und Enden. „Die Stimmung für den burgenländischen Rotwein war zu aufgeheizt, da ist oft die reine Hysterie durchgebrochen“, liest etwa Weinpfarrer Hans Denk seinen Schäfchen die Leviten. Betroffen sind in erster Linie die Winzer der zweiten Reihe, Fassweinproduzenten und Traubenlieferanten. Einige Keller sind auch jetzt, vor der Ernte, noch ziemlich voll, etliche hunderttausend Liter warten darauf, diesmal nicht um einen Euro oder mehr, sondern um dreißig, vierzig Cent vom Großhändler per Tankwagen abgeholt zu werden.

Die Konsumenten greifen verstärkt zu Weinen, die gerade mal sieben bis zehn Euro kosten. Anton Iby, einer der erfolgreichen „Namen“ des Mittelburgenlands und streitbarer Obmann des Vereins „Blaufränkisch Burgenland“, gibt gerne zu, dass er deutlich weniger Fläschchen von seiner Spitzenmarke abfüllt als die Jahre davor. Die fetten Boomjahre sind vorbei; jetzt kommt, fast zwangsläufig, die Zeit der mageren Spannen. Und prompt werden in Zeiten wie diesen auch viele Probleme wieder sichtbar.

Geldregen bringt nicht nur Segen. So etwa erweist sich die unspezifische Förderungspolitik der öffentlichen Hand als zusehends problematisch. Zuerst bekamen die Bauern 18.000 Schilling Stilllegungsprämie für jedes Hektar Weingartenfläche, das gerodet wurde. Als man sah, dass mit Wein wieder ein gutes Geschäft zu machen ist, wurden, nicht zuletzt mithilfe der Europäischen Union, rund 6540 Euro pro Hektar neu ausgepflanzter Fläche zugeschossen – ganz egal, in welcher Lage und welche Sorte gesetzt wurde. Rund um den Neusiedler See begannen die Bauern in ihren vor Jahren brachgelegten Weingärten am Fuße des Leithagebirges wieder Stöcke auszusetzen. Oder sie rissen einfach die alten dort üblichen Sauvignon- oder Pino-Blanc-Reben heraus und ersetzten sie, in der Hoffnung, am Rotweinwunder der Blaufränkisch-Gegend rund um Neckenmarkt mitnaschen zu können, durch Blaufränkisch oder Cabernet. Jetzt beginnen diese jungen Weingärten sukzessive Ertrag zu bringen. Doch nur die wenigsten schaffen einen Tropfen wie etwa jenen des Klosters Spitz in Purbach. Und es sind exakt die weniger gelungenen Weine, die den Pegel des Rotweinsees bedrohlich zum Steigen bringen.

Probleme machen vor allem die Nebenerwerbswinzer, die Alten, die Pensionisten. Die so wie die Profis die satten Förderungen kassierten, jetzt aber keine Ahnung haben, wohin sie ihre Ernte liefern sollen.

Dazu kommt, dass die Konkurrenz im In- wie im Ausland nicht schläft. „Der Markt für Rotwein ist in Europa sehr eng geworden“, klagt etwa der Direktor des österreichischen Weinbauverbandes, Josef Glatt. „Die Nischen sind besetzt, Markt-anteile werden großteils durch Einsatz von preislicher Ellbogentechnik erobert.“ Frankreich produziert große Überschüsse in bester Qualität, auch die Italiener „dumpen“, ganz zu schweigen von den industriell gefertigten Weinen aus Übersee. Die Regale im Handel, beispielsweise bei der Spar-„Weinwelt“, sind voll davon. Dass es ein Problem gibt, hat sich auch bis ins Landwirtschaftsministerium durchgesprochen: In einer parlamentarischen Anfragebeantwortung erläutert Josef Pröll, selbst aus dem Weinbauernstand stammend, dass die Preisentwicklung eine „natürliche Folge des Rückganges der Marktnachfrage“ sei. Und warum wird weniger nachgefragt? Der Minister führt die Misere auf den „witterungsbedingten Ausfall in der österreichischen Tourismuswirtschaft zu Beginn der Sommersaison“ sowie im Hochpreissegment „sowohl national also auch auf unserem Hauptexportmarkt Deutschland“ auf die „allgemeine Konjunkturentwicklung“ zurück.

Weingesetz als Qualitätsbremse. Doch nicht nur böse Importweine, zögerliche Konjunktur und fernbleibende Touristen bringen Funktionäre und Produzenten ins Schwitzen. Auch das heimische Weingesetz, in den Jahren nach dem Weinskandal in bester Absicht konstruiert, ist längst veraltet, ja es wirkt einer forcierten Qualitätsproduktion sogar entgegen. Das Gesetz geht davon aus, dass Wein ausschließlich in den so genannten Lenz-Moser-Hochkulturen angebaut wird, und definiert „Qualitätswein“ mit einem maximalen Ertrag von 9000 Kilo je Hektar Weingartenfläche. Entsprechend der Lehrmeinung von 1970 wird eine viel zu geringe Anzahl von Rebstöcken je Flächeneinheit bei gleichzeitig einer viel zu hohen Anzahl von Trauben pro Stock vorausgesetzt, es wird nicht zwischen Weiß- und Rotweingärten unterschieden. So kann es passieren, dass minder guter „Hochkultur“-Wein per Gesetz zum „Qualitätswein“ geadelt wird, Wein aus einem händisch und intensiv bearbeiteten, dicht bepflanzten Weingarten aber dem Gesetz nach nur „Tafelweinqualität“ erreicht. Die wahren Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt und etliche Produzenten abgehalten, radikal auf Qualitätsproduktion zu setzen. Eine Gesetzesänderung wäre dringend vonnöten, ebenso wie ein Umdenken auf breiter Front: „Wir brauchen eine Kulturrevolution“, mahnt Philippe Ricaux, ein erfahrener Önologe, der seit Jahren burgenländische Winzer berät. „In allen Top-Gebieten Europas sind die Rebstöcke dichter gesetzt.“

„Davon kann man nicht leben.“ Er rät händeringend, statt der derzeit üblichen rund 3000 Stöcke je Hektar bis zu 6500 Stöcke zu pflanzen – sowohl aus Qualitätsgründen, aber auch nicht zuletzt deshalb, um den kleinen Betrieben das nackte Überleben zu sichern: „Die Wertschöpfung von derzeit 5600 Euro je Hektar ist viel zu gering, davon kann man nicht leben.“ Die in vielen „Hochkultur“-Weingärten praktizierte Begrünung zwischen den breit gesetzten Rebzeilen nennt er säuerlich „den teuersten Rasen Europas, abgesehen von Wimbledon“.

Im Gegensatz zur Rebfläche wurde in den letzten Jahren dank üppiger Förderungen viel Geld in Kellertechnik, hypermoderne Pressen, haushohe Stahltanks und süße Barriquefässchen gesteckt. Laut Paul Rittsteuer, dem burgenländischen Agrar-Landesrat, sind im Zuge der nun auslaufenden Ziel-1-Subventionen stolze 250 Millionen Euro „in die Verbesserung der Verarbeitung und Vermarktung“ investiert worden, wobei ein Drittel der Investitionen als nicht rückzahlbare Zuschüsse gewährt wurden. Der Turboschub durch die EU brachte den erhofften Qualitätsschub, lockte aber auch so manchen Produzenten in die „Förderfalle“. Gelder wurden querbeet vergeben, ohne von den oft unerfahrenen Winzern Businesspläne zu verlangen. Und wenn es einen Plan gab, dann ging der nicht selten von ins Fantastische steigenden Erlösen aus – eine Entwicklung, die nun zum Erliegen kam.

Der raue Wind des Marktes. So wie vom Boom alle überrascht waren, so überrascht ist man nun davon, dass plötzlich so etwas wie ein rauer Wind des Marktes weht; Überlegungen zur sozial verträglichen „Flurbereinigung“ fehlen ebenso wie durchdachte Vermarktungsstrategien für die kommenden harten Jahre. Sinnvoll wäre es beispielsweise, Weine von „No-Names“ zu einer Dachmarke mit DAC-Qualitätssiegel zusammenzufassen. Willi Balanjuk, einer der bekanntesten Weinexperten Österreichs, arbeitet an diesem diffizilen Projekt – die Chancen, es zu verwirklichen, schätzt er, als Berufsoptimist, auf „siebzig zu dreißig“. Die Angst der Weinbauern vor verstärkter Kontrolle, vor Mengenbeschränkung und davor, einen Schritt in marketingmäßiges Neuland zu wagen, ist noch immer allzu ausgeprägt.

Dazu kommt, dass die burgenländischen Winzer in großer Zahl zwar originelle Persönlichkeiten, aber alles andere als knallharte Rechner sind. „Viele managen ihre Betriebe noch wie kleine Bauernhöfe, dabei sind sie schon längst ein kleiner Industriebetrieb geworden“, ärgert sich Monsieur Ricaux. Tatsächlich finden sich 25-Hektar-Betriebe ohne Kellermeister, viel zu oft glaubt der „Winemaker“, ein strahlendes Universalgenie zu sein, und schafft es nicht, wesentliche Aufgaben zu delegieren. Oft werden minder qualifizierte Billiglöhner beschäftigt, die nicht einmal den Rebschnitt beherrschen.

„Es wird ein paar erwischen.“ „Die Betriebe müssen besser werden, viele kennen gar nicht ihre Produktionskosten“, wundert sich der Experte. „Dass es schwierige Fälle gibt, ist bekannt“, assistiert Weinbaudirektor Glatt. „In der zweiten Liga kann’s schon jemand abreißen“, prophezeit auch Weinpfarrer Denk, und Walter Kirnbauer, seines Zeichens neuer Weinbaron zu Deutschkreutz, glaubt auch, „dass es ein paar erwischen wird“. Wobei er naturgemäß nicht sich selber meint. Er, der 1980 mit drei Hektar begann und zurzeit Trauben von 22 Hektar Weingärten verarbeitet, kann die angeblich heraufziehende Krise „nicht nachvollziehen“. Er hat sich vergangenes Jahr ein Kellerhaus im Stil eines toskanischen Landschlösschens mitten in die Weingärten gepflanzt, eine Investition, von der im Burgenland fast ebenso neidvoll geredet wird wie von jener des Leo Hillinger. Von der Terrasse sieht man das halbe Mittelburgenland, das Ödenburger Gebirge, ja selbst bis nach Sopron reicht der Blick. Nur eineinhalb Millionen Euro, sagt der Landlord, habe ihn der Bau gekostet; er ist mächtig stolz auf seine Hazienda, übt sich aber wohlweislich in Bescheidenheit. „Wir sind nicht die Rothschilds, wir haben auch nur eine Styroporfassade mit Putz außen drauf gemacht.“

Seine weiteren, durchaus kühnen Pläne sind durch keinerlei Krisenstimmung getrübt. Statt 500 will er bald 1000 Barriques im Keller stehen haben. Er möchte Weingärten zukaufen, wann und wo immer das geht. An Absatzschwierigkeiten leidet er nicht: „Die Leute lechzen schon nach dem nächsten Jahrgang.“ Gerne würde er für seine noblen Gäste auch ein kleines, feines Hotel bauen – jetzt müssen die Weinfreunde noch ins nahe Ungarn flüchten, weil die Gästezimmer in Deutschkreutz ständig ausgebucht sind. Nein, um „K&K Kirnbauer“ muss man sich noch keine ernsthaften Sorgen machen. Für all jene Standesgenossen, die aber sehr wohl Sorgen haben, die vor lauter Schulden nicht mehr ein noch aus wissen, hat Herr Kirnbauer einen kollegialen Rat bereit: „Jene, die nur roten Wein und keinen Rotwein machen, haben es eben schwerer. Und nur zu Hause sitzen und auf die Politiker schimpfen, das nützt halt auch nichts.“

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