Post-Aktien: Die Post bringt allen was

Der Finanzminister bekommt bis zu 500 Millionen Euro, die Anleger eine neue Aktie und die Gewerkschafter jede Menge Ärger. Wird die Post-Aktie eine Erfolgsstory oder ein Ladenhüter?

Bisweilen können Werbebotschaften ganz schön zweideutig sein – sogar solche von durch und durch biederen Unternehmen. Beispiel gefällig? Finanzminister, Anleger und Postgewerkschafter werden mit dem Slogan „Die Post bringt allen was“ vermutlich recht unterschiedliche Assoziationen verbinden. Dem Finanzminister soll die für das erste Halbjahr 2006 geplante Privatisierung des einstigen Monopolunternehmens bis zu 500 Millionen Euro bringen. Den Anlegern soll sie eine Bereicherung des Wiener Börsenzettels und eine Chance auf interessante Profite bringen. Und den Postgewerkschaftern bringt sie im Moment vor allem Ärger: Aus Angst vor Arbeitsplatzverlusten standen sogar Streikdrohungen im Raum.

Doch angekündigte Revolutionen finden nicht statt. Anstelle offener Konfrontation wählten die Interessenvertreter nach eingehenden Beratungen schließlich doch die Variante „Arbeitskampf light“. Mit einem Protestmarsch zum Finanzministerium unterstrichen sie ihre Forderung nach Arbeitsplatzsicherheit. „Natürlich wissen auch die Gewerkschafter, dass die Privatisierung nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen für ihre Mitglieder bringt“, so ein Funktionär.

Pragmatisch. Eine pragmatische Haltung der Interessenvertreter ist jedenfalls eine wesentliche Voraussetzung für ein Gelingen des Börsenganges. Denn eines ist klar: Kein Anleger würde Aktien eines von Streiks bedrohten Unternehmens kaufen.

Ob sich die Angst vor einem drohenden Arbeitsplatzverlust besonders gut als Begründung für Streiks eignet, ist freilich ohnedies fraglich. Das Tempo des Jobabbaus bei der Post wird sich in Zukunft nämlich eher verringern als beschleunigen. „Ich habe das Unternehmen am 1. Juli 1999 zum ersten Mal betreten. Damals gab es noch 33.000 Mitarbeiter. Wir haben bis Ende vergangenen Jahres auf 23.000 reduziert – und das, obwohl der Staat zu 100 Prozent Eigentümer ist“, erläutert Post-Generaldirektor Anton Wais die Schlankheitskur der vergangenen Jahre.

Allerdings – reicht das schon aus, um die Post für den bevorstehenden Börsengang zu einem attraktiven Investment zu machen? „Eine Restrukturierungs-Story müsste der Post-Börsengang schon auch sein“, umschreibt Paul Severin, Chef der Aktienveranlagung in der BA-CA-Fondstochter Capital Invest, vorsichtig, was die meisten Analysten hinter vorgehaltener Hand recht offen sagen: Was das Thema Arbeitsplatzabbau betrifft, ist das Ende der Fahnenstange wohl noch nicht erreicht.

Kommunikationshürden. Für Post-Chef Wais stellt das wohl die größte kommunikationstechnische Herausforderung für den kommenden Privatisierungsprozess dar. Einerseits gibt es da die vor laufenden Kameras mit treuherzigem Augenaufschlag vorgetragenen Beteuerungen der Politiker, der Börsengang werde keine Arbeitsplätze kosten. Auch die Post-Gewerkschaft ist mit ihrer Forderung nach Arbeitsplatzgarantien nicht zu überhören. Und ständiges Zittern um den Job ist nicht eben die beste Motivation für Mitarbeiter.

Andererseits aber wollen die Anleger, die Geld für Post-Aktien lockermachen sollen, entweder ein schlankes und profitables Unternehmen kaufen – oder eben keines. Und vor allem internationale Investoren sind in ihren Forderungen nach weiteren Rationalisierungsmaßnahmen meist nicht sonderlich zurückhaltend.

„Wir bekommen keine Vorgaben“, meint Wais in Richtung Politik. „Wir müssen aber unabhängig vom Börsengang unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter stärken.“ Erst nach beharrlichem Nachfragen wird der Post-Chef konkret: „In Bezug auf Kostenreduktion sind wir zwei Drittel des Weges schon gegangen.“ Was freilich keinesfalls bedeuten muss, dass ab sofort noch einmal 5000 Mitarbeiter zittern müssen. „Das gilt natürlich für die momentane Größe des Unternehmens. Aber man darf nicht übersehen, dass wir auch in Wachstum investieren. Es kann also durchaus sein, dass in einer Ecke des Unternehmens weiter saniert wird, aber in einer andern Ecke Investitionen ins Wachstum zusätzlich Beschäftigung bringen.“

Aber wo kann der einstige Monopolist noch wachsen? Wais: „Da gibt es zwei Stoßrichtungen. Wir haben beispielsweise bei den sieben größten Druckereien des Landes praktisch den Expedit übernommen. Wir kennen die Produktionspläne und besorgen die Logistik. Wir können hier einen Vorteil an Geschwindigkeit und Kosten bieten. Der zweite Bereich, in dem Wachstum möglich ist, betrifft Unternehmen direkt in ihren Abläufen. Wir besorgen für ein Unternehmen praktisch die gesamten Postdienstleistungen inklusive Hauspost.“

Für Wais fällt dies unter das Motto „Näher an die Kunden rücken“ – was letztlich auch die Schließung der Postämter bezwecken sollte. „Wir haben seit 2002 rund 1000 Postämter geschlossen, jetzt ist aber eine Marke erreicht, wo wir sagen können: Wir sind näher am Kunden.“ Geschlossen wurden nämlich laut Wais nur solche Postämter, bei denen auch die Klientel verschwunden sei. „Wir sind den Pendlerströmen gefolgt“ – eine Interpretation, die wohl nicht alle Betroffenen teilen dürften. Doch „jetzt haben wir wieder einen Stand erreicht, der die optimale Kundennähe garantiert. Und das sage ich jetzt nicht als Valium für die Politik.“

Investitionsboom. Doch dem Postämtersterben in Österreich steht ein Investitionsboom jenseits der österreichischen Grenzen gegenüber. Wesentliche Impulse verspricht sich Wais von der Expansion in neue Märkte. „In der Slowakei besitzen wir derzeit drei Unternehmen, und ein viertes wird demnächst hinzukommen. Wir sind Marktführer im B2B-Paketbereich. In Ungarn haben wir ins Prospektgeschäft investiert. Mit mehr als 400 Millionen verteilten Prospekten sind wir da im vergangenen Jahr nahe an die ungarische Post herangekommen. In Kroatien ist unsere Tochter overseas express Marktführerin im B2B-Paketgeschäft, da gab es vergangenes Jahr ein Mengenwachstum um 30 Prozent. In drei weiteren Ländern – Bulgarien, Rumänien und der Ukraine – sind wir dabei, lukrative Beteiligungen zu prüfen.“

Davon, dass die Ost-Story – die schließlich den Boom an der Wiener Börse ausgelöst hat – die Anleger auch im Fall der Post ansprechen könnte, ist Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Bank, überzeugt. „Wien ist eine Drehscheibe für das Ostgeschäft, das hat sich ja auch schon in anderen Branchen gezeigt, und das gilt gleichermaßen für einen exmonopolistischen Staatsbetrieb.“

Mit dem Begriff Monopol tut sich der Post-General freilich schwer. „Die Zeiten, als wir ein Monopol hatten, sind längst vorbei. Im Paketdienst stehen wir seit Jahren, um nicht zu sagen: Jahrzehnten in Konkurrenz mit privaten Anbietern wie UPS oder DHL. Rund 70 Prozent unseres Geschäftes sind jetzt schon dem Wettbewerb ausgesetzt“, so Wais. Weitere Liberalisierungsschritte im Briefverkehr träfen das Unternehmen daher ebenso wenig unvorbereitet wie der bevorstehende Börsengang.

Kein Vergleich. Das können die Analysten von sich nicht behaupten. Post-Aktien zählen nämlich keineswegs zum alltäglichen Geschäft. Europaweit gibt es nur zwei börsenotierte Post-Unternehmen: die Deutsche Post und die niederländische TNT. Die so genannte Peer Group – jene Gruppe von Unternehmen, mit denen sich ein Börseneuling messen muss – ist also denkbar klein, wobei die Deutsche Post wegen ihrer wesentlich breiteren Diversifikation in den Finanz- und Logistikbereich keine brauchbaren Vergleichszahlen liefert und die österreichische Post daher nur an den Niederländern gemessen werden kann.

Und dieser Vergleich lässt die bisher genannten Zahlen in realistischerem Licht erscheinen. „Die niederländische Post erzielte 2004 einen Umsatz von 13 Milliarden Euro, die österreichische Post einen von 1,6 Milliarden. Die Niederländer sind an der Börse mit zwölf Milliarden Euro bewertet, in Österreich werden es 800 Millionen bis eine Milliarde sein. Von den Relationen passt das schon“, rechnet Uta Pock, Analystin bei der Österreichischen Volksbanken AG, vor.

Nicht ganz so gut steige Österreichs Post freilich bei einem Vergleich der Betriebsergebnisse aus. In puncto Umsatz seien die Niederländer nämlich rund achtmal so groß, das Betriebsergebnis (EBIT) sei in den Niederlanden hingegen 14- bis 15-mal so groß wie jenes der Post. „Doch das kann man durchaus auch positiv interpretieren – nämlich als Verbesserungspotenzial“, meint Pock, die dem Post-Börsengang überwiegend positive Seiten abgewinnen kann: „Als teilprivatisiertes Unternehmen steht man jedenfalls besser da als ein staatliches – vor allem wenn man international tätig ist.“

Auch für Birgit Kuras, Chefanalystin der Raiffeisen Centrobank (RCB), überwiegt das Positive: „Was österreichische Unternehmen betrifft, ist für viele Investoren die Grenze bereits erreicht. Aber es gibt viel Liquidität, die nach neuen Titeln sucht. Da kommt die Post gerade zur rechten Zeit.“ Für einen Erfolg spreche auch das Börsenumfeld. „Im ersten Halbjahr werden noch die guten Zahlen des vierten Quartals 2005 herüberwirken, es wird noch ein starkes Gewinnwachstum und wahrscheinlich auch manche positive Überraschung geben. In Osteuropa rechnen wir mit einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstums, ich glaube, es ist ein guter Zeitpunkt am Kapitalmarkt dafür, dass ein neuer, attraktiver Wert an die Börse kommt.“

Kaufzwang. Ob die Aktie also zu einer Volksaktie werden kann? „Auch die Deutsche Post ist als Volksaktie verkauft worden, hat aber am Anfang eine schlechte Performance gezeigt“, erinnert sich Capital-Invest-Aktienexperte Severin. „Der Begriff Volksaktie scheint mir etwas strapaziert“, meint Erste-Chefanalyst Mostböck. „Man sollte nicht so sehr fragen, ob Volksaktie oder nicht, sondern ob das Papier bei privaten und institutionellen Anlegern zu platzieren ist. Und das glaube ich schon.“ Ein eher technisches Argument für die Post-Aktie fällt Generali-3-Banken-Fondsmanager Alois Wögerbauer ein: „Wenn die Börsenaktie in den Index aufgenommen wird, dann müssen alle, die indexnah investieren, kaufen. Das trifft vor allem auf die Pensionsfonds zu, die ja aus Gründen der Absicherung nur einen relativ geringen Bewegungsspielraum haben.“ Womit der Staat mit seinen Anlagerichtlinien für die Pensionsvorsorge dafür gesorgt hätte, dass er die Post-Aktien auch tatsächlich verkaufen kann.

Von Franz C. Bauer

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente