„Perlen“ aus Polen

Zehntausende Haushaltshilfen aus den Beitrittsländern arbeiten bereits schwarz in Österreich – und bald werden es mehr sein.

Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner verwendete in einem ORF-Gespräch ein eher unübliches Wort. Gefragt nach ihrem privaten Alltag, erwähnte sie, charmant lächelnd, dass sie dreimal in der Woche eine „Zugehfrau“ habe. Als sie sah, dass der Journalist ein wenig ratlos nachfragen wollte, fügte sie schnell hinzu: „… eine Haushälterin, wenn Sie so wollen, die mir ein bisschen hilft“.

„Zugehfrau“ ist originell, „Haushälterin“ geht auch noch. Aber „Putzfrau“ ist bei uns fast schon eine Tabubezeichnung für eine Arbeit am untersten Ende der Sozialskala. Fremden Schmutz beseitigen, ununterbrochen dienen, schlecht bezahlt und ohne Aufstiegschancen. Nur im äußersten Notfall wollen Österreicherinnen als „Reinigungskraft“ ihr Geld verdienen.

Da ist eine Marktlücke entstanden. Wer putzt denn Fenster und saugt den Teppich in Haushalten, wo beide Partner einen Fulltimejob haben? Legal beschäftigte Saubermacherinnen kosten bei uns 15 Euro pro Sunde und eine Pflegerin für die alte Mutter noch mehr. Da kommen Beträge zusammen, die auch Gutverdienenden weh tun. Eine Ungarin oder eine Polin hingegen ist mit sieben Euro hochzufrieden, weil dieser Verdienst, nach Maßstäben ihrer Heimat, eine erstklassige Bezahlung darstellt. Und dementsprechend steigt zu Hause auch das Sozialprestige.

Magdalena ist um die 50 und war in der polnischen Kleinstadt Kielce bis vor drei Jahren Zahnärztin. Als das Spital geschlossen wurde, hätte sie versuchen können, in der Großstadt Lodz einen neuen Job zu finden. Monatsverdienst rund 300 Euro und dazu noch die Komplikationen und Kosten der Wohnungsbeschaffung. Sie behielt ihre kleine Wohnung in Kielce, verabschiedete sich von Sohn und Schwiegertochter und kam, beraten von einer Freundin, nach Wien. Sie haust nun bei dieser Freundin, betreut viermal die Woche, ganztägig, einen alten Pensionisten und arbeitet an den restlichen Tagen, je fünf Stunden, als „Zugehfrau“, natürlich alles schwarz. Sie lebt offiziell als Touristin in Wien, fährt vierteljährlich für zwei Tage nach Hause, kriegt einen neuen Einreisestempel in ihren Pass, wenn sie wieder kommt, und verdient doppelt so viel wie einst der Chefarzt in Kielce. Von der Familie und dem Freundeskreis in Polen wird sie als tüchtige Gutverdienerin geschätzt und geachtet. Vor allem dann, wenn sie dem arbeitslosen Sohn ein paar Scheine in die Tasche steckt.

Die „Karriere“ von Magdalena zeigt jene brutale Wahrheit, die hinter den hochtrabenden Sonntagsreden der Politiker aus den EU-Ländern steckt. Die EU-Erweiterung mit den ehemaligen Ostblockstaaten ist, langfristig gesehen, ein historisches Ereignis. Über die Probleme und Risken in den nächsten Jahren, über die gewaltigen Unterschiede beim Lebensstandard und dem Volkseinkommen zwischen alten und neuen EU-Ländern hören wir kaum etwas. Manchmal öffnet sich allerdings kurzfristig der Schleier.

Im Zusammenhang mit der Diskussion über die einheitliche Bezahlung der alten und neuen EU-Abgeordneten, die erst einmal so viel Gehalt kriegen wie die Volksvertreter in ihren Heimatländern, erfuhren wir, dass unsere Nationalräte 7267 Euro pro Monat bekommen, die ungarischen Volksvertreter 805 Euro und die polnischen 564 Euro. Eine erstaunliche Differenz, wenn man annimmt, dass die Ungarn und Polen ihre Abgeordneten, selbst nach ihren Maßstäben, auch halbwegs ordentlich entlohnen.

In einer Untersuchung der britischen Zeitschrift „The Economist“ darüber, wie lange es dauern wird, bis die Wirtschaftsleistung der Beitrittsländer den Durchschnitt der gegenwärtigen EU-15 erreicht, stehen bedenkliche Zahlen: Slowenien 21 Jahre, Ungarn 24 Jahre, Tschechien 29 Jahre, Polen 31 Jahre. Laut dem deutschen Wirtschaftsforscher Hans Werner Sinn sind die Löhne in Deutschland fünfmal so hoch wie im angrenzenden Polen und in Tschechien. Und die beitretenden Länder haben derzeit, im Durchschnitt, nur ein Drittel des Lebensstandards der bestehenden Gemeinschaft.

Wenn man unterwegs in Budapest, Prag oder Warschau ist, neigt man dazu, diese Zahlen nicht einmal zu ignorieren. Doch am Land und in den kleinen Städten sieht die Welt gleich ganz anders aus. Dort leben die „kleinen Leute“ von 150 Euro im Monat. Es ist eigentlich ganz normal, dass der enorme Rückstand nach vierzig Jahren Rot-Diktatur nicht in zwölf Jahren aufzuholen ist. Dies gelang nicht einmal in der ehemaligen DDR, trotz der gewaltigen Wirtschaftshilfe von rund 120 Milliarden Euro, die die Westdeutschen für ihre Ost-Brüder in den letzten zwölf Jahren flüssig gemacht haben.

Es werden weiterhin viele Magdalenas nach Österreich kommen. Und sie werden weiterhin schwarz, als Perlen, putzen und pflegen. Laut Beitrittsvertrag dürfen sie dies legal bis 2011 nicht tun. Doch das Wohnrecht in Österreich haben sie ab dem 1. Mai unbegrenzt. Und auf die Frage, wovon sie leben, können sie mit dem Selbstbewusstsein eines EU-Bürgers antworten: „Das geht Sie überhaupt nichts an.“

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