Österreichs beste Geschäftsberichte

Seit mehr als zehn Jahren prämiert trend Österreichs Aktiengesellschaften mit dem Austrian Annual report Award für die interessantesten Geschäftsberichte. Immer öfter mutieren die einst langweiligen Zahlenfriedhöfe zu aufschlussreichen Broschüren über heimische Unternehmen.

Irgendwann musste es ja jemand sagen: Geschäftsberichte sind langweilig. Jene großformatigen Broschüren, in denen Unternehmen einem breiten Leserkreis aus Anlegern, Mitarbeitern, Kunden und der Finanzwelt erklären, wie das vergangene Jahr gelaufen ist, welche Ziele man erreicht (und seltener, welche man nicht erreicht) hat, die Millionen Euro und tausende Arbeitsstunden verschlingen, können einem ganz schön auf die Nerven gehen. Und jetzt, endlich, hat sich wer getraut, das auch offen auszusprechen: „Einer der langweiligsten Geschäftsberichte des Jahres“ betitelt der weltgrößte Ziegelkonzern Wienerberger sein diesjähriges Œuvre zum vergangenen Geschäftsjahr.

Natürlich ist ausgerechnet jener Bericht, der diesen Titel trägt, alles andere als langweilig. Mit dezentem Understatement, viel Charme und handwerklichem Können bringt Wienerberger den Leserinnen und Lesern das Geschäft mit der in jeder Hinsicht spröden Materie „Ziegel“ nah – wenn der bewusst provokante Titel auch das markanteste Problem der Berichte anspricht: gepflegte Fadesse bildet die größte Gefahr bei der Gestaltung der Reports.

Das sieht auch Designexperte Stefan Fuhrer so. „Der größte Fehler ist es, die Leserinnen und Leser zu langweilen.“ Der Geschäftsbericht als Unterhaltungsmedium?

Offenbar bahnt sich hier so etwas wie die „dritte Phase“ in diesem Bereich an. Zu Beginn ging es lediglich darum, mit den Geschäftsberichten die notwendigen Informationen zu transportieren. Als nächster Schritt folgte – im Zuge rigiderer gesetzlicher Regeln und eines schärferen Wettbewerbs, der nicht zuletzt durch das trend-Geschäftsberichtsranking forciert wurde – die „Professionalisierung“. Teils gesetzlich geforderte größere Transparenz, aber auch die Erkenntnis der Vorstände, hier eine willkommene Plattform zur Selbstdarstellung vorzufinden, führten zu einer Aufwertung.

Nun beginnt, auf Basis bereits recht hoher Berichterstattungs-Standards, das Leben der Berichte als eigenständiges Medium. Neben der Information tritt nun immer stärker auch das Unterhaltungselement in den Vordergrund.

Zusammenhängen dürfte das mit dem hohen Standard, den die Geschäftsberichte formal bereits erreicht haben. „Aus unserer Sicht erfüllen praktisch alle top-gereihten Berichte die Ansprüche von Profianwendern zu hundert Prozent“, stellt Birgit Kuras, Chefanalystin der Raiffeisen Centrobank, den Presse- und Investor-Relations-Abteilungen der börsenotierten Unternehmen ein hervorragendes Zeugnis aus. Kuras hat praktisch durchgängig Bestnoten vergeben.

Rückenwind. Freilich durften sich praktisch alle börsenotierten Unternehmen im Berichtsjahr in einer hervorragenden Börsenentwicklung sonnen. Der Wiener Börsenindex ATX überholte den Rest der Welt einigermaßen lässig, und die überwiegende Zahl der großen börsenotierten Unternehmen, die sich auch im diesjährigen trend-Ranking auf den vorderen Rängen wiederfinden, waren die Träger dieser Entwicklung. Da kann ein Vorstand im Vorwort recht locker plaudern, da können Controller und Investor-Relations-Manager ganz ungezwungen mit Transparenz und Zahlen umgehen. Wenn die Börse gut geht und die Aktienkurse aufwärts weisen, dann bietet das an sich ein angenehmes Umfeld für den Versuch, auch bei so „konservativen“ Medien, wie es Geschäftsberichte nun einmal sind, neue Wege zu versuchen.

Dennoch geschah dies noch eher zögernd. Sicher, Wienerberger hätte sich nach einem schlechten Jahr den spielerischen Umgang mit dem Begriff „Langeweile“ wohl kaum getraut, die an sich eher zurückhaltende Raiffeisen-Gruppe hätte ohne den so erfolgreichen Börsengang der Raiffeisen International überlegt, Comics als Stilelement einzusetzen, und der Versuch, das Ausland metaphorisch (und in Bildern und Beschreibungen durchaus real) als Marktplatz darzustellen, wie das die Hypo Tirol Bank getan hat, ist nur dann denkbar, wenn man dort auch Erfolg hatte. Doch darüber hinaus blieb es bei eher noch zaghaften Versuchen, das unterhaltende Element zu stärken und der dürren Information etwas mehr Schwung zu verleihen.

Bewährte Methode. Die bewährte trend-Methode der Geschäftsberichtsbewertung hat sich gegenüber den vergangenen Jahren nur in Details der Fragestellung geändert. Wie bisher führt ein zweistufiger Prozess zur endgültigen Bewertung. Die Vorauswahl erfolgt nach einem standardisierten System, das eine Reihung der Berichte nach objektiven Kriterien ermöglicht.

Im Bereich Business Reporting erfolgte das Ranking diesmal durch das von Professor Gerhard Seicht geführte Institut für Betriebswirtschaftslehre der Industrie an der Wirtschaftsuniversität Wien, Projektleiter war hier Assistenzprofessor Otto Janschek.

Für die Voranalyse im Bereich Mediumsqualität zeichnet das Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien (Prof. Wolfgang R. Langenbucher) verantwortlich, Projektleiterin ist die Universitätsassistentin Julia Wippersberg. Sie wundert sich vor allem, „warum die Unternehmen ihre Berichte nicht intensiver für Investor Relations nutzen. An sich würde man doch damit rechnen, dass man hier die Chance wahrnimmt, den potenziellen Anlegern zu erklären, warum sie eine bestimmte Aktie kaufen sollten.“

Auf Basis der im Rahmen der Voranalyse entstandenen Reihung nahmen dann die Juroren in den Teilbereichen Business Reporting und Mediumsqualität nach einem umfangreichen Fragenkatalog die Feinanalyse vor. In das Endergebnis fließen die Bewertungen von einem Dutzend Juroren ein. Anlaufstelle für das umfangreiche Datenmaterial war wie im Vorjahr die Wirtschaftsprüfungskanzlei KPMG, die als unabhängige Instanz Fairness und exakte Ergebnisermittlung garantiert.

Wie in den vergangenen Jahren wurden die börsenotierten und die nicht notierten Unternehmen gesondert bewertet – nicht nur die unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen, sondern auch verschiedene Zielgruppen machen dies notwendig. Andererseits testen Unternehmen, die einen Börsengang planen, durch die Teilnahme an dem Bewerb auch gern ihre Kommunikationsinstrumente.

Keine Überraschungen gab es an der Spitze. Neun der zehn Erstgereihten sind ATX-Unternehmen, zählen also zu den wichtigsten an der Börse notierten Gesellschaften. Interessant ist dabei allerdings, dass es erstmals zwei Immobilien-Aktiengesellschaften unter die Top Ten geschafft haben: die größte Immo-AG Kontinentaleuropas, die Immofinanz, und – mit ähnlichem Gestaltungskonzept – die CA Immobilien Anlagen AG. Unter den Banken ist die BA-CA mit dem dritten Gesamtplatz das beste Institut der Branche, vor der Erste Bank, der Investkredit und Raiffeisen International, die aus dem Stand Platz 14 erreichte.

Bei den Top-Gereihten hat sich wenig geändert. In der Gesamtwertung auf Rang zwei findet sich die Telekom Austria, hier bestechen vor allem eine flotte Darstellung und die interessante Beschreibung des Geschäfts. Und mit Wienerberger schaffte ein alter Bekannter den Sprung aufs Siegerpodest. Langweilig? Das war auch die Tour de France bisher nicht – obwohl Lance Armstrong heuer zum siebenten Mal den Sieg erringen konnte. Und bis zum siebenten Sieg hat Wienerberger ja immerhin noch ein gutes Stück vor sich.

Von Franz C. Bauer

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente