"Österreich ist schizophren" - Ost-Pionier Erhard Busek im Interview

Wird die heimische Wirtschaft auch in Zukunft vom EU-Beitritt der Nachbarn profitieren?

trend: Im Kalten Krieg verlief die Front über 40 Jahre direkt an Österreichs Nord- und Ostgrenzen. In zehn Monaten werden die vier ehemals kommunistischen Nachbarländer in die EU aufgenommen. Wie gut hat sich Österreich auf diese Veränderungen eingestellt?
Busek: Am besten haben sich Österreichs Unternehmer auf die Veränderungen und die bevorstehende EU-Erweiterung eingestellt. Das muss man mit tiefem Respekt sagen. Ich erlebe das jetzt vor allem in Südosteuropa: Wir haben dank des vielfältigen Engagements der österreichischen Unternehmen ein beachtliches Renommee im breiten Publikum. Sogar in Tschechien sind wir anerkannt - trotz der Äußerungen der Politiker auf beiden Seiten.
trend: Hat die österreichische Politik im Umgang mit den Reformländern nicht eine Menge Chancen vertan?
Busek: Die Antwort ist Ja. Die Politik hat nicht kapiert, dass man nicht auf der einen Seite sagen kann: "Sei mein Partner", auf der anderen aber dauernd stichelt und ständig neue Forderungen präsentiert.
trend: Zum Erstaunen vieler europäischer Politiker hat sich Österreich in den Beitrittsverhandlungen oft als Bremser hervorgetan
Busek: Österreich ist da offenbar schizophren: Schüssel hat bei der Öffnung der Verhandlungskapitel durchaus Druck gemacht, in den Detailverhandlungen haben wir aber immer wieder mit neuen Problemen überrascht.Das war keine konsistente Strategie, und das ist auch nicht gut angekommen. Die Polen zum Beispiel, bei denen die Österreicher ja bis zum Gehtnichtmehr beliebt sind - was auf die Monarchie zurückgeht, wo der galizische Teil als einziger die polnische Sprache behalten durfte -, sind tief gekränkt. Die verstehen nicht, warum wir uns nicht mehr für sie engagiert haben.
trend: Und wie läuft es im regionalen Bereich? Ist die alte Stacheldrahtgrenze endgültig überwunden?
Busek: Man kann sagen: Zumindest wirtschaftlich gesehen, ist das eine tolle Erfolgsstory. Aber es gibt regionale Unterschiede. Die Steiermark und das Burgenland haben die Grenzöffnung großartig genützt, Wien hat seine zentrale Position gehalten. In Niederösterreich und Oberösterreich war die Begeisterung schwächer. Das hat damit zu tun, dass die tschechoslowakische Grenze die schrecklichste aller Ostgrenzen war. Dort war die Abriegelung hermetisch, dort ist geschossen worden, und es gab Tote. Bis zum heutigen Tag gibt es auffallend wenige Grenzübergänge nach Tschechien und in die Slowakei, was vor allem auf regionale Widerstände zurückzuführen war.
trend: Mit welcher Begründung?
Busek: Da gibt es neue Ängste, etwa, dass die drüben jetzt mehr Förderung bekommen als die unsrigen oder dass Arbeitsplätze oder Geschäft verloren gehen. In Wahrheit hat Niederösterreich durch die Öffnung Tschechiens und der Slowakei über 100 Millionen Euro allein dadurch verdient, dass die von drüben jetzt zu uns einkaufen kommen.

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