„Österreich hinkt einfach hinterdrein“

Ist das Jahrhundert der Frauen bereits angebrochen? Katharina Kickinger befragte Zukunftsforscher Matthias Horx und seine Frau Oona Horx-Strathern, wie es um die Emanzipation der Frauen wirklich steht.

trend: Die Vollemanzipation der Frauen ist für Sie ein Megatrend. Wie weit sind wir denn heute schon? Und wie sieht das in Österreich aus?
Matthias Horx: Was diesen gesamteuropäischen und amerikanischen Schlüsseltrend betrifft, hinkt Österreich einfach noch hinterdrein. Das Entscheidende ist nämlich das Bildungsniveau der Frauen – und das ist hier noch ziemlich bescheiden, weil der Hochbildungsanteil in Österreich relativ gering ist. Außerdem ist der Verstädterungsgrad ein niedriger, aber gerade großstädtische Milieus fördern diesen Prozess.

Wie ließe sich dieser Prozess beschleunigen?
Matthias Horx: Ich glaube, dass sich die Frauen ihren Weg schon selber bahnen werden. Ab einem gewissen Punkt der Machtzunahme werden die entsprechenden Reformen schon von alleine stattfinden.

Bleibt da nicht letztlich der Nachwuchs auf der Strecke? Die Geburtenraten gehen ja schon seit Langem zurück.
Matthias Horx: In Frankreich, Skandinavien oder England, wo es ausreichend Ganztagsschulen gibt und überhaupt ein anderes gesellschaftliches Wertesystem den Frauen die Wahlfreiheit ermöglicht, liegt die Geburtenrate bei 1,6 bis 1,9 Kindern pro gebärfähige Frau. Überall dort, wo gebildete Frauen starke Rollenkonflikte durchlaufen – wie zum Beispiel in Österreich –, liegt sie zwischen 1,1 und 1,35. Als Faustregel gilt: Ist die weibliche Erwerbstätigkeit hoch, steigt auch die Geburtenrate. In Frankreich und Schweden etwa liegt sie bei 1,7, und unsere Prognose lautet, dass wir in Österreich erst innerhalb der nächsten zehn Jahre diesen Faktor erreichen werden.

Der „Megatrend Frauen“ produziert offenbar auch Gegenbewegungen. Was halten Sie von denen, die sich ein Zurück-an-den-Herd wünschen?
Oona Horx-Strathern: Es geht gar nicht um ein Entweder-oder, sondern um neue Möglichkeiten der freien Entscheidung. Viele Frauen werden sich auch in Zukunft für die Rolle der „domestic goddess“, der „häuslichen Göttin“ entscheiden. Sie betrachten Familie und Kinder als Managementaufgabe, sind aber künftig nicht mehr die Dienerinnen des Mannes.

Dazu wäre aber auch eine Änderung der Wertvorstellungen in den Köpfen der Männer notwendig. Wie radikal müssen Männer umdenken?
Matthias Horx: Wir müssen gar nichts. Eine nachhaltige Veränderung kann nur dann stattfinden, wenn eine größere Anzahl gebildeter Frauen aufhört, das zu tun, was die Mehrheit der Österreicherinnen noch relativ oft macht: dem ersten gutverdienenden und halbwegs passabel aussehenden Mann vor die Füße zu fallen und zu sagen: „Okay, jetzt bleibe ich zu Hause!“ Das ist für mich das wahre Elend, und insofern muss man die Fragestellung an die Frauen richten, ob sie weiter jammern und sich als Opfer fühlen wollen.

Was wollen Frauen also wirklich?
Oona Horx-Strathern: Mit Sicherheit nicht die totale Gleichheit zwischen Mann und Frau. Viele junge Frauen hoffen, dass Männer gleich viel Hausarbeit machen, Kinder wickeln und beruflich zurückstecken. Erfahrungen zeigen jedoch, dass dies eine gefährliche Illusion ist. 50:50-Partnerschaften sind meistens erotisch tot, bevor man auch nur in eine gemeinsame Wohnung eingezogen ist. Das liegt einerseits daran, dass stets der eine von beiden mehr verdient. Außerdem sind Hausmänner einfach unsexy.
Matthias Horx: Es wird einen größeren, vielleicht 15-prozentigen Anteil von Männern geben, die sagen werden: „Mir ist das alles zu viel mit der Karriere – ich werde lieber Hausmann.“ Im Gegenzug wird der Anteil von Frauen wachsen, die sagen: „Ich will beides – Kind und Beruf –, und ich will in beidem gut sein.“ Fataler Irrtum wäre es aber, einen Paradigmenwechsel zu versprechen.

Wo hat da nun Österreich besonderen Nachholbedarf?
Matthias Horx: Zwei Modelle funktionieren im Sinne der Familie relativ gut: Das angelsächsische Modell sieht geringe staatliche Kindervorsorgeinvestition vor, aber sehr hohe private. Das skandinavische/nordeuropäische Modell funktioniert mit hohen staatlichen und geringen privaten Investitionen. Dann haben wir ein drittes Modell, in dem es gar nichts gibt – und dazu gehört neben Spanien und Deutschland eben auch Österreich. Das sind die postfaschistischen Staaten, die stark katholisch geprägt sind. Weder staatliche noch private Strukturen sind hier für die Kinderversorgung vorhanden, und das bedeutet, dass der ganze Stress der Worklife-Balance letzten Endes den Familien überantwortet wird. Und daher können die Familien nur mit einer klaren, alten Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau antworten.

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