Narziss und Abgrund

Eitle Bosse, wahnwitzige Aktienoptionen und übertriebene Gewinnerwartungen sind nach einer aktuellen Studie des niederländischen Universitätsprofessors Kees Cools die häufigsten Ursachen für Firmenpleiten.

Ziel unseres groß angelegten Expansionsplanes ist es, in den nächsten fünf Jahren um weitere 100 Amadeus- und 70 Libro-Filialen zu wachsen“, verkündete André Rettberg kurz vor Konkurseröffnung. „Natürlich ist uns eine verantwortungsvolle Regierung ein großes Anliegen für Amerika“, sagte Enron-Chef Kenneth Lay mit strahlendem Lächeln in der Midnight-Talkshow. Und während er den Wahlkampf von George W. Bush finanzierte, ließ er bereits fleißig die Enron-Bilanzen fälschen. „Wir haben den Unternehmenswert um 50 Prozent gesteigert“, berichtete Worldcom-Boss Bernard Ebbers und gönnte sich eine 340-prozentige Gehaltserhöhung. Ein Jahr und einen gigantischen Firmenskandal später wurde sein Name als Schimpfwort verwendet.

Drei Beispiele, die symptomatisch sind für die wahren Ursachen von Firmenpleiten. Eine aktuelle Studie beweist erstmals, dass Eitelkeit und Größenwahn erfolgreicher Top-Manager die Unternehmen, für die sie tätig sind, zielgenau in den tiefsten Abgrund führen.

Kees Cools ist Professor für Corporate Finance an der Universität Groningen in den Niederlanden und Executive Advisor im Amsterdamer Büro der Boston Consulting Group. Er hat die fünfundzwanzig größten Unternehmensskandale der letzten Zeit – von Adelphia Communications bis Xerox – unter die Lupe genommen. In der Studie wurden die Skandalfirmen mit 25 Unternehmen derselben Branche und Größenordnung verglichen, die keine Betrugsskandale erlebten.

Offenbar spielten bei allen Skandalen drei Faktoren fatal zusammen: überzogene Aktienoptionen, eitle Vorstandsvorsitzende und unrealistische Versprechungen an die Aktionäre.

Aufstieg und Fall. So war der Wert der Aktienoptionen bei den Skandalfirmen im Durchschnitt achtmal höher als bei den vergleichbaren Unternehmen und betrug durchschnittlich 172 Millionen US-Dollar im Jahr. Dagegen nimmt sich der Bonus, den sich Erste-Bank-Chef Andreas Treichl gerade gegönnt hat, direkt bescheiden aus.

Die öffentliche Bekanntheit der jeweiligen Vorstände war mehr als dreimal so hoch wie in den Vergleichsunternehmen. Die CEOs der Skandalfirmen genossen in den Medien fast den Status von Popstars. Ähnlich wie in Österreich Ex-Libro-Boss André Rettberg vor dem großen Debakel abgefeiert wurde. Allerdings hat ihn der trend – entgegen anders lautender hartnäckiger Gerüchte – niemals zum „Mann des Jahres“ gekürt. Übrigens genauso wenig wie Bauunternehmer Alexander Maculan.

Die Vorstände von Enron & Co waren nicht nur besonders kreativ bei ihren Bilanzen, sondern auch überaus vollmundig ihren Aktionären gegenüber. Im Durchschnitt versprach der CEO eines unredlichen Unternehmens ein Wachstum von 230 Prozent in fünf Jahren im Vergleich zu nur 40 Prozent, die seine seriöseren Kollegen unter den Vorständen ankündigten.

Regeln und Realität. „Wir brauchen mehr Kontrolle!“, lautet der einhellige Ruf nach effizienterer Unternehmensaufsicht nach den großen Finanzskandalen der letzten Jahre. Und so schießen nach Tyco, Shell oder Enron überall neue CorporateGovernance-Codes wie die Schwammerln aus dem Boden, und unter den Firmenbossen kommt es offenbar weltweit zu einer schlagartigen Rückbesinnung auf den Kunden, die Qualität und vor allem die soziale Verantwortung. Der neue Hang zum Gutsein und zur wachsamen Unternehmensaufsicht wird bis zum Erbrechen vermarktet, um das verlorene Vertrauen der Anleger wiederzugewinnen.

Dabei zeigt Cools, dass mangelnde Corporate Governance (Unternehmensaufsicht) – von Worldcom bis Parmalat – definitiv in keinem einzigen Fall der Grund für den Skandal war. Deshalb sieht der Studienautor in neuen Corporate-GovernanceCodes auch kein Heilmittel gegen Betrugsskandale, denn „die meisten mächtigen und charismatischen CEOs umgeben sich mit Jasagern, die nicht gegen überzogene Zielsetzungen und betrügerische Praktiken einschreiten“. Auch eine genauere Personalauswahl in den Chefetagen gewährleistet keinen Schutz vor großen Betrugsskandalen, denn die narzisstischen Züge scheinen in allen Führungspersönlichkeiten zu schlummern und mit zunehmendem Erfolg immer mehr auszubrechen. So wie es auch der Psychoanalytiker Manfred Kets de Vries in seinem Buch „Führer, Narren und Hochstapler“ beschreibt.

Bleibt demnach nur eine Hoffnung – das untrügliche Gespür der Aktionäre für Scharlatanerie. Denn die Studie zeigt auch: Der Sinkflug der Aktienkurse von Enron & Co begann bereits ein Jahr bevor der Skandal öffentlich wurde.

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