Nachbarschafts-Hilfe

Die ersten Pioniere haben sich in Ungarn, Polen, Tschechien oder der Slowakei unternehmerisch festgesetzt. Für die nachfolgenden Manager ist jetzt eines gefragt: ein verständnisvoller und verbindlicher Auftritt. Profis verraten, wie man bei unseren Nachbarn Erfolg hat.

Während er zwischen seinen Werken in Já nossomorja, Má traderecske oder Devecser unterwegs ist, telefoniert der Herr Honorarkonsul ganz gern: „Wenn Sie daheim keinen geschäftlichen Erfolg hatten, sollten Sie es gar nicht erst im Osten versuchen“, meint er, „denn Fehler, die man daheim gemacht hat, kann man sich hier nicht leisten.“ Michael Leier, der Unternehmer aus dem burgenländischen Horitschon ging schon in den achtziger Jahren in den Osten und betreibt mittlerweile Betonstein- und Fertigteilwerke in Ungarn, Polen, der Slowakei und Rumänien. Er war einer der Pioniere, die den unternehmerischen Schritt vom Burgenland über die Grenze nach Ungarn gewagt haben. Mit immensem Erfolg.

Aber bietet der Osten auch heute noch Chancen für Unternehmer und Manager? Gelten die Länder Zentral- und Osteuropas auch eineinhalb Jahre nach der EU-Erweiterung noch als Karrierekatapult? Oder sind die goldenen Zeiten für flexible Führungskräfte und das Goldgräberklima für Selbstständige bereits im Abklingen?

Dobre djen (russisch: Guten Tag). Oliver Voigt, der neu bestellte Geschäftsführer der Verlagsgruppe News, war zum ersten Mal beruflich 1993 in Tschechien und fasziniert, „wie viele junge Menschen dort Verantwortung tragen. In den Reformländern hat man unwahrscheinlich schnell hohe Karrierechancen.“ Seit 2001 leitete Voigt die Verlagsgeschäfte für Gruner+ Jahr in Polen. Dass allein der Osteinsatz seine eigene Karriere beschleunigt hat, glaubt er nicht: „In Warschau ist ein schnelles und vollkommen direktes Agieren gefragt, auch wenn Formalitäten nach wie vor Geduld erfordern. Wichtig ist, dass man sich auf ein völlig neues Terrain einlässt.“

Und genau darin besteht in den Augen von Othmar Hill auch die wirklich große Herausforderung: „Viele Abläufe erscheinen hier aussichtslos chaotisch und mühsam angelegt“, erzählt der Personalberater, der seit Anfang der achtziger Jahre im Osten tätig ist. „Aber im letzten Moment findet sich fast immer eine akzeptable Lösung. Ein idealer Markt für jenen, der das Unerwartete gelassen hinnimmt.“

In jedem Fall ein prosperierender Markt, der noch lange nicht ausgeschöpft ist, glaubt Hills Kollege Günther Tengel, Geschäftsführer des Personalberatungsunternehmens Jenewein & Partner: „Achtzig Prozent des internationalen Geschäfts betreffen Zentral- und Osteuropa. Das ist ein Riesenthema, das weitergeht.“ Allerdings glaubt der Personalberater, dass in Zukunft „nicht mehr primär Ungarn, Tschechien und Slowenien das Thema“ sind, „das verschiebt sich nach Russland, Serbien oder in die Ukraine, und in drei Jahren sind Kasachstan und Usbekistan dran“.

Egal, in welchem Land die berufliche Herausforderung winkt, das Interesse an der Aufgabe sollte im Vordergrund stehen, denn eine Garantie, dass jedes kurze Ostengagement mit einem großen Karrieresprung zurück in die Konzernzentrale führt, gibt es nicht mehr. „Man muss sich sehr genau überlegen, für welches Unternehmen man in welcher Branche in welches Land und mit welchen Erwartungen für die eigene Karriere geht“, empfiehlt Tengel, „denn ein Rückfahrticket gibt es nur ganz selten.“

In ihrem ständigen Veränderungsprozess haben die Reformländer in manchen Belangen die EU-Stammländer längst überholt. „Osteuropa ist ein junger, dynamischer Wachstumsmarkt mit viel Potenzial“, ist Regina Prehofer, Mitglied des Vorstands der Bank Austria Creditanstalt, überzeugt. Zuständig für das Zentral- und Osteuropageschäft der BA-CA, führte ihre allererste Dienstreise 1981 nach Warschau: „Seither hat sich unglaublich viel verändert. Die Modernisierung ist in einigen Bereichen schon weiter fortgeschritten als in manchen Ländern der ,alten EU‘.“ Unterschiede sieht Prehofer vor allem bei der Nachfolgegeneration von Managern in Zentral- und Osteuropa: „Sie sind extrem dynamisch, haben teilweise an den Eliteunis in Westeuropa und den USA studiert, sprechen mehrere Fremdsprachen, und es ist ein hoher Frauenanteil dabei. Damit sind sie uns in gewissen Bereichen weit überlegen.“

Die Konkurrenz der motivierten Jobsuchenden aus der Region sollte daher keinesfalls unterschätzt werden. Auch internationale Konzerne haben nach der anfänglich intensiven Versendung von Ex-Patriates in den letzten Jahren bereits Nachwuchsmanager aus der Region aufgebaut. „Das Vertrauen ist jetzt schon da, und man beginnt, so genannte Locals und Ex-Pats gleichzusetzen“, bemerkt Voigt, der aber der Überzeugung ist, dass „in Polen das Engagement von beiden schon noch fünf bis zehn Jahre parallel laufen wird“.

Jak se mà (tschechisch: Wie geht’s?). Während in Warschau, Prag oder Budapest bereits längst alle Big Player vertreten sind, ändert sich der wirtschaftliche Entwicklungsstand schlagartig, je weiter man sich von den Metropolen entfernt. „Es gibt so toll ausgebildete, junge, dynamische Kräfte in Zentral- und Osteuropa, wie man sie wahrscheinlich in Österreich gar nicht findet“, glaubt Franz Rössler, Regionalmanager für Südosteuropa in der Außenwirtschaft Österreich (AWO) der Wirtschaftskammer: „Doch je weiter man von den Wirtschaftszentren wegkommt, desto unbeholfener werden die Leute.“

Daneben gibt es einen starken Kontrast zwischen der jungen, schnellen und extrem entscheidungsfreudigen Generation und Vertretern jener Jahrgänge, die unter anderen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen gelernt haben, am besten keine Entscheidungen zu treffen. „Ein Engagement hier macht nur Sinn, wenn man rund um die Uhr da ist“, meint denn auch der rührige Horitschoner Unternehmer Leier: „Die Leute durften 40 Jahre nicht denken. Da stehen sie jetzt rund um ein Problem, und keiner geht’s an.“

Bar jeder diplomatischen Umschweife vertritt der Honorarkonsul der Republik Ungarn die Ansicht: „Die haben hier jahrzehntelang gelernt zu überleben, und das manchmal mit allen Mitteln. Die brauchen eine starke Hand.“ Bis zu 20 Prozent der Lohnkosten veranschlagt der Baustoffhersteller daher als Sicherheitskosten, „das ist für alle Kontrollfunktionen nötig, sonst fehlen einem nachher 40 Prozent“.

Für überlebenswichtig, wenn auch auf einer etwas vertrauensvolleren Basis, hält auch Hill „die Haltung gegenüber den Geschäftspartnern. Sie muss getragen sein von Einfühlsamkeit, Toleranz und Echtheit.“ In diesem Sinne empfiehlt er auch ganz konkret, das Wort Osteuropa gegen Zentraleuropa zu tauschen, „denn niemand will Osteuropäer sein“.

Entscheidend für Karriere und Unternehmenserfolg ist jedenfalls der richtige Umgang mit Geschäftspartnern und Mitarbeitern.

„Wie begegne ich Leuten, die 300 oder 400 Euro im Monat verdienen“, wurde der Softwareunternehmer und Managementtrainer Manfred Winterheller kürzlich von einem Seminarteilnehmer auf dem Sprung in das Topmanagement einer rumänischen Konzerntochter gefragt. „Geben Sie ihnen niemals das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein, sondern begegnen Sie ihnen vom Start weg mit der nötigen Hochachtung“, empfahl Winterheller. Doch gerade im öffentlichen Bereich sind die niedrigen Gehälter ein spezielles Problem, weiß Rössler: „Wenn ein Beamter in Rumänien durchschnittlich 200 Euro verdient, ist das leider eine fruchtbare Basis für Korruptionsanfälligkeit.“ Sich auf dieses Spiel einzulassen, um etwa Amtswege zu beschleunigen, hält er aber für kontraproduktiv: „Das spricht sich schneller herum, als man für möglich hält, und die Folgeforderungen sind immer höher.“ Die neue Regierung in Rumänien hat sich die Korruptionsbekämpfung jedenfalls zum obersten Ziel gesetzt.

Speziell die Ablöse von Regierungen samt hoher Beamtenschaft oder auch der Austausch von Ansprechpartnern auf kommunaler Ebene kann für Geschäftsbeziehungen extrem gefährdend sein. Denn die persönlichen Kontakte sind das Allerwichtigste, und Geschäfte und Vereinbarungen werden immer nur mit Einzelpersonen getroffen: „Ein Wechsel der Ansprechpartner kann monatelange Vertragsanbahnungen hinfällig machen“, weiß Rössler.

Mirobafci (albanisch: Auf Wiedersehen). Über einen Kamm scheren sollte man die jungen EU-Mitglieds- und künftigen Beitrittsländer jedoch nicht. „Es gibt weder Osten noch Westen. Frankreich ist nicht zu vergleichen mit Italien, und so ist es auch zwischen Polen, Tschechien, Ungarn oder der Ukraine. Sie sind alle verschieden“, ist Gruner+Jahr-Manager Voigt überzeugt. Das Einfühlungs- und Unterscheidungsvermögen muss oft sogar noch tiefer gehen, beobachtet Berater Hill: „Interkulturell muss man sich mit jedem Land extra beschäftigen. Das geht so weit, dass etwa in Rumänien die Siebenbürger sich als völlig anders sehen als die Bukarester und auch unterschiedlich gesehen werden wollen.“ Allgemeine Aussagen über „den Osten“ hält er daher in jedem Fall für hinterfragenswert. Um sich vor Ort schneller zurechtzufinden, empfiehlt Rössler den Besuch der Business Clubs, die in allen Außenhandelsstellen der Wirtschaftskammer eingerichtet sind: „Diese Netzwerke helfen sehr, und man erfährt vieles informell und erspart sich oft tagelange Recherche.“ Andererseits sollte man sich nicht von vornherein von seiner Heimat-Community vor Ort vereinnahmen lassen, meint Voigt, der vor allem die nationale Vielfalt in Warschau genossen hat: „Sich darauf einzulassen, macht gerade den sozialen Charme aus.“

Besser kommt man bei Geschäftspartnern und Mitarbeitern in jedem Fall an, wenn man die Usancen des Landes kennt und wenn möglich Basiskenntnisse der Sprache besitzt. „Sprachen sind ein ganz wichtiger Punkt“, ist Leier überzeugt, „im Führungsstab geht es überhaupt nicht ohne Sprachkenntnisse.“

Wenigstens ein paar Worte der Landessprache zu beherrschen gilt zumeist auch als ein Akt der Höflichkeit und verschafft Sympathien. „Nicht überall jedoch ist Russisch beliebt“, weiß Prehofer, und die junge Generation in den Metropolen ist ohnehin so sprachbegabt, dass „auf deren Prioritätenliste Englisch, Französisch und Deutsch stehen, und dann kommt erst Russisch“, weiß Voigt. Obwohl er gut Polnisch spricht, lautete sein Credo immer: „Erst das Geschäft, dann die Sprache. Denn viele halten sich zu lange mit dem Sprachenlernen auf.“ Wichtiger als das Vokabelpauken sind in jedem Fall die intensive Auseinandersetzung mit den Landesusancen und die intensive Pflege guter persönlicher Kontakte. „Denn“, so Jenewein-Geschäftsführer Tengel, „die Kernfrage wird immer sein, welche Kontakte jemand in welchen Ländern, auf welchen Märkten hat, dagegen nützt die beste Qualifikation nichts.“

von Martina Forsthuber

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente