Nach dem BAWAG-Kreditdebakel und der AMIS-Pleite: Wie sicher ist Ihre Bank?

Nach dem Bawag-Kreditdebakel und der spektakulären Amis-Pleite machen sich Österreichs Sparer um ihre Einlagen Sorgen. Tatsächlich sind in den vergangenen zehn Jahren bis zu 150 österreichische Banken in Schieflage geraten. Wie sicher sind Österreichs Banken, und wie gut sind die Kunden vor dem Verlust ihrer Ersparnisse geschützt, wenn eine Bank Pleite geht?

Erst war es eine wochenlange Zitterpartie, dann geschah das Undenkbare: Die renommierte und traditionsreiche Bank war wegen windiger Kreditgeschäfte pleite. Tausende Sparer bangten um ihr Geld, oft die Ersparnisse ihres ganzen Lebens. In langen Schlangen standen wütende Bankkunden, die zum Teil sogar aus Kroatien und Italien angereist waren, um ihre Ansprüche zu sichern.

So geschehen 1995, als die Grazer Bank für Handel und Industrie (BHI) Konkurs anmelden musste. Es war der erste Bewährungsfall der 1986 gegründeten österreichischen Einlagensicherung, bei der tatsächlich an Einleger Geld ausbezahlt wurde. Zuvor war schon das Bankhaus Rössler zahlungsunfähig geworden, doch die Sparer waren nicht um ihr Geld umgefallen, denn die marode Privatbank wurde von einem von der P.S.K. geführten Konsortium unter der Bedingung gerettet, dass die Rössler-Bank fortan für alle Zeit vom Markt verschwände.

Sechzig Polizisten sicherten in Graz das Foyer der Bank für Handel und Industrie, als sich die BHI-Kunden drängten, um einen Stempel in ihrem Sparbuch zu ergattern und ein grünliches Antragsformular zur Auszahlung von Einlagen gemäß Paragraf 93 des österreichischen Bankwesengesetzes. Eine demütigende Prozedur, bei der im Übrigen gleich zwei nicht ganz unbescholtene Sparer en passant verhaftet wurden, darunter ein lang gesuchter italienischer Mafioso.

Doch Wut machte sich unter den verzweifelten Sparern breit, denn die Einleger sollten mit höchstens 160.000 Schilling abgespeist werden, die damalige Grenze der Einlagensicherung. Der Rest war mit der BHI-Bank untergegangen. „Heute ist es Gemeingut, dass die Sicherung bis 20.000 Euro geht. Damals war das nicht so bekannt“, erinnert sich Harald Rassl, einer der beiden Geschäftsführer der EinlagensicherungsGmbH. „Es gab zornige Demonstrationen, und einmal brach der Verkehr in ganz Graz zusammen, weil Straßenbahngleise blockiert wurden.“

Schließlich führte politischer Druck zu einer Sonderunterstützungsaktion der österreichischen Banken, sodass alle Forderungen bis zu einer Million Schilling pro Sparer abgedeckt wurden. Trotzdem hatten 350 Geschädigte über dreißig Millionen Euro an Einlagen verloren. Doch ihnen sollte Glück im Unglück widerfahren. Der Bankprüfer der BHI hatte im Vorfeld des Konkurses schwere Fehler gemacht. In einem sieben Jahre währenden Verfahren entschied schließlich der Oberste Gerichtshof, dass für das Versagen eines Bankprüfers die Republik Österreich hafte. Danach wurde übrigens eilig ein Gesetz beschlossen, das die Amtshaftung der Republik in solchen Fällen künftig ausschließt.

Keine Gefahr. Der Fall BHI ist Geschichte, doch auch in diesem Herbst machten sich Anleger um ihr Geld wieder Sorgen. Aufgeregte Bawag-Sparer wollten ihre Konten auflösen, nachdem sie in den Medien erfahren hatten, dass der Bawag-Vorstand quasi über Nacht 425 Millionen Euro als Ruck-zuck-Kredit an ein marodes US-Wertpapierhaus überwiesen hatte. Der Adrenalinstoß etlicher Bawag-Kunden erwies sich freilich als unnötig: Die Bawag-P.S.K.-Gruppe selbst, bei der über 18 Milliarden Euro Spareinlagen von 1,3 Millionen Österreichern deponiert sind, ist mit einem Eigenkapital von 3,9 Milliarden Euro durch den Megakredit-Skandal absolut nicht gefährdet, höchstens die Jobs ihrer Vorstände.

Wirklich ernst wurde es im November hingegen für 16.000 österreichische und deutsche Anleger, die ihr Geld beim Wertpapierdienstleister Amis sicher aufgehoben sahen. Ihnen widerfuhr der Albtraum jedes Anlegers: Die Beträge auf den seriösen Depotauszügen entsprachen – leider, leider – nicht dem, was tatsächlich auf den Depots zu finden war. Jetzt sind – schon wieder leider, leider – siebzig Millionen Euro ein bisserl unauffindbar. Dabei hatten Vermögensberater in ganz Österreich ihren Kunden den Kauf so genannter Sicav-Fonds bei der Amis Financial Consulting aufs Wärmste empfohlen (und schöne Vertriebsprovisionen – man schätzt etwa 25 Prozent bei langjährigen Ansparverträgen – kassiert).

Immerhin residierte Amis im noblen Palais Harrach in Wien und machte einen soliden Eindruck. Für stattliche 135 Millionen Euro wurden tatsächlich diverse Luxemburger Fonds gekauft, bei denen die Käufer als Aktionäre gelten und im Pleitefall nachrangig bedient werden. Zwar waren die Fondsgelder scheinbar sicher bei einer sizilianischen Bank in Luxemburg deponiert, doch über das Depot verfügte ein zwischengeschalteter Trustee.

Man ahnt es und kann förmlich die warme Luft der Karibik spüren: Der Trustee erwies sich als eine windige Gesellschaft mit Sitz auf den Cayman-Inseln, von wo offenbar ungeniert Kundengelder abgezweigt wurden. Die Firmengründer sind inzwischen in Haft bzw. auf der Fahndungsliste, doch der Schock bei den geschädigten Amis-Kunden – von Kleinanlegern bis zu hoffnungsfrohen Investoren, die schon mal eine Million Euro wagten – ist groß.

Ein halbes Dutzend Bankenpleiten. Bankenpleiten an sich sind, schaut man über die Landesgrenzen, nicht so selten, wie man meinen möchte. In den USA beispielsweise krachten in den achtziger Jahren über eintausend Sparkassen, in den neunziger Jahre folgten dramatische Bankenpleiten in Japan und in Skandinavien. Auch deutsche Banken rutschten reihenweise in die Zahlungsunfähigkeit. Seit der Megapleite der Privatbank Herstatt im Jahr 1974 mussten 35 deutsche Geldinstitute schließen. Zum Teil wurden erhebliche Verluste von der Kundschaft getragen. Nicht mitgezählt sind hier die Fälle, in denen zahlungsunfähige Institute wegfusioniert oder auf Kosten des Steuerzahlers gerettet wurden. Zuletzt geschehen 2001, als das Land Berlin aus Steuermitteln 21,6 Milliarden Euro Garantieleistung erbringen musste, um die Bankgesellschaft Berlin zu retten.

Und auch Österreich blieb nicht verschont. Allein in der Zwischenkriegszeit wurden hierzulande 62 Banken zahlungsunfähig. Und auch in der Zweiten Republik mussten etliche Banken wegen leerer Säckel unrühmlich ihre Pforten sperren.

* 1974 erwischte es die Allgemeine Wirtschaftsbank AG. Ihre Passiva beliefen sich auf stattliche 654 Millionen Schilling. Das Konkursverfahren dauerte sage und schreibe fast vierzehn Jahre und endete mager: Die Konkursquote betrug nur 26,7 Prozent.

* Es folgte 1975 die Continentale Bank, eine Tochter der US-Bank Continental Illinois. Der Österreich-Ableger war mit 131 Millionen Schilling in die Miesen geraten und wurde nicht weiter vermisst. Auch hier dauerte das Konkursverfahren 13 Jahre und endete mit einer Quote von 37,5 Prozent.

* 1977 ging die Grazer ATS-Bank für Teilzahlungskredite in die ewigen Bankjagdgründe ein und hinterließ 145 Millionen Schulden.

* 18 Jahre später erwischte es die Bank für Handel und Industrie. Bei Passiva von 2,6 Milliarden Schilling und 1,9 Milliarden Aktiva wurde es die größte Bankenpleite der Zweiten Republik. Der Konkurs ist immer noch anhängig; erwartet wird eine Quote von 80 Prozent.

* Der Crash der Rieger-Bank AG 1998, die bei Passiva von über einer Milliarde Schilling nur magere Aktiva in Höhe von 90,3 Millionen Schilling hinterließ, war ein Novum in der österreichischen Bankengeschichte. Nie zuvor war ein Bankier selbst mit Kundengeldern abgepascht. Rieger lebt heute auf freiem Fuß im Salzkammergut, das Konkursverfahren ist anhängig. Die Anleger bekamen nichts von der Einlagensicherung, denn sie hatten nicht Spareinlagen eingezahlt, sondern eine Rieger-Bank-Anleihe gezeichnet. Außerdem war die Rieger-Bank de facto eigentlich nur eine Wechselstube.

* 1998 musste die Diskont Bank AG ihre repräsentativen Büros im Wiener Haas Haus schließen. Das Institut, das unter dem Namen Effectinvest gestartet war, hinterließ Passiva in Höhe von 1,2 Milliarden Schilling und knapp über eine Milliarde Aktiva. Insider erwarten eine Konkursquote von bis zu 85 Prozent.

* Der vorläufig letzte Konkursfall war 2001 die Wiener Trigon Bank AG, die mit ihren hohen Zinsversprechen doch wohl etwas zu großzügig war. Das Konkursverfahren ist noch anhängig.

Dass die Konkursquoten bei Bankenpleiten relativ großzügig ausfallen, hat einen simplen Grund, wie Thomas Eisenmenger, Bankenexperte der Arbeiterkammer, weiß: „Banken dürfen per Gesetz nicht in Ausgleich gehen, weil die Sparer nicht einem möglichen Druck des Managements eines angeschlagenen Instituts ausgesetzt werden sollen, einen für die Bank günstigen und für die Sparer schlechten Vergleich abzuschließen.“

Sicheres Österreich. Derzeit gibt es in Österreich 888 Banken, denen also seit den siebziger Jahren nur ein halbes Dutzend echter Pleitefälle gegenüberstehen. Auf den ersten Blick ist es so, wie Michael Ikrath, Generalsekretär des Sparkassenverbandes, die Dinge sieht: „Die Erfahrung zeigt, dass Österreichs Banken für Anleger sicher sind, solange man sein Geld nicht zu einer Außenseiter-Bank bringt.“

Diese Einschätzung teilen wohl auch die meisten Österreicher. Derzeit besitzen die privaten Haushalte, wie man in der Nationalbank-Statistik nachlesen kann, 23 Millionen Sparbücher mit Einlagen in Höhe von 133 Milliarden Euro. Und auch international gilt Österreich als sicherer Finanzplatz. Die Länder mit der höchsten Bonität weltweit sind laut der Ratingagentur Moody’s: Österreich, Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Singapur, Schweden, Spanien, die Schweiz, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Deutschland. Die mieseste Bonität haben übrigens Argentinien, Moldawien und Ecuador, wo schon einmal der Präsident des Landes mit der Staatskasse durchbrannte und sich jetzt in Florida bräunt.

Aber zurück nach Österreich. Den Banken geht es nicht schlecht. Die Eigenkapitalquote der österreichischen Geldinstitute liegt mit 14,7 Prozent weit über dem geforderten Minimum von acht Prozent. Auch der von US-Banken dominierte Internationale Währungsfonds, der vor zwei Jahren mit 14 Experten ins „Sound of Music“-Land Österreich anrückte, bescheinigte dem heimischen Bankenplatz echte Steherqualitäten. Selbst wenn sich die Kreditaufnahmen um dreißig Prozent erhöhten oder sich die Währungsparitäten um zwanzig Prozent verschlechterten (zum Beispiel ein Anstieg des Yen- oder Frankenkurses angesichts der enormen Verschuldung in Fremdwährungskrediten), ja selbst wenn die in Osteuropa rührigen österreichischen Banken dort mit dreißig Prozent höheren Ausfällen konfrontiert würden, als sie kalkulieren, läge die Eigenkapitalquote immer noch bei beruhigenden zwölf Prozent.

„Wir haben ein stressresistentes Bankensystem“, sagt Nationalbankdirektor und Universitätsprofessor Josef Christl, fügt aber auch hinzu: „Hinter beruhigenden Durchschnittswerten können sich auch Problemfälle verstecken. Wir sehen schon Gefahrenzonen. So etwa das zu große Ausmaß an Fremdwährungskrediten, das im Worst Case zu einer Vertrauenskrise führen kann. Und wir beobachten auch sorgfältig das Osteuropa-Engagement österreichischer Banken, die dort sehr erfolgreich agieren. Aber die Investitionen in dieser Region haben inzwischen solche Dimensionen angenommen, dass auch beträchtliche Verluste von dort herkommen könnten, sollte sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld in diesen Ländern überraschend ändern.“

Unsichtbare Bankenkonkurse. Tatsächlich stehen Österreichs Banken nicht so gut da, wie es scheinen mag, wenn man sie ein wenig genauer heranzoomt. „Es gibt viele Konkurse, die nie bekannt werden“, konstatiert Otto Lucius von der renommierten Bankwissenschaftlichen Gesellschaft. Lucius schätzt, dass in den letzten zehn Jahren bis zu 150 kleinere Banken in die Zahlungsunfähigkeit rutschten. „Man braucht sich nur das schrumpfende Zweigstellennetz anzuschauen. Ein Drittel aller Fusionierungen oder Schließungen wurde erzwungen, weil die wirtschaftliche Situation alles andere als gut war. Allerdings sind da auch winzige Sonntagsbanken dabei.“

Nur die Spitze des Eisberges taucht dabei in der Öffentlichkeit auf: Mal ist es die Tiroler Sparkasse oder jene in Melk oder zuletzt die Waldviertler Sparkasse, die Sparer um ihr Geld zittern ließen. Die Raiffeisenlandesbank Burgenland wurde einst durch die WBO-Pleite arg ramponiert. Die Bank Burgenland wiederum erwischte ein Phänomen, das – nicht zuletzt im aktuellen Fall Bawag – häufig zu beobachten ist: Kleinkredite werden penibel geprüft, Großkredite hingegen zuweilen eher nonchalant vergeben. So konnte der weltmännisch auftretende Bauunternehmer Alexander Thom alias Hom-Rusch problemlos eine Kreditsumme von damals 2,35 Milliarden Schilling bei den Managern der Bank Burgenland lockermachen.

Inzwischen haftet das Land Burgenland für das zum Verkauf stehende Institut im schlimmsten Fall mit 728 Millionen Euro – bei einem Landesbudget von 860 Millionen Euro. Nicht immer ist es die Unfähigkeit von Bankmanagern oder einfach Pech bei der Kreditvergabe, die ein Institut ins Schleudern bringen. Zuweilen sind es auch schlicht Betrügereien von Bankangestellten, die einen allzu großen Widerspruch zwischen den Bankeinlagen der Kunden und ihrem persönlichen Gehaltskonto sehen. So kosteten etwa die Malversationen eines Vorstandes der Raiffeisen-Bezirksbank Wolfsberg das Institut satte 32 Millionen Euro. Die kleine Bank wurde von der Grazer Wechselseitigen Versicherung aufgefangen. Ein typischer Fall.

Es ist das österreichische Prinzip des Troubleshooting, das Volksbanken-Verbandschef Hans Hofinger so beschreibt: „Wenn man sieht, dass eine Bank wackelt, dann unterstützt man sie rechtzeitig. Das erledigt man möglichst diskret im Vorfeld. Denn der Kern des Bankgeschäftes ist Vertrauen.“

Tatsächlich fand sich so in den meisten Fällen jemand, der zahlte, wenn irgendwo Mist gebaut wurde. Die verblichene Länderbank etwa fuhr mit hanebüchenen Geschäften mit der britischen Leasingfirma Sovereign stattliche Verluste in Höhe von 140 Millionen Euro ein, 1991 wurde sie von der Bank Austria geschluckt. Bereits 1982 war die Länderbank mit umgerechnet 190 Millionen Euro in die Miesen gerutscht – der Staat sprang ein. Der Zusammenbruch der WEB/Immag, bei dem ein Schaden von 72,9 Millionen Euro verursacht wurde, hätte die Salzburger Sparkasse in den Abgrund gerissen – sie wurde von der Erste Bank übernommen.

Hinter den zahlreichen mehr oder weniger diskreten Rettungsaktionen steckt Österreichs sektorales Bankensystem, das auch die heimische Einlagensicherung wesentlich prägt.

Airbags bei Bankenpleiten. Weltweit haben 91 Länder Einlagensicherungssysteme eingeführt. In manchen Ländern, so wie in Österreich und Deutschland, gibt es sogar zwei Verteidigungswälle, welche die Ersparnisse der Anleger schützen sollen. Österreich und Deutschland stehen für zwei sehr unterschiedliche Systeme der Einlagensicherung, auf die wir noch kommen werden.

In allen 25 EU-Staaten, so auch in Österreich, gilt der gesetzliche Einlagenschutz in Höhe von 20.000 Euro. Im Fall einer Bankenpleite erhält der Inhaber eines Spar- oder Girokontos, egal, ob Inländer oder Ausländer, sein Geld bis zu dieser Grenze binnen drei Monaten zurück. Dabei sind ein paar Feinheiten zu beachten. Die Regelung gilt in vielen Ländern nur für die Landeswährung. Österreicher, die etwa am traditionsreichen Bankenplatz Schweiz ein Euroguthaben halten, bekommen im Pleitefall keinen Cent. Das gilt natürlich ebenso für Dollar- oder Frankenkonten in Österreich.

Rückerstattet werden sowohl Zinsen als auch Kapital – insgesamt 20.000 Euro eben. Zu beachten ist allerdings, dass bei gebundenen Sparbüchern bei einer vorzeitigen Abhebung der Zinssatz drastisch sinkt, und – Pech – ein Bankenkonkurs gilt als vorzeitige Abhebung.

Während in Österreich nur bei juristischen Personen ein Selbstbehalt von zehn Prozent einbehalten wird, gilt das in Deutschland auch für private Sparer. Die gesetzliche Einlagensicherung gilt pro Bank und Sparer. Wer also in zehn Banken ein Konto hat, kann die Einlagensicherungsgrenze von 20.000 Euro zehnmal in Anspruch nehmen – 200.000 Euro wären somit geschützt. Hat ein Anleger hingegen mehrere Konten bei derselben Bank, ist er nur einmal – bis 20.000 Euro eben – geschützt.

Jeder Sektor zahlt selber. Woher kommt nun das Geld, das im Pleitefall ja eigentlich nicht mehr vorhanden ist, aber dennoch ausbezahlt wird? Das österreichische Bankensystem ist, historisch gewachsen, auf fünf Sektoren aufgebaut: Sparkassen, Raiffeisenbanken, Volksbanken, Hypothekenanstalten und Bank-Aktiengesellschaften. Jeder Sektor betreibt eine eigene Sicherungseinrichtung für den gesetzlichen Einlagenschutz1). Sollte also etwa eine Sparkasse wirklich Pleite gehen und nicht vorher aufgefangen werden, was seit 1819 nicht mehr der Fall war, käme der Sparkassensektor für die gesetzliche Einlagensicherung auf. Eine Ausnahme bilden lediglich Bankenneugründungen, die erfahrungsgemäß am meisten konkursgefährdet sind. Weil das so ist, zahlen alle österreichischen Banken für Konkursfälle von Banken, die noch keine zehn Jahre auf dem Buckel haben. Grundsätzlich gilt aber das Prinzip: Jeder Sektor zahlt für die eigenen Pleiten. Was aber, wenn ein Sektor, in unserem Beispiel die Sparkassen, nicht genügend Cash hätte, um alle Sparer bis zu 20.000 Euro zu entschädigen?

Der Gesetzgeber hat vorsorglich ein dreistufiges Verfahren vorgesehen. In erster Linie haftet also die sektorale Einlagensicherungseinrichtung. Wenn deren Mittel nicht ausreichen, kommt die zweite Stufe zum Tragen, die sektorübergreifende Unterstützung: Die anderen Sektoren müssen Anteile übernehmen. Die Last wird also auf alle Banken aufgeteilt.

Wenn das auch noch nicht ausreicht, dann muss die erstbetroffene Einlagensicherung versuchen, das fehlende Geld durch die Ausgabe einer vermutlich hochverzinsten Anleihe aufzubringen. Der Finanzminister kann in diesem Fall – so das Bankwesengesetz – die Haftung für so eine Anleihe im Namen der Republik übernehmen. In Wirklichkeit müsste er das natürlich machen, denn eine Sparkassenpleite-Anleihe würde nur jemand kaufen, wenn der Staat dafür die volle Rückzahlungsgarantie übernimmt.

Der zweite Wall. Nun ist es zwar aus Anlegersicht erfreulich, von der gesetzlichen Einlagensicherung 20.000 Euro Spareinlagen nach einer Bankenpleite in Form eines Schecks retourniert zu bekommen, aber wer mehr auf dem Sparkonto hatte, würde leer ausgehen und wäre nicht amused. Bei kleinen Bankaktiengesellschaften wie etwa bei der Trigon Bank oder der Diskont Bank trat genau dieser Fall ein.

Sparkassen, Raiffeisenbanken, Volksbanken und Hypothekenanstalten, aber auch Bawag und Bank Austria Creditanstalt versprechen hingegen, dass Kunden im Pleitefall keinen Schaden erleiden würden (siehe Kasten „Zasterfahndung: Wo steckt Österreichs sicherste Bank?“ auf Seite 130/132). Die Sparkassen haben aus diesem Grund zum Beispiel einen Haftungsverbund gegründet, der aus der Erste Bank und weiteren 58 Sparkassen besteht und wackelnde Mitgliedskassen sofort auffangen soll, sodass die Sparer keinen Schaden erleiden und im Idealfall nicht einmal etwas merken. Acht Sparkassen sind freilich nicht Mitglied in diesem Verbund.

Die Raiffeisen-Bankengruppe, von der im Übrigen noch nie ein einziges Institut in Konkurs gegangen ist, hat zusätzlich zur gesetzlichen Einlagensicherung zwei weitere Airbags für den Pleitefall geschaffen:

* Die so genannten Solidaritätsgemeinschaften sind Vereine auf Bundesländerebene, die ihren Mitgliedern im Notfall beistehen – allerdings auf freiwilliger Basis.

* Im Jahr 2000 wurde die Raiffeisen-Kundengarantiegemeinschaft gegründet. Hier gibt es vertraglich bindende Verpflichtungen für alle Mitglieder im Fall der Pleite eines Instituts, zu hundert Prozent für die Spareinlagen und auch die

Eigenemissionen einzustehen. Der Raiffeisen-Kundengarantiegemeinschaft gehören rund 78 Prozent aller österreichischen Raiffeisenbanken – darunter die Raiffeisen Zentralbank – an. Über 90 Prozent aller Kundeneinlagen der Giebelkreuzbankengruppe sind auf diese Weise geschützt.

Während Hypothekenbanken auf ihre öffentliche Eigentümerstruktur als Sicherheitsgarant verweisen und Bank Austria Creditanstalt und Bawag mit ihrem enormen Eigenkapital für jedes Hoppala einer Filiale haften, hat die Volksbankengruppe einen eigenen Garantiefonds geschaffen, der 92 Prozent der Einlagen sichert und im Fall des Konkurses einer an diesem Fonds teilnehmenden Volksbank den Einlegern die Auszahlung der gesamten Einlage garantieren soll. Ähnlich wie bei der Raiffeisengruppe gibt es auch bei den Volksbanken Solidaritätsvereine auf Länderebene, und erst wenn deren Möglichkeiten erschöpft sind, wird der Garantiefonds angezapft, in den schon seit den dreißiger Jahren prophylaktisch eingezahlt wird – ein System, das bereits dem fundamental anders organisierten deutschen Sicherungssystem nahe kommt.

Vorsorgen für die Pleite. In Österreich haften Banken zwar nach bestimmten Regeln solidarisch für die gesetzliche Einlagensicherung, sorgen aber finanziell – mit Ausnahme des Volksbankengarantiefonds – nicht vor. In 51 von 91 Ländern, die eine gesetzliche Einlagensicherung eingerichtet haben, gilt ein anderes Prinzip: Es wird für den Worst Case angespart, auf unterschiedliche Weise zwar, aber am Ende steht ein großer Topf mit Geld für den Fall der Fälle bereit.

In den Vereinigten Staaten wird dieses Ziel mit einem Versicherungssystem erreicht. Die Institute zahlen der Federal Insurance Corporation Prämien entsprechend ihrer Einlagensumme. Die Versicherung wiederum befriedigt im Konkursfall eines Instituts dessen Einleger. Wie die amerikanische Bankenkrise in den achtziger Jahren zeigte, war zu wenig im Topf.

Anders in Deutschland. Dort zahlen Banken gleich zweimal prophylaktisch ein. Einmal für den EU-weiten gesetzlichen 20.000-Euro-Einlagenschutz (0,008 Prozent der Bilanzposition „Verbindlichkeiten gegenüber Kunden“). Und seit der Pleite der Privatbank Herstatt 1974 in einen freiwilligen Einlagensicherungsfonds. Gesichert sind sämtliche Nichtbankeneinlagen bis zur Höhe von dreißig Prozent des haftenden Eigenkapitals des einzelnen Instituts pro Einleger. Damit ist das deutsche System vermutlich das sicherste der Welt. Das spüren auch österreichische Banken. So garantiert etwa die österreichische Filiale der deutschen ING-DiBa jedem Kunden im Pleitefall eine Haftungsgrenze von astronomischen 284 Millionen Euro.

Nicht jede deutsche Bank darf dieser Fondsgemeinschaft beitreten – derzeit sind es 225 Institute. Jede Bank berappt dafür jährlich 0,03 Prozent ihrer Verbindlichkeiten gegenüber Kunden und zusätzlich noch einen Beitrag, der sich nach einem zwölfstufigen Rating richtet: je wackliger die Bank, umso höher der Obolus in die Solidargemeinschaft.

„Diese Variante einer Einlagensicherung stand auch in Österreich in den achtziger Jahren zur Debatte“, weiß Harald Rassl von der EinlagensicherungsgmbH der österreichischen Banken und Bankiers. „Die Banken sagten damals, dieser Fonds ist ja bei uns ohnehin virtuell vorhanden. Wir wollen dieses Kapital lieber im Haus haben in unseren eigenen Bilanzen.“

Bankenexperte Lucius erinnert sich: „Die deutsche Lösung wurde vom Bund stark präferiert, aber es war die Frage, wer so einen enormen Sicherungsfonds verwalten solle. Es gab die Befürchtung, das Geld würde einfach zum Stopfen von Budgetlöchern verwendet. Außerdem hat die österreichische Lösung auch eine stark disziplinierende Komponente.“

Ob das deutsche System das bessere ist, gilt unter Experten als strittig. Für die einen ist ein vorsorglicher Sicherungsfonds reine Kapitalvernichtung, andere sehen vor allem die antizyklische Wirkung: Wenn in mageren Zeiten mehrere Banken kippen sollten, wäre genug Geld aus guten Zeiten vorhanden, um die Pleitefälle locker aufzufangen.

Superfund & Co. Dass ein Vorsorgeprinzip vielleicht doch nicht ganz für die Katz ist, zeigt die Misere beim Schutz von Anlegern im Nichtbankenbereich. Während Spareinlagen EU-weit bis zur 20.000-Euro-Grenze gut geschützt sind, sieht es für Anleger, die bei diversen Finanzdienstleistern Kunden sind, im Pleitefall ziemlich triste aus, obwohl solche Unternehmen mitunter mehr Geld anlocken als eine Bank. Die Superfund Asset Management GmbH betreut derzeit Kundengelder in Höhe von 1,5 Milliarden Euro, wie Superfund-Sprecherin Elisabeth Schinnerl weiß. Was würde im Pleitefall geschehen? „Die Superfund Asset Management GmbH ist Mitglied der Anlegerentschädigungs WPDLU GmbH und ist so abgesichert“, sagt Schinnerl. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, und sie wird durch den Betrugsfall Amis augenscheinlich.

Blenden wir zurück. Nachdem es in diesem Bereich nicht den geringsten Anlegerschutz gab, wurde vor sechs Jahren auf Druck einer EU-Richtlinie (Anlegerentschädigungsrichtlinie 97/9/EG vom 3. März 1997 über Systeme für die Entschädigung von Anlegern) per Gesetz die AEW gegründet. Das Kürzel steht für die kaum jemand bekannte und kaum aussprechbare Anlegerentschädigungs-Wertpapierdienstleistungsunternehmen GmbH. Wie funktioniert die AEW? Alle Vermögensverwalter, die über die so genannte große Konzession der Finanzmarktaufsicht verfügen, müssen dieser Entschädigungsstelle beitreten – in Österreich sind das derzeit 83.

Nach einem Konkurs einer solchen Vermögensberatung, zu der auch die Superfund Vertriebsgesellschaft zählt, soll der Anleger eine Entschädigung von maximal 20.000 Euro erhalten, wenn ein echter Betrugsfall vorliegt, nicht aber bei schlechter Beratung oder ähnlichen Dingen. Anders als in Deutschland, wo Vermögensberater in einen Sicherungstopf einzahlen müssen, brauchen ihre österreichischen Kollegen keinen Obolus zu hinterlegen, haften aber mit zehn Prozent ihres Eigenkapitals.

„Bisher gab es noch keinen echten Schadensfall, wohl aber zwei Prüfungsfälle“, konstatiert AEW-Beirat Karl Kaniak. Doch das könnte sich jetzt mit dem Fall Amis ändern. Im Fall des Falles müssen nicht nur die Vermögensberater in den bitteren Apfel beißen, sondern auch die Anleger. Wenn der Schaden im Fall Amis tatsächlich siebzig Millionen Euro betragen sollte, wie es derzeit aussieht, sieht es nämlich düster aus. Die mögliche Haftungssumme aller 83 Vermögensberater, also zehn Prozent ihres Eigenkapitals, beläuft sich nämlich auf deutlich weniger. „Es wären etwa fünf Millionen Euro“, weiß AEW-Beirat Kaniak. Vielleicht stimmt die alte Zahnarztweisheit ja auch beim Anlegerschutz: Vorsorgen ist besser als bohren.

Von Karl Riffert

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