Mit Sicherheit mehr Geld

Warum EU-Staatsanleihen als eine der solidesten Anlagen überhaupt gelten, wie man die besten findet und weshalb Anleihen lukrativer sein können als Aktien.

Vielleicht sollten wir diese kleine Expedition in die Welt der sicheren Geldanlage mit einer kleinen Geschichte über einen Musiker beginnen, der sich schon mit Ende zwanzig ein enormes Vermögen erspielt hatte. Wir meinen den Kopf der Beatles. John Lennon, der in Liverpool in bitterarmen Verhältnissen elternlos aufgewachsen war, besuchte am Höhepunkt der Beatlesmania seine Tante, die ihn aufgezogen hatte, und holte ein goldenes Schmuckstück für sie aus seinem Rolls-Royce. Darauf stand ein Spruch, den er als Jugendlicher unzählige Male zu hören bekommen hatte: „Vom Gitarrespielen, mein Junge, kannst du nicht leben!“

Man kann sich eben leicht täuschen, nicht nur bei Berufsprognosen, sondern insbesondere auch bei der Geldanlage. Die gängigen Sprüche vieler Anlageberater lauten etwa so: Wer hohe Renditen erwarte, müsse auf Sicherheit verzichten. Gähn. Oder: Aktien sind lukrativer als Anleihen. Aha.

Doch die Realität ist nicht immer so, wie es die herrschende Standardmeinung gebietet: Vergleicht man etwa die Performance der wichtigsten deutschen Aktien (alle, die im DAX-Index enthalten sind) und langweiliger deutscher Bundesanleihen (mit zehnjähriger Laufzeit) seit dem 1. Jänner 2000, kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis. In diesen fünf Jahren verdienten Anleger mit deutschen Aktien nämlich nicht ein bisschen, im Gegenteil: Der durchschnittliche Verlust betrug satte 29 Prozent. Im selben Zeitraum konnten jedoch die Inhaber deutscher Anleihen einen Gesamtertrag von 41,5 Prozent einstreifen. Und wer vor fünf Jahren gar auf russische Staatsanleihen setzte, von denen damals wohl die meisten Anlageberater händeringend abgeraten hätten, darf sich jetzt über eine sensationelle Performance von über 145 Prozent freuen.

Besser lang als kurz. Ein bisserl daneben gingen leider auch die Voraussagen, wie sich denn nun die Zinsen entwickeln würden, die bekanntlich derzeit – jedenfalls aus Anlegersicht – zum Weinen niedrig sind. Seit den Zeiten Bismarcks und Kaiser Franz Josephs, seit über hundert Jahren jedenfalls, waren die Zinsen bei uns nicht mehr so tief wie jetzt. Und weil dem so ist, wird seit Längerem der Abschied vom historischen Zinstief vorausgesagt. Aber: „Die Welt der Bonds hat sich anders entwickelt, als die Zinsprognosen zu Jahresbeginn vermuten hätten lassen“, weiß Werner Schinnerl, der für die Volksbanken neun Fonds mit einem Gesamtvolumen von 1,6 Milliarden Euro managt. „Entgegen allen Prognosen sind die Zinsen gestiegen. Der Grund ist eine irre Liquidität. Die Aktienmärkte sind zwar nach oben gegangen, aber nicht genug. So fließt immer noch mehr Geld in die Anleihenmärkte und treibt die Kurse nach oben.“

Das All-Time-Low an der Zinsfront bringt Investoren, die ihr Geld fix veranlagen wollen, in ein Dilemma. Denn wenn früher oder später die Zinssätze in Euroland doch wieder steigen sollten, was bei US-Dollar-Bonds bereits passiert, dann werden die Kurse für jetzt gekaufte, frische Anleihen sinken. Die Standardempfehlung für diese Zwickmühle lautet, kurzfristige Anleihen zu kaufen statt lang laufenden, denn dann könne man in ein, zwei oder drei Jahren wieder bei den höheren Zinssätzen einsteigen. Doch für Kleinanleger, die auch die happigen Kaufspesen bei einer Neuveranlagung einkalkulieren müssen, lohnt sich dieser Rat kaum. Wer sein Kapital für „rainy days“ anlegen möchte und es in den nächsten Jahren nicht benötigt, fährt aus Spesengründen mit lang laufenden Papieren besser und ist auch von zwischenzeitlich sinkenden Kursen – anders als Fondsmanager – gar nicht betroffen. Denn das Schöne an festverzinslichen Wertpapieren ist das fixe Happy End. Am Ende der Laufzeit erhält der Anleger nämlich sein Geld zum Kurs 100 zurück. Anleihen sind im Geldgeschäft somit so ähnlich wie ein Roman, dessen beruhigender Schluss schon feststeht, zumindest wenn es sich um solide Papiere handelt.

Außerdem ist keineswegs gesagt, dass die Zinsen bald steigen werden. Womöglich passiert sogar das Gegenteil. „Es ist denkbar, dass die Zinsen im Euroland noch tiefer sinken, als es jetzt ohnehin schon der Fall ist“, meint Volker Steinberger, Chef der Anleihenabteilung der Bank Austria Creditanstalt. Steinberger, der in 109 Fonds über 13 Milliarden Euro verwaltet, ist bei Prognosen vorsichtig. „Wenn das US-Wachstum einbrechen sollte und die Weltkonjunktur bremst, dann ist es durchaus möglich, dass die Europäische Zentralbank den Euro-Zinssatz unter drei Prozent senkt.“

Mit einer österreichischen Bundesanleihe mit einer zehnjährigen Laufzeit lukriert man derzeit eine jährliche Rendite von 3,18 Prozent. Das mag mickrig erscheinen, doch anderswo wird vorexerziert, dass es noch tiefer geht. Eine Schweizer Anleihe mit gleicher Laufzeit bringt nur 1,919 Prozent, eine japanische sogar nur 1,45 Prozent.

Die Grundregeln für Kleinanleger beim Anleihenkauf sollten daher lauten: Sich nicht vor steigenden Zinsen fürchten, lang laufende Bonds kaufen und bis zum Laufzeitende behalten.

Griechen und Türken. Anleger, die sowohl dem Schuldner- als auch dem Währungsrisiko aus dem Weg und auf Nummer sicher gehen möchten, landen bei europäischen Staatsanleihen.

Wahrscheinlich gibt es derzeit keine sicherere Anlagemöglichkeit als Anleihen der Mitgliederstaaten der Europäischen Union. „Aus meiner Sicht ist es nicht denkbar, dass ein EU-Land Default geht“, meint Bank-Austria-Spezialist Steinberger, und auch Volksbanken-Experte Schinnerl ist sich sicher, dass „man davon ausgehen kann, dass die EU sofort einen Notfallplan erstellen würde, sollte ein kleines EU-Land jemals in die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit schlittern“.

Das sieht auch die Masse der Investoren so. Inzwischen genügt sogar der Kandidatenstatus, um ein Land bonitätsmäßig gleich ein paar Etagen höher zu hieven. Ein schönes Beispiel ist etwa Rumänien. Eine zehnjährige rumänische Anleihe mit einem Kupon von 8,5 Prozent konnte man bei ihrer Emission im April 2002 zum Kurs 98,5 erwerben, was einer Rendite von rund 8,75 Prozent entspricht. Heute, wo der Beitritt des Landes in greifbare Nähe gerückt ist, muss man für dieselbe Anleihe einen Kurs von 130 in Kauf nehmen, was einer deutlich magereren Rendite von 3,24 Prozent entspricht.

Obwohl jedenfalls bei Obligationen von EU-Mitgliedsstaaten die Wahrscheinlichkeit für Anleger, ihr Geld zu verlieren, gleich null ist, gibt es dennoch erstaunlicherweise geringfügige Unterschiede bei der Rendite. Mit einer griechischen Anleihe kann man zum Beispiel im Schnitt jährlich ein halbes Prozent mehr Zinsen lukrieren als mit einer österreichischen oder deutschen. Der Grund dafür liegt nicht so sehr an der unterschiedlichen Bonität, sondern an unterschiedlicher Liquidität dieser Bonds. Es gibt eben zum Beispiel ein wesentlich größeres Volumen an deutschen Staatsanleihen als an griechischen. Wichtig ist das für Fondsmanager und institutionelle Investoren, die jederzeit auch große Volumina ihrer Bonds traden wollen und daher bereit sind, für einen deutschen Bond etwas mehr zu zahlen als für einen griechischen.

Für einen privaten Kleinanleger ist der Unterschied freilich völlig bedeutungslos, denn wenn es sich nicht um Millionenbeträge handelt, kann man natürlich jederzeit einen litauischen, estnischen, zypriotischen oder griechischen Bond genauso leicht verkaufen oder kaufen wie einen deutschen. Das Fazit zieht Bond-Fondsmanager Schinnerl: „Wer nicht täglich große Summen handelt und seine Anleihe ohnehin einige Jahre halten will, sollte vernünftigerweise besser einen griechischen Bond kaufen, weil man bei gleichem Ausfallrisiko höhere Zinsen erhält.“

Auch für seine Rentenfonds setzt Schinnerl auf Griechenland-Bonds, mehr aber noch auf den EU-Beitrittskandidaten Türkei: „Mir gefällt die Türkei aufgrund ihres Wirtschaftsbooms, ganz unabhängig davon, ob die Türkei EU-Mitglied wird oder nicht. Bonds in türkischer Lira werfen derzeit 13 Prozent ab.“ Tatsächlich hat die Türkei in den letzten Jahren ihre Inflation drastisch reduziert, baut massiv Staatsschulden ab und erfreut sich dennoch eines jährlichen Wachstums von fünf Prozent.

Wer die Wahl hat ... Europäische Staatsanleihen gibt es mit den unterschiedlichsten Laufzeiten. Wer kurz- bis mittelfristig auf etwas ansparen möchte, wählt Laufzeiten von drei, fünf oder zehn Jahren. Auch ein Nachkauf ist ab 1000 Euro jederzeit möglich, freilich immer zum aktuellen Tageskurs. Anleihen eignen sich aufgrund ihrer Sicherheit und Berechenbarkeit auch vorzüglich für die Altersvorsorge. Und weil man damit nicht früh genug anfangen kann, gibt es jetzt immer mehr so genannte Langläufer, die auf viele Jahre hinaus verlässliche jährliche Zinszahlungen garantieren.

So gibt es beispielsweise französische und italienische Obligationen mit einer Laufzeit von fünfzig Jahren. Dänemark hat sogar einen 100-jährigen Bond auf den Markt gebracht. Solche lang laufenden, festverzinslichen Papiere eignen sich zum Beispiel ideal für Menschen, denen eine Erbschaft in den Schoß gefallen ist, die sich nicht mit der Mühsal der Geldanlage beschäftigen möchten, Vermögensverwaltern und Fondsmanagern nicht sonderlich trauen und sich einfach kontinuierlich der Erträge ihres Vermögens erfreuen möchten. Besonders optimistischen Anlegern, die ihre 100-jährigen Anleihen bis zur Tilgung behalten wollen, um dann einmal ordentlich auf den Putz zu hauen, wünschen wir jedenfalls viel Glück.

Von Karl Riffert

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