Meister und Minister

Die Regierung will 2600 Lehrlinge in ihren Ministerien ausbilden lassen. So schafft sie die Elite von morgen.

Die Bemühung der Bundesregierung, ihren Bürgern trotz vielfältiger Genüsse, wie beispielsweise der Pensionsharmonisierung, noch mehr Allotria zu bieten, ist beachtlich. Eine liebenswürdige Ablenkung – abseits des neckischen zur Zeit der Ernte Sich-gegenseitig-Trauben-in-den-Mund-Steckens – ist wohl die Ankündigung, 800 zusätzliche Ausbildungsplätze für Lehrlinge im Staatsdienst zu schaffen. Insgesamt 2600 Lehrstellen wird Vater Staat in seinen Ministerien dann zur Verfügung stellen. Der Bund nimmt sich des Problems der Jugendarbeitslosigkeit an. Klingt gut, ist es wahrscheinlich auch für jene, die die staatlichen Lehrplätze ergattern. Stellt sich nur die Frage: Was lernen die jungen Menschen denn in den einzelnen Ministerien? Welche Meister werden dort ihre Vorbilder und Lehrherren sein?

Nehmen wir einmal das Wirtschaftsressort. Dort wird den Burschen und Mädchen gleich einmal eine ökonomische Grundregel beigebracht. Und die lautet: Wenn man die Energiewirtschaft privatisiert, wird Strom teurer. Das ist wichtig, denn bislang dachten die Kids ja, dass es umgekehrt sei. Wenn sie sich ein neues Handy kaufen, reißen sich die Betreiber mit Gratistelefonen und Billigtarifen um sie. Nur bei Strom ist das anders. Da zahlt jeder, der einen neuen Stromanschluss benötigt, etwas mehr als tausend Euro und brennt dann weiter wie ein Luster.

Wirtschafts-Meister Martin Bartenstein wird das seinen Schützlingen schon erklären: Zwar sind die Gestehungskosten für Strom in Österreich im EU-Vergleich sogar recht billig, nur der Endverbraucher hat halt nichts davon. Denn bei uns verlangen die Netzbetreiber, die in der Österreichischen Stromlösung mit den Stromproduzenten zusammengespannt werden, ein hohes Entgelt. Das ist dreifach gut: So wird der Import von Strom von billig produzierenden ausländischen Kraftwerken unrentabel, Strom- und Netzbetreiber verdienen prächtig, und die Landeshauptleute, in deren Einflussbereich die Versorgungsgesellschaften stehen, kassieren weiter an ihren einflussreichen Pfründen.

Etwas Ähnliches werden die Lehrlinge auch im Gesundheitsministerium vermittelt bekommen. Dort heißt es: Lieber den Spitälern was schenken, damit sich die Beitragszahler verrenken. Krankenhaus-Meisterin Maria Rauch-Kallat wird kein Problem haben, ihnen zu erklären, warum eine Blinddarmoperation in einem öffentlichen Spital 1600 Euro kostet, in einem privaten aber nur 670. Natürlich könnten die Kosten in den Landeskrankenhäusern bei gleicher Leistung und medizinischer Qualität um zehn bis 15 Prozent gesenkt werden, aber dann hätte halt nicht jedes Spital ein paar Nierensteinzertrümmerer oder Hochleistungs-Kernspintomografen herumstehen.

Bundesbahn-Meister Hubert Gorbach verweigert angeblich die Lehrlingsaktion. Nicht weil er nach den Vorarlberg-Wahlen den Blues hat, sondern weil er nicht will, dass die Lehrlinge sofort das Gefühl beschleicht, bei den ÖBB können selbst sie nichts mehr tun.

Aber im Finanzministerium: Dort lernen die jungen Lehrlinge eine der wichtigsten Regeln der Staatswirtschaft kennen: Alle Menschen sind gleich, aber es gibt einen, der ist gleicher als die anderen. Dieses seit der Regierung Schüssel II geltende, eherne Grundgesetz der Fiskalpolitik ist essenziell für die geordnete Aufbringung künftiger Steuereinnahmen. Nur wenn die Lehrlinge auch einsehen, dass ihr Budget-Meister Karl-Heinz Grasser nicht denselben Gesetzen unterworfen ist wie sie und jeder andere Steuerzahler, überlegen sie später nicht, ob sie nicht lieber pfuschen sollten, statt brav ihre Abgaben zu entrichten. Dann kann es dem Minister auch nicht mehr passieren, dass er nicht weiß, warum ihm plötzlich Milliarden an geplanten Steuereinnahmen fehlen.

Man sieht, Lehrlinge, die in Österreichs Ministerien ihre Meister finden, erhalten eine besonders praxisnahe Ausbildung vermittelt. Unternehmen in der Privatwirtschaft könnten ihnen nie die unendliche Komplexität des ökonomisch rationalen Handelns, das in einem politischen Umfeld vonnöten ist, begreifbar machen.

Unklar bei der Lehrlingsoffensive der Regierung ist jedoch, ob auch das Bundeskanzleramt Lehrplätze zur Verfügung stellen wird. Wahrscheinlich nur für eine handverlesene Schar. Denn dort wird das wichtigste Gesetz allen wirtschaftspolitischen Agierens gelehrt: Wenn Probleme ins Unermessliche steigen, kann man sie nur mehr nach einem Motto lösen: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

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