Masters of Maß

In Zeiten der McDonaldisierung der Mode ist altes Qualitätshandwerk stark im Kommen. Wer heute für Stil Sinn und Geld bereithält, setzt auf Schneiderkunst statt auf Stange.

Ihr Reich scheint oft nur wenige Quadratmeter groß und weniger glamourös als erwartet – doch dafür voll gestopft mit Geschichte und Wissen, die sich in Unmengen von edlen Stoffballen und akkurat geführten Schnittbüchern manifestieren. Das Interieur kommt meist mit schlichten Glasvitrinen aus, ein paar älteren Lederstühlen, einem klassischen Holztisch, auf dem sich Stilfibeln, etwa Alan Flussers „Style and the Man“ oder Bernhard Roetzels „The Gentleman“, türmen. Doch man darf sich nicht täuschen lassen: Nicht zwingend Bescheidenheit oder Sparsamkeit gibt den Rahmen der wenig verbliebenen Maßschneider-Ateliers vor, sondern das feine Gespür für Intimität.

„Understatement bildet einen der wichtigsten Eckpfeiler in unserem Gewerbe“, betont Hans Netousek, einer der wenigen im Lande, der die kunstvolle Fertigung von handgenähten Knopflöchern und pikierten Kragen noch beherrscht. Understatement im doppelten Sinn: „Einerseits kennen wir die Schwachstellen unserer Kunden, die ein perfekt geschnittener Anzug natürlich auszugleichen vermag. Andererseits darf man einem Maßanzug nie sein Alter ansehen: Er soll weder neu noch ausgebeult aussehen, sondern muss sich für den Träger wie eine gepflegte zweite Haut anfühlen.“

Als eine „stützende Säule der Persönlichkeit“ betrachtet Netousek sein Gewerbe. Von „einer Frage der Kultiviertheit“ spricht Rudolf Niedersüß, Chef des legendären Salons Knize. Von einem „Gefühl, das man schwer beschreiben kann, wenn man es nie probiert hat“, schwärmt Meister Alfred Konsal – „vielleicht lässt es sich damit vergleichen: Wer einmal einen Bordeaux getrunken hat, wird nie wieder zu einem Billigwein greifen wollen.“

Modekrise. Das alte Handwerk kommt derzeit in den Genuss einer indirekten Frischzellenkur: Prominente Rauswürfe wie Tom Ford bei Gucci, Helmut Lang bei der Prada-Gruppe oder Julien MacDonald bei Givenchy dämpften die Risikolust der ihnen nachfolgenden Chefdesigner. Indirekt sorgte dies für eine Schwächung der Luxuskonzerne – in wirtschaftlicher wie stilistischer Hinsicht. Dass darüber hinaus Trendsetter wie Designergott Karl Lagerfeld oder Hip-Sister Stella McCartney die Niederungen der Textilriesen betreten, trägt nicht gerade zur Stärkung der Nobelmarken bei. Suzy Menkes, Mode-Scharfrichterin bei der „International Herald Tribune“ bemängelte neulich, dass H & M, Zara oder Mango „längst zu einer Echokammer der Laufsteg-Designer geworden sind“. In Zeiten der McDonaldisierung der Mode ist eben wahre Exklusivität wieder stärker gefragt.

Vermutlich auch deshalb zeigt sich die Branche, die in Wirklichkeit mit argen Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, nicht sonderlich beunruhigt. Ein erfreulicher Nebenaspekt des sich zuspitzenden Nadelöhrs: Je weniger das Metier beherrschen, desto stärker wächst die Kundschaft für den Einzelnen. Und deren Potenzial hält sich seit Jahrzehnten konstant. „Als ich in den fünfziger Jahren als Praktikant zu arbeiten begann“, erinnert sich Niedersüß, „saß allein hier am Graben noch in jedem zweiten Haus ein qualifizierter Schneider – heute gibt es europaweit nur mehr ganz wenige, die ihr Handwerk wirklich gut beherrschen.“ Selbst in der Londoner Savile Row, die mit verbliebenen Top-Adressen wie Gieves & Hawkes, Anderson & Sheppard, J. Dege & Sons oder Kilgour, French & Stanbury immer noch als das Mekka der englischen Maßschneiderei gepriesen wird (und deren Salons man erst gar nicht mit weniger als 3500 Euro im Portemonnaie betreten sollte), finde man, so Netousek, „heute nicht einmal mehr zehn Top-Betriebe“.

Dankbare Kundschaft. Immerhin ist der Kunde, der für einen österreichischen Couturier einmal Feuer gefangen hat, bereit, für seinen Zweiteiler ab 2000 Euro (inklusive Stoff) aufwärts zu bezahlen – wobei die Einstiegssumme im Kult-Betrieb Knize gleich auf mehr als das Doppelte steigt. „Bei uns muss man schon mit mindestens 5000 Euro rechnen“, gibt Niedersüß unverblümt preis.

Für den Laien erstaunlich, für Branchen-Insider kein Thema: Derartige Größenordnungen müssen dem fachsinnigen Publikum kaum erklärt werden. Die Herren würden über den Aufwand einzelner Vorgänge durchaus Bescheid wissen, schwärmen sowohl Netousek als auch Niedersüß oder Konsal. Dass rund 40 bis 45 Stunden Arbeit in so einem Kleidungskunstwerk stecken – zwei Drittel davon entfallen auf das Sakko, ein Drittel auf die Hose –, versteht sich somit von selbst.

Übrigens würden die Qualitätsbetriebe in den neuen EU-Ländern kaum billiger arbeiten, meinen heimische Meister. „Gute Maßschneider sind sich ihres Könnens bewusst und verlangen daher nicht viel weniger für die Arbeitsstunde als ein Österreicher“, gibt Netousek zu bedenken. „Wenn einer behauptet, er nähe in weniger als einer Woche einen Maßanzug, handelt es sich vermutlich um Maß-Konfektionsware. Denn für Top-Qualität brauchen wir alle gleich lange.“ So mancher Aficionado berichtet von anderen Erfahrungen: Natürlich finde man in Tschechien (etwa: www.dormeuil.cz), Ungarn oder Slowenien ganz hervorragende Schneider, die teilweise Hausbesuche anbieten. Allerdings müsse man diese Leute gut briefen. Die Schulung mache sich aber bezahlt – denn jenseits der Grenze koste ein Anzug maximal 700 Euro. Ein Glück, das einem bei penibler Recherche sogar in Wien zuteil werden kann. „Man muss nur lange genug suchen“, so ein Insider, „denn diese Leute machen selten Werbung für sich.“

Mitarbeit des Kunden. Es mache jedenfalls Sinn, sich im Vorfeld mit der Materie zu befassen, erläutert der Designer und Markenentwickler Christian Satek, der allein aus beruflichem Interesse eine Affinität „zu allem Qualitätshandwerk“ hat. „Man sollte eine genaue Vorstellung haben, wo man hin möchte. Nur so lässt sich das Zusammenspiel mit dem Schneider optimieren“, weiß er aus eigener Erfahrung. Satek etwa, der seinen Schneider über die Kostümbildnerin Birgit Hutter fand, legt besonderen Wert darauf, mit seiner Kleidung zu verschmelzen: „Da ich besonders schlank bin, ist es für mich nicht immer leicht, passende Konfektionsware zu finden, und ein Sakko beispielsweise, das zu weit geschnitten ist, wirkt nun einmal behindernd.“ Die optimale Form sei für ihn dann gegeben, „wenn der Anzug nah am Körper ist“. Sprich: wenn er mit wenig Einlagen versehen ist, „die sich, wenn ich mich bewege, wie Sehnen zueinander verschieben“. Auch Werbeguru Mariusz Jan Demner kauft nicht gern von der Stange, was sich unter anderem daran manifestiert, wie Netousek verrät, „dass die Schlitze an seinem Anzugrücken nicht die üblichen 26 Zentimeter ausmachen, sondern wesentlich kürzer sind“.

Bei Gesundheitsökonom Christian Köck, der seine Gunst auf drei Adressen verteilt – Knize in Wien, Gianni Campagna in Mailand und Marc Guyt in Paris –, macht sich das Gehobene am Innenfutter bemerkbar: „Dieses muss nicht nur farblich zum Stoff des Anzuges passen, sondern auch aus reinem Naturstoff sein.“ Üblicherweise wird nämlich Futtertaft verwendet – „weil etwa reine Seide erstens einmal warm, außerdem nicht so widerstandsfähig ist“, wie Netousek erklärt.

Dass Köck gleich drei Maestros für die Bestückung seiner Garderobe beschäftigt, erklärt er damit, „dass es ganz gut ist, einen Schneider vor Ort zu haben, wenn man viel reist. Außerdem verkörpert jeder einen unterschiedlichen Stil“ (siehe auch Kasten auf Seite 223).

Glaubensstreit der Kenner. Wien, meint Kenner Satek, sei lange durch „zwei Religionsgemeinschaften“ geprägt gewesen: „Der Ton wurde von zwei Meistern angegeben: Knize, der für den eleganten österreichisch-ungarisch-tschechischen Stil steht. Und Koschier – leider jetzt schon in Pension! –, der seine Ausbildung in Großbritannien, an der Royal Academy of Tayloring, absolvierte.“ Satek selbst zählt sich zur „Koschier-Gruppe“, deren wichtigste Merkmale die erwähnte Leichtigkeit, schmal geschnittene Ärmel sowie die betonte Taille sind. „Die Koschier-Façon sieht an einer großen, schlankeren Figur flotter, flamboyanter aus als alles andere“, verkündet er begeistert.

Auch mit den Vorurteilen der langen Wartezeiten räumen die Qualitätsfreunde auf. „Sobald man mit seinem Schneider ein Team gebildet hat, geht man nicht öfter als zweimal zu Anproben und wartet selten länger als zwei bis drei Wochen“, meint Köck. Die Schneider selbst äußern sich naturgemäß etwas zurückhaltender: Netousek spricht von „mindestens vier Wochen“, Niedersüß von „mindestens zwei Monaten“ Dauer bis zur Fertigstellung.

Den klassischen Couture-Käufer charakterisiert Eva Willinger, Wiener Innungsmeisterin des Bekleidungsgewerbes, jedenfalls als „Mann von Welt, der eine Vielzahl gleich geschnittener Maßanzüge in ähnlicher Farbe besitzt. Denn man soll nicht sehen, wie viel er zum Anziehen besitzt – aber dass er ein Gefühl für Stil hat“.

von Michaela Ernst; Mitarbeit: Jasmin Schakfeh

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