Manieren für Manager

In der geselligsten Zeit im Jahr müssen Sie sich nicht nur auf pekuniärem Parkett bewähren.

Sollten Sie sich bisher noch nicht darüber schlüssig geworden sein, ob Sie wer sind oder was darstellen im Leben, die kommenden Wochen werden Ihnen das mehr als zur Genüge beweisen. Denn es werden auf Sie Einladungen in die Häuser Ihrer Chefs und die Wohnungen Ihrer Kollegen hageln, die Sie zu Ihrem Missvergnügen wenigstens großteils auch noch mit Gegeneinladungen vergelten müssen. Zu diesen persönlichen Beschnupper-, Herzeige- und Verhaberungs-Tests gesellt sich in der geselligsten Zeit im Jahr selbstverständlich auch noch – gottlob auf neutralen Böden – ein Schwung Bälle, Feste und Feten, deren ächzendes Absolvieren Sie nur aus triftigen Gründen vermeiden können; althergebrachte Ausreden sind in unseren Zeiten längst schon ungültig geworden: was Sie brauchen, ist nachweisbare Familientrauer oder amtsärztliche Quarantäne infolge persönlicher Epidemie.

Tun Sie all diese Verpflichtungen nicht achselzuckend ab; sie können für Ihre Karriere bedeutsamer sein als ausgefallene Fachkenntnisse: wenn Sie die Gemahlin des Chefs „so zwanglos hinreißend“ und „so tadellos erzogen“ findet, ist dies ein Meilenstein im Brett, fester als eine Firmensanierung, denn Manieren gehen immer noch über Bilanzenfrisieren.

Bedenken Sie, dass Sie bei öffentlichen feierlichen Auftritten stets Ihre Firma repräsentieren, beim privaten Angrinsen sich selbst. In beiden Fällen ist daher Ihre persönliche Vorsicht geboten, weder als ungehobelter Waldschrat zu erscheinen noch als sich demütig duckendes Kaninchen. Obwohl außer Frage steht, dass Sie zu der großen Masse der gut gestylten nonkonformistischen Individualisten zählen, sollten auch Sie, für den sonst nur die gewinnbringenden Gesetze von Flins und Flinsesflins gelten, doch ein paar Grundregeln annähernd beachten.

Bei privaten Einladungen sollen angeblich die Gastgeber nicht fashionabler oder prunkvoller gekleidet sein, als sie es von ihren Gästen erwarten können, anderseits sollen die Gäste die Gastgeber nicht mit dreistem Aufputz irritieren. Diesen beiden ebenso goldenen wie einander widersprechenden Regeln können Sie am ehesten dadurch gerecht werden, dass Sie sich für eine sehr subjektive, unverwechselbare, bisweilen sogar burleske Bekleidung entscheiden, die freilich Ihren exklusiven Geschmack unauffällig vermittelt. Tragen Sie getrost Schürzenkleider von Versace, Latzhosen von Armani, Knickerbocker von Cardin; auch weite Faltenröcke – „noch von meiner letzten Schwangerschaft“ – verfehlen nicht ihren Reiz, ebenso wenig wie drollige Gewebe, an denen voll Understatement ein putziges „Texhages räumt“-Schildchen baumelt. Der Schmuck an Ihnen ist entweder alt (zum Beispiel ein Amulett von Cagliostro) oder ausgefallen (wie eine Halskette aus Haifischzähnen).

Was Ihre Ankunfts- und Abzugs-Zeiten bei privaten Einladungen betrifft, so dürfen Sie, sofern Sie nicht Reserve-Offiziere oder meine Mutter sind, keinesfalls überpünktlich auftauchen. Ihr Abmarsch aus privaten Behausungen sollte zwar unbedingt erfolgen, ehe die Gastgeber zum dritten Mal lüften, aber das Timing ist mit dem Partner nicht so einfach abzustimmen wie bei öffentlichen Anlässen, bei denen die Frauen sowieso alle gemeinsam auf die Toilette gehen und dabei den Aufbruch festlegen. Es empfiehlt sich daher, mit dem Partner Code-Sätze auszutauschen; wenn Sie in eine fiskalische Diskussion das Wörtchen „Fersengeld“ einschmuggeln, so achten Sie darauf, ob Ihr Partner mit „Es ist die Nachtigall“ reagiert oder mit „Mir scheint, ich witt’re Morgenluft“.

Als Gast können Sie natürlich nicht mit leeren Händen kommen. Fad und praktisch sind Blumen, nützlicher Spirituosen, die Sie verabscheuen, herrisch wirken Aschenbecher, Seifen und Taschenspiegel, originell sind Bilder, die Sie längst loswerden wollten. Als unfein gilt, jedwede Art von Essen mitzubringen – es sei denn für allfällige Haustiere (die Güte der Küche erkennen Sie, wenn sich der Gastgeber angesichts mitgebrachter Hendlbügel zum Futternapf stiehlt).

Als Gesprächsthemata empfehlen sich die generelle Undankbarkeit subalterner Arbeitnehmer, die Deutschkenntnisse der Bedienerinnen und die primitiven Cockpits der teureren Automarken. Unterlassen Sie beifällige Bemerkungen über Second-hand-Möbel, und flirten Sie mit Fremden nie vor Mitternacht.

Auf Bällen oder Festen können Sie so pompös oder bizarr gekleidet sein, wie Sie wollen, Sie dürfen ein Abenddirndl tragen oder einen blutbespritzten Dracula-Smoking, bei Maskenbällen empfiehlt sich’s, wie in Irrenanstalten üblich, als jemand anderer zu gehen: wenn Sie inkognito bleiben wollen, gehen Sie als Gusenbauer. Als Accessoires machen sich ein Ball-Rucksack und ein Fest-Handy in Goldpapier gut, exquisit sind Lorgnon und Taschenuhr, Frauenfrisuren sind verstrickt oder verknetet oder bilden eine Girlande um den Kopf; Männer sollten möglichst lange einen Hut aufhaben und ein Taschenmesser fürs Buffet bei sich tragen. Und wenn schon Tätowierungen, dann den PIN-Code eines Firmenfeindes. Viel Spaß! l

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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