Liebes Christkind,

noch rasch ein paar gallige Seufzer und vergebliche Wünsche zu deinem Geburtstag.

Keuch. Ächz. Schüttel. Ich bin, deinem Vater sei Dank, wenigstens physisch unversehrt wieder heimgekommen. Ich hatte gewagt, mich leichtfertig mitten in das diesjährige Modell der stillsten Zeit im Jahr zu begeben, jenen Event, den besinnungsmutige Menschen (heute: unausgeschlafene Weicheier) einmal den Advent nannten. Da es schon November ist, war ich damit natürlich relativ spät dran. Schließlich begann der heurige Advent etwa vier Monate nach deiner Himmelfahrt. Nun ist es nicht so, dass in diesen Wochen deiner weniger gedacht würde. Mehr gedacht wird im Dezember auch nicht. Aber im Sommerloch bist du noch nicht zu vermarkten. Nach der Sommer-Privatisierung (vorm.: Ausverkauf) brach deine Zeit an: in den Supermärkten wurden die ersten Vanillekipferln feilgeboten.

Gebetsmühlenartig begann der Handel um sein Weihnachtsgeschäft zu zittern, damit er, wie seit Jahren nach den Feiertagen, Rekordeinnahmen bekannt geben kann. Flankiert wurde das Krächzen der Krämerseelen von der alle betäubenden Parole „Gier ist geil!“ und dem todsicheren Run in den Ruin. Schon vor dem erhofften himmlischen Geschäft waren so viele Staatsbürger verschuldet wie nie zuvor: mehr als 900 Millionen Euro wurden von Gerichtsvollziehern kassiert. Das Gefeilsche, das du nicht wolltest, in deinem Namen aber dreist begangen wird, wird wieder zu Privatkonkursen, Verelendung und Selbstmorden führen.

Um das Verantwortungsgefühl herabzusetzen, werden zielsicher Sauf-ins veranstaltet, die als Adventmärkte epidemische Ganglien-Entsorgung legalisieren und die Lizenz zum Abtöten jeglicher Geschmacksnerven besitzen. Egal, ob die Schwarzen sie noch Christkindlmärkte nennen oder die Roten versuchen, dank idiotisch interpretierter Ideologie mittels „Weihnachtsmarkt“, Weihrauch abzuschütteln – diese Märkte sind in den meisten Fällen Musterbeispiele für organisiertes Erbrechen.

Seit Jahren, aber heuer erstmals deutlich, hast du einen zwar nicht ernst zu nehmenden, aber ernsthaft gepushten Konkurrenten: den Weihnachtsmann. Er ist das, was sich die auf Verlangen auch ihre sämtlichen Großmütter verscherbelnde Wirtschaft schon lange gewünscht hat: eine männliche Potenz. Weil deine heilige Mutter keinen heiligen Vater von Kirchenamts wegen vorweisen kann (der diesbez. Stellvertreter ist ja nur religiöser Handelsreisender), die Frauen aber in keinem Land der Erde über das entscheidende Geld verfügen, war den Pfeffersäcken ein schwaches Kind schon lang zu indifferent als Promotor des Profits. Daher verlängerten sie das maximal zweitägige Gastspiel des Nikolaus unter Unterschlagung des Krampus zu einem Halbjahresauftritt. Mit dir ist er, der mehr an Entenhausen erinnert als an Bethlehem (üblicherweise sieht er aus wie Kater Karlo mit weißem Bart, harhar), nicht verwandt. Er ist eindeutig eine Spot-Figur der Werbewirtschaft, die nun endlich den Kuchen der anvisierten Kundschaft feinsäuberlich in zwei weihnachtlich ungerechte Teile zertrennen kann: er kriegt den Batzen für die Geschenke, du die Brösel für die Spenden; mit einem armen Buben lässt sich das Gemüt halt noch immer bekömmlich abstieren.

Aber wohnt der Inkarnation des Mammons womöglich nicht auch etwas Österreichisches inne? Haben die begnadeten Einwohner dieses Landes am Ende auf einmal Angst vor der liebevollen Bezeichnung für dich? Oder fürchten sie sich nur vor dem herzigen Diminutiv Christkindl? Etwa aus der eventuell nicht ganz unberechtigten Besorgnis, vor einigen ausländischen Menschen, um nicht zu sagen: vor der halben Welt, selbst als Christkindl dazustehen? Ist ihnen deshalb der Austausch eines doch ein klein wenig mehrdeutig besetzten Begriffs zugunsten eines handfest eindeutigen so rasch ans Herz gewachsen?

Denn, wenn zu einem gesagt wird: Du bist doch wirklich ein Weihnachtsmann!, so ist der Betreffende schlimmstenfalls eine übermäßig großzügige Seele. Wer hingegen erfahren muss, andere halten ihn für ein rechtes Christkindl, übertreibt nicht, wenn er sich daraufhin schleunigst Gedanken darüber macht, wie seine Umgebung sein Denkvermögen einschätzt. Es mag zwar sein, dass die Profanisierung einer sakralen Bezeichnung nicht mehr widerspiegelt als das rüder gewordene Wertesystem, das eine Kreditkarte allemal einer Hostie vorzieht. Es mag allerdings auch die dumpfbäckige Ahnung vieler sein, sich von Christkindln regieren zu lassen – oder sogar von Erz-Bengeln.

Dazu mag das Weihnachtsverhalten nicht weniger Österreicher gut passen; früher scharten sich die Familien zusammen, jetzt will jeder am liebsten nichts wie weg. Weg von alten Schulden, neuen Lügen, von der Zukunft.
Ich wünschte, die kurzatmige Gier nach glitzerndem Glumpert würde der Sehnsucht nach einer starken Gemeinschaft weichen. Ich wünschte, die Hochstapler würden die Rosstäuscher bitten, sie mit den Scharlatanen auf dem Weg zur Hölle zu begleiten. Ich wünschte, die Gesellschaft würde mehr werden als die erstbeste.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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