Lieber Felix!

Ein Brief an einen tatsächlichen Taferlklassler, mit der Bitte an ihn, mir unser Schulwesen zu erklären.

Hab herzlichen Dank dafür, dass Du zusammen mit Deiner Mutti diesen Brief lesen wirst. Er handelt von einer Sache in unserem Staat, die für unser Land sehr wichtig ist. In diese Sache bist Du seit Anfang September direkt verwickelt, denn seitdem gehst Du in die Schule.

Du wirst Dir sicher denken können, dass ich Dir den besten Schulerfolg der Welt wünsche. Der Erfolg wird Dir wahrscheinlich leicht fallen, weil Du der gescheite Bub zweier gescheiter Eltern bist. Es sollte Dir darum nicht schwer fallen, Dich im Laufe der Jahre durch die verschiedenen Stufen unseres Schulwesens durchzulernen, durchzukämpfen oder durchzutauchen. Ich zweifle nicht daran, dass Du sehr wahrscheinlich schon bald imstande sein wirst, unser Schulwesen auch zu durchschauen. Schon dadurch wirst Du Dich von maßgeblichen Politikern unseres Landes unterscheiden.

Diese Leute glauben nämlich nicht, dass unsere Kinder etwas fürs Leben lernen sollen. Sondern die Kinder sollen sich dem ihnen geeignet erscheinenden Schulsystem unterordnen. Dieses System sieht vor, dass eine bestimmte Anzahl an Lehrkräften einer bestimmten Anzahl Schülerinnen und Schülern all das beibringt, was sie selbst weiß. Ist das System fortschrittlicher, dann unterrichten mehr Lehrer die Kinder, weil sie dadurch die Möglichkeit haben, sich jedem Kind seiner Auffassungsgabe entsprechend genauer widmen zu können. Der Unterricht wird dadurch individueller gestaltet und steigert den Lernerfolg. Ist das System rückschrittlicher, dann schaut der Staat in seiner Kassa nach, wie viel Lehrer er sich leisten kann – genauer gesagt: leisten will –, und vergibt dementsprechend viele Lehrerposten.

Wenn der Staat sagt, dass er ganz wenig Geld hat, dann sagt er ganz vielen alten Lehrern, sie sollen mit dem Unterrichten von Kindern aufhören. Er schickt sie in Pension. Daraufhin wundern sich ganz viele Eltern und fragen den Staat: Wer wird unsere Kinder unterrichten? Daraufhin sagt der Staat: Liebe Eltern, seid nicht verzagt! Ihr habt nämlich glücklicherweise viel weniger Kinder. Weil es weniger Kinder gibt, brauchen wir auch weniger Lehrer. Da schauen sich aber die Eltern um und stellen fest: In sehr vielen Städten, in denen sehr viele Lehrer in Pension geschickt wurden, gibt es noch ungefähr genauso viel Kinder wie früher.

Und dort, wo es etwas weniger Kinder gibt, sind die Eltern ganz glücklich gewesen, dass es noch genug Lehrer gibt, denn dadurch, dass es weniger Kinder in einer Klasse gegeben hat, können sich, denken sich die Eltern, die Lehrer besser um jedes einzelne Kind kümmern. Jetzt sind viele Lehrer aber verschwunden. Viel zu wenige von ihnen sind noch da, um sich um die Kinder zu kümmern. Am besten wär es, die Eltern würden ihren Kindern selbst alles beibringen.

Lieber Felix, wie soll das gehen? Wenn Du Deine neuen Freundinnen und Freunde nicht in der Schule triffst, dann lernst Du ja fast niemanden kennen, der so alt ist wie Du und dasselbe wissen will wie Du. Du bleibst ziemlich einsam und ziemlich blöd. Es wird Dir nämlich schon in Deinem reifen Alter von sechs Jahren das Wichtigste vorenthalten: das Kennenlernen anderer Menschen. Und glaub mir, Felix: Was immer sie Dir einmal beibringen werden über den Dreißigjährigen Krieg, der mit dem Westfälischen Schinken geendet hat, über die Männer von Kleopatra und die Frauen von Goethe, was Du auch wirst ausrechnen, merken, aufsagen, auswendig lernen müssen – es ist in Wahrheit alles nicht so wichtig.

Es ist ein Schmarren, verglichen mit dem, was Du in der Schule wirklich lernen wirst. Es gibt noch andere Kinder. Die haben andere Eltern. Die können ärmer sein oder reicher. Sie sind vielleicht nicht einmal in Österreich geboren. Sie freuen sich aber, Dich zum Freund zu haben. Du wirst merken, was sie mögen und was nicht. Und Du wirst merken, warum das so ist. Denn Du wirst ihnen genau zuhören und dabei herauskriegen, dass wir alle als Gemeinschaft nur dadurch bestehen, dass wir eine Vielzahl von einmaligen Menschen sind. Und wir leben auch nur dadurch, weil wir es für cool halten, miteinander leben zu können. Nur die ödesten Idioten leben gegeneinander. Wenn Du das in Dir so drinnen hast, dass Du jeden anderen Freund im Grunde für klass hältst, dann weißt Du für Dich schon so viel, dass Du Dich bei der Algebra von mir aus vertschüssen kannst.

Vor einem aber renn bitte nicht davon. Vorm Turnen. Du wirst schon gemerkt haben, dass manche Deiner Freunde blass oder fett oder hatschert sind, und das kommt daher, dass sie sich zu wenig bewegen. Bewegung ist aber geiler als im Fernsehen Sport schauen. Bedenk immer, das man beim Rennen durch die Schulgänge Schummelzettel am unauffälligsten austauschen kann.

Sag mir bitte, ob Dein Turnlehrer einen Elfer schießen kann. Ob Du glaubst, dass es in Deiner Schule vor Lehrern nur so wimmelt. Und ob man sie wirklich durch Computer ersetzen könnte. Ich wünsch Dir jedenfalls die interessantesten Kumpels, die es gibt. Reinhard

PS: Wie immer Deine Lehrer sein mögen – in der Unterhose sind sie auch nur Menschen.

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