Letzte Klasse

Der Zustand des Bildungswesens ist zur Bedrohung für den Wirtschaftsstandort Österreich geworden. Unter dem massiven Druck auch aus ihrer eigenen Partei will Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer nun längst überfällige Reformschritte setzen.

Die PISA-Studie ist ein Glücksfall für Österreich.“ Dies sagt nicht ein gnadenloser Zyniker, sondern Monika Kircher-Kohl, Chefin des Villacher Halbleitererzeugers Infineon. „Es hat diese Benotung Österreichs gebraucht. Offenbar reagieren wir nur mehr auf Noten.“

Die Schule, so Kircher-Kohl, werde nur mehr als Ort wahrgenommen, an dem „Angst und Repression herrscht und nicht Hilfestellung im Vordergrund steht“. Bei jungen Mitarbeitern sehe sie häufig, woran es im Bildungswesen mangle: zum Beispiel, Fehler zugeben zu können. Der einzige Reflex, den viele junge Menschen in solchen Situationen mitbrächten, sei defensiv: „Ich war’s nicht.“

Inhaltliche Unterstützung bekommt sie von Günter Haider, der für Österreich die PISA-Studie leitete: „Die Schwächen der Schüler liegen in den Bereichen Verstehen, Interpretieren, Argumentieren, Problemlösen.“ Die große Sorge, die bei vielen Wirtschaftsforschern vorherrscht: Durch die schlechte Performance der Schüler gerät der „Wirtschaftsstandort Österreich“ insgesamt in Bedrängnis.

Best-Practice in der Schule? Kircher-Kohl möchte, dass Methoden, die in der Wirtschaft gang und gäbe sind, auch in der Schule greifen: „Best-Practice-Sharing ist ein Grundprinzip moderner Unternehmen. Nur durch die Teilhabe aller am gemeinsamen Wissensstand wird eine Firma schlauer. Wir wissen, dass es diese Praxis in der Schule nicht gibt, weder unter den Lehrern noch bei den Schülern.“ Ihr Resümee: „Eine Schulreform ist dringend nötig, denn die jungen Menschen müssen auf das Leben vorbereitet werden.“

Nicht alle Wirtschaftsbosse denken so wie Kircher-Kohl. Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl, ein Berater von Wolfgang Schüssel, „möchte das System so lassen, wie es ist“. Fotolöwe Robert Hartlauer wiederum will „das ganze Schulsystem infrage stellen und reformieren“. Berndorf-Chef Norbert Zimmermann setzt auf Pragmatismus: Er möchte „von den Erfolgsbeispielen lernen“.

Vielleicht wird wenigstens seine Stimme von der zuständigen Ressortchefin, Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, gehört. Sie hat für Mitte Februar einen „Reformdialog Bildung“ einberufen. Referieren werden die Bildungsministerin der Niederlande, Maria van der Hoeven, Kari Pitkänen vom Zentralamt für Unterrichtswesen in Helsinki und Jürgen Baumert vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

„Gesamtschule ist möglich.“ Skeptiker befürchten, dass von dieser Diskussionsrunde auch nicht der nötige Reformschub kommt. Doch immerhin wird nun auch in der ÖVP eifrig an Reformkonzepten gebastelt. Der steirische Landesgeschäftsführer Andreas Schnider, Nationalratspräsident Andreas Khol, Bildungssprecher Werner Amon, sie alle machten mit eigenen Vorschlägen Druck. Die zuständige Ministerin, Elisabeth Gehrer, bemüht sich nun, selbst wieder die Zügel in die Hand zu nehmen. Im trend-Interview erklärt sie, dass „alles, was es bisher an Weiterentwicklung gab, von mir ausgeht“. Die Ankündigung von Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider, flächendeckende Schulversuche zur Gesamt- und Ganztagsschule einzuführen, kommentiert sie mit dem Satz, dass die Gesamtschule „eine mögliche Schulform ist“. Und: Gehrer will die Schulinspektoren abschaffen.

So scheint es, dass, ausgelöst durch den PISA-Schock, der Reformzug doch noch ins Rollen gerät. PISA-Chef Haider, ein „Richter Gnadenlos“, der auch die von Gehrer bestellte Zukunftskommission leitet, listet immer wieder die gröbsten Schwachstellen des Schulwesens auf:

„Die allgemeine Leistungsfähigkeit sinkt. Österreich produziert bestenfalls mittelmäßige Lernergebnisse. Besonders bei Burschen ist ein rapider Abfall von Motivation und Leistung feststellbar“, klagt er. Dass ein „erschreckend niedriges Interesse speziell an Mathematik“ herrscht, hat auch konservative Pädagogen aufgeschreckt, ebenso, dass zwanzig Prozent der Schüler deutliche Leseschwächen zeigten.

Viele Aspekte des heimischen Schulwesens machen schon aus ökonomischer Perspektive keinen Sinn. Während Finnland schwache Schüler kräftig fördert und fordert, werden sie in Österreich als „Sitzenbleiber“ ausgeschieden. Durch zusätzlich abgesessene Schuljahre belasten sie das Budget und als frustrierte Schulabbrecher dann auch noch die Arbeitslosenstatistik.

„Staatsmonopolistischer Betrieb“. Bernhard Rathmayr, Professor an der Uni Innsbruck, kann nur mehr die allerschärfsten Worte zur Beschreibung der Misere finden. „Unser Schulsystem“, so der Bildungsexperte, funktioniere weit gehend „nach dem Prinzip Strafjustiz“. Er wünscht sich eine massive Vermehrung privater Schulen, um die öffentlichen Schulen unter Leistungsdruck zu setzen. Rathmayr: „Die Schule ist doch der letzte staatsmonopolistisch geführte Betrieb."

Viel zu wenige Schulen zeigen über Schulversuche neue Wege des Unterrichts. Es gibt aber sehr wohl auch Lehrer und Direktoren, die den Mut haben, Neues auszuprobieren. trend zeigt drei Beispiele für lebensnahe Schulen.

Bislang stand die Ministerin für ein sehr konservatives Schulmodell; noch nach der letzten PISA-Studie lobte sie das System in höchsten Tönen. Ob sie über ihren eigenen Schatten springen und die angekündigten Reformen tatsächlich auch umsetzen kann, werden die nächsten Monate zeigen, denn Ankündigungen gab es schon viele. So waren die Leseschwächen vieler Schüler schon nach der ersten PISA-Studie vor drei Jahren unübersehbar geworden.

Gehrer versprach seinerzeit, mit einer Aktion „Lesefit“ den Anteil der Problemkinder deutlich zu senken. Für die groß angekündigte Aktion wurden letztendlich insgesamt 280.000 Euro lockergemacht, eine angesichts der Problemlage lächerliche Größe. Heuer stehen aus diesem Titel 70.000 Euro im Budget. Da kann der grüne Bildungssprecher Dieter Brosz nur noch lachen: „Das sind gerade einmal zwei Dienstposten.“

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