Lehrstellenlücke: Karriere mit Leere

Die Regierung versucht mit teuren Werbekampagnen und millionenschweren Förderungen Unternehmen zur Lehrlingsausbildung zu bewegen. Vergeblich. Auch ein Kanzlerversprechen rund um Ausbildungsplätze garantiert noch lange nicht die Zukunft der dualen Ausbildung.

Dass ein Herbert Buchinger, der gewichtige Chef des Arbeitsmarktservice Österreich (AMS), einfach in der Versenkung verschwindet, ist bei seiner Physis relativ schwer vorstellbar. Angesichts einer immer größer werdenden Jugendarbeitslosigkeit ist das aber auch inhaltlich nicht ganz nachvollziehbar. Und doch: Mit Buchinger derzeit etwa über offene Lehrstellen und lehrstellensuchende Jugendliche zu plaudern ist schwieriger, als eine langzeitarbeitslose ältere weibliche Fachkraft im Schuhhandel unterzubringen.

Das könnte aber gute Gründe haben. Denn ungeachtet der jüngsten Jubelmeldungen über die endlich wieder steigende Anzahl an Lehrlingen, zeigen die Maßnahmen der Bundesregierung zur Lehrlingsmisere alles andere als befriedigende Wirkungen. Weit schneller als die Stellenangebote steigt nämlich die Anzahl der Schulabgänger, die Lehrstellen suchen. Die Folge: Die so genannte Lehrstellenlücke wird größer statt kleiner. Eine Erkenntnis, die niemand gerne transportiert, schon gar nicht, wenn er, wie Buchinger derzeit, eine Verlängerung seines Vertrages als AMS-Vorstand anstrebt.

Magerer Erfolg. Dabei klingen die Maßnahmen, die Bundeskanzler Wolfgang Schüssel höchstpersönlich mit einem Garantiestempel versehen hat („… jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz …“), durchaus ambitioniert – wenn auch etwas spät angesetzt. Seit zwei Jahren etwa kämpft der ehemalige Personalchef des Vorarlberger Beschlägeherstellers Blum, Egon Blum, als Lehrlingsbeauftragter der Regierung gegen die zunehmende Jugendarbeitslosigkeit. Eine seiner herausragenden Ideen: der Blum-Bonus. Seit 1. September 2005 bekommen Betriebe, die zusätzliche Lehrlinge anstellen, über drei Lehrjahre verteilt in Summe 8400 Euro als Zuschuss. Ein Erfolg, jubelte Wirtschaftsminister Martin Bartenstein Anfang Februar, als die ersten Arbeitsmarktdaten vorlagen: „Die Zahl der Lehrverträge im Jahr 2005 stieg erstmals um 2,8 Prozent.“

Bei näherem Hinsehen dürfte sich die Begeisterung allerdings rasch abkühlen. Denn die Steigerung betrifft genau 2614 Lehrlinge (bei insgesamt 122.378 in Österreich). Die Förderung bekommen aber rund 8500 Betriebe. Umgekehrt heißt das, wie auch Blum weiß: „Rund 6000 andere Betriebe dürften mit der Ausbildung von Jugendlichen aufgehört haben. Warum, wissen wir noch nicht.“

Tatsächlich hat die Maßnahme aber maximal die Hälfte der bescheidenen Steigerung auch ausgelöst. Denn bei der Zahl der zusätzlichen Lehrverträge sind auch jene dabei, die ganz ohne Blum-Bonus neu dazugekommen sind. Relevanter ist die Zahl der beim AMS gemeldeten zusätzlichen offenen Stellen aus dem Jahr 2005: Ganze 544 Stellen im Jahresdurchschnitt 2005 waren es, die mehr als zuvor als offen gemeldet waren.

Das magere Plus steht auf einer sehr schwachen Basis: Weil auch die bereits 2003 eingeführte Lehrlingsausbildungsprämie (1000 Euro pro Jahr) und die Streichung eines Gutteils der Lohnnebenkosten für Ausbildungsbetriebe die Zahl der angebotenen Lehrstellen nicht genug steigen ließen, stehen heute mehr Jugendliche als je zuvor ohne Lehrstelle da. Statt 7408 im Jahr 2000 waren es 2005 nach Berechnung der Arbeiterkammer 13.910, eine Steigerung um satte 87,8 Prozent. Arbeiterkammerpräsident Herbert Tumpel: „Ich begrüße alle Anstrengungen des Kollegen Blum, aber seine Aktionen haben leider nicht den Erfolg, den auch ich ihnen gewünscht hätte.“

An sich kein Wunder. Denn so gut wie jeder ausbildende Betrieb versichert, dass die Förderungen kein Grund für eine Lehrlingsanstellung seien. Nicole Berkmann, Sprecherin eines der größten Lehrlingsausbildner Österreichs, der Spar-Gruppe: „Wenn wir ausbilden, dann sicher nicht wegen einer Prämie, sondern weil wir selber Fachkräfte brauchen.“ Brigitte Schwarz, Lehrlingsbeauftragte von Anker, denkt ähnlich: „Eine Prämie ist Nebensache.“ Selbst Wirtschaftsminister Martin Bartensteins Frau Ilse, Geschäftsführerin der familieneigenen Lannacher Heilmittel GmbH, wurde bei Einführung des Blum-Bonus genüsslich als Skeptikerin zitiert: „Wir orientieren uns bei unseren Lehrlingen ausschließlich nach unserem Bedarf.“ Immerhin, so der Trost des umtriebigen Regierungsbeauftragten: „Ohne Blum-Bonus wäre 2005 ein richtiggehender Einbruch zu verzeichnen gewesen.“

Prozyklisch, undifferenziert. Von anderen Experten wird die Maßnahme demnach auch kritisch gesehen. Michael Jonach, Geschäftsführer des BFI Niederösterreich, das einen Gutteil der Maßnahmen des AMS umsetzt: „Ich halte das eher für einen Unsinn. Auf die Lehrstellenanzahl hatte die Blum-Prämie keine Auswirkung.“ Sogar die Wirtschaftskammer Österreich, die sonst über die Förderung ihrer Mitglieder bei der Lehrlingsausbildung sehr erfreut ist, bemängelt intern die Gießkannen-Mentalität der Maßnahme als „negativ“: „Abgesehen von zu befürchtenden Mitnahmeeffekten wirken diese Regelungen prozyklisch und sind nicht nach Branchen differenziert“, heißt es in einer für Österreich ansonsten durchaus positiv formulierten Vergleichsstudie mit Deutschland und der Schweiz.

Außerdem problematisch: Es ist keineswegs ausgemacht, dass es wirklich nur zusätzliche Lehrstellen sind, die hier gefördert werden. Denn das simple Kriterium (mehr Lehrlinge als zum Stichtag 31.12.2004) ist gerade in größeren Betrieben, die jährlich oft unterschiedlichen Bedarf haben oder unterschiedlich budgetieren können, kaum zu kontrollieren – siehe etwa die Farce um hunderte ÖBB-Lehrlinge (siehe Kasten unten), die in eine Lehrlings-Sonderfinanzierung von AMS und Infrastrukturministerium mündete. Auch Blum gesteht zu: „Natürlich, Mitnahmeeffekte sind nie ganz auszuschließen.“

Ganz abgesehen davon, dass Vorzieheffekte im nächsten Jahr eher einen Rückgang erwarten lassen. SPÖ-Wirtschaftssprecher Johann Moser kritisiert, bei aller Sympathie für Lehrlingsförderungen, prinzipiell: „Einmalig wirkt so eine Prämie sicher. Aber Nachhaltigkeit erreiche ich dadurch nicht. Das ist der klassische Drogeneffekt – um die gleiche Wirkung zu erreichen, müsste man die Dosis immer mehr erhöhen.“

Darüber hinaus scheint eine allzu starke Förderung der Lehrstellen (statt der Lehrlinge) das Problem nur zu verschieben. Die Jugendlichen absolvieren in den Betrieben zwar eine Ausbildung, haben aber nachher nicht immer die Chance, den Job auch auszuüben. Das beweisen die Arbeitslosenzahlen (2005): Unter den 15- bis 19-Jährigen, also in der klassischen Lehrzeit, sind sie mit 5,2 Prozent die niedrigsten aller Altersklassen. Direkt danach, in der Altersgruppe zwischen 20 und 24 Jahren schnellt sie auf 9,1 Prozent hinauf – die höchste Arbeitslosigkeit aller Altersklassen. Immerhin: Zumindest von der Straße werden Jugendliche geholt – kein geringer Nebeneffekt.

Talsohle nicht erreicht. Blums Job jedenfalls wird noch schwerer: In den nächsten beiden Jahren steigt die Zahl der jugendlichen Schulabgänger weiter. Der Regierungsbeauftragte kann sich eine leichte Kritik in Richtung Politik nicht verkneifen: „Die demografische Entwicklung hätte man durchaus schon früher erkennen können.“ Zusätzlich bilden immer weniger Betriebe aus. Das wiederum hat verschiedene Gründe. Zum einen wandelt sich die Industrielandschaft. Obwohl Österreich nach wie vor beinahe die Hälfte seiner Wertschöpfung in der produzierenden Industrie besitzt, senkt die zunehmende Automatisierung die Zahl der dazu eigentlich benötigten Facharbeiter.

Zum anderen fehlen den Betrieben qualifizierte Bewerber, heißt es bei den Betroffenen unisono. Präzisionswerkzeugmacher Gerhard Schittl, der gerade wegen seiner ambitionierten Lehrlingsausbildung im Vorjahr zum Preisträger des trend-Wettbewerbs „Trio des Jahres“ gewählt wurde: „Das ist ein Grunddilemma, alles drängt in eine Schule, nur die Lernschwächsten bleiben für die Lehrberufe übrig. Das stärkt nicht gerade das Image – und reduziert die Bereitschaft der Kollegen, sich mit Problemfällen auseinander zu setzen.“

Wasser auf die Mühlen Blums: „Wir bekommen ein grundsätzliches Problem für die duale Ausbildung, wenn wir nicht das Image des Lehrberufs verbessern können.“ Sein abschreckendes Beispiel ist das sonst so hoch gelobte Finnland: „Die haben zwar alle Jugendlichen in Schulen untergebracht – aber dann die höchsten Arbeitslosigkeitszahlen unter den über 20-Jährigen. Und betteln im umliegenden Ausland um Facharbeiter.“ Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl sekundiert: „Da kämpfe ich einen massiven Kampf: Das Sozialprestige-Denken ist doch vollkommen falsch. Ein Maturant ist doch in Wirklichkeit ein armer Hund.“ Der Drang zur Schule in Konkurrenz zur Lehre allerdings ist ein Problem, das sich mit Fördermaßnahmen für die ausbildenden Betriebe so gut wie gar nicht bekämpfen lässt, müssen beide zugestehen.

Praktiker bemängeln zudem, dass auch innerhalb der Lehrlingsausbildung nicht wirklich alles dem neuesten Stand entspricht. Lehrberufe entsprechen nicht mehr den Anforderungen der Wirtschaft, die Berufsschulen hätten veraltete Lehrpläne, frustrierte Lehrer, viele herkömmliche Betriebe seien mit den modernen Techniken nicht mehr vertraut. Sogar ganz bekannte, wie Schittl aus dem Leben eines Lehrherrn plaudert: „Ich hatte letztes Jahr Lehrlinge aus den Lehrwerkstätten der ÖBB aus Graz – das war, als kämen die aus der Steinzeit.“ Fördermaßnahmen wie der Blum-Bonus wirken unter diesen Bedingungen naturgemäß kontraproduktiv strukturkonservierend.

Perfide Situation. Das Perfide der Situation, so Blum: „In kurzer Zeit wird sich die Situation umdrehen.“ Nach dem Anstieg in den kommenden zwei Jahren wird die Anzahl der Schulabgänger aus demografischen Gründen rapid sinken. Das wird schnell zu einem Lehrlingsmangel führen. Zusätzlich dünnt ab 2015 eine anschwellende Pensionierungswelle den Arbeitsmarkt aus. Damit wird sich die jetzt noch paradoxe Situation, dass trotz Lehrlingsüberschuss Mangel an gut ausgebildeten Facharbeitern herrscht, deutlich verschärfen. Leitl hofft: „In zehn Jahren werden wir nicht den Betrieben öffentliche Prämien zahlen, damit sie Lehrlinge einstellen, dann werden diese den Lehrlingen Prämien zahlen, damit sie kommen.“ Blum: „Wir müssen den Betrieben klar machen, dass sie jetzt ihre Facharbeiter ausbilden müssen, die sie dann dringend brauchen werden.“

Er hat dafür ein ganzes Bündel von Maßnahmen vorgesehen: Werbeaktionen für Karriere mit Lehre verstärken, die Durchlässigkeit der beiden Ausbildungssysteme Schule und Lehre erhöhen, Lehrlinge einzeln coachen, so genannte überbetriebliche Ausbildungseinrichtungen – also einer für alle – stärker fördern. Auch die Einhebung eines Solidarbeitrags von jenen Firmen, die keine Lehrlinge ausbilden – wie in Vorarlberg auf freiwilliger Basis vorexerziert und von den Sozialdemokraten als Gesetz gefordert –, kann er sich vorstellen. Im Wirtschaftsministerium wiederum ist man stolz darauf, mit 1. Februar 2006 die Lehrlingsausbildung auf eine Art Modulsystem umgestellt zu haben.

Allerdings: Ob das alles genug der wirtschaftspolitischen Empathie für die prekäre Situation zwischen Lehrlingsüberschuss und Facharbeitermangel ist? Gemessen an der Gesamtzahl der Förderfälle jedenfalls, die das AMS im Rahmen der Arbeitsmarktpolitik umsetzt (rund 800.000 in ganz Österreich), sind jene 35.000 für die Lehrlingsausbildung nicht gerade überwältigend viel. Nur nebenbei: Auch die ausbezahlte Lehrlingsprämie ist keine Leistung aus dem Bundesbudget, sondern eine Abzweigung von Mitteln aus dem Insolvenzausfallsgeld-Fonds. Und den speisen die Arbeitgeber mit ihren Beiträgen selbst.

Mehr Verve legen Schüssel, Bartenstein, Gorbach & Co an den Tag, wenn es um den beginnenden Wahlkampf geht: Vor wenigen Tagen verschickte die Bundesregierung aufmunternde Briefe an alle österreichischen Lehrlinge. Mit einer Einladung zu einem Disko-Abend in der österreichweit vertretenen Lokalkette „Nachtschicht“. Bissiger Kommentar von Rudolf Kaske, stellvertretender Vorsitzende der Fraktion Sozialistischer Gewerkschafter im ÖGB: „Alles, was die Regierung den Lehrlingen zu bieten hat, ist offensichtlich eine Aufforderung zum Tanz.“

von Markus Groll

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente