Lauter Numismatiker

Die Österreicher werden wissen, wie ein Teilchenbeschleuniger funktioniert, bevor sie wissen wollen, was an der Börse passiert.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Österreicher gar kein auffälliges Interesse an rational erklärbaren Zusammenhängen haben und folgerichtig das Horoskop der „Kronen Zeitung“ die meistgelesene Zeitungsseite des Landes ist.

Oder: Möglicherweise besteht zwar ein grundsätzlicher Konsens, dass die Welt logisch ist. Aber eine neurotische Sehnsucht nach dem zufälligen Glück ist einfach stärker und mündet in europaweit unerreichten Pro-Kopf-Umsätzen der staatlichen Glücksspielindustrie.

Oder: Es sind die Politiker, die ihr Volk in Dummheit halten. Vielleicht mit Absicht, weil so auch noch die obskursten politischen Aussagen, Erklärungen, Versprechen ungebremst durchgehen. Wahrscheinlicher aber, weil die Politiker bloß ein Abbild ihres Volkes sind, mit mäßiger Leidenschaft für ökonomische Zusammenhänge und stets in Verwechslungsgefahr von Prozent und Prozentpunkten.

Jedenfalls ist es so: Die berüchtigten „Qualifikationsoffensiven“ (die meist ohnehin nur Arbeitslose in Beschäftigungsprogrammen verstecken) umfassen eher Töpferkurse und Fortbildungsklassen in angewandter Numismatik, als dass dort irgendetwas über die Zusammenhänge der Finanzwelt zu erlernen wäre. An den Schulen wird erfolgreich die Konstruktion von Teilchenbeschleunigern im Do-it-yourself-Verfahren gelehrt (samt Entwicklung der einschlägigen Software), während den Schülern als Börse weiterhin ein Behältnis zum Sammeln von Münzgeld nahe gebracht wird.

Das alles dürfte wiederum Ursache und gleichzeitig Folge diverser unerfreulicher Phänomene sein. Von der Blauäugigkeit (oder bestenfalls: von der undifferenzierten irrationalen Ablehnung), mit der die Österreicher der Wirtschaftspolitik des Landes (unter besonderer Berücksichtigung jener ihres aktuellen Finanzministers) folgen, war bereits die Rede. Hier noch einige passende Schlagworte dazu:
Ein Nulldefizit, das vor dem Prozentzeichen einen Einser hat und bald einen Zweier haben wird, ist weder ein Nulldefizit, noch sollte es geeignet sein, das zentrale Erfolgserlebnis dieser Regierung darzustellen.

Politisch propagierte Pensionsvorsorge, die eine bessere Rendite garantiert, als vergleichbare Finanzprodukte sie bringen, ist genau das: pure Propaganda.
Die Gehaltssummen von Politikern und Managern staatsnaher Betriebe wie dem ORF sind erst dann aussagekräftig, wenn die Pensionsregelungen eingerechnet werden. (Was bisweilen zu einer rechnerischen Verdoppelung des Aktiveinkommens führt.)

Die Fortsetzung der öffentlichen Erscheinungen, die sich aus dem erwähnten Wissensdefizit ergeben, findet im privaten Bereich statt.

Wobei Bausparverträge gewissermaßen den Übergang vom öffentlichen in den privaten Raum darstellen: Sie erziehen den Bürger zur Unmündigkeit, indem sie Zinssätze, Renditen und Sicherheiten suggerieren, die am freien Markt nicht zu haben sind. (Und wenn sie tatsächlich für private Bautätigkeit zweckgebunden wären – was sie nicht wirklich sind –, dann würden sie eine weitere Marktverzerrung darstellen, die mehr mit politischen Interessen als mit der Förderungswürdigkeit von Wohnraum zu tun hat.)

In der Konsequenz wundert es nicht, dass Sparbücher als ein ideales Instrument der Geldanlage angesehen werden. Wer logisch denkt, müsste freilich etwa den Nachteil gegenüber Anleihen der Republik sehen: Diese bringen zwingend eine höhere Rendite, da keine Bank zwischengeschaltet ist, die wiederum einen Teil der Zinsen als Gewinn ihrer Aktionäre einstreifen muss. (Von der höheren Sicherheit einer staatlichen Haftung ganz zu schweigen.)

Nicht unähnlich die Frage nach der Rendite von Fonds: Ist es wirklich so, dass der durchschnittliche Fondsmanager mehr über die Werthaltigkeit von Aktien weiß als der aufmerksame Leser einer Zeitung, sodass der Fondsmanager sein Gehalt und den Gewinn seines Unternehmens zusätzlich zur überdurchschnittlichen Vermehrung des Anlegervermögens verdienen kann? Ist ein durchschnittlicher Anleger wirklich fähig, einen überdurchschnittlich guten Fondsmanager zu erkennen? (Obwohl das die Finanzjournalisten und die Banken selbst auch erst in der Nachbetrachtung können.) Sind Dachfonds, die über Fonds weitere Fonds verwalten und daher doppelt mitschneiden, nicht ein Kapitalmarktprodukt, das bestenfalls als Opium für Dumme firmieren sollte, schlechtestenfalls als Vorsatzdelikt? Ist es nicht so, dass bei einem funktionierenden Aktienmarkt eine simple, extrem breite Streuung die besten Ergebnisse bringen muss, da niemand sonst am Geld der Anleger mitverdient?

Allesamt Zusammenhänge und Fragen, die vermutlich weder mit Horoskopen noch mit Orchideenstudien noch mit den Bauplänen von Teilchenbeschleunigern geklärt werden können. Sondern mit einer rationalen Annäherung an die wichtigste Sache der Welt: das Geld.

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