Land am Strome, hoffnungsreich

Die Energiewirtschaft schöpft Hoffnung. In Österreich werden wieder Kraftwerke gebaut – aus Angst vor Stromausfällen. Auch wenn das ziemlich unbegründet ist.

Der Navisbach in Tirol wird wohl dran glauben müssen. Der Tauernbach, der Kalserbach, der Tösener Bach und die Schwarzach auch. Sogar der Donaukanal in Wien ist schon in Bearbeitung. Die Ybbs in Niederösterreich dürfte hingegen noch einmal davonkommen: Keine Frage, die österreichische E-Wirtschaft lässt die Bagger anrollen. Neue Kraftwerke braucht das Land: Beinahe 20 Jahre nach Hainburg (1984/85) haben die Strommanager den Schock über den plötzlichen massiven zivilen Widerstand gegen ihre Ausbaupläne überwunden. Quer durch ganz Österreich werden nun in den Stromkonzernen die Schubladen ausgeräumt, in denen die Kraftwerksprojekte damals verschwunden waren.

Sie nutzen die Gunst der Stunde: Die Stromausfälle der letzten Monate haben die Stimmung in der Bevölkerung für neue Kraftwerksbauten gut aufbereitet. Landauf, landab wird übereinstimmend vor einer Wiederholung der Ereignisse im Land am Strome gewarnt: Die Kraftwerkskapazitäten seien auch in Österreich knapp, ohne Neubauten drohten Blackouts wie in Italien und Amerika. Hans Haider, Verbund-Chef: „Wir hatten alleine in den ersten acht Monaten 2003 einen Verbrauchszuwachs von über 4,6 Prozent. Das ist dauerhaft nicht haltbar.“

Einer Umfrage des Linzer Meinungsforschungsinstitutes market zufolge sind nun auch bereits über 70 Prozent der Bevölkerung dafür, drohenden Stromausfällen mit neuen Kraftwerken vorzubauen. Negative Naturschutzbescheide wie etwa unlängst für den vom niederösterreichischen Landesversorger EVN geplanten Kraftwerksausbau an der Ybbs dürften die neue Begeisterung nicht bremsen. Formuliert auch Stromregulator Walter Boltz: „Die Stromausfälle werden einigen wohl wie ein Gottesgeschenk vorgekommen sein, um gegen Beschränkungen argumentieren zu können.“

In Wirklichkeit wittern die Manager natürlich neue Verdienstmöglichkeiten. Nach der ersten, mehrjährigen Schrecksekunde im liberalisierten Strommarkt, der vorerst auch einen deutlichen Ergebniseinbruch brachte, wollen sie nun nicht nur Kohle verbrennen, sondern auch ordentlich Kohle machen. Und so ganz nebenbei wird auch die latente Gefahr eines Blackout gebannt.

Bedarf ungebremst. Denn eines ist sicher: Der Strombedarf steigt unaufhaltsam, und der Trend in Europa zur Stilllegung umweltschädlicher Kraftwerkskapazitäten ebenso. Das heißt: Weniger Angebot bei steigender Nachfrage lässt die Euros in der Kassa der Energieversorger rauschen wie das Wasser durch die Turbinenstollen in Kaprun. Hubert Hönlinger, Chef der Tiroler Stromgesellschaft Tiwag, hat mit sechs Kleinwasser-, fünf Biomasse- und zwei Speicherkraftwerken die meisten der neuen Projekte in der Pipeline. Seine Begründung: „Ich habe schon den Preissprung des Jahres 2003 von über 30 Prozent vorhergesagt, und ich sage eine weitere Steigerung in den nächsten Jahren voraus.“

Alleine der heiße Sommer 2003 hat den Stromverbrauch durch die benötigte Menge an Kühlgeräten (Kühlschränke, Klimaanlagen) in den Haushalten um 15 Prozent über den Durchschnitt wachsen lassen. Werner Steinecker, Vorstand der Energie AG Oberösterreich und Sprecher des Verbandes der E-Werke Österreichs: „Wenn der Wirtschaftsaufschwung tatsächlich einsetzt, steigt der Strombedarf der Volkswirtschaft noch weiter. Das hat schon der Jahresverlauf 2003 gezeigt.“

Dazu kommt eine Verknappung des Stromangebots. So müssen ältere und umweltschädliche kalorische Kraftwerke abgeschaltet werden, etwa die beiden Wärmekraftwerke der Verbundgesellschaft im steirischen Voitsberg und dem kärntnerischen St. Andrä. Damit werden mit einem Klick 450 Megawatt (MW) Erzeugungskapazität (damit könnte Graz versorgt werden) aus dem Markt genommen. Außerdem dürfte der gerade zart sprießende Boom bei der Ökostromerzeugung durch einen Streit um die Förderung einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Auch die kommende Wasserkraftrichtlinie der EU könnte für eine Einschränkung der Erzeugung sorgen, die geplante Stilllegung der Kernkraftwerke ebenso.

Über das Ausmaß der aus dieser Lücke benötigten neuen Kraftwerkskapazität gehen die Meinungen innerhalb der E-Wirtschaft auseinander. Nur grundsätzliche Skeptiker bestreiten überhaupt, dass zusätzliche Anlagen gebraucht werden, etwa Ulrich Eichelmann, Wasserexperte des World Wildlife Fund for Nature (WWF): „Die Diskussion läuft verkehrt. Wir brauchen nicht mehr Kraftwerke, sondern wir verbrauchen zu viel Strom.“

Die Strommanager sehen das naturgemäß anders und verweisen gerne auf die Prognose der Europäischen Union, die insgesamt von einem 50-prozentigen Mehrbedarf bis zum Jahr 2030 ausgeht. Für Österreich selbst rechnet der heimische Verband der E-Werke mit einer benötigten neuen Kraftwerkskapazität von rund 1000 MW installierter Spitzenleistung für die nächsten zehn Jahre.

Noch genug Reserve. Das allerdings ist durchaus überschaubarer Mehrbedarf und nicht unbedingt ein Argument für übertriebenen Kraftwerksneubau. Es entspricht etwa der Leistung eines einzigen großen Kraftwerkes – etwa des Donaukraftwerkes Freudenau. Und diese Kapazität wäre bereits gedeckt: Alleine die im letzten Jahr fix geplanten und teilweise auch schon im Bau befindlichen Kraftwerksprojekte erreichen ein Ausmaß von zusätzlich rund 3000 MW, also etwa das Dreifache des benötigten Zuwachses.

Auch die Daten über vorhandene Kraftwerke zeigen, dass in Österreich die Lichter aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht so schnell ausgehen werden, wie so gerne beschworen wird: Zur Aufrechterhaltung der Stromversorgung braucht Österreich zu Spitzenzeiten eine Kraftwerksleistung von rund 9000 MW. Die installierte Spitzenleistung aller Kraftwerke in Österreich zusammengerechnet beläuft sich allerdings bereits auf rund 19.000 MW, mit steigender Tendenz. Stromregulator Walter Bolz: „Da ist prinzipiell also noch genug Reserve drinnen.“

Dass der plötzliche Mut der E-Wirtschaft zu neuen Kraftwerksprojekten weder mit Versorgungssicherheit noch mit den Stromausfällen der letzten Monate zusammenhängt, belegt auch die reale Investitionstätigkeit: Schon im Laufe des Jahres 2003 ist die Trendwende an einem Investitionsplus von 17,7 Prozent bei neuen Kraftwerksbauten abzulesen. Und die Investitionsentscheidungen dafür sind gefallen, als von Blackouts noch keine Rede war.

Leitungen glühen. Bei einem anderen Problem in der E-Wirtschaft dürfte es allerdings tatsächlich eng werden: Denn die reibungslose Verteilung des produzierten Stroms funktioniert nur bei einem entsprechenden Leitungsnetz. Und das hat in Österreich ein paar gröbere Lücken – insbesondere rund um den Großraum Graz: Der ist nur durch ältere 220-kV-Leitungen ans gesamtösterreichische Stromnetz angebunden. Der seit 20 Jahren geplante Lückenschluss einer 380-kV-Leitung vonseiten des Burgenlands und Salzburgs wird durch Widerstände einiger Gemeinden ebenso lange blockiert.
Österreichs Grundproblem: Der Großteil der Kraftwerkskapazitäten ist im Norden und Westen des Landes konzentriert. Der im Süden wie überall steigende Stromverbrauch führt daher zu einem vermehrten Stromfluss in den schwachen Verbindungsleitungen und bringt diese buchstäblich zum Glühen. Ausfälle und Abschaltungen könnten die Folge sein, warnt auch Regulator Boltz: „Bis zum Abschalten der Kraftwerke Voitsberg und St. Andrä im Süden muss die Leitungskapazität in den Süden erhöht werden – sonst gibt es echte Probleme.“

Nur Vertreter der Ökoenergieszene sehen auch darin kein Problem, das unbedingt mit neuen Großinvestitionen ins Leitungsnetz beantwortet werden muss. Auch zusätzliche dezentrale Kraftwerkskapazitäten in Kombination mit einem intelligenteren Management der dann benötigten Ausgleichsenergie könnten die ungleich verteilte Produktionskapazität wettmachen. Es wäre lediglich eine Frage des Preises. Die durch Schwankungen im Netz verursachten Kosten für den Stromausgleich lagen im Jahr 2003 bereits bei 35 Millionen Euro. Allerdings: Die geplanten Investitionskosten für neue Kraftwerke liegen um das 60fache darüber.

Das Misstrauen der Ökoszene in die E-Wirtschaft wird natürlich durch so manche vordergründige Argumentation gestützt: Die nun so gerne zitierten Stromausfälle in Amerika und Italien hatten nämlich nichts mit mangelnden Kraftwerkskapazitäten oder mangelnder Leitungsqualität zu tun, gibt auch Verbund-Vorstand Hans Haider zu. Der Grund war in beiden Fällen vielmehr schlechtes Krisenmanagement: In Amerika hätte der Zusammenbruch des Netzes an der gesamten Ostküste, ausgelöst durch den Ausfall eines Kraftwerkes, leicht durch die bewusste zeitweilige Trennung eines einzigen Großverbrauchers (einer Kleinstadt) vom Gesamtnetz verhindert werden können, berichtet der Stromboss.

In Italien war es noch krasser. Der Ausfall einer Stromleitung führte deshalb zum Totalblackout, weil die Stromgesellschaft die durchaus vorhandene zweite Leitung mit der Pumptätigkeit für die eigenen Stauseen blockierte.

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