Kramers Laden

Wie Ex-Wifo-Chef Helmut Kramer die Donauuniversität Krems zu einer angesehenen Elite-Uni machen will.

Dort: Plattenbaucharme und Resopalglanz aus den Fünfzigern, versteckt im weitläufigen Revier des Wiener Arsenals. Hier: ein opulentes Bauwerk, stolz und völlig neu lackiert, ein Teil der Kremser „Kunstmeile“, am Eingang zur Wachau, am Rand der bezaubernden Altstadt von Stein. Wer die bauliche Hülle des Wiener Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) kennt und dann die strahlende Fassade der Donauuniversität Krems sieht, weiß eines: Der Umzug von dort nach da muss zumindest aus optischen Gründen denkbar leicht fallen.

Helmut Kramer, Österreichs prominentester Wirtschaftsforscher, ist soeben dabei, diesen Umzug zu vollziehen. Freilich könnte ihm die Luftveränderung auch ein bisschen schwer fallen: Der dreiundsechzigjährige gebürtige Vorarlberger war mit seinem Wifo regelrecht verwachsen. Unglaubliche vierzig Jahre arbeitete er in dem kargen Haus. Mehr als dreißig Jahre lang – seit 1983 – war er dort Direktor. Seit damals war er auch einer der wichtigsten Berater sämtlicher österreichischer Bundesregierungen, im Übrigen einer, der sich niemals kaufen ließ. Mit seiner differenzierten Kritik am Nulldefizitkurs und an mangelnden Zukunftsinvestitionen der Regierung zog er in den letzten Jahren wiederholt auch den Zorn von Schüssel und Grasser auf sich. Der Finanzminister wollte den unbequemen Wissenschafter schließlich sogar kaltstellen und vorgeblich aus Kostengründen das traditionell kritische Wifo mit dem „braven“ IHS fusionieren – ein Vorhaben, das spektakulär misslang.

Nun also ist der oberste Konjunkturprophet – für viele Beobachter überraschend – nicht am Ende eines langen Marsches angelangt, sondern steht im Gegenteil vor einem durchaus beschwerlichen Neubeginn: Ab 1. Februar 2005 übernimmt der frisch gebackene Rektor die Donauuniversität Krems (siehe Interview auf Seite 124).

Er übernimmt ein denkbar gut ausgestattetes Haus. Die ehemalige Tabakfabrik Stein, ein repräsentativer Industriebau aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, wurde im vergangenen Jahrzehnt vorbildlichst renoviert, im Inneren und auch außen an vielen Ecken und Wänden mit Werken und Installationen renommierter Künstler geschmückt. Noch heuer wird der dazugehörige Campus Krems eröffnet, ein futuristischer Zubau aus Stahl, Glas und Aluminium. Die am Gelände beheimatete österreichische Filmgalerie wird ein eigenes Programmkino betreiben.

Während sämtliche Rektoren der etablierten Unis über Minderausstattung und Unterdotierungen, über desolate Klos und enorme Raumknappheit jammern, scheint auf Krems permanent ein warmer Geldregen niederzuprasseln. Man ist stolz darauf, dass allein in den attraktiven Zubau 53,8 Millionen Euro investiert werden – und also darauf, dass Krems derzeit die „größte Bildungsbaustelle Österreichs“ ist.

Die üppige Ausstattung hat viel, wenn nicht alles mit einem Mann zu tun, der im Land das Sagen hat: Landeshauptmann Erwin Pröll betrachtet es als eine Frage des sportlichen Ehrgeizes, den etablierten Wiener Unis mit einer eigenen, herzeigbaren Hochschule zu kontern. In einem eigenen Donauuniversitätsgesetz ist fixiert, dass das Land zur Gänze für die Investitionen in die „Hardware“ aufkommt. 2003 trug das Land 19,4 Prozent des jährlichen Gesamtbudgets von 22,27 Millionen Euro, der Bundesanteil beträgt dagegen nur bescheidene 2,1 Prozent. Ebenfalls für eine Bildungseinrichtung ungewöhnlich, dass, laut Jahresabschluss 2003, 78,5 Prozent des Budgets aus Eigenmitteln – sprich Studiengebühren – aufgebracht werden.

So gut die finanzielle Ausstattung auch scheint: Als Institution kämpft die Universität für Weiterbildung Krems noch immer um Anerkennung der Scientific Community. Bislang stand dem Haus ein Präsident vor, der nicht einmal Mitglied der Rektorenkonferenz war. Auch dem in Wissenschaftskreisen angesehenen Kramer wird diese Ehre nicht widerfahren, ein Teil der 21 anderen Rektoren ist strikt dagegen. Man wird in Krems auch weiterhin kein Doktorat erwerben können, nur den mittlerweile inflationär auftretenden MBA – den Master of Business Administration.

Immer wieder war das Haus, das vor knapp elf Jahren via Bundesgesetz gegründet wurde, heftiger Kritik ausgesetzt. Mal waren es finanzielle Eskapaden des nunmehr abgelösten Präsidenten Werner Fröhlich, dann wieder zu hohe Honorare für Gastprofessoren, zu hohe Repräsentationskosten und zu hohe Kosten je Studierenden. Einige Studenten forderten einst sogar per Gericht einen Teil ihrer Studiengebühren zurück, da es ihrer Meinung nach zu einer „Nichterfüllung der vertraglich zugesicherten Lehrgangsleistungen“ gekommen war.

Der Kinderkrankheiten gab und gibt es naturgemäß viele. Der ehemalige Rektor der Universität für Bodenkultur, Leopold März, hielt 2001 „Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement“ für zu wenig ausgebildet. Heute wünscht sich das Mitglied des Donauuni-Kuratoriums vom neuen Rektor, den er ausdrücklich „für eine gute Wahl“ hält, einen thematischen Fokus: „Man soll inhaltlich auch für etwas stehen.“ März hofft auch auf eine stärkere Wechselwirkung mit den etablierten Universitäten – und schlägt vor, in der schönen Wachau beispielsweise Universitäts-Funktionäre zu schulen. Auch der Präsident der Rektorenkonferenz, Georg Winckler, nennt „Qualitätssicherung“ als zentrale Aufgabe für den neuen Rektor – was wohl bedeutet, dass bisher darauf zu wenig geachtet wurde.

Uni-Chef Fröhlich schaffte sich in der letzten Zeit seiner Regentschaft sowohl intern als auch extern deutlich mehr Feinde als Freunde. Er wurde gar nicht mehr eingeladen, sich neuerlich für die Leitung des Hauses zu bewerben. Nun also soll der stets „cool“ wirkende Pragmatiker Helmut Kramer Ruhe und Ordnung in den aufgescheuchten Universitäts-Laden bringen. Er wird seinen ganzen guten Ruf dafür brauchen, um aus der wenig profilierten Donauuni ein international und national anerkanntes Haus zu machen. Er wird viel taktisches Geschick benötigen, um die fünf Fachabteilungen und hundert Studiengänge zu bündeln, zu straffen, zu einem logischen Ganzen werden zu lassen. Er wird Mut brauchen, sich von manch lieb gewordener Spielwiese zu trennen, und ferner sein dichter gewobenes Netzwerk dafür einsetzen müssen, die eine oder andere Stiftungsprofessur und weitere Drittmittel nach Krems zu holen. Er wird letztendlich seine exzellente Kenntnis der politischen Geografie Österreichs brauchen, um Erwin Prölls Traum zu erfüllen: die Donauuniversität zu einer „Europäischen Universität für Erwachsenen- und Weiterbildung“ zu machen, zu einer Vorzeige-Elite-Uni auf niederösterreichischem Grund und Boden. Wie wichtig dem Landeschef das Renommierprojekt ist, zeigt die weit vorausdenkende Planung des mächtigen ÖVP-Politikers. Im ersten Halbjahr 2006, in der Zeit der österreichischen EU-Präsidentschaft, wird die Donauuniversität extra fein herausgeputzt und für zwei Tage offiziell geschlossen. Denn: Dann werden genau hier die fünfundzwanzig Landwirtschaftsminister der Europäischen Union tagen – und so nebenbei auch exzellenten Wachauer Wein verkosten. Den Vorsitz dieses Ministerrats dabei wird, ganz zufällig, ein enger Verwandter des Landeshauptmanns führen: Landwirtschaftsminister Josef Pröll.

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