Konzern der Nächstenliebe

Die Caritas ist Österreichs größtes „Social-Profit-Unternehmen“. Die Spendenmaschinerie läuft auf Hochtouren, die Caritas ist medial omnipräsent. Boss Franz Küberl hält sich geschickt im Gespräch – und fährt unauffällig einen rapiden Expansionskurs.

Seine Besprechungsunterlagen bringt er in einem abgewetzten, alten Reiseköfferchen mit. Er trägt bei Bedarf eine Pullmankappe; nach langen Interkontinentalflügen streckt er sich im Transitraum auch schon einmal flach auf einer Wartebank aus, um die Zeit bis zum Anschlussflug herumzubringen.

Unterwegs ist er viel, denn sein Unternehmen unterhält hunderte Niederlassungen im Ausland; auch in Österreich gibt es viele hundert Produktionsstätten. Überhaupt ist seine Organisation enorm diversifiziert und in den verschiedensten Geschäftsfeldern aktiv. Er selbst hat, in den zehn Jahren an der „Konzernspitze“, die Umsatzzahlen weit mehr als verdoppelt. Auszeichnungen und Ehrungen gab es heuer reichlich, zuletzt wurde er von Agenturen und Journalisten zum „Kommunikator des Jahres“ gewählt.

Der 52-jährige Manager ist Ehrendoktor der Universität Graz, häufig in Talkshows zu Gast und somit fast schon ein Medienstar. Er ist mächtig, schließlich steht er an der Spitze eines 9100-Mitarbeiter-Betriebs; als solcher verhandelt er auch permanent mit den Regierenden der Republik. Nicht selten wagt er es, diese öffentlich zu kritisieren. Sein Verdienst ist seinem Erfolg und seiner Verantwortung angemessen – oder doch nicht? Der gefragte, mit gutem Mutterwitz gesegnete Mann verdient 3300 Euro netto pro Monat dafür, dass er in einer Art Doppelfunktion zusätzlich zur Rolle des Österreich-Sprechers auch noch die Geschäfte der steirischen Abteilung führt.

Franz Küberl heißt der hier Beschriebene, und das von ihm geführte Unternehmen zählt zu den bekanntesten des ganzen Landes: Die Caritas ist eine Marke mit enormer Stärke, der Name mindestens so vertraut wie Almdudler oder Billa.

Die Kunden: Asylanten, Arme, Alte. Man glaubt, alles über die Hilfsorganisation zu wissen, doch staunen bei näherem Hinsehen auch Profis über das rasche Wachstum des vielgeschoßigen Caritas-Hauses. In zweiundzwanzig Sozialberatungsstellen werden jährlich über 40.000 „Kunden“ beraten. 27 Häuser bieten obdachlos gewordenen Menschen ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit. Die Wiener „Gruft“ ist die bekannteste dieser Einrichtungen; sechs weitere davon sind Mutter-Kind-Häuser. Die Caritas betreibt 43 Flüchtlingsheime und 32 Flüchtlingsberatungsstellen. Im Hospizbereich betreuen über 900 ehrenamtliche und angestellte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Schwerkranke und Sterbende. 3400 behinderte Personen sind in 69 Caritas-Heimen oder -Wohngemeinschaften versorgt; 332 HelferInnen unterstützen Familien in Not- und Katastrophensituationen. In dutzenden „Sozialprojekten“ werden 185 „Transitarbeitsplätze“ für Langzeitarbeitslose bereitgehalten. Die Caritas unterhält Bahnhofssozialdienste und 14 Schulen.
Der größte „Geschäftszweig“, wenn man so will, ist die „Betreuung und Pflege im Alter“. In 33 Seniorenheimen und im mobilen Einsatz für die Hilfe daheim arbeitet der Großteil der Angestellten – insgesamt 6500.

Mit diesen Zahlen ist erst der österreichische Markt umrissen. Mitarbeiter der österreichischen Caritas sind, unvorstellbar genug, in 60 Ländern dieser Erde aktiv, in Afrika, Lateinamerika, in Asien und mit 290 Projekten maßgeblich im Osten Europas.

Wenn man der Caritas einen Vorwurf machen möchte, dann diesen: dass sie sich mit dieser Unzahl an Auslandsprojekten regelrecht „zerspragelt“, überall ein bisschen und nirgendwo so richtig voll einsteigt. Wirklich lösen kann man dieses Gießkannen-Hilfs-Prinzip nicht. Denn, so die prompte Gegenfrage, sollen die Menschen im Tschad gar nichts kriegen, weil beispielsweise Afghanistan zum absoluten Schwerpunktland ausgerufen wird?

Die Vielzahl der Projekte hat auch mit der inneren Struktur der Caritas zu tun: Die ist nämlich strikt föderal organisiert. Die Bundes-Caritas, deren Präsident Franz Küberl ist, stellt nur eine gemeinsame Dachmarke dar, „Holding wäre schon zu viel gesagt“ (Küberl). Entschieden, wer wo welches Projekt durchführt, wird auf Landesebene, teilweise sogar in den Bezirksstellen.

„Als ich bei der Caritas anfing, konnte ich nicht glauben, dass das funktioniert. Mittlerweile bin ich aber von diesem Prinzip überzeugt“, sagt ein Mitarbeiter, der derzeit in Pakistan unter schwierigsten Bedingungen versucht, Hilfe zu den Erdbebenopfern zu bringen. Sein Argument: Kleine Einheiten ermöglichen rasche Entscheidungen, oft ist die Caritas-Truppe als Speerspitze erste Hilfsorganisation vor Ort. Freilich, so der ungenannt bleiben wollende Helfer, muss gleichzeitig immer auch „die Eifersucht zwischen den wetteifernden Gruppen in geordnete Bahnen gelenkt“ werden.

Unter Auslandshelfern wird auch beklagt, dass die Caritas in unterschiedlichen europäischen Ländern unterschiedliche Namen trägt – und insofern in diversen Katastrophengebieten nicht als eine einzige, schlagkräftige Größe wahrgenommen wird. Es fehlt die zwischenstaatliche Koordination, was sich bei Verhandlungen mit EU oder der UNO als Schwäche erweist. Wichtig aber ist, dass die Entwicklungshilfeprojekte von der Idee der „Hilfe zur Selbsthilfe“ getragen werden. Die zweckmäßige Verwendung der Gelder wird streng kontrolliert, auch der Präsident selbst inspiziert immer wieder Projekte, selbst in nur mühsam zu erreichenden Regionen der Dritten und Vierten Welt.

An der „langen Leine“ der Kirche. Die Caritas Österreich besteht aus neun Verbänden, denen je ein Direktor vorsteht; diese neun Länderorganisationen sind wiederum recht unterschiedlich organisiert. Fünf Ländergruppen sind Organe kirchlich-öffentlichen Rechts, drei sind Vereine, und eine, die Tiroler Caritas, ist unmittelbarer Teil der Diözese. Die Caritas ist ein Teil der Kirche; der Bischof ernennt die Diözesandirektoren und auch gleich die dazugehörigen Kontrollorgane. „Wir sind an der langen Leine“, beschreibt Küberl das sensible Verhältnis zu den Bischöfen. Ob die Vereinsstruktur noch die optimale Organisationsform für die zum Großbetrieb gewachsene Hilfsorganisation ist, lässt er offen: „Wir diskutieren darüber, wie wir uns verbessern können. Da wird sich in den nächsten Jahren auch einiges entwickeln.“

Kaum mehr Verbesserungspotenzial gibt es im „Wiederherstellungsbetrieb für unter die Räder gekommene Menschen“ (Copyright: Franz Küberl) in der Öffentlichkeitsarbeit. Die Präsidenten und Direktoren der „Konkurrenzunternehmen“ sind voll Bewunderung für den medialen Auftritt des katholischen Dienstleisters. „Die exzellente Öffentlichkeitsarbeit kann man nur bewundern“, sagt etwa Fredy Mayer, Chef des Roten Kreuzes. „Küberl vertritt das Prinzip Nächstenliebe bis zum Exzess, er ist mit missionarischem Eifer unterwegs.“

Küberl sitzt im ORF-Publikumsrat; nicht zufällig möchte Mayer jetzt ebenfalls dorthin. „Die Caritas hat eben viel früher als die anderen erkannt, dass man nicht nur Gutes tun, sondern auch darüber reden muss“, streut der Direktor der evangelischen Diakonie, Michael Chalupka, seinem Mitbewerber Rosen. Für seine Organisation sieht er im Vergleich dazu ein „großes Markenproblem, wir sind sehr stark evangelisch punziert“. Auch die rote Volkshilfe erzielt nicht annähernd dieselbe mediale Effizienz wie die Caritas. Nur das schwarze Hilfswerk kann zumindest in Niederösterreich dank politischem Networking laufend Terrain gutmachen.

Inserate in Zeitungen bekommt die Caritas in der Regel geschenkt, ebenso TV- und Radiospots. Journalisten berichten, auch aus wirklichem Interesse, besonders gern über Caritas-Entwicklungshilfeprojekte. Als Großunternehmen kann die Caritas Großsponsoren ansprechen, etwa die Erste Bank, die Wiener Städtische Versicherung und die Bawag P.S.K. Philips, One, OMV oder auch „Jolly“ und die Bäckereien Ruetz und Felber sind in der Liste der Groß-Kooperationspartner vertreten.

Spätestens seit der Regentschaft des streitbaren Caritas-Direktors Helmut Schüller tritt die Caritas nicht mehr als Barmherzige-Samariter-Truppe in Erscheinung, sondern als Unternehmen mit ganz konkreten gesellschaftspolitischen Anliegen. Küberl selbst schafft es, durch kritische Aussagen in der aktuellen Berichterstattung präsent zu sein (siehe Interview Seite 40). Zeitweilige Anfeindungen durch Jörg Haider & Co in der Zeit des „Lichtermeers“ brachten am Ende des Tages keinen Schaden, sondern zusätzliche Medienpräsenz und Anerkennung auch im linken und grünen Milieu.

Die Caritas ist aufgrund ihrer flächendeckenden Verankerung, ihrer zigtausenden freiwilligen Mitarbeiter und der rasch wachsenden Aufgaben in der Altenversorgung zu weiterem Wachstum prädestiniert. Das stört die kleinen Flüchtlingshilfs- und Non-Profit-Organisationen gewaltig. Oft kritischer als die diplomatischer agierende Caritas, fühlen sie sich an den Rand gedrängt. „Die Caritas schert aus gemeinsamen Abmachungen aus, sie ist nicht solidarisch mit den Kleinen“, jammert da eine Helferin im Flüchtlingsbereich, „die Caritas verfolgt vorwiegend eigene Konzerninteressen.“

Die „Kleinen“ sind an allen Fronten in Rückstand geraten. Bei ihnen sind die Verwaltungskosten in Relation zu den Spendengeldern höher; sie brauchen mehr Geld für Marketing, da sie keine TV-Sendezeiten geschenkt bekommen. Sie müssen auf offener Straße aggressiv um Gelder betteln und werden dafür oft kritisiert. Über die Caritas, so AK-Konsumentenschützer Harald Glatz, gebe es dagegen absolut keine Beschwerden.

Erster Sozial-Kollektivvertrag. Ganz egal, wo man den Reality-Check der Caritas aber sonst ansetzt, immer kommt nur Lob heraus. Für die Gewerkschaft ist die Caritas ein „Partner“. Sie war das erste Sozial-Großunternehmen, mit dem man einen Kollektivvertrag zustande brachte – und insofern ein Vorbild für die anderen Institutionen. Dass die Bezahlung für die PflegerInnen und HeimhelferInnen, BetreuerInnen und SozialarbeiterInnen dennoch nicht überragend ist, weiß man auch selbst. Das hänge aber, so Generalsekretär Stefan Wallner, damit zusammen, dass man „in weiten Bereichen Preisnehmer“ der öffentlichen Hand sei.

Zumindest gleich gut, wenn nicht sogar besser als bei der Konkurrenz ist die Mitarbeiterzufriedenheit – in fordernden Berufsfeldern wie der Altenpflege das Um und Auf. Selbst Werner Vogt, kritischer Pflege-Ombudsmann der Gemeinde Wien, bemerkt, dass es in Caritas-Heimen „eine geringere Fluktuation als anderswo gibt, obwohl die Bezahlung eine Spur schlechter ist als bei der Gemeinde“. Der einfache Grund für das „Top-Ranking“: der katholisch-ideologische Zugang, das Prinzip der gelebten Nächstenliebe.

Was andere, weltliche Unternehmen mit künstlich erzeugten „Unternehmensphilosophien“ erst schaffen müssen, ist hier im Übermaß vorhanden: Motivation. Das hat natürlich auch unmittelbare Auswirkungen auf die Kundenzufriedenheit. „Die Heime sind vielleicht nicht auf dem architektonisch letzten Stand“, urteilt Vogt. „Aber sie erzeugen eine relativ hohe Lebensqualität, es herrscht hohe Zufriedenheit. Man nimmt sich bei der Caritas einfach mehr Zeit für Beziehungen.“

von Othmar Pruckner

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