Kneipp für Kapitalisten

Kalt-warme Bäder beleben die Wirtschaft.

Nie zuvor erlebten wir innerhalb von 24 Stunden ein derart krasses Kalt-warm-Fußbad. An einem Dienstag erfuhren wir die katastrophalen 2003-Wirtschaftszahlen unseres wichtigsten Nachbarn. Am Mittwoch fingen die Börsen an, in munteren Sprüngen neuen Höhepunkten entgegenzufiebern.

Zunächst zu den 2003-Zahlen des Riesenmarktes Deutschland, der seit einem halben Jahrhundert die Wirtschaftslokomotive Europas ist. Die fleißigen Nachbarn im Westen verzeichneten ein negatives Wachstum von 0,5 Prozent. Das heißt: Das Heu in der Scheune wurde im Verhältnis zum weiterhin wachsenden Hunger weniger, nicht mehr.

Die Dumpfgummis und Dünnbrettbohrer unseres Landes, die noch altmodische Ressentiments gegenüber den „Piefkes“ pflegen, nahmen die Botschaft mit Freude. Das sind jene, die noch immer vom uralten 3:2-Fußballsieg in Córdoba schwärmen. Aber auch manche intelligenten Österreicher, die bloß kein Interesse für Wirtschaft haben, hören seit Jahren mit übertriebenem Entzücken, dass wir Deutschland in vielen Kennzahlen nicht nur eingeholt, sondern überholt haben; dass mancher Unternehmer aus dem Südgürtel Deutschlands nicht nur sein nobles Wohnheim nach Salzburg oder Tirol verpflanzte, sondern auch sein Unternehmen nachziehen will, weil es ihm bei uns in der Summe aller Faktoren (Ausbildung, Lohnniveau, Abgaben, bessere Mentalität für die EU-Osterweiterung) bereits besser ginge als daheim.

Das relative Aufkommen Österreichs ist enorm erfreulich, aber für Besonnene kein Grund, an einer schlechten Befindlichkeit Deutschlands interessiert zu sein. Ganz im Gegenteil: Gut 60 Prozent unseres Handelserfolgs sind an Deutschlands Wohlergehen gebunden. Dieser Markt ist, sofern gesund, ein Segen für Österreich. Er ist groß, er ist nahe, mentalitätsmäßig verwandt, rechtssicher, und man korrespondiert dort in Deutsch, kein kleiner Vorteil für Österreich, wo man die Fremdsprachen nicht erfunden hat. Eine Bürgerin wie die tapfere Benita Ferrero-Waldner, die sechs Sprachen glänzend spricht, wird hierzulande sozusagen per Verfassungsgesetz Außenminister und Bundespräsidentschaftskandidat.

Kurzum: Deutschlands 2003-Minuswachstum war ein Schock. Unsere westlichen Nationalökonomien, Finanzströme und Versorgungssysteme sind nicht auf Stillstand oder gar Rückschritt kalibriert. Alles ist auf Produktivitätsfortschritt ausgerichtet. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind wir gewohnt, jedes Jahr ein wenig mehr zu etwas günstigeren Kosten zu produzieren. Dies führte in Summe zu einem schleichenden, mittlerweile hohen Wohlstand.

Das System ist gut, auch wenn Wachstumsskeptiker, darunter Riesenköpfe wie Rupert Riedl, darin eine Gefahr für die Menschheit wittern. Man übersieht meist, dass die moderne Wettbewerbswirtschaft zwar noch nicht zuverlässig anständiger (die Ethik schwankt mit den Konjunkturen), aber dramatisch sauberer im Sinne von „grüner“ wurde.

Fazit: Moderates Wachstum ist wichtig. Minuswachstum wie jenes Deutschlands ist besorgniserregend. Umso mehr, als in den letzten vier Jahren ohnehin viele Totenglöcklein läuteten. Von 2000 bis heute brauchte man einen guten Magen: Viele Aktionäre verloren so viel Geld wie früher die Großeltern bei Geldentwertungen. Selbst unangreifbar wirkende Companys, die direkt vom Wachstum des Internets profitieren (also nicht nur an dessen Windschatten-Ideen), beispielsweise Cisco, EMC, Sun und Oracle, schwächelten zum Gotterbarmen und konnten nur durch drastische, teils asoziale Kürzungsprogramme im Rennen bleiben.

Vor diesem Hintergrund mussten die 2003-Zahlen des soliden Deutschland wie das Menetekel einer Apokalypse erscheinen, Wandzeichnungen eines Weltuntergangs.

Was aber geschah? Die Wertpapierbörsen sprangen an. Selbst die Wiener Börse, als hätte ihr die sehr empfehlenswerte Biografie von Dr. Johann Schmit („Die Geschichte der Wiener Börse“, Bibliophile Edition, Wien 2003, 240 Seiten, 31,90 Euro) neue Muskeln verliehen, zeigte steil auf.

Hier sollte man wissen, dass sich immer drei kursbildende Kräfte überlagern. Die eine Kraft sind künftige Gewinnerwartungen der notierten Kapitalgesellschaften, die im Wesentlichen auf Halbwissen, Geschwätz und Gerüchten ruhen. Das Zweite sind Orders der kältesten Börseprofis, die immer dann zuschlagen, wenn die Amateure vor Angst wimmern – wie beispielsweise bei der Nachricht eines vorjährigen Minuswachstums in Deutschland. Die dritte Kraft sind überbetriebliche, fundamentale Daten der Volkswirtschaft. Dazu zählt der Versuch, den Moment des Sinuskurven-Umschwungs von der Abwärtswelle zur Aufwärtswelle der Konjunktur rechtzeitig zu begreifen.
Da ich die lange Baisse satt habe und die neue Hausse herbeisehne, glaube ich gegen mein Wissen, dass die Börsianer wissen, was sie glauben.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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